Good for you, good for me!

von Oliver Klein

Wie Fremdkörper in einer unbekannten Welt stehen wir erst einmal herum und suchen dem westlichen Menschen vertraute Orientierungspunkte und Handlungsmuster. Schilder, Lautsprecherdurchsagen, Personal, anstehen, warten, Formulare ausfüllen, warten – bezahlen. Gefrühstückt hatten wir glücklicherweise noch kurz vor der Landung. Englisch sprechendes Personal und ein für hiesige Verhältnisse gut bestückter Geldbeutel stimmen uns jedoch zuversichtlich, dass wir uns auch hier zurechtfinden werden, obwohl ich mich eigentlich nie intensiver mit dem afrikanischen Kontinent auseinandergesetzt als man es als Abiturient im Leistungskurs Geographie unbedingt muss.

Die Orientierungslosigkeit der Touristen ist bei den Leuten hier gemeinhin bekannt, die prall gefüllten Geldbörsen schon legendär und so stürzt sich bereits am Flughafen eine Schar von locals auf uns, um eine ganze Palette von Dienstleistungen anzubieten.

Safari, traditionelle Volkstänze, River–Cruises und Rafting-Trips. Alles ist für einen gelungenen Aufenthalt essentiell, eine Leistung ist besser als die andere und alle enden in einem Ritual, in dem ein paar amerikanische Dollar den Besitzer wechseln.

Erst mal akklimatisieren bei einem gekühlten Drink, danach schnell ein Weltwunder auschecken. Die Viktoria Falls. Eine ganze Reihe von Wasserfällen über die der Zambezi aus über 100 Metern in die Batoka-Schlucht fällt. Nicht nur für Kajakfahrer ein atemberaubender Anblick. Hier machte schon der gute alte Pionier und Haudegen Livingston im 19.Jahrhundert dicke Augen. Wo geht’s denn hier zu den Wasserfällen? Ein Mann gibt uns hilfsbereit Auskunft und fährt uns hin. Die Fahrt dauert ca. 35 Sekunden und endet in dem eingangs erwähnten Ritual. Keinen Bock auf handeln, er kriegt was er will. Am Eingang zum Park um die Wasserfälle sieht die Sache anders aus. Die spektakulären Wasserfälle sind komplett eingezäunt und der Typ an der Pforte dreht das Spiel herum. Erst cash dann go. Na ja was soll’s, man kommt hier schließlich nicht jede Woche hin.

Tag 1 neigt sich dem Ende, die Orientierungsphase ist abgeschlossen, Unterkunft und Verpflegungsversorgung erscheinen gesichert und die Logistik unseres Kajakabenteuers ist für den nächsten Tag über einen lokalen Veranstalter organisiert, gegen cash und zwar im Voraus. Etwas widerwillig zahlen wir und sind um eine marktwirtschaftliche Erkenntnis reicher: Machst du Geschäfte mit der einheimischen, armen, schwarzen Bevölkerung zahlst du kleine Kohle, nachher. Machst du Geschäfte mit den hier lebenden Weißen, zahlst du viel Kohle und im Voraus. Egal, wenn wir uns erst einmal auskennen, klinken wir uns aus dem Ganzen einfach aus und gehen auf eigene Faust zum Kajakfahren, so wie sonst auch.

Tag 2, 8.30 Uhr. Headquarters von Sharewaters. Neben ein paar kleineren der größte lokale Veranstalter von kommerziellen Raftingtrips. Am Check-In warten, Formulare ausfüllen, bezahlen; ein inzwischen müßiges Procedere. Ich erkläre dem Menschen am Check-In, dass wir keine Pauschaltouristen sind und auf eigene Faust den Fluss befahren wollen, der Angestellte nickt und wenige Minuten später sitzen wir zusammen mit etwa 40 vollgefressenen Pauschaltouristen in einem Bus auf dem Weg zum Einstieg. Dort angekommen, steigen wir als Erste aus um diesem Alptraum endlich zu entkommen und suchen unsere Kajaks. Ein Afrikaner erzählt uns, dass die schon auf dem Weg zum Einstieg seien. Ungläubig schauen wir uns an, geht doch der Weg über einen unwegsamen und unbefestigten Trampelpfad ca. 400 Höhenmeter runter zum Fluss, kurz unterhalb der Viktoria Falls. Ok, gespannt machen wir uns auf den Weg und 20 Minuten später kommen wir zum Einstieg, wo unsere Kajaks schon auf uns warten.

Der folgende Trip ist unglaublich. Es dauert nicht lange und der Zambezi zieht jeden von uns in seinen Bann. Das warme Wasser und die einzigartige Canyonlandschaft lässt uns die Welt um uns herum bis auf weiteres vergessen. Als ein Raftingboot an uns vorbei fährt, erzählt uns der Guide, dass wir bald an einen Barbecue –Spot kämen, wo wir uns stärken könnten. Wenig später stehen wir inmitten einer Traube von Touristen und plündern hungrig das Buffet. Während die Touris im Schatten noch verdauen machen wir uns wieder auf den Weg. Die kommenden Stromschnellen des Zambezi sind durchaus schwer und verdienen Respekt. Immer wieder werden wir von Raftingbooten überholt und müssen zusehen, wie so mancher Tourist aus dem Boot gesaugt wird und für Sekunden unter den Wassermassen verschwindet und das durchmacht, wovon er später ausschweifend und heroisch im Hotel oder auf Postkarten berichten wird, nachdem er mit großen Augen und dicken Backen von einem Raftguide aus dem Wasser geangelt wurde...

Gegen 4 Uhr erreichen wir Rapid No. 23, den Ausstieg! Glücklich aber erschöpft nähern wir uns einer Menschentraube am Ufer des Flusses. Als wir näher kommen erkenne ich ca. 100-150 vorwiegend halbwüchsige Jungs die uns winken. Freundlich winken wir zurück und ahnen noch nicht, dass die da nicht zufällig stehen, um uns Kajakfahrern zu winken.

Je näher wir dem Ausstieg kommen, desto aufgebrachter wird die Menge, heftig gestikulierend. Die Kinder beginnen um die erfolgversprechendsten Plätze zu rangeln. Mit jedem Meter den wir uns ihnen nähern beginnt die Menge sich neu zu formieren, begleitet von lautem Rufen und Geschrei. „ Hey Mister, come to me, come to me.“

Das hatte ich zwar in anderen Ländern auch schon erlebt, wo der Anblick eines Kajakfahrers deshalb die Menschen verzückte, weil sie etwas derartiges vorher noch nie gesehen hatten. Dass diese Leute aber eine ganze Menge Kajakfahrer gesehen hatten, stand außer Frage und so erwachten wir aus unserer Euphorie mit der Erkenntnis, dass diese kids nur irgendeinen Ausrüstungsgegenstand aus der Schlucht hoch zu den Fahrzeugen der Rafting-Company tragen wollten, und zwar nicht aus Gastfreundschaft.

Wir beurteilten kurz die Lage und entschlossen uns, unsere Ausrüstung selbst aus der Schlucht zu tragen, schließlich legten wir Wert darauf, nicht wie gewöhnliche Touris aufzutreten. Kaum war der letzte Meter tiefes Wasser zwischen uns überbrückt rissen etwa zwei Dutzend Hände an Boot, Paddel und uns selbst. Ich hatte noch nicht ganz mein Boot verlassen ging eine energische Verhandlung über den Transport unserer Ausrüstung los. Ich versuchte den Jungs klarzumachen, dass ich entschlossen war mein Zeug selbst herauszutragen, wie es sich für einen ordentlichen Bootfahrer gehört, womit die Situation eskalierte. Die Meute wurde immer aggressiver und wir sagten, dass wir auch gar kein Geld bei uns hätten um sie zu zahlen, worauf man uns erklärte, dass wir nicht dafür zahlen müssten. „ No, no, Mister, Company pays; good for you, good for me my friend.“

Wir ergaben uns dieser Übermacht worauf hin unsere Ausrüstungsgegenstände in einem Handgemenge nach den Gesetzen des Stärkeren untergingen. Der Stärkste riss sich das Boot unter den Nagel, die Schwächeren Paddel, Schwimmweste und eine beträchtliche Anzahl von Kindern ging leer aus. No carry, no cash!

Auf dem Weg hoch sah ich Jungs die vielleicht 35 kg weniger wogen als ich, dafür aber gleich 2 Boote hoch schleppten, während ich genug damit beschäftigt war, meine eigenen 85 Kg aus der Schlucht zu bewegen.

Oben angekommen kam ich bei Sandwiches und gekühltem Bier mit einem Raftguide ins Gespräch. Dieser erklärte mir, dass die Kids genau wüssten, wann die Trips mit den Touris am Ausstieg ankämen, wo dann jeder versuchen würde möglichst viel an Ausrüstung für einen Appel und ein Ei zu tragen. Abhängig von der Cargo würde dann jeder einzelne von der Company, die diese Raftingtrips organisieren, bezahlt. Wer sich so über eine gewisse Zeit bewährt hat, kriegt mit viel Glück direkt einen Job bei der Company. Bewährt er sich wieder kann er nach einiger Zeit zum Raftguide aufsteigen, für die meisten das Ende der Fahnenstange. Immerhin, ein angesehener und verhältnismäßig gut bezahlter Job, den man aber auch nicht sein ganzes Leben lang macht. Einige schaffen es sogar, etwas Geld zu sparen und damit in Europa als Raftguide zu arbeiten. Die meisten jedoch unterstützen ihre Familie mit dem Geld. Vor diesem Hintergrund wurde mir klar, dass man an diesem Ort die gängige Rollenverteilung von Touristen und lokaler Bevölkerung nicht einfach durch „Boot-selber-tragen“ durchbrechen kann. Immerhin: Wir hatten einen grandiosen Tag und das Dutzend Kids einen Job.