Koti, ein überfüllter Busbahnhof. Große grau-grüne Busse
aus genietetem Blech, laut hupend machen sie sich den Weg frei. Menschen spritzen
zur Seite, die Busse spucken wütend grau-blauen Qualm aus. Eine Frau, rosa
gekleidet, rafft ihren Sari zusammen und läuft los, um noch auf einen anfahrenden
Bus aufspringen zu können. Der Bus ist gestopft voll, der hintere Teil
ist für Männer reserviert, sie stehen dicht gedrängt, drei Männer
teilen sich die unterste Trittstufe.
Ich gehe auf die überdachte Wartehalle zu, zum Schutz vor der brütenden
Mittagssonne und in der Hoffnung einen Sitzplatz auf einer der überfüllten
Wartebänke zu bekommen. Sie sind jedoch alle besetzt, ich schaue mich um
und will dem Beispiel einer jungen Frau folgen. Sie sitzt auf einer der beiden
Waagen, große mannshohe Waagen mit drehenden Scheiben, silber-rot und
weiß und aufleuchtenden Lampen. Gerade will ich mich hinsetzen, da steht
ein älterer Herr auf und bietet mir seinen Sitzplatz auf der Bank an, wie
freundlich. Ich bedanke mich und nehme mit einem kurzen Lächeln neben einer
jungen Frau Platz. Ich behalte die ankommenden Busse im Auge.
Die Frau neben mir räuspert sich, wendet sich zu mir und fragt mich, auf
was ich denn warten würde. Ich schaue in ihre kohlegeränderten schwarzen
Augen.
- Bus No. 3 to Habsiguda
- Ah, I see.
Langes Schweigen, nervös spielt sie mit einem Geldstück in ihrer Hand.
Und du, worauf wartest du, frage ich zurück. Auf meine Mutter, antwortet
sie, wir wollen einkaufen gehen. Sie lässt das Geldstück in ihre linke
Handfläche klatschen. Klatsch, klatsch. Ja, darauf warte sie auch, sagt
sie und weist mit einer ungenauen Handbewegung auf die Waage. Der Mann neben
uns, der interessiert unserer Unterhaltung gelauscht hat, bietet ihr an, das
Geldstück umzutauschen. Nein, nein ist nicht notwendig, bedankt sie sich
freundlich bei dem Mann, sie habe es passend - und hält ihm wie zum Beweis
ihr Geldstück hin.
Eigentlich wisse sie ja, wie viel sie wiege, wendet sie sich mir wieder zu,
aber sie müsse noch warten. Ich verstehe nicht ganz, warum wiegen, wenn
sie ihr Gewicht kennt und überhaupt, wozu denn warten, frage ich mich und
sage laut und ermunternd zu ihr, sie solle sich doch jetzt wiegen. Sie zögert
einen Moment, bleibt unentschlossen sitzen, doch dann schaut sie mich lächelnd
an, drückt mir ihre Handtasche in den Schoss, ob ich denn kurz darauf aufpassen
könne und geht zielstrebig auf die Waage zu. Sie bückt sich, zieht
ihre Schuhe aus und stellt sich auf die Waage und wartet kurz, bevor sie die
1-Rupie-Münze einwirft. Die Waage rattert kurz, Lichter blinken auf und
aus dem unteren Schlitz kommt ein kleine braune Karte zum Vorschein. Sie hält
inne, schaut sie sich an und strahlt plötzlich über das ganze Gesicht.
Sie kommt zurück zur Bank. Die zuvor etwas zurückhaltende Frau, ist
nun völlig aufgedreht und plappert aufgedreht, ja, es stimme einfach immer,
einfach immer! Aufgelöst nimmt sie wieder neben mir Platz. Ich schaue sie
immer noch verständnislos an, sie drückt mir die Karte in die Hand:
62kg- heute wirst Du einen Tyrannen erfolgreich besiegen, lese ich. Ungeduldig
nimmt sie mir mit zitternden Finger die Karte wieder ab, es stimme immer, einfach
immer, versichert sie mir erneut. Als ich immer noch nichts verstehe, erklärt
sie mir, dass sie heute eine Auseinandersetzung mit ihrem Chef gehabt habe,
ein wirklich fieser Typ; sie wollte heute früher frei bekommen, nachdem
sie nun so viele Überstunden gemacht hatte und tatsächlich nach einigem
Hin- und Her hat er ihr heute wirklich früher frei gegeben.
Überglücklich, dass sich die Botschaft mal wieder bewahrheitet hat,
erzählt sie mir, dass sie in der Software-Branche arbeite, sie habe ihren
Ph.D., ihren Doktortitel sogar. Ich bin überrascht, Doktortitel und Schicksalswaagen
passen für mich überhaupt nicht zusammen und frage sie, ob sie täglich
die Schicksalswaage benütze. Nein, nein nur zu bestimmten Anlässen
, versichert sie mir.
Dann springt sie plötzlich auf, winkt aufgeregt einer älteren Frau
zu, die am Ausgang des Busbahnhofes steht, dreht sich zu mir um, verabschiedet
sich schnell, bevor ich sie fragen kann, was denn der heutige besondere Anlass
war.