SO VIEL DEUTSCHLAND

von Elsa-Maria Matiak

Eigentlich war ich die ganze Zeit auf der Rückreise – von Estland nach Deutschland. Auch wenn ich nicht immer den direktesten Weg gewählt habe. Aber mit dem Zurück-Kommen, dem Wieder-Kommen, habe ich wohl erst in Ungarn angefangen: Als ich die Grenze überquerte, war ich wieder im Westen. Vielleicht wirkt dieses Land anders, wenn man es von Deutschland aus sieht, von der anderen Seite her kommend wurde mir hier klar, was mich in Deutschland wieder erwarten würde. Ich war einkaufen in Budapest, Vollkornbrot im "Kaisers". Etwas schwermütig wurde ich bei dem Gedanken, dass dies nun wieder zur Normalität werden würde: Vollkornbrot und Supermarkt. Dabei hatte ich mich genau darauf anderthalb Jahre gefreut.


Als ebenso radikal empfand ich den Schritt über die nächste Grenze: Österreich. Bis Wien bin ich durchgefahren. Außer Straßen sah ich nicht viel vom Land. Straßen – und Werbung! Beides dafür in unfassbarer Menge. An keinem Plakat konnte ich vorbeigehen, ohne begierig jedes Wort zu lesen. Ich verschlang die deutsche Sprache. Es ging nicht anders. Ein Plakat ließ mich nicht mehr los: Ein weißer Strand, Palmen, zwei Liegestühle mit Sonnenschirmen. Alles riesengroß in leuchtenden Farben. Dazu der Text "Ohne private Altersvorsorge werden sie in Zukunft auf einiges verzichten müssen." Lange stand ich davor. Zweifelnd. Erschüttert. Das sind also die Probleme der Leute hier. Wie ein Hohn auf die Menschen, denen ich auf meiner Reise begegnet war. Unvorstellbar dieses Bild, dieser Satz in einer rumänischen Stadt. Ebenso undenkbar in Kiew oder Vilnius. "Irgendwas", dachte ich, "irgendwas läuft hier verdammt falsch." Selten ist mir das so deutlich geworden wie vor dieser 3x4.50m großen Bretterwand.

Trotzdem, erst mal wollte ich weiter. In zwei Tagen wollte ich in Kassel sein und es wurde schon dunkel. Um einfach draußen zu schlafen, war es zu kalt Ende November. Doch ich kam nicht weg aus Wien. Endlich fuhren mich drei junge Burgenländern an die richtige Autobahn, Richtung Deutschland. Wie seltsam es war, Leute zu treffen, die dieselbe Sprache sprechen. Mit denen man sich unterhalten kann – oder muss. Und in jedem Auto die gleiche Frage: "Wo kommst du gerade her?" So oft ich auch gefragt wurde in dieser Nacht – es hat mich jedes Mal überfordert. Was sollte ich sagen? Woher kam ich gerade? Ich hatte keine Lust immer wieder von vorn anzufangen, aber vergeblich:

"Aus Ungarn"

"Ah, schön. Urlaub gemacht, was? Wie lange warst du dort?"

"Nur fünf Tage. Auf der Durchreise von Rumänien."

"Rumänien? Wie interessant. Wie kamst du denn dahin?"

"Nun ja, ich kam aus der Ukraine. Also, eigentlich war ich in Estland..."

Nachts um drei war ich dann kurz vor Kassel an einer Raststätte. Ich hatte noch einen ganzen Tag Zeit, bis ich wieder daheim sein wollte. So beschloss ich, auf dem Weg nach Hause noch einen Freund zu besuchen, der in seinem Bauwagen in der Nähe von Bad Soden lebt.

Ich saß bei strömenden Regen unter dem Tankstellendach und wartete auf den Tag. Es dauerte verdammt lange, bis es hell wurde. Und kalt war es. Ich hatte zwar Geld bei mir, aber wie sollte ich mir was kaufen – Essen oder heißen Kaffee? Mit Euros? Nein, das ging nicht. So weit war ich noch nicht. Morgens nahm mich der Tankwart ein Stück mit und gab mir ein Brötchen. Und das in Deutschland? Na ja, er war Ausländer und vielleicht darum so nett?


Über kleine Nordhessische Dörfer trampte ich nach Bad Soden, lief durch diese Kleinstadt. Fachwerkhäuser und überall Menschen, die Deutsch reden. Alles, wirklich alles konnte ich verstehen und schaffte es nicht, einfach wegzuhören. Es ist anstrengend, in einem fremden Land die Sprache nicht zu verstehen, aber noch anstrengender ist es, wenn man nicht mehr weghören kann. Bei jedem deutschen Wort hörte ich auf, war sofort ganz wach, genau wie bei jedem deutschen Nummernschild, das ich erblickte. Und davon gibt es viele in Hessen.

Von meinem Freund hatte ich nur die Adresse, wusste nicht, wo das Dorf lag und auf welchem Weg ich dort hinkam. Ein deutsches Pärchen mit einer kleinen Tochter hielt an. Auch sie wussten nicht genau, wie man zu dem Dorf kam – aber, all meinen Vorurteilen zum Trotz können auch Deutsche nett sein. Nach wirrer Herumfahrerei fanden wir endlich die Adresse. Mein Freund war nicht zuhause. Vielleicht war es besser so. Sein Wagen war auf und so konnte ich in aller Ruhe Tee trinken und schlafen, bevor ich am nächsten Tag endgültig nach Kassel aufbrach.


Dort angekommen hielt ich neugierig Ausschau nach allem, was sich verändert haben könnte. Ich fuhr mit der Bahn, in die sie Mülleimer montiert hatten. Eine silberne Polizeistreife fuhr vorbei, früher war sie weiß.

Als ich vom Bahnhof zum Haus meiner Mutter lief, schaffte ich es kaum mehr, meinen Rucksack zu tragen, so schrecklich schwer war er auf einmal geworden. Langsam lief ich die Straße entlang, hatte keine Eile heimzukommen. Endlich stand ich vor dem grünen Tor, las mir ein gelbes Plakat durch, das daran hing: "Autorencafé". Da ging die Tür auf und meine Mutter trat heraus, um Brot kaufen zu gehen.