„Life is bad“

von Tobias Müller

Die Götter der Daumenreisenden haben sich zur Mittagsruhe begeben. Windstille liegt über der Bucht von Inhambane, und Flaute herrscht auch auf der Straße. Dimitri und ich warten in einer Biegung auf den Anschlusslift nach Maputo. Die Hauptstadt ist weit, der Verkehr träge.

Zwei Handvoll Mangos kündigen das Ende der Durststrecke an. Eine ältere Frau, die ich gar nicht kommen sah, steht plötzlich neben mir am Rand der Straße und drückt mir die allgegenwärtigen Kostbarkeiten des Küstenstreifens in die Arme.

Mangas. In diesen Breiten ist die Königin der Früchte kleiner als die in Europa gängige Importware, oranger und vor allem unvergesslich. Man isst sie nicht, man zelebriert sie. Die Schale lässt sich einfach abziehen, darunter perlt der Saft nur so hervor, kaum von Fasern behindert, das Fruchtfleisch ist ein Gedicht und ein Kuss. Mehrmals habe ich in den letzten Tagen gedacht, dass ihr Genuss dasselbe im Kleinen ist, wie das Reisen in diesem Land, das überwältigt. Wie Rauchen im Fahrtwind auf der Ladefläche eines LKW, während die Kulissen aus Kokospalmen vorüberziehen, wie die Piste aus roter Erde im nachmittäglichen warmen Schauer, Frisbeespielen mit den Kindern eines Dorfes auf der unbefahrenen Straße, wie Joaquina im Sand, umspielt von den seichten Uferwellen, wie der zerfließende Horizont eines aufziehenden Tropensturms. Doch Fremde, die mir ohne offensichtlichen Anlass mangas schenken - dies ist von allen meine mosambikanische Lieblingsszene.

Es sind die Früchte, die unserem erschlafften Trampersegel, faul in der Mittagssonne hängend, neuen Wind einhauchen.

Schon wenig später bläht es sich wieder, besser kann es gar nicht weitergehen, denn ein himmelblauer Pick-up stellt uns seine gesamte Ladefläche zur Verfügung. Sie besteht aus sonnengewärmtem Holz, hat eine himmelblaue Umrandung und da wir die einzigen Fahrgäste sind, gibt sie eine noch bequemere Mitfahrgelegenheit ab als der Kleinlaster des Landwirtschaftsministeriums, der uns vor ein paar Tagen hierher gebracht hat.

Nun ist Komfort bei dieser Art der Fortbewegung ein seltener und noch mehr ein flüchtiger Luxus, der sich schneller verzieht als ein Gewitter zur Regenzeit. Kaum überraschend also, dass es dort hinten stetig voller wird, denn in nahezu jedem Dorf steigen Menschen zu. Manche vertrauen dem Fahrer auch nur ihre Ernten an, um sie auf dem Markt in Maputo zu verkaufen. Bald sitzen wir auf einem rollenden Kokosnuss- Frachter, mindestens fünf oder sechs der riesigen Säcke werden bei einem Zwischenstop aufgeladen.

Von den Bauern, die ihre Erzeugnisse am Strassenrand auf die weite Reise in die Hauptstadt schicken, erstehen wir einige Einzelexemplare zum Essen. Den großen schlägt man mit einem langen Messer und wenigen gezielten Hieben das obere Ende ab. Die Milch strömt in erstaunlich vielen langen Zügen aus dem Gehäuse, klar, würzig und erfrischend und nur mit einem leichten Hauch von süß. Ananas macht das Reisemenü komplett, das Ganze tendiert in Richtung vollkommen.

Außerhalb der hellblauen Wände des Pick-up haben sich einmal mehr kilometerlange Palmenwände aufgebaut, deren Kronen eine schnurgerade Linie in den Himmel werfen. Die Blüten der Ndakuvarabäume tauchen die Dörfer der gesamten Region in ein leuchtendes Hellrot ein. Heute zieht es nicht zu am Nachmittag, Mocambique scheint sich so verabschieden zu wollen, dass wir es noch weniger vergessen können als ohnehin schon. Langsam bekomme ich einen Tunnelblick, doch das gibt mir nicht zu denken hier oben, kaum nur fällt es mir auf.

Dass wir durch das ständige Anhalten und Aufladen von immer mehr Menschen, ihrem Gepäck und Marktprodukten sehr lange brauchen und erst mitten in der Nacht in der Hauptstadt ankommen werden, ist nichts, was mich beunruhigt. Wieso auch, soll es doch ohne uns stattfinden, das weithin gerühmte Nachtleben von Maputo. Für heute genügt der Vollmond über der Strasse. Satt, massiv und rot taucht er in Tieflage am Horizont auf und steigt schnell höher, während sich seine Farbe über mehrere Orangetöne im gewohnten Blassgelb einpendelt.

Nach und nach ist die Enge auf der rappelvollen Ladefläche anstrengend geworden. Die großen Kokosklötze drücken querliegend im Rücken und die improvisierten Sitzpositionen zwischen den Säcken fahren Angriffe auf Arme, Beine und Wirbelsäule. Trotzdem ist Dimitri neben mir eingeschlafen.

Es ist ruhig auf der Straße. Gelegentlich nur kommen uns Fahrzeuge im Dunkeln entgegen, manchmal werden wir überholt, sonderlich schnell sind wir nicht. Den Palmengürtel haben wir im Norden zurückgelassen, dichter, niedriger Busch begrenzt seitlich das Blickfeld. Die übel zugerichteten, völlig zerdellten Überbleibsel eines Zusammenstoßes zwischen zwei Autos auf der Gegenspur lassen mich erschrocken hochfahren, als wir sie passieren. Der Anblick ist wie ein schneller Schuß vor den Bug meiner Begeisterung. Ohne die Ohrstöpsel meines Walkman könnte ich das Ticken des Weckers vernehmen. Bald wird er klingeln. Zeit, aus einem Traum aufzuwachen, der sich zu weit von den Realitäten des Landes entfernt hat.

Zwei Scheinwerfer sind weit hinter uns aufgetaucht. Gedankenverloren sehe ich sie heller werden, ein Auto wird erkennbar, vier, fünf Männer sitzen darin, dann schert es aus und - zieht nicht vorbei. Seltsam, dass sie sich nicht vor uns setzen, unser schwer beladenes Kokosschiff würde ihr PKW spielend hinter sich lassen. Während ich mich noch darüber wundere, merke ich, dass wir langsamer werden und anhalten. Der letzte Stop in einer Siedlung liegt schon länger zurück. Wieso legen wir nun einen auf offener Strecke ein?

Kaum sind wir zum Stehen gekommen, als einer der Männer auch schon vorne neben die Kabine des Pick-up tritt und die Tür öffnet. Gleich darauf erkenne ich, wie er unseren Fahrer dort heraus zieht, mit den Händen auf den Rücken gedreht und - einer Pistole im Nacken!

Das alles hat kaum länger als ein paar Augenblicke gedauert, so daß ich noch nicht ganz wieder aufgetaucht bin aus dem passiven Treibenlassen, das sich auf langen Fahrten oft einstellt. Noch bin ich Beobachter dieser Szene aus einigen Metern Entfernung und bilde mir tatsächlich ein, die Distanz sei ausreichend, um es bei dieser Rolle belassen zu können.

Mein erster Gedanke ist der an eine private Auseinandersetzung zwischen den beiden, in die wir ´zufällig´ hineingeraten sind. Oder handelt es sich doch um eine getarnte Polizeieinheit, die einen bedauernswerten Kleingangster geschnappt hat. ´Wie sollen wir nach Maputo kommen, wenn sie den Fahrer mitnehmen?´ Frappierend, dieses blinde Unbeteiligtsein. Und so unangebracht, wie nur irgendetwas sein kann.

Da! Einer der ´verdeckten Ermittler´ bewegt sich auf die Ladefläche zu, und mit der kurzen Entfernung dieser wenigen Meter wird unser halluziniertes Komparsentum aufgehoben. Wie im Schnellvorlauf treten die Konturen der Situation hervor, und mit ihnen die Erkenntnis, dass sie nicht an uns vorbeilaufen wird, nicht einfach so und ohne Schrammen zu hinterlassen. Und selbst das winzige verbliebene Moment der Verzögerung, die eben noch gehegte unsinnige Hoffnung, es möge sich vielleicht doch um einen Traum handeln, einen von der ganz schlechten Sorte, aus dem man sich schütteln und unter der Decke herauskämpfen muss, um endlich daraus aufzutauchen, erweist sich als Hirngespinst. Genau das wird hier nicht passieren, einen leichten, offensichtlichen Ausweg gibt es nicht mehr.

Es ist höchste Zeit, dass der Groschen fällt. Stotternd und entsetzt, so wird er später erzählen, wecke ich Dimitri: „ … die … die haben ne Wumme …“ – als sie auch schon auf uns zeigt!

Alle bis auf den, der den Fahrer in Schach hält, sind nach hinten gekommen, und alle sind bewaffnet. Als erstes richten sie sich an die sieben oder acht anderen Mitreisenden. Hektisch befehlen sie ihnen, von der Ladefläche zu klettern. Mit vorgehaltenen Pistolen werden sie in die Büsche am Straßenrand geschickt. Was werden sie mit ihnen machen? Die meisten von ihnen sind Frauen, ich fürchte, sie könnten dort im Busch vergewaltigt werden. Oder werden wir gleich Schüsse hören?

Während die anderen verschwinden, schiessen mir die Gedanken nur so durch den Kopf und die Luftballons zerplatzen im Sekundentakt. All die Bücher und Reiseberichte fallen mir ein, die vor nächtlichen Fahrten und Überfällen in Mocambique warnten. Nicht mal mehr in den Wind schlagen mußte ich solche Bedenken, die sich einfach aufgelöst haben, die wie ein überflüssiges Gepäckstück liegen geblieben sind irgendwo zwischen Atlantik und dem Indischen Ozean, ohne dass ich es nur bemerkt hätte.

Da sitzen wir, am Anfang der Nacht und am Ende des Tunnelblicks, mitten in Mocambique, das auf einmal ein anderes zu sein scheint. Ab und zu brausen Autos, andere Pick-ups und Kleinlaster vorbei, doch niemand macht Anstalten anzuhalten, kein Mensch würde etwas von ein paar Morden mitbekommen, die hier zufällig geschehen wären. Überhaupt, wie viele Leichen sind in über anderthalb Jahrzehnten Bürgerkrieg wohl in dieser Gegend verschwunden?

Doch noch ist nichts geschehen, und fürs Erste sieht es so aus, als könnten wir oben bleiben. Diese Erkenntnis beruhigt etwas, denn der Weg dort ins Gestrüpp abseits der Strasse wirkt wie die schlimmere Option. ´Vielleicht haben sie es doch nicht auf uns abgesehen ?´ Sachte schleicht sich es sich in die Szene zurück, das jämmerliche gedankliche Klammern an die Planke, die zuwenig Platz für alle lässt. Spontan empfundene Erleichterung, es könnte die anderen treffen, um die anderen gehen, solange man selbst den Kopf noch einmal aus der Schlinge zu ziehen vermag. Doch sie kann nicht lange anhalten, zu rasant schießen die drängenden Fragen in die entstandene Lücke. Was, wenn sie uns verschleppen? Uns mitnehmen, irgendwohin bringen und dort festhalten, wenn es nicht, gar nicht vorbeigeht?

Obwohl sich die Achterbahn der Horrorszenarien in Bewegung setzt, gelingt es, in dieser Situation die Balance zu halten. Etwas gewährleistet Bodenhaftung in den Momenten äußerster Anspannung und aktiviert eine Art instinktiver Ratio im Angesicht der Bedrohung. Einer der Männer hat sich direkt neben uns postiert und hält seine Waffe in Bereitschaft, keinen halben Meter von mir entfernt. Auf schnodderigem Englisch fordert er unser Geld, seine uns fixierende Mündung verleiht ihm Nachdruck. Der letzte Schleier vor meinen Augen hebt sich spät. Mit einem Mal leuchtet mir ihre Taktik ein, die Mocambiquaner von uns zu isolieren, denn um uns und nur um uns geht es, um Geld oder um wertvolle Gegenstände.

Von unserer Reaktion und ihrer Ausbeute hängt alles weitere ab. Nicht, dass ich mein Leben an mir vorbei ziehen sehen würde in diesem Moment, aber dieser Moment wird zu dem, was mein Leben ausmacht. Alles bisherige war ein Vorspiel und reduziert sich auf diese Szene. Ob ihr noch eine weitere folgt, liegt im Dunkeln.

„Alles, alles alles könnt ihr haben“, höre ich mich unterwürfig herausstoßen - ´wenn ihr mich nicht umbringt´, denke ich den Satz zu Ende. Ich ziehe mein Portemonnaie heraus, die Kooperationswilligkeit in Person bin ich, bis mir einfällt, dass gar kein Geld darin ist. Seine ausgestreckte Hand will sich schon darum schließen, doch ich stocke, zögere, und wie von außen betrachtend ist mir die Gefahr bewusst, die in diesem Griff ins Leere liegt. Nervös beeile ich mich zu erklären, dass unser gemeinsames Budget bei Dimitri ist. „Wherr´ is monney?“ kommt es schnell und hektisch zurück. Dimitri gibt es ihm, es ist nicht viel, 600.000 meticais vielleicht, 70 oder 80 Mark. Er zählt die Scheine, einmal, zweimal, durchsucht das Portemonnaie, dreht jede Naht nach außen, wenn er den großen Wurf erwartet hat, muss er enttäuscht sein. Hastig wechselt er ein paar halblaute portugiesische Worte mit seinen Kollegen, dann fährt sein grimmiger Blick wieder zu uns herüber. Meine Kamera fällt mir ein, die ich gerade erst erstanden habe, aber was ist das schon? Mehr noch täte es mir um einen fast vollen Film aus den letzten Tagen leid…

Ich ergreife die Initiative und mit ihr den Strohhalm, der sich darin abzeichnet und stelle ihm das Gerät in Aussicht. Er beisst an. Im Dunkeln nestel ich in meinem Rucksack herum, wühlend und tastend, bis ich die Kamera heraus ziehe. Trotz meiner angespannten Angst ist mir nicht entgangen, dass ihn mein Angebot zufrieden zu stellen scheint. Die Situation hat sich um eine Nuance entschärft. Schnell greift er nach dem Apparat und reißt ihn mir aus der Hand. Ist das genug, reicht das? Glauben sie uns, dass wir nicht mehr haben?

Er begutachtet seine Beute, ich suche nach Anzeichen der Entspannung in seiner Mine. Unvermittelt tritt er zu den anderen Männern und berät sich mit ihnen. In einer Fernsehserie würde in diesem Moment ein Werbeblock eingeschoben.

Da ist er wieder, noch immer richtet er die Waffe auf uns. In welche Richtung schlägt das Pendel aus? Ist sie gebannt, die akuteste Gefahr? Als er den Mund aufmacht, kommt die Aussicht auf Boden unter unseren Füßen heraus, greifbar nah. „I don´ t wanna shoott yooh“, das ist es, wir werden diese Sache überleben, wenn jetzt niemand mehr die Nerven verliert. Ohne unvorhergesehene Zwischenfälle werden sie gleich ihren Rückzug vorbereiten. Noch einmal steckt er seine Nase tief in unsere Portemonnaies und untersucht Ausweise, Zettel, alte Tickets. Dann erhalten wir sie zurück. „Life is bad“ erklärt er uns noch, fast schon entschuldigend. Was dann folgt, gibt der Situation einen bizarren Anstrich. Dieser Typ, der nur unwesentlich älter wirkt als wir und dessen Pistole vor wenigen Minuten noch auf uns zeigte, rät uns, gut auf unsere Pässe zu achten und sie auf keinen Fall zu verlieren. Zum Abschied warnt er uns vor den Personenkontrollen in der Hauptstadt , mit denen Ausländer gerne schikaniert würden. Die schräge Andeutung einer asymmetrischen Komplizenschaft hängt da für einen Moment in der Staubwolke, in der sich ihr Auto verzieht.

Wenn damit nun auch die bohrende Todesangst in sich zusammenfällt, befinde ich mich doch noch immer in den Klauen ihrer Auswirkungen auf Einbildung und Alarmbereitschaft. Erleichtert nehme ich wahr, dass sie beim Wegfahren nicht auf uns feuern.

Durchatmen, Erleichterung, Ungläubigkeit und der Schock, alles verläuft. Bald darauf schärfen sich die Sinne wieder. Als erstes stellt sich das Schmerzempfinden wieder ein: Der Ort, an dem wir überlebt haben, wimmelt von stechwütigen Moskitos, und obwohl Malaria eben noch eins der Dinge war, die ich liebend gerne in Kauf genommen hätte als Preis, aus dieser Situation herauszukommen, quält die Penetranz der ständigen Attacken. Es ist bei weitem nicht unser erster Tag in einer malaria area, geflügeltes Wort das im ewig eloquenten Rucksacklervokabular, doch zum ersten Mal helfen selbst lange Klamotten nicht mehr.

Aber – wieso sind wir überhaupt noch hier? Außer uns befindet sich nur der Fahrer am Pick-up, er lehnt sich an seine Kajütentür, raucht und lacht schon wieder, ein Stück Normalität, das wohltut, wenn es auch ein wenig verfrüht wirkt. Neben ihm tauchen gelegentlich die beiden Frauen auf, die vorne mit ihm in der Kabine saßen, dann kommt eine dicke alte Mitfahrerin aus der Dunkelheit, der wir auf die Ladefläche heraufhelfen, schließlich der andere Mann, der noch hinten bei uns war.

Doch noch immer fehlen drei oder vier Frauen. Wo sind sie, was ist mit ihnen passiert? Wir erfahren es nicht, wie auch, denn niemand hier spricht Englisch und mein Portugiesisch reicht nicht, um ihre Antworten zu verstehen.

Weg von hier, weg weg weg! Erleichterung und Angst sitzen auf den beiden Enden einer Wippe, und wenn letztere die Nase vorn hat, wird klar, dass noch längst nichts gewonnen ist. Die sichere Seite ist nicht, wo wir uns hier aufhalten, nicht dieser Straßenrand. Wer weiß, wer noch alles unterwegs ist in dieser Nacht ... Weitaus beunruhigender noch ist die Tatsache, dass es ein leichteres Ziel als uns gar nicht geben kann. Nicht mal mehr anhalten muss man uns, und unser Vorrat an Geld und Wertsachen ist auch ziemlich dahingeschmolzen, für den Fall der Fälle ...

Allein der Gedanke daran, dieses Szenario könnte von Neuem beginnen, löst eine Scheissangst in mir aus. Auch Dimitri scheinen die Nerven bald durchzugehen, denn mit einem Mal steht er kurz vor der Übernahme des Steuers. Leider nur macht außer uns niemand Anstalten, sich in Bewegung zu setzen. Zudem fehlen offensichtlich immer noch einige Mitreisende, so daß es mir angebracht erscheint, ihn zurück zu halten. Ein Bullenauto braust vorbei, ohne auf Rufen und Hupen zu reagieren.

„Por que nao vamos ?“, dafür reicht mein Portugiesisch noch aus, ich wiederhole die Frage, laut und eindringlich, nervös, ärgerlich und vorwurfsvoll. Wenn ich überhaupt eine Antwort bekomme, kann ich sie kaum verstehen. Soviel reime ich mir zusammen, dass die besagten Frauen in ihrer Panik in den Wald gestürmt und von dort noch nicht zurückgekommen seien.

Die Ignoranz kehrt zurück, der Griff nach der Planke, die es vor einem anderen Menschen zu erreichen gilt, das erbärmliche Drängeln vor dem Notausgang. - ´Dann lassen wir sie doch zurück im Wald, solange wir nur von hier verschwinden …` -

Verschwinden? Meilenweit davon entfernt und scheinbar unberührt von der Situation steht der Fahrer noch immer auf der Strasse, redet, lacht zwischendurch, raucht weiter eine Zigarette nach der anderen. Auch von den übrigen Beteiligten lässt sich niemand übermäßige Besorgnis anmerken. Gefasst wirken sie, vielleicht routiniert, aber das ist meine Interpretation, ich spekuliere nur, stelle Überlegungen an. Alle sind deutlich älter als wir. Sie haben den Zustand der konstanten Unterjochung durch Portugal erlebt, zumindest die letzten Jahre, den Kampf um Mocambique, wie ihn Eduardo Mondlane, einer der Frelimo- Protagonisten, betitelt hat, und den bald darauf folgenden Bürgerkrieg, in dem Tausende ihr Leben gelassen haben. Jahrelang hat die Pest der Apartheid ihre Finger über die Grenze gestreckt und den Boden mit Blut getränkt. Es gibt Schlimmeres, was ist schon ein Überfall gegen verbrannte Erde landstrichweise?

Am beklemmendsten ist dieser Zustand der Un-Kommunikation. Wir können nicht miteinander reden, sei es wegen der Sprachbarriere, sei es, weil sie all das doch uns zu verdanken haben. Ein Pick-up mit zwei weißen Rucksacklern auf der Ladefläche wird nachts eher überfallen als ohne, um diese Einsicht führt kein Weg herum.

Wieviele Stunden wird es dauern, bis die Frauen zurückkommen, wie weit mögen sie in ihrer Panik gerannt sein? Es ist nicht einmal 11 Uhr, in drei Stunden wird es noch genauso stockfinster sein wie jetzt, und von da an dauert es sicher noch einmal zweieinhalb, bis es endlich hell wird …

Ohne irgendein Anzeichen dafür fahren wir auf einmal los, obwohl von den Frauen nach wie vor jede Spur fehlt. Doch nach zwei- oder dreihundert Metern hört man ihre sich jäh überschlagenden Stimmen aus den Büschen, und lauthals kommen sie aus der Dunkelheit auf die Strasse gehetzt. Wir setzen zurück, sie steigen auf. Weiter geht es durch die Nacht, die nicht mehr dieselbe ist.

Ohne ein Wort beugen sich die Frauen auf der Stelle wieder vornüber und schlafen oder dösen in dieser gebückten Stellung vor sich hin. Auf einmal erscheint mir diese von weißen Tüchern verhüllte Sprachlosigkeit als bedrohlich. Beinahe so bedrohlich wie jedes Auto, das uns entgegenkommt oder überholt. Selbst wenn die Straße völlig leer ist, drehe ich mich spätestens alle zwei Minuten um. Die Erleichterung ist nur eine sehr vordergründige, jeder sich nähernde Lichtkegel genügt, um sie in ihre trügerischen Einzelteile zerfallen zu lassen und den kleinsten vernünftigen Gedanken augenblicklich ins Dickicht der Büsche zu schießen.

Die Polícia- Station in dem kleinen Weiler Mancia liegt direkt an der Straße und verfügt über ein Telefon. Zu unserer Enttäuschung kann es allerdings nur Anrufe empfangen. So wird es nichts mit unserem Vorhaben, von dort nach Maputo zu telefonieren, wo wir verabredet sind. Stattdessen machen wir auf Wunsch unseres Fahrers eine mäßig ambitionierte Aussage. Irritiert nehme ich zur Kenntnis, dass ich mich zum ersten Mal auf einer Polizeistation wohler fühle als draußen. Selbst wenn die letzte Etappe nicht mehr lange dauern kann, erscheint mir alles verlockender, als den Weg durch die Nacht fortzusetzen. Mein Vorschlag, die Nacht dort zu verbringen und bei Tagesanbruch weiterzutrampen, findet in Dimitris Ohren jedoch kein Echo.

So machen wir uns also auf, die letzten 78 Kilometer bis in die Hauptstadt zurückzulegen. Hin und wieder taucht aus dem Dunkeln ein Polizei- Kleinlaster auf, der uns begleiten soll. Da sind wir aber schon kurz vor Maputo und passieren die verslummenden Vororte, in denen niedrige Hütten und kleine Läden den matschigen Straßenrand säumen.

Es ist mindestens eins, als uns der Fahrer in der Avenida Lenine absetzt, wo einige Bekannte aus Inhambane seit Stunden auf uns warten. Großspurig haben wir ihr Angebot ausgeschlagen, das Auto eines Bekannten mit ihnen zu teilen. Zur gleichen Zeit sind wir heute morgen aufgebrochen - wie lange liegt das zurück!

Einige von ihnen sitzen noch unter dem Dach zusammen. Ob jetzt oder später, irgendwann muss es doch raus, abgesehen davon, dass unsere Mimik wahrscheinlich für sich spricht. Also erzählen wir unsere Geschichte gleich zu Beginn und begeben uns damit in gute Gesellschaft, denn zwei oder drei der Anwesenden haben ähnliche Erfahrungen hinter sich.

Und nicht nur das - erfahrene Kenner der Gegend, die sie sind, haben sie auch gleich einen Tipp parat. In der Innenstadt gibt es einen Markt, auf dem regelmäßig in Maputo angeschwemmte Hehlerware auftaucht. Dort, da sind sie sich sicher, könne ich morgen meine Kamera zurück erstehen ...

Doch dazu kommt es nicht mehr. Ziellos treiben wir am nächsten Tag herum. Ein ungekannter, halbherziger Schwebezustand trägt uns die durch die letzten Stunden in Mocambique und prägt die Begegnung mit Maputo. Die legendäre Stadt an der Schnittstelle von Afrika und Lateinamerika verströmt zwar einen bemerkenswerten heruntergerockten Charme, am markantesten erscheint mir jedoch die Abwesenheit der gestern noch allgegenwärtigen Palmen. In einem beständigen Ausfallschritt verbringen wir den Tag latent auf der Suche. Die Orte, auf die wir es abgesehen haben, sind das Museum der Revolution und, ironischerweise, eine Bank, um die leidigen Finanzen auszuloten.

Am Abend erreichen wir im letzten Moment die Chapas- Station und schaffen es nach einer längeren Verhandlung so gerade ins letzte Minibus-Taxi über die Grenze. An der ersten südafrikanischen Tankstelle außerhalb von Nelspruit lassen wir uns absetzen, um wenig später von einem der obligatorischen burischen Herrenmenschen spontan in seinen Mercedes verfrachtet und weiterkutschiert zu werden.

„Mocambique?“ Er schüttelt den Kopf, als er hört, wo wir gerade herkommen. Besucht hat er das Nachbarland auch schon, nur gefallen hat es ihm nicht: „That´s too much Africa for me!“ Die Ereignisse der letzten Nacht behalten wir lieber für uns.