Kamel ist mittlerweile 73 Jahre alt. Dieses Alter merkt man ihm nicht an, wenn er mit blitzenden Äuglein über die Pläne für sein neues Café spricht. Seit dreizehn Jahren lebt er an der Teerstrasse zwischen Bordj Omar Driss und Hassi Messaoud im Südosten Algeriens. Etwa zehn Kilometer von seiner Wohnstätte entfernt, liegt Hassi Bel Gebbour, ein Ort mit einer warmen Schwefelquelle hinter vier oder fünf mickrigen Palmen, einem großen Militärgebäude, einer Militärschranke, einem Café und ein paar Häusern.
Kamel will nicht erzählen, warum er sich ausgerechnet diesen Platz zum Leben ausgesucht hat. Hier gibt es nichts. Hinter seinem Haus, das aus einiger Entfernung wie ein Schrotthaufen aussieht, liegen in 20 Kilometern Entfernung hohe gelbe Sanddünen. Vor seinem Haus befindet sich eine Teerstraße, und dann bleibt der Blick bis zum Horizont an nichts mehr hängen, eine unendliche unbewachsene Ebene breitet sich aus. Nähert man sich der Behausung, entdeckt man Gänge, die in den Schrotthaufen führen, und ein entsetzlich lautes Hundegebell hebt an. Aus allen möglichen Materialien - Wellblech, Holzstücken, Autoteilen oder Paletten - hat sich Kamel eine niedrige aber weit verzweigte Behausung gebaut, in der auch seine acht Hunde Platz finden, die ihr Revier und ihren Herrn unbarmherzig verteidigen. Überall hängen Schilder, flattern Fahnen, auf denen zu lesen ist: Café du Triangle de Bermuda (Café zum Bermudadreieck). Das ist das Café von Kamel, seine Überlebensgarantie, vor allem aber sein Kontakt zur Außenwelt.
Als wir bei Kamel halten, um ein wenig zu rasten, führt er uns sofort zu einem neuen Kuriosum, als ob seine Behausung noch nicht genug gewesen wäre. Vor zwei Jahren, erklärt uns der magere kleine Mann mit den langen grauen Haaren und dem grauen Bart, den er zu einem dünnen Zopf gebunden hat, sei ein Lastwagen nur fünfzig Meter vor seinem Haus liegengeblieben und ausgebrannt. Zwei Schweizer Touristen mit ihren Wüstenunimogs haben ihm das quaderförmige Gerüst des Lastwagenhinterteils vor sein Haus gezogen, und Kamel hat trotz mangelnden Werkzeuges und schwindender Körperkraft ganz langsam, aber unermüdlich daran gearbeitet, das Gerüst zu verkleiden. Nun steht da ein holzverkleideter Quader in der Wüste mit ordentlichem Fußboden und gezimmerten Stühlen darin: Kamels neues Café. Er bittet uns Platz zu nehmen und bietet uns einen äußerst starken und wohlschmeckenden Kaffee aus einer österreichischen Thermoskanne an, an der Wand hängen Fotobilder aus einem Schweizer Kalender. Seinen grauen Jogginganzug, die Adidas- Turnschuhe und die blaue Nordseefishermans-Wollmütze haben sicher auch europäische TouristInnen dagelassen. Auch die Lastwagenfahrer kennen Kamel. Sie halten an, wenn er mit seiner Plastikflasche am Straßenrand steht und geben ihm Wasser. Sie lassen ihm Reste für seine Hunde da und besorgen ihm Materialien für sein Café.
Es ist nicht einfach, sich mit Kamel zu unterhalten, denn er scheint sehr schwerhörig zu sein. Es dauert lange, bis er eine Zwischenfrage versteht, und so lassen wir ihn lieber erzählen und lauschen seinen Geschichten. Geboren und aufgewachsen ist er an der algerischen Mittelmeerküste, in der Kabylei. Im Zweiten Weltkrieg musste er für die französische Kolonialmacht in Europa kämpfen. Als er versuchte, zu einem Verwandten zu fliehen, der in Deutschland lebte, wurde er drei Monate in der Schweiz im Gefängnis festgehalten, bevor er nach Algerien zurückkehren musste.
Wir fragen Kamel, ob er sich ein richtiges Café wünscht, mit einer Glastheke, in der Cola- und Limonadendosen glänzen, mit einer Kaffeemaschine und Porzellantassen, mit einer Toilette und Telefon. Er winkt bloß grinsend ab. Das würde doch nicht für ihn passen. In Kamels Welt gibt es kein Geld. Alle Leute, die bei ihm halten, lassen ihm als Bezahlung für den Kaffee etwas zurück, das er brauchen oder bei den Lastwagenfahrern eintauschen kann.