Histoires de familles sénégalaises

von Marie-Hélène Peyret

In Fatick im Senegal sagt man, ich sei die „Maman de France“ von Cheikh, einem jungen Senegalesen, den ich bei mir in Annecy in Frankreich aufgenommen habe, um ihm ein Elektronik-Studium zu ermöglichen.

Unter diesem Namen verbrachte ich einige Tage bei seiner Familie in Fatick, einer kleinen Stadt im Norden des Saloum Deltas – vollständig eingetaucht ins Familienleben und in großer Komplizinnenschaft mit der richtigen Mutter von Cheikh.

Eine komplexe Verwandtschaft…

Nach meiner Ankunft: Vorstellungsrunde durchs Viertel und durch die Stadt mit Waly, einem Bruder von Cheikh. Der Respekt vor dem Alter verpflichtet – und der Begriff hat keine negative Konnotation, im Gegenteil. Wir fangen mit der ‚Großmutter’ an. Ich bin beglückt ihr ein Fläschchen Parfüm zu überreichen und bemühe mich, ihr die Grüße von Cheikh mit besonderer Herzlichkeit zu übermitteln.

Begrüßungen und Umarmungen…die ich wenig später mit einer anderen alten Frau wiederhole und dann mit zwei anderen und noch einer, alle genauso zahnlos und alles „Großmütter“ von Cheikh. Ich beginne zu begreifen, dass die erste von mir Beschenkte „nur“ die Ko-Ehefrau der „biologischen“ Großmutter von Cheikh war. Ein Unglück! Ich habe nicht Geschenke für alle alten Frauen des Viertels eingeplant. Ich habe Angst vor dem Fettnapf.

Denn obwohl die älteren Damen ausschließlich Wolof sprechen, lässt sich mein Fehler nicht mit Sprachschwierigkeiten entschuldigen. Waly spricht sehr gut französisch, nur verwendete er den Begriff „Großmutter“ eben nicht allein für die beiden weiblichen Vorfahren mütterlicher- und väterlicherseits.

Während des gesamten Nachmittags verwirren sich die Stränge der Verwandtschaftsbeziehungen immer wieder. Die „großen Brüder“, die wir auf dem Markt begrüßen, sind in Wirklichkeit die älteren Freunde meines Begleiters oder von Cheikh. Oder sie sind Kinder des Onkels, während sie wie bei uns „Cousins“ sind, wenn sie Kinder der Tanten sind.

Wurde ich jetzt einer „Schwester“ von Fatou vorgestellt, oder lerne ich gerade ihre Ko-Ehefrau kennen? Oder die Schwester „gleicher Vater, gleiche Mutter“? Oder ganz einfach ihre beste Freundin…Und man kann nicht etwa damit rechnen, sich anhand des Vornamens zu orientieren. Die gleichen Namen kehren immer wieder, da die Vornamen der senegalesischen Babys nicht der Fantasie ihrer Eltern entspringen sondern aus Respekt gegenüber den Vorfahren ausgewählt werden.

Aber warum eigentlich verstehen wollen? Die Strapazen der Reise und die Hitze haben mich in einen geistigen Zustand versetzt, der mich ohne Anstrengung von der sehr engen Konzeption der weißen Familie in die idyllische Vision einer schwarzen Gemeinschaft wechseln lässt: das strahlende Lächeln und die physischen Zuneigungsbekundungen der unzähligen Angehörigen machen die Vorstellungsrunden euphorisch!

Familien, ich liebe Euch !

Ja, ihr seid solidarisch und das ist wunderbar!

Die bettlägerige Großmutter wird das Ende ihrer Tage nicht in der Kälte eines Altenheims verbringen sondern umringt von ihren “Enkelkindern“, den echten und denen des ganzen Viertels selbstverständlich, die laut um sie herumspringen und bis zum Schluss eine Atmosphäre des Lebens um sie erhalten.

Nilane, 14 Jahre alt, die Schwester „gleicher Vater gleiche Mutter“ von Cheikh, wurde von ihrer Tante in Dakar aufgenommen um ihre erfolgreiche Schullaufbahn fortsetzen zu können und nicht zwischen den Schulaufgaben und den zahlreichen Haushaltspflichten in einer Familie mit acht Kindern hin- und hergerissen zu werden.

Als wir mit der Zubereitung des Abendessens fertig waren, vor der Aufteilung des Huhns ‚yassa’ helfe ich der Mutter von Cheikh einen Anteil in vier oder fünf Portionen „zum Mitnehmen“ aufzuteilen, welche die kleinen Brüder rechtzeitig den „Großmüttern“, den „Cousins“, einem alten Mann auf der Durchreise zu einer Beerdigung vorbeibringen.

So viele kleine Entdeckungen, die meine Euphorie andauern lassen.

Trotzdem träume ich nicht wirklich vom Leben der Mutter von Cheikh als Arbeits-Scharnier dieser erweiterten Familien-Solidarität. Würde ich es akzeptieren nachts aufzustehen, um die kranke Alte zu beruhigen oder ihre Sachen zu wechseln, nachdem ich morgens als Aufsicht im Gymnasium gearbeitet, zuhause die Kleinste gestillt und abends für zwanzig Personen gekocht hätte?

Familien, ich hasse Euch!

Und es ist nicht nur ein feministischer Reflex, diejenigen zu verteidigen, auf denen die zerdrückenden Lasten des Alltags liegen. Auch ihr Männer könnt zu Gefangenen dieser Familienbindungen werden.

Zur Korité, das Fest zum Ende des Ramadans, möchte Waly (ein anderer, der Mann der älteren Schwester von Insa dem Vater von Cheikh, seiner ersten Frau, die in Dakar lebt, eine Ziege schenken. Waly weiß sehr genau, dass Insa großen Wert auf seine Erscheinung als gehobener Geschäftsmann legt: tadelloser Anzug, modische Sonnenbrille, Handy…und dennoch fragt Waly ihn, ob er die lebende und daher meckernde und pissende Ziege nach Dakar bringen mag. Natürlich weiß er, dass das kein Zuckerschlecken sein wird in den verschiedenen öffentlichen Transportmitteln, die man für die 150km von Fatick nach Dakar benutzen muss. Er weiß auch, dass Insa ihm als Familienälteren diesen Dienst nicht verweigern kann. Und ich bin sicher, dass er sich schadenfroh über das Bild des an die Ziege geketteten, be-anzugten Insa amüsiert. Vielleicht brachte er der Ziege sogar bei, lauter zu meckern, proportional zur Sorge um Diskretion desjenigen, der die Leine hält und innerlich seinen Schwager verflucht.

Und dann bin ich mir auf einmal nicht mehr so sicher, dass es mir immer gefällt als „Maman de France“ von Cheikh angesehen zu werden und damit als vollständiges Mitglied dieser senegalesischen Familie mit ihren ebenso widersprüchlichen wie unzerbrechlichen Beziehungen.

Übersetzung: Steffen Schülein