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(Post-)Koloniale Reisebilder

Die Konstruktion des Fremden in Geschichte und Gegenwart

Die Eroberer

VeranstalterInnen der Vortragsreihe im Studium Generale

informationszentrum 3. welt (iz3w)/FernWeh
Studium generale der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Carl-Schurz-Haus / Deutsch-Amerikanisches Institut Freiburg e.V.


Ort:
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
KG I, HS 1015, jeweils 20 Uhr c.t.

Das "Fremde" ist ein Begriff, der sowohl Sehnsüchte als auch Ängste weckt. Während der Wunsch nach neuen, nicht-alltäglichen Erfahrungen jährlich Millionen von Reisenden in ferne Länder zieht, nimmt gleichzeitig die gesellschaftliche Debatte um Integration und Anpassung an Schärfe zu. Offensichtlich wird "Fremde" je nach Kontext ganz unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert. Was überhaupt als "fremd" angesehen, und wie diese Erfahrung bewertet wird, hat sich historisch immer wieder verändert.

Reisebilder

Diese Vortragsreihe, eine Kooperation des Studium generale der Universität Freiburg, des informationszentrums 3. welt (iz3w) und des Carl-Schurz-Hauses/Deutsch-Amerikanischen Instituts Freiburg, möchte der Wahrnehmung des "Fremden" in ihrem historischen und gesellschaftlichen Wandel nachgehen: Wie haben sich (post-)koloniale Reisebilder in Geschichte und Kultur Europas und auf dem Feld sozialen Engagements verändert? Welche Fremdheitskonstruktionen entstehen an den Schnittstellen von Wissenschaft, Tourismus, Migration und Herrschaft? VertreterInnen der historischen Wissenschaften, MedientheoretikerInnen und KulturwissenschaftlerInnen werden diese Fragen aus den unterschiedlichsten Perspektiven diskutieren.

Im ersten Teil der Vortragsreihe konzentrieren wir uns auf koloniale Reiseberichte, um den Blick anschließend für interdisziplinäre Betrachtungen über das Bild der "Anderen" in der Ära des Postkolonialismus zu öffnen: Welchen Einfluss nimmt das Phänomen Migration? Wie hat sich die Konstruktion des "Fremden" im modernen Tourismus verändert, welche rassistischen Stereotype waren und sind damit verbunden?

DATES

Do 2. Februar 2006

Wo bin ich?
Territorialität, Mobilität und Subjektivität

Dr. Tom Holert, Berlin

Für die Erfahrung des Fremden entscheidend sind die Bedingungen, unter denen Bewegung sich im Raum materialisiert. Was etwa geschieht an Orten, wo überwiegend Menschen leben, die "nicht von hier" sind? Welche Urbanität und welche Bindungen zum Territorium entstehen, wenn die Herkunft immer woanders liegt? Diese und andere Fragen sollen exemplarisch anhand von Situationen diskutiert werden, in denen verschiedene Formen der Mobilität, etwa Migration und Tourismus, sich überlagern und verschränken.

Di 7. Februar 2006

Entdecken, Erobern, Erholen
Reisen als (post-)koloniales Privileg

Dr. Hito Steyerl, Berlin

"Reisen bildet" - so ein gängiger Werbespruch. Schon die ersten Ferntouristen, die zahlreichen Forschungsreisenden des 18. Jahrhunderts, beflügelten Neugier wie Wissensdurst des aufstrebenden Bürgertums. Der Vergleich möglichst verschiedener (anderer) Kulturformen diente zum Beweis der Überwindung der Relativität der eigenen Erkenntnisse, er wurde zum Beleg wissenschaftlicher Objektivität. Die damit erworbene Bildung ermöglichte gleichzeitig die Abgrenzung gegenüber den weniger privilegierten EuropäerInnen wie auch gegenüber den NichteuropäerInnen, die durch diese Reisen zu Objekten eines "Wissens" gemacht wurden, das ihre Unterdrückung und Ausbeutung legitimierte. Der Vortrag analysiert, wie auch im modernen Tourismus das Privileg der Mobilität - und damit der Erwerb möglichst universeller Erfahrungen - den Zugang zu gesellschaftlicher Macht reguliert.

Weitere Veranstaltungen in dieser Reihe waren:

Do 3. November 2005

Wunderbare Neue Welten
Der koloniale Diskurs um 1600 und die America-Serie der Famile de Bry

Prof. Dr. Susanna Burghartz, Basel

Als Kolumbus 1492 auf Hispaniola landete, entdeckten die Europäer eine für sie "Neue Welt", die sie von Anfang an ebenso faszinierte wie erschreckte. Hundert Jahre nach dieser Entdeckung entfalteten die Frankfurter Verleger de Bry ein global angelegtes Panorama, das die Wunder und Schrecken der neuen Welten eindrücklich in Szene setzte. Zugleich dokumentierten sie mit ihren Publikationen den heftigen kolonialen Konkurrenzkampf um die Kontrolle und den Besitz dieser 'neuen Welt'. Mit den Texten und Bildern der West- und Ost-Indischen Reisen entstand ein imaginäres Archiv, das bis heute aktiv genutzt wird und unsere Vorstellungen von den Anfängen der europäischen Expansion noch immer beeinflusst.

Di 8. November 2005

Imaginäre Reisen
Tourismus, Differenz, Rassismus

Dr. Mark Terkessidis, Köln

Tourismus lebt von seinen Bildern - es gibt kaum einen Ort auf der Welt, über den nicht schon vor der Reise eine Vorstellung besteht. Dieses vermeintliche Wissen über "die Fremde" und ihre BewohnerInnen basiert auf einer langen Geschichte gesellschaftlicher Prozesse. Bestimmte Institutionen produzierten in bestimmten historischen Kontexten jeweils bestimmte Gruppen. Das über sie geschaffene Wissen vermittelte auf die eine oder andere Art den Abstand zwischen "ihnen" und "uns" und erklärte so oft auch "ihre" untergeordnete Rolle. Dabei hat sich das spezifische Bild des Anderen im Laufe der Epochen verändert. Welche Artikulationen, Transformationen und Brüche kennzeichnen die Geschichte des Rassismus? Wie hat sich das Bild des Anderen im Kontext von Tourismus und Migration verändert?

Do 24. November 2005

Nacktes Leben
Visuelle Erfassung und ursprüngliche Akkumulation in postkolonialer Reisefotografie

Prof. Dr. Jens Andermann, London

Die symbolische Ordnung der neuen Herrschaftsformen, die in Argentinien und Brasilien mit der Konsolidierung zentralisierter moderner Staatsapparate am Ende des 19. Jahrhunderts Gestalt annehmen, entfaltet sich vor allem in Form einer neuen visuellen Ökonomie. Im Kontext moderner "Bilderwelten" spielt die Fotografie eine Schlüsselrolle, weil sie in der Expansion staatlicher Macht an den internen Peripherien oftmals als erste Instanz visueller Erfassung des Anderen zum Einsatz kommt, noch bevor dieses gesammelt und vermessen werden kann. Der Vortrag untersucht zwei fotografische Serien, die im ausgehenden 19. Jahrhundert den Prozess gewaltsamer Expansion staatlicher Macht zugleich festhalten und verdoppeln: das Album der Feuerland-Expedition des "Pioniers" Julio Popper im Jahr 1887 und die Aufnahmen des offiziellen Fotografen der Belagerung und Vernichtung der messianischen Siedlung Canudos durch die brasilianische Armee im Jahr 1897, Flávio de Barros.

Di 29. November 2005

Postkoloniales vor dem Postkolonialismus?
Alexander von Humboldts Textfotos und Reisebilder aus Amerika

Prof. Dr. Michael Zeuske, Köln/Leipzig

Humboldt kritisierte den Kolonialismus im spanischen Amerika von einer nichtkolonialen Position aus, die oft starke Ähnlichkeiten mit dem heutigen Postkolonialismus aufweist. In seinem Kuba-Essay erwähnt er den spanisch-kubanischen Kolonialismus im Grunde gar nicht, sondern richtet seine ganze Kritik auf die Sklaverei als eine seiner konstitutiven Grundlagen. Humboldt hat in seinen von der Romantik beeinflussten Texten immer sehr anschauliche "Textbilder" erzeugt, fast handelt es sich um Text-"Fotos". Und er hat dafür gesorgt, dass auf seinen Spuren viele Maler nach Amerika reisten. Somit setzte mit Humboldt eine neue Stufe der Visualisierung der Welt ein. Der Vortrag analysiert sowohl den "Nicht-Kolonialismus" Humboldts als mögliche Grundlage eines frühen Postkolonialismus wie auch seine "Reisebilder" anhand typischer Situationen der Reise in Amerika 1799-1804.

Di 6. Dezember 2005

Das Fremde und seine Schauplätze
Literatur und Kultur in der deutschen Kolonialzeit

Prof. Dr. Alexander Honold, Basel

Schon seit den Zeiten Forsters und Humboldts waren deutsche Wissenschaftler und Schriftsteller an der geographischen, ethnographischen und kommerziellen Erschließung der Welt beteiligt. Naturkundliche und anthropologische Institutionen zur Erforschung außereuropäischer Gebiete entstanden teils noch vor ihren entsprechenden Pendants in England oder Frankreich. Die weit verbreitete Einschätzung, dass Deutschland und die "deutsche Kultur" nur über nachholende, jedoch nicht nachhaltige koloniale Erfahrungen verfügte, bedarf der Korrektur, indem neben den unmittelbar politisch-militärischen Akteuren auch das diskursive Feld beispielsweise der disziplinären Neugründungen (wie Kolonial-Linguistik, Tropenmedizin oder Ethnographie) und die bemerkenswerte Konjunktur geographischer Zeitschriften in den Blick genommen werden. Der Vortrag wird das Geflecht der kolonialen und exotistischen Bestrebungen, mit denen Deutschland sich "seiner" Fremde zu vergewissern suchte, an einigen herausragenden Schauplätzen nachzeichnen.

Do 15. Dezember 2005

"Ärzte für die Dritte Welt"
Armenmedizin in postkolonialen Slums von Kalkutta und Nairobi

Prof. Dr. Friedrich Kluge, Freiburg

Die Organisation "Ärzte für die Dritte Welt" hilft seit 22 Jahren in medizinischen Notstandsgebieten der so genannten 3. Welt mit festen Stationen in Großstadtslums und rolling clinics "im Busch" und in abgelegenen Gebieten. In Kalkutta (12 Mio. Einwohner) und Nairobi (3 Mio. Einwohner) werden von den Ärzteteams, die ausschließlich mit einheimischen Healthworkern zusammen arbeiten, täglich jeweils ca. 400 PatientInnen von den Ärmsten der Armen kostenlos versorgt. Der Referent berichtet in seinem Vortrag mit Lichtbildern aus dem Alltag der jeweiligen Länder, von den häufigsten Krankheiten, u.a. Tuberkulose, Malaria, HIV-AIDS sowie Unter- und Mangelernährung - mit der Überzeugung, dass ein solcher Aufenthalt es jedem Arzt und jeder Ärztin ermöglicht, den eigenen Erfahrungshorizont auszuweiten. Achtung: Findet im KG I, HS 1010 statt!

Di 24. Januar 2006

Alles so schön bunt hier?
Transformation durch transnationale Migration

Dr. Marion von Osten, Berlin

Bilder und Texte von der Außengrenze Europas häufen sich. So ist das, was als unsichtbar gilt, längst überdeutlich geworden: die nicht selten lebensgefährlichen Strategien der MigrantInnen, die Grenzen zu überwinden und die transnationalen Routen, die dabei entstehen. In diesen Bildern und Texten wird das Migrationsgeschehen an der Peripherie EU-Europas verortet: in der "Wildnis" einsamer Strände, Wälder und Bergregionen - scheinbar weit entfernt vom "normalen" Alltag der Gesellschaften. Welche Rollen werden dabei den MigrantInnen zugewiesen? Welche ungeahnten Effekte ermöglichen eine Autonomie der Migration jenseits der planbaren Kontrollierbarkeit? Der Vortrag fokussiert die Bewegungen transnationaler Migration über die Grenzen der EU hinweg und hinterfragt die Darstellung dieser Realität im Wissenschaftsdiskurs, in Medien und Kunst.


Kontakt:
FernWeh - Forum Tourismus & Kritik
informationszentrum 3. welt - iz3w
Tel: 0 761 / 70 75 125


FernWeh
024/9/2005

 

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