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PublikationenLiteraturDimensionen alltäglicher Judenfeindschaft»Lungenkranke und Israeliten werden nicht aufgenommen.« So zu lesen an der Pension Kersten in Fallingbostel im Jahre 1914 - und an hundert anderen Hotels in Deutschland. Kein Einzelfall also, wie Frank Bajohr in seinem brillant recherchierten Buch zum so genannten Bäder-Antisemitismus belegt. »Unser Hotel ist judenfrei« schildert die Entwicklung des Bäder-Antisemitismus in deutschen Seebädern vom Kaiserreich bis zum Dritten Reich. Laut Bajohr eröffnet die Beschäftigung mit dem Thema den Zugang zu Dimensionen alltäglicher Judenfeindschaft in Deutschland, die bislang deutlich weniger Beachtung gefunden haben als die Analyse antisemitischer Ideologie. Besonders auf der Insel Borkum kam es bereits um 1870 zu massiven Pöbeleien und Übergriffen auf jüdische Touristen. Der Bäder-Antisemitismus war ein einträgliches Geschäft, denn antisemitische Einstellungen der Hoteliers kamen bei den neuen »Mittelstandstouristen« gut an. Seit Ende des 19. Jahrhunderts differenzierte sich das Publikum in den Seebädern nach sozialen Kriterien zunehmend aus. Waren früher nur gesellschaftliche Eliten in den Bädern zu Gast, erschien nun eine zunehmende bürgerliche Mittelschicht, nach der Jahrhundertwende auch Vertreter des Kleinbürgertums. Reisen wurde für immer mehr Menschen erschwinglich, so verzehnfachte sich die Zahl der Kurgäste allein von 1880 bis 1900. Das klassische Klientel, der Adel, verlor quantitativ an Bedeutung, zur dominierenden reisenden Gruppe zählten nun Kaufleute und Bankiers, Angestellte und Beamte. Dennoch blieb Reisen vor dem ersten Weltkrieg bürgerliches Privileg, es war Statussymbol, wurde als Heiratsmarkt genutzt und diente zur sozialen Abgrenzung nach unten. Deutsche jüdische Gäste waren - gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil - überrepräsentiert, da sie, laut Bajohr, ein betont bürgerliches Sozialprofil aufwiesen. Nun gab es zwischen den bürgerlichen Mittelstandstouristen auch soziale Unterschiede. Und da, wo Repräsentieren so wichtig ist, wird auch die Betonung der »feinen Unterschiede« innerhalb der Gruppe wichtig. Hier war nun der Neid der weniger begüterten Badegäste Antrieb für antisemitische Einstellungen. Das Stereotyp des verhassten »Parvenüs« sollte eigene Inferioritätsängste schwächen. Und auch die alten Eliten waren nicht zimperlich in ihrem Antisemitismus: »Es war kein Zufall, dass Juden diese Aversion in besonderer Weise auf sich zogen, weil sie als sozial mobile Bevölkerungsgruppe das verhasste soziale Aufsteigertum repräsentierten, das vor allem die weniger vermögenden Angehörigen der traditionellen Eliten als Bedrohung ihres gesellschaftlichen Ranges ansahen«. Bis zum Erlass des Reiseverbotes für deutsche Juden im Jahre 1937 sollte sich die Situation in den Seebädern noch mehrfach radikalisieren zunächst in den 20er Jahren, als antijüdische Stereotype Erklärungsmuster für wirtschaftliche Krisen lieferten und sich der gesellschaftliche Antisemitismus zunehmend mit dem politischen verknüpfte; ab 1933 schließlich verstärkt durch Aktionen der NSDAP. Zu den wichtigsten Quellen Bajohrs gehören die Veröffentlichungen des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV). Der Verein, 1893 gegründet und in der Reichspogromnacht 1938 liquidiert, war die größte Organisation zur Vertretung jüdischer Interessen in Deutschland. Der CV veröffentlichte regelmäßig Listen mit Adressen antisemitisch eingestellter Hotels und Gaststätten, um seinen Mitgliedern erniedrigende und gefährliche Situationen zu ersparen. Während des Nationalsozialismus schließlich wurde die totale Ausgrenzung realisiert. »Vor 1933 war der Bäder-Antisemitismus in erster Linie von Hotel- und Kurgästen ausgegangen, nach 1933 verlagerte sich die Initiative auf die ,Hoheitsträger’ der örtlichen NSDAP« auf dem Weg zum »judenfreien« Strand. Iris Erbach Frank Bajohr: »Unser Hotel ist judenfrei.« Bäder-Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert. Fischer, Frankfurt a. M. 2003, 233 Seiten, Euro 12,90
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