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Neapel - Bochum - Rimini. Arbeiten in Deutschland. Urlaub in Italien

Zu beziehen bei:

Westfälisches Industriemuseum, Zeche Hannover 111, Grubenweg 5, 44388 Dortmund

Während seit Mitte der fünfziger Jahre etwa zwei Millionen ItalienerInnen zum Arbeiten in die Bundesrepublik kamen, folgten zur selben Zeit Millionen von Deutschen für kurze Zeit ihrer Urlaubssehnsucht nach Italien. Diese gleichzeitige, gegenläufige „Wanderungsbewegung“ nahm das Westfälische Industriemuseum zum Anlass für eine – mittlerweile beendete - Ausstellung, um nach „gegenseitigen Vorstellungen, Klischees und Vorurteilen, Wunsch- und Traumbildern“ zu fragen.

Tourismus und Migration werden dabei nicht als völlig neue Phänomene verhandelt. In den einleitenden Aufsätzen der Begleitbroschüre und des Ausstellungskatalogs wird immer wieder auf die lange Geschichte beider „Bewegungen“ hingewiesen. So schloss die italienische Arbeitsmigration an eine jahrhundertelange Geschichte der Einwanderung an, die bereits 1937 zu einem ersten Anwerbeabkommen zwischen den damaligen „Achsenmächten“ führte. Aus „Arbeiter-Gästen“ wurden ab 1943 Zwangsarbeiter, und schließlich „Gastarbeiter“. „Auf der anderen Seite“ sammelten zahlreiche Deutsche bereits mit der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ erste Italienerfahrungen, ab 1939 verbrachten viele Soldaten ihren „Fronturlaub“ an Italiens Küste.

Vor diesem Hintergrund untersuchen die AutorInnen „die ausgeprägte Italiensehnsucht, die Mitte der fünfziger Jahre weite Teile der deutschen Bevölkerung ergriff.“ Zahlreiche abgebildete Exponate und Zeitdokumente der Ausstellung illustrieren – in der Ästhetik der 50er Jahre - teilweise sehr amüsant die bundesdeutschen Vorstellungen von „italienischer Lebensart“.

Italien wurde mit Sonne, Wein, Musik assoziiert, der Lebensstil des „dolce far niente“ (süßes Nichtstun) schien nach den „entbehrungsreichen“ Zeiten des Wiederaufbaus ideal für Urlaubsträume. Der Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung war meist auf wenige Begegnungen mit touristischen DienstleisterInnen begrenzt, „die bekannten Medienbilder wurden reproduziert und mit einer persönlichen Note versehen“. Diese im Urlaub als angenehm und entspannend empfundenen Klischees wurden „daheim“ jedoch gegen die italienischen Arbeitsmigranten gewendet. Was deutsche Schlager und Reiseprospekte als „dolce vita“ und „amore“ anpriesen, wurde nun als „arbeitsscheu“ und „belästigend“ ausgegrenzt, direkter Kontakt vermieden. Eine gleichberechtigte Begegnung fand nie statt, weder im Ruhrgebiet, noch in Italien. Die „Italiensehnsucht“ nahm dennoch auch „zu Hause“ einen immer größeren Stellenwert ein. Sie beförderte eine zweite, quasi dem Tourismus folgende Migration. Pizzerien und Eiscafés wurden mehrheitlich von neuen MigrantInnen aus Norditalien eröffnet und weniger von den bereits dort lebenden SüditalienerInnen.

Durch diese Gegenüberstellung von „Italien“- und „Italiener“- Bildern bietet die Broschüre zahlreiche Beispiele für eine Kritik am multikulturalistischen Diskurs, der sich die Welt anhand seiner eigenen Projektionen und kulturalistischen Deutungen erklärt. Toleriert wird nur, was noch als angenehm konsumierbar gilt, sei es bei multikulturellen Festen oder „exotischen“ Restaurants. Auch wenn sich die beliebtesten Urlaubsdestinationen und damit die Projektionen mittlerweile verlagert haben, bleibt das touristische Wahrnehmungsraster identisch: was im Urlaub als exotisch und spannend angesehen wird, wird zu Hause zur Bedrohung der „eigenen Identität“ stilisiert.

Schade ist jedoch, dass die AutorInnen an dieser Stelle keine tiefergehende Kritik an Macht und (kollektiver) Identitätsbildung formulieren, sondern bei den üblichen Appellen zum „gegenseitigen Kennenlernen“ stehenbleiben.

Rezension: Manuel Geller

Zur Zeit wird über eine veränderte Neuauflage als Wanderausstellung verhandelt. Anfragen dazu und Bestellung der Broschüre:

Westfälisches Industriemuseum, Zeche Hannover 111, Grubenweg 5, 44388 Dortmund

Tel.: 0231 – 6961 – 233

Fax.: 0231 – 6961 – 238

E-mail: zeche-hannover@lwl.org

Homepage: www.zeche-hannover.de

 

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