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Prämierung Fotowettbewerb: Backstage of Tourism

Die Plätze 4 bis 10:

4. Golfkrieg von Heike Schwarze



Heike Schwarze präsentiert zwei Fotos von Strandszenen, in die tagesaktuelle Zeitungsbilder gehalten werden. Sowohl die Flammen einer Explosion auf dem einen Bild als auch das wegrennende Mädchen mit angstverzerrtem Gesicht auf dem anderen Bild deuten auf Krieg und Katastrophe hin. Frauen mit einer schwarzen Burka bekleidet und der Qualm eines brennenden Ölfelds stellen den Link zum Titel her. Die in das "Paradies" gehaltene "Hölle" weist sehr deutlich auf die Ausblendungen der Schrecklichkeit der Realität während des genussvollen Urlaubs hin. Urlaub ist eben auch ein stückweit Verweigerung der Tagesaktualität - trotz globalisierter Information. Nur die wenigsten TouristInnen lesen im Reiseland lokale Zeitungen und legen damit das gleiche Desinteresse für das lokale Geschehen an den Tag, wie für das globale.

Diese Hinweise mögen einen moralisierenden Beigeschmack haben. Doch verweist die Fotografin mit den krassen Gegenüberstellungen auf eine weitere Dimension: eben diese extremen Antagonismen sind typisch für die touristische Wahrnehmung vieler Länder. In dem Maße wie touristische Gebiete zu Zielen für Terroranschläge und damit zu Sicherheitsrisiken für TouristInnen werden, kippt die Wahrnehmung um, das Paradies wird zur Hölle - mit den entsprechenden Folgen für die vom Tourismus abhängigen Beschäftigten in der lokalen Ökonomie. Zwischenstufen in der Konstruktion der medial vermittelten Bilder gibt es nicht.

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5. Meine Reisen 1984 - 2004 von Maria Stehle (Ausschnitt)



Eine Satire auf die Urlaubs-Erinnerungsfotografie. Leere Plastikflaschen liegen oder schwimmen an verschiedenen Stränden unterschiedlicher Farbe und Struktur, untertitelt mit dem jeweiligen Reiseland, der Stadt und dem Datum. Das Erinnerungs-Foto einer Plastikflasche ist eine Spitze gegen den gewöhnlichen Postkartenblick: Das Abscannen auf bekannte Elemente bietet keine Anhaltspunkte, um die Ortsangabe zu verifizieren. Somit verweigern sich die in einem Album präsentierten Fotos jeglicher Urlaubserinnerung.

Die Plastikflasche kann dabei als Metapher für andere, den touristischen Blick "störende Elemente" stehen. So wie die Plastikflaschen sind auch andere TouristInnen oder hässliche Gebäude nur äußerst selten auf Fotos präsent. Was nicht in die "normale" touristische Erinnerungsbildproduktion passt, wird ausgeblendet. Dieses Ausgeblendete macht die Fotografin zur Hauptfigur.

Maria Stehle möchte mit der Fotoserie, die sie explizit als "Beitrag einer KosmopolitIn" verstanden wissen will, die "Länder in ihrer kulturellen Eigenheit" darstellen und bedient sich zu diesem Zweck eines der universalisiertesten und alltäglichsten Produkte. Dort wo der touristische Blick auf kulturelle Differenz setzt, stellt die Fotografin eine kleine Gemeinsamkeit heraus: egal wo man hinkommt, die Plastikflasche ist schon da!

Problematisch ist die globale Omnipräsenz von Mineralwasserflaschen in Tourismusländern aus einem anderen Blickwinkel. Die meisten TouristInnen konsumieren aus gesundheitlichen Sicherheitsgründen in Plastikflaschen abgefülltes Wasser. Die Mengen leerer Flaschen sind vielerorts zum ernsthaften Müllproblem geworden, türmen sich in Palmenhainen hinter dem Strand oder werden in Hinterhöfen verbrannt, um ihren Anblick nicht ertragen zu müssen.

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6. "Reise" von reisegruppe burg metonulle



Die Bilderserie von Mirko Winkel zeigt unterschiedliche Stadien einer synthetischen Reisebildproduktion. Die Pose der KünstlerInnen im Fotostudio wird in eine Südseeszenerie einmontiert und erscheint als Großbildfoto im Fotoalbum oder "Reisekatalog". Allein die künstlerische Pose verrät den fake-Charakter der Produktion. Zu den selektiven Ausschnitten und Ausblendungen kommt mit der Hilfe digitaler Technik die virtuelle Neugestaltung der touristischen Settings hinzu. Die Bilderreihe verweist damit auf den Herstellungsprozess von "Urlaubsszenerien", sei es für den Reisekatalog oder den Film "The Beach" mit Baggern real vor Ort.

Gleichzeitig bietet die Collage für die Ganz-Daheimgebliebene die Chance, trotzdem Freunden und Nachbarn "Urlaubserinnerungen" zu präsentieren - da sich diese von den "echten" Urlaubserinnerungen auch nicht unterscheiden, wird der inszenierte Charakter des Urlaubsglücks bloßgestellt, seine Abhängigkeit von einem gelungenen Foto.

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7. Hotel von Mareike Fiedler




Das Foto zeigt Backstage konkret: Auf Steinen zum Trocknen ausgebreitete Hotelhandtücher und Bettwäsche vor der unattraktiven Rückseite eines mehrstöckigen Hotel-Beton-Klotzes. Durch die Umkehrung der gewöhnlichen Perspektive wird die Hinterbühne zum Vordergrund und der Blick fällt auf die Kehrseite der touristischen Medaille.

In der gängigen touristischen Bildproduktion werden diese Bilder ausgeblendet. Höchstens in Ausnahmefällen wandern Fotografien von WäscherInnen am Bach als exotisch-archaische Farbtupfer zwischen die Sonnenuntergänge des Fotoalbums und dokumentieren dort die bemitleidenswerte, aber auch ein bisschen romantische Rückständigkeit der ortsansässigen Bevölkerung.

Mareike Fiedler dreht in ihrer Fotografie aus Jodhpur (Indien) den Spieß um und gibt einen Einblick in die Gegensätze von Arm und Reich, die sich im Tourismus besonders manifestieren. Die Arbeitsplätze im Rücken der TouristInnen sind weder besonders einträglich noch gesundheitsfördernd und die Verunreinigung der natürlichen Wasserquelle durch Wasch- und Bleichmittel erheblich. Durch die nicht-ästhetisierende Darstellung gelingt der Fotografin ein zwar relativ unspektakuläres aber aussagekräftiges Bild zu den alltäglichen Auswirkungen des Tourismus.

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8. Human Resources von Johannes Novy




… ist die Pforte zum Backstage-Bereich. Der spezielle Personal-Eingang grenzt einerseits einen Bereich ab, den TouristInnen nicht betreten "dürfen", sie werden auf die touristisch zugängliche Vorderbühne verweisen. Andererseits "müssen" die Angestellten diesen Eingang benutzen, ihnen wird der dahinterliegende Bereich zugewiesen. Dieser mag gelegentlich einen Rückzugsort markieren, der vor dem Eindringen der fordernden ZuschauerInnen schützt. In erster Linie aber bezeichnet der Eingang die strikte Trennung von Kunden und Bediensteten, deren Einhaltung an touristischen Orten geboten wird, um den Prestigegewinn der distinguierten Atmosphäre einer geschlossenen Gesellschaft nicht durch die Anwesenheit befremdender, hierarchisch niedriger stehender Elemente zu schmälern.

Mit dem Foto des Eingangs eines Casinos in Las Vegas lenkt Johannes Novy den Blick auf die Bedeutung und Unverzichtbarkeit der Arbeitskraft im Tourismussektor. Zugleich hat der Begriff Human Resources zumindest im deutschen Sprachraum eine entpersonalisierende Konnotation. Er stellt im Gegensatz zum Individuum den Ressourcenblick auf die Verwertbarkeit der Arbeitskraft in den Vordergrund.

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9. Postkartenverkäuferin von Nina Hornung




Nina Hornung präsentiert mit der "Postkartenverkäuferin" ein ästhetisch gelungenes Foto mit einem touristisch sehr beliebten Kindermotiv. Das kleine Mädchen verkauft Postkarten von Angkor Wat, der größten touristischen Sehenswürdigkeit Kambodschas. Das Mädchen erscheint in spielerischer Neugierde irgendwie selbstbewusst und ist doch so klein ist, dass es fast nicht über den Verkaufstisch blicken kann. Thematisch macht das Foto auf die Problematik der Kinderarbeit im Tourismus aufmerksam.

Die Gratwanderung aus Verharmlosung von Kinderarbeit und überinterpretierendem Mitleid ist dabei nicht einfach, besonders weil die Interpretation aufgrund der Niedlichkeit des Mädchens schnell moralisch stark aufgeladen ist. Die viel zu hohe Tischkante symbolisiert die Chancenlosigkeit, eine irgendwie gerechte Beziehung zwischen arbeitenden Kindern und Touristinnen herzustellen - eine Tatsache, die jenseits von Mitleid und Verharmlosung unhintergehbar bleibt.

Wahrscheinlich ist Postkartenverkaufen immer noch eine der weniger schlimmen Formen von Kinderarbeit, denkt man beispielsweise an den boomenden Kindersextourismus nach Kambodscha.

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10. Convenience Shopping von Wolfgang Scholz




Das Anpreisen von lokalen Souvenirs an TouristInnen ist eine typische Aktivität im touristischen informellen Sektor. Wolfgang Scholz präsentiert mit seinem Foto einen Klassiker des tourismusbeobachtenden Blicks. Das Bild lässt sich in vielerlei Hinsicht interpretieren. Sieht die BetrachterIn eher die zögernde, respektvolle Haltung des jungen Manns bei der Präsentation der geschnitzten Figuren, vielleicht sogar im Kontrast zur Verletzung des "interkulturellen Kleidungskodexes"? Oder fühlt man sich an das oftmals empfundene Gefühl des Belästigtwerdens beim Strandspaziergang erinnert und an die unbeholfene, abweisende Reaktion: "Blick nach unten, Augen zu, Ohren zu, Vorbei!"?

Ähnliche Ambivalenzen lässt die über das Frontstage-Setting hinaus gehende Bildinterpretation zu. Wo für die einen der höhere Gewinn der lokalen Bevölkerung beim "fairen" Handel mit lokalen Produkten im Vordergrund steht, werden andere die Prekarität der ungeschützten Arbeit im informellen Sektor aus dem Bild herauslesen. Allerdings: auch diese Interpretationsspielräume vermögen nicht darüber hinwegzutäuschen, dass die touristische Begegnung in vielen/den meisten Fällen ausschließlich ökonomischer Natur und die Kaufkraft eindeutig einer der beiden Seiten zuzuordnen ist. Das Bild liefert damit Anknüpfungspunkte für wichtige Topoi der tourismuskritischen Debatte der letzten 20 Jahre.

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