Cha don! Angmo, cha don! Schlaftrunken rieb ich meine Augen. Wo war ich? Ach ja, in Ladakh, bei meiner Gastfamilie, in einem kleinen Dorf inmitten des Himalaja. Und ich hieß jetzt Angmo, nicht mehr Steffi, so hatte es die Familie am ersten Abend entschieden. Ein Blick auf die Uhr, 6:30, draußen war es bereits hell. Ama-le (die Mutter) stand vor meinem Fenster und forderte mich auf Tee, zu trinken. Aufstehen war angesagt.
Kaum hatte ich meine Zimmertür geöffnet, kam mir auch schon die Nonne entgegen und begrüßte mich mit den Worten: Angmo, cha don!. Ja ja, gleich, aber erst einmal wollte ich mir draußen am Bach die Zähne putzen und aufs Klo gehen. Ich stieg die Holzleiter zum Loch im Boden empor. Die Mauer rundherum ging mir bis zu den Kniekehlen. Na gut, dann musste ich ihnen eben meinen nackten weißen Hintern zeigen: Guten Morgen, Dorf. Danach schnell zum Tee trinken, sogar der Großvater kam mir schon mit den Worten Cha don! entgegen.
Endlich saß ich in der kleinen Küche mit meiner Tasse Tee in der Hand, fühlte die Wärme der Tasse an meinen Lippen. Ohne die Aufforderung der Nonne, den Tee zu trinken, hätte ich es vielleicht vergessen. Dann war es getan, die erste Tasse Tee am Tag war getrunken. Doch das war erst der Anfang, denn kaum hatte ich ausgetrunken, unterbrach die Nonne ihre allmorgendliche Rezitation der Mantras mit dem Satz: Angmo, cha don!. Ob es ein neues Mantra war, das Cha-don-Mantra? Cha don! Angmo, cha don! Don-le!. Ich schenkte mir eine neue Tasse des stark gezuckerten Tees mit Milch ein. Ama-le kam herein und sagte auf dem Weg zur Küche Don-le. Was sollte ich denn noch machen, mehr als Tee trinken konnte ich nicht. Es gab noch etwas Kholak (Gerstenbrei) zum Frühstück, dann ging es los, ein weiterer Arbeitstag begann.
Wohin wir gingen verstand ich nicht recht, aber wahrscheinlich zum Aprikosengarten, so wie fast jeden Tag. Die Kuh nahmen wir mit. Kurz darauf waren wir in dem Garten, in welchem es vor lauter Aprikosen gelb-orange leuchtete. Tausende Aprikosen lagen auf dem Boden und warteten darauf, von uns aufgelesen und entkernt zu werden. Stundenlang saßen wir da, entkernten die Früchte. Ich schwieg die meiste Zeit, denn was konnte ich schon Großartiges auf Ladakhi sagen. Körbeweise wurden die Aprikosen ausgeschüttet und wenn wir fertig waren, kam ein weiterer Korb. Zwischendurch wurde Buttertee gekocht, gesalzener Tee mit einem ordentlichen Stückchen Butter obendrauf. Mir wurde Tee eingegossen, die fünfte, sechste, siebte Tasse Tee an diesem Tag. Irgendwann war es mir egal. Cha don. Don-le!. Ein kräftiger Schluck, das Fett runter schlürfend, damit ich den Rest des Tees in Ruhe trinken konnte. Die Arbeit ging weiter, die Gespräche auch, aber ohne mich. Bis Ama-le mich wieder aufforderte Angmo cha don! Don-le! Ja, Ama-le, ich lächelte sie an, aber innerlich dachte ich mir, verdammt, ich kann meinen Tee auch alleine trinken, lasst mich endlich in Ruhe! Doch die Nonne stimmte ein: Don-le!. Und ich leerte meine Tasse Tee. Und während ich trank, forderte mich auch noch der Vater auf, Tee zu trinken. Dik-le sagte ich immer wieder, es ist okay, ich brauch keinen Tee und dangs-le, ich bin voll. Aber das half nicht viel. Sie versuchten, mit mir über andere Dinge zu sprechen, wiederholten bestimmte Wörter immer wieder, aber mehr als Hamago-le (Ich versteh es nicht) antworten und grinsen konnte ich nicht. Das brachte uns wenigstens gemeinsam zum Lachen. Aber dann kehrten sie doch wieder zum Tee-Dialog zurück.
Am Ende eines langen Tages lag ich schließlich im Bett. Cha don! Cha don! schwirrte es mir im Kopf herum und ich freute mich auf eine große Tasse Milchkaffee, sobald ich wieder in Deutschland sein würde. Da war ich nun, in Ladakh, machte dieses Projekt mit, um das Land besser kennen zu lernen als die normalen TouristInnen und zum Austausch. Aber ohne eine gemeinsame Sprache ist es gar nicht so einfach. Dankbar wird man für die kurzen Momente, die man wirklich teilen kann, wie das gemeinsame Lachen, einen verstehenden Blick und das vage Gefühl, gemeinsam an einer Sache zu arbeiten.