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Jury Begründung zum FernWeh Wettbewerb
Kurzfilmexposé: Trouble in Paradise


1. Platz: SurVive Berlin

von Thomas Keller und Philip Jansen (Berlin)

2. Platz: When I grow up I want to be a tourist

von Magdalena Piotrowski, Kays Khalil und Eva Kondzielnik (Düsseldorf)

3. Platz: Bessere Zeiten

von Julia Hoffmann und Roland Ibold (Berlin)


flyerkurzfilm
flyerkurzfilm

Jury:

Bettina Kocher (Medienwerkstatt Hamburg), Martina Backes (FernWeh) Neriman Bayram (Kommunales Kino Freiburg), Rosaly Magg (FernWeh) Sigrid Faltin (Filmemacherin Berlin), Steffen Schülein (FernWeh), Thomas Cernay (freier Filmemacher und Cutter SWR) Ursula Biemann (Filmemacherin Zürich),




SurVive Berlin

Thomas Keller und Philip Jansen

Satire auf Erlebnis- und Abenteuerreisen. Die Berliner Subkultur wird für privilegierte Reisen zum exotischen Abenteuer erklärt. Das Motto: Ein Leben als Punk. Spielfilm (15 min)

Die Story ist klar als Satire angelegt und gut vorstellbar. Sie ermöglicht auf raffinierte Weise Stereotype, die beim Reisen in die Dritte Welt unhinterfragt angenommen werden, zu ironisieren und dadurch reflektierbar zu machen. Durch die Umkehrung der Rollen - die Berliner Punkszene wird zur exotischen Erlebnisgesellschaft stilisiert - lassen sich Parallelen zum Tourismus in Entwicklungsländer ziehen und zwei interessante Prozesse darstellen: die Erstellung „exotischer Kulissen“ und der Wunsch nach „kontrollierter Grenzerfahrung“. Indem die touristische Bühne als Fassade erkenntlich gemacht und blanke, vom Exotischen enthüllte Alltagsrealität in die Schlussszene eingespielt wird, kann SurVIVE Berlin vorherrschenden Tourismusdiskursen Irritation entgegensetzen. Besonders jüngere Leute können durch das Thema angesprochen werden.

Das Drehbuch-Exposé ist ideenreich und gut ausgearbeitet. Ein feinfühliger Umgang mit den inszenierten Stereotypen kann die Zuschauerinnen auf amüsante Weise irritieren und setzt doch die satirischen Szenen in unmittelbare Nähe zur Realität. Eine originelle Idee.




When I grow up I want to be a tourist

Magdalena Piotrowski, Kays Khalil und Eva Kondzielnik

Der Wunsch eines Schülers, einmal Tourist zu werden, geht nicht in Erfüllung. Stattdessen wird er Liftboy in einem Hotel. (Spielfilm 3-5 min)

Die Bilder machen unverblümt sehr elementare Herrschaftsaspekte des Tourismus deutlich: Die globale Chancen-Ungleichheit und die soziale Hierarchie zwischen TouristInnen und Beschäftigten im Tourismus, die nicht zuletzt auf deren (gedachte) Herkunft errichtet werden. Gleichzeitig öffnen sie den Blick auf die Menschen, die hinter dem Dienstleistungspersonal stehen. An die Stelle des abstrahieren Opferblicks auf die Einheimischen, wie er der kritischen Debatte über die die Arbeitsbedingungen in der Tourismusindustrie anlastet, tritt das sehr persönliche Erleben eines Jungen in einer touristischen Idylle. Der Film geht respektvoll und feinfühlig mit seinem Protagonisten um und lässt ihn für sich sprechen. Schon deshalb eignet sich die Story als Anspielfilm zur Tourismusproblematik.

Der Kurzfilm schafft es, einen Spannungsbogen aufzubauen und eine Auflösung zur präsentieren, die sofort und deutlich zu einer eigenen Verortung der Zuschauer im Tourismus anregt, ohne vorwurfsvoll zu werden. Das Exposé mit Szenenentwurf und Storyboard ist sehr phantasievoll ausgearbeitet und ansprechend illustriert.


Bessere Zeiten

Julia Hoffmann und Roland Ibold

Ein Rumäne und eine Deutsche machen sich gleichzeitig auf, ihr Glück im Land des jeweils anderen zu finden. Reisewege und Erwartungen/Enttäuschungen werden gegeneinander montiert. (Semidokumentarisch 10 min)

Die Idee, Parallelen und Gegenläufigkeiten von Tourismus und Migration deutlich zu machen, ist spannend und viel versprechend. Sie löst die Kategorie des Unterwegsseins, dass aus touristischer Perspektive immer auch die Rückkehr und ein Zuhause impliziert, auf zugunsten eines Begriffs der „Reise“, der diese Begriffe nicht zwangsweise einschließt und den teilweise ganz anderen Motive, Erwartungen und Grenzerfahrungen von MigrantInen eine Stimme gibt.

Auch der Titel ist geschickt gewählt, denn er spricht die Differenzen in der Erwartungshaltung von TouristIn und MigrantIn an, ohne sie gleich zu verraten. Der Wechsel zwischen Spiel- und Dokumentarfilm ist für die Trennung von Erwartungen (imaginierten Bildern) und Realität ein passendes, verstärkendes Stilmittel.



Hamburg, Berlin, Freiburg, Zürich
April 2004

 

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