"Il faut nous donner de l’argent !"

von Katrin Arnholz

Togo liegt an der Küste von Westafrika zwischen Ghana im Westen, Burkina Faso im Norden und Benin im Osten. Die ehemals deutsche und später französische Kolonie war in den 80ern das beliebteste Ziel deutscher Touristen in Westafrika. Togo wurde seit 1967 von Gnassingbe Eyadema regiert. Seit den Massenunruhen zu Beginn der 1990er, bei denen tausende Oppositionelle bei dem Versuch, die Diktatur zu beenden, ums Leben kamen, ist der Tourismus eingeschlafen. Eine Deutsche und ein Franzose haben im November 2004 das Land besucht.

Ankunft. Als sie aus dem Flughafengebäude treten, schlägt ihnen feuchte, warme Luft wie eine Wand entgegen. Sie kann gerade noch die Kronen der Palmen gegen den Nachthimmel wahrnehmen, da sind sie schon von Menschen umringt: Sie zerren am Gepäck. Sie rufen "Taxi! Taxi!", obwohl die beiden mittlerweile schon um ein Auto herumstehen - das, mit dem der Gastgeber gekommen ist, um sie abzuholen. Neben dem Wagen stellen sich plötzlich Musikanten auf, die anfangen zu trommeln und zu singen. Geld, Geld, hat sie vielleicht etwas Geld übrig? Hände zupfen an ihren Ärmeln. Gesichter drängen in ihr Blickfeld, so nah, dass das Weiß der Augen in der Dunkelheit bedrohlich wirkt. Müde. Warum dauert alles so lange? Warum können sie nicht endlich einsteigen?

Lomé. Die Hauptstadt. In der Dunkelheit kann sie fast nichts sehen. Ab und zu tauchen am Straßenrand die Stände von Verkäuferinnen, von Kerzen beleuchtet, auf und entschwinden wieder. Ihr Blick erhascht Orangen, zu Pyramiden aufgetürmt. Kochbananen in Blechschüsseln frittiert. Zahnbürsten, Seife. Keine Straßenbeleuchtung. Von der Regierung abgeschaltet, im ganzen Land, sagt der Gastgeber. Stau. Mopeds vor, hinter, neben dem Fahrzeug. Durch das geöffnete Fenster pumpt ein Moped unaufhörlich Abgase herein. Sie hält die Luft an. Wie lange? Sie biegen in eine Seitenstraße ein. Der Wagen schaukelt, fährt Slalom. Keine Löcher, sondern richtige Schluchten und Täler in der Sandpiste, gefüllt mit Steinen, Müll und manchmal Wasser. Es ist das Ende der Regenzeit.

Strand. Hier ist der Strand, sagt er. Palmen links. Die Hafencontainer rechts in der Ferne. Roter Sand, grobkörnig. Sie halten neben einem kleinen Müllhaufen. Während sie runter zum Wasser gehen, sieht sie, wie eine Frau die Röcke hebt und auf den Sand kackt.

Strand, anders. Hier kostet er Eintritt. 1000 CFA Francs, das sind etwa 1,50 Euro. Der Sand ist gesiebt und weiß. Im Strandrestaurant gibt es Salate zu essen, gegrillten Fisch, Hummer, Garnelen und teuren französischen Wein zu trinken. An den Tischen sitzen nur Weiße. Und ein schwarzes Paar. An den Fingern des Mannes stecken Goldringe. Seine Frau hat grüne Schuhe an, die vorn ganz spitz zulaufen und einen sehr langen Absatz haben. Auf der Rückfahrt nehmen die beiden Touristen zwei Kellnerinnen mit. Die Frauen sagen, manchmal müssten sie 16 Stunden lang arbeiten, eine Schicht nach der anderen.

"Il faut nous donner de l’argent !". Vom höchsten Berg in Togo kann man direkt nach Ghana sehen. Nicht nur das. Auf dem Berg herrscht das Militär, das Gelände ist mit Satellitenschüsseln und Radargeräten vollgestellt. Die beiden Touristen fahren auf den leeren Parkplatz. Sofort kommt eine Horde Kinder angerannt, mit Stöcken bewaffnet. "Il faut nous donner de l’argent", ruft der Rädelsführer ihnen forsch entgegen. "Sie müssen uns Geld geben!" Die beiden sagen: "Geld muss man sich erarbeiten. Wenn ihr wollt, könnt ihr unsere Führer sein." Doch die Kids verstehen kein Wort. Sie kennen nur den einen französischen Satz.

Winken. Sie fahren Sandpisten entlang. Links und rechts von Zeit zu Zeit eine Gruppe von Lehmhütten. Das Lenkrad wackelt bedrohlich. Zu viele Schlaglöcher. Hühner und kleine Ziegen tapsen über die Piste. Am Straßenrand die reinste Völkerwanderung. Manchmal ganze Familien. Auch der kleinste, ganz hinten, trägt noch ein volle Blechschüssel auf dem Kopf. Sie sind auf dem Weg vom oder zum Markt, laufen kilometerweit in Badelatschen oder ganz ohne Schuhe. Viele grüßen die beiden, drehen sich trotz der Last auf dem Kopf zum Auto, lächeln, winken. Die Kinder strahlen, hüpfen, rufen "Yovo, Yovo, Bonsoir!" ("Hallo Weißer!") Am Anfang fühlt sie sich wie Jacques Chirac oder James Brown, wenn er geflissentlich seine Hand durch die kleinen Autofensterspalte steckt und winkt. Doch dann fängt sie an, von allein zu grüßen. Nach links, nach rechts. Eine Frau bleibt stehen, dreht sich nach dem Wagen um, runzelt die Stirn. Als die Fremde sie grüßt, verfliegt in Sekundenschnelle der finstere Blick. Eine Lächeln breitet sich aus. „Hallo!„ Beim Vorbeifahren dreht sich die Deutsche um. Die Frau steht hinter dem Wagen in einer Wolke aus Sand und Abgasen.

Pause. Sie wollen Rast machen, haben alles dabei. Gefeilscht und gekauft auf dem Markt. Brot, Avocado, Tomaten, Zwiebeln, Wasser. Es reicht für zwei. Da keiner auf der Straße ist, halten sie an. Packen aus. Plötzlich steht da jemand. Ein alter Mann, auf einen dünnen Ast gestützt. Das Gesicht runzelig, dünne, knochige Beine. Er steht am Straßenrand und schaut sie unentwegt an. Soll er seine Siedlung bewachen, rausfinden, was die Fremden hier wollen? Aber er bewegt sich nicht, auch als er sieht, dass sie nur rasten wollen. Sie hat plötzlich keinen Hunger mehr. "Komm, lass uns woanders hinfahren", sagt sie.

Ein paar Meter weiter auf derselben Straße. Kein Mensch. Sie halten an, packen aus. Innerhalb von Minuten ist wieder einer da. Diesmal ein junger Mann, auch mit Stock. Auch er blickt unentwegt, manchmal lächelt er ein bisschen. Sollen sie ihm was abgeben? Unglücklich blicken sie auf ihre magere Ausbeute vom Markt und entscheiden sich für die Tomaten. Der junge Mann nimmt den Beutel, lächelt dankbar, will weggehen. Da kommen drei Kinder. Verzweifelt schauen die Touristen nochmal in den Kofferraum. Ah, noch zwei kleine Tüten Trinkwasser und eine leere Plastikflasche. Die Kinder strahlen, fangen sogleich an zu trinken, wenden die Augen nicht von den beiden Fremden ab. An Essen ist nicht zu denken. In ein paar Metern Entfernung eine Staubwolke. Eine ganze Horde Kinder kommt angeprescht. „Los, weg hier!„ kreischt sie, springt ins Auto und knallt die Tür schnell zu.

Nackte Brüste. Wir sind bei diesen Leuten zuhause. Das sagt sie sich immer wieder. Sie steigen in die Küche der Lehmburg ein, klettern auf den Speicher, nehmen den Deckel ab und beäugen Körner. Er fotografiert Tierschädel an Hauseingängen, Knochen im Wohnzimmer. Der Reiseführer sagt, die Tamberma glauben daran, dass Fetische sie vor bösen Geistern und bösen Tieren beschützten. Die Frauen laufen barbusig herum. Um den Bauch haben sie ein Tuch gewickelt. Er zückt den Fotoapparat und drückt ab. Ihr ist schlecht.

Abschied. Vor dem Flughafengebäude steht das Abschiedskomitee: die Gastgeber, der Vater des Franzosen, Kuete. Kuete ist der Hausdiener. Er hat kein Geld. Die Touristen schütteln Hände, küssen Wangen, bedanken sich, sprechen Einladungen aus. Neben Kuete steht der Vater. Er ist sonst Taxifahrer in Hamburg. Er fragt: "Kann ich euer Restgeld haben?"