SCHICKSALSWAAGE

von Silvia Aliprandi

Koti, ein überfüllter Busbahnhof. Große grau-grüne Busse aus genietetem Blech, laut hupend machen sie sich den Weg frei. Menschen spritzen zur Seite, die Busse spucken wütend grau-blauen Qualm aus. Eine Frau, rosa gekleidet, rafft ihren Sari zusammen und läuft los, um noch auf einen anfahrenden Bus aufspringen zu können. Der Bus ist gestopft voll, der hintere Teil ist für Männer reserviert, sie stehen dicht gedrängt, drei Männer teilen sich die unterste Trittstufe.
Ich gehe auf die überdachte Wartehalle zu, zum Schutz vor der brütenden Mittagssonne und in der Hoffnung einen Sitzplatz auf einer der überfüllten Wartebänke zu bekommen. Sie sind jedoch alle besetzt, ich schaue mich um und will dem Beispiel einer jungen Frau folgen. Sie sitzt auf einer der beiden Waagen, große mannshohe Waagen mit drehenden Scheiben, silber-rot und weiß und aufleuchtenden Lampen. Gerade will ich mich hinsetzen, da steht ein älterer Herr auf und bietet mir seinen Sitzplatz auf der Bank an, wie freundlich. Ich bedanke mich und nehme mit einem kurzen Lächeln neben einer jungen Frau Platz. Ich behalte die ankommenden Busse im Auge.
Die Frau neben mir räuspert sich, wendet sich zu mir und fragt mich, auf was ich denn warten würde. Ich schaue in ihre kohlegeränderten schwarzen Augen.
- Bus No. 3 to Habsiguda
- Ah, I see.
Langes Schweigen, nervös spielt sie mit einem Geldstück in ihrer Hand. Und du, worauf wartest du, frage ich zurück. Auf meine Mutter, antwortet sie, wir wollen einkaufen gehen. Sie lässt das Geldstück in ihre linke Handfläche klatschen. Klatsch, klatsch. Ja, darauf warte sie auch, sagt sie und weist mit einer ungenauen Handbewegung auf die Waage. Der Mann neben uns, der interessiert unserer Unterhaltung gelauscht hat, bietet ihr an, das Geldstück umzutauschen. Nein, nein ist nicht notwendig, bedankt sie sich freundlich bei dem Mann, sie habe es passend - und hält ihm wie zum Beweis ihr Geldstück hin.

Eigentlich wisse sie ja, wie viel sie wiege, wendet sie sich mir wieder zu, aber sie müsse noch warten. Ich verstehe nicht ganz, warum wiegen, wenn sie ihr Gewicht kennt und überhaupt, wozu denn warten, frage ich mich und sage laut und ermunternd zu ihr, sie solle sich doch jetzt wiegen. Sie zögert einen Moment, bleibt unentschlossen sitzen, doch dann schaut sie mich lächelnd an, drückt mir ihre Handtasche in den Schoss, ob ich denn kurz darauf aufpassen könne und geht zielstrebig auf die Waage zu. Sie bückt sich, zieht ihre Schuhe aus und stellt sich auf die Waage und wartet kurz, bevor sie die 1-Rupie-Münze einwirft. Die Waage rattert kurz, Lichter blinken auf und aus dem unteren Schlitz kommt ein kleine braune Karte zum Vorschein. Sie hält inne, schaut sie sich an und strahlt plötzlich über das ganze Gesicht. Sie kommt zurück zur Bank. Die zuvor etwas zurückhaltende Frau, ist nun völlig aufgedreht und plappert aufgedreht, ja, es stimme einfach immer, einfach immer! Aufgelöst nimmt sie wieder neben mir Platz. Ich schaue sie immer noch verständnislos an, sie drückt mir die Karte in die Hand: 62kg- heute wirst Du einen Tyrannen erfolgreich besiegen, lese ich. Ungeduldig nimmt sie mir mit zitternden Finger die Karte wieder ab, es stimme immer, einfach immer, versichert sie mir erneut. Als ich immer noch nichts verstehe, erklärt sie mir, dass sie heute eine Auseinandersetzung mit ihrem Chef gehabt habe, ein wirklich fieser Typ; sie wollte heute früher frei bekommen, nachdem sie nun so viele Überstunden gemacht hatte und tatsächlich nach einigem Hin- und Her hat er ihr heute wirklich früher frei gegeben.
Überglücklich, dass sich die Botschaft mal wieder bewahrheitet hat, erzählt sie mir, dass sie in der Software-Branche arbeite, sie habe ihren Ph.D., ihren Doktortitel sogar. Ich bin überrascht, Doktortitel und Schicksalswaagen passen für mich überhaupt nicht zusammen und frage sie, ob sie täglich die Schicksalswaage benütze. Nein, nein nur zu bestimmten Anlässen , versichert sie mir.
Dann springt sie plötzlich auf, winkt aufgeregt einer älteren Frau zu, die am Ausgang des Busbahnhofes steht, dreht sich zu mir um, verabschiedet sich schnell, bevor ich sie fragen kann, was denn der heutige besondere Anlass war.