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The Moralisation of Tourism -
eine Predigt für touristische Freiheit

The Moralisation of Tourism. Sun, Sand and . . . Saving the World. Jim Butcher. Routledge, London 2003. 176 Seiten. ISBN 0-415-29656-0. £18.99.


Jim Butcher erteilt in seinem Buch "The Moralisation of Tourism" dem alternativen Tourismus eine deutliche Absage. Mit seiner Metakritik greift er insbesondere die "neuen", sozial oder ökologisch sensiblen Reiseformen heftig an und verurteilt ihren moralischen Charakter als unverantwortlichen Hemmschuh für den doch dringenden Fortschritt für die Armen. Butcher schafft den doppelten Salto, sich einerseits der richtigen Argumente klassischer Tourismuskritik kräftig zu bedienen und zugleich die Fehlannahmen der Fürsprecher für die verschiedenen Varianten des neuen Tourismus treffend zu hinterfragen. Die er dann in ein Plädoyer für den ganz normalen Tourismus überträgt, das die nach wie vor kritikwürdigen Folgen der touristischen Normalentwicklung aber vollständig ausblendet.

Die oft fraglichen Konzepte für fairen Tourismus, für sozialverträgliche Öko-Tourismusangebote und Instrumente der Selbstregulierung für eine gemeinsame soziale Verantwortung laufen auf Hochtouren. Nachdem nun selbst in den Chefetagen der großen Entwicklungsagenturen ein gemeindebasierter und auf Armutsbekämpfung ausgerichteter Tourismus mustergültig ist, die Welttourismusorganisation einen Kodex für ethischen Tourismus verabschiedet und die UN den Ökotourismus als Vorbild für eine nachhaltige Entwicklung schlechthin deklariert hat, stellt sich auch die Branche zumindest vereinzelt der Thematik. In eben dieser Atmosphäre spielt Butcher mit dem ironischen Untertitel "Sun, Sand ... and saving the world" auf Weltverbesserer-Allüren und die in seinen Augen illusionäre Vision eines neuen Tourismus als Modell nachhaltiger Entwicklung an. Er karikiert in spitzer Überzeichnung den tourismuskritischen Mythos (fair-reisen-ist-besser-Reisen) und verbindet dabei durchaus richtige Kritik mit höchst problematischen Fehlannahmen.

In den fünf Kapiteln benennt das Buch sehr treffend einige Schwächen der klassischen Tourismuskritik: Die generelle Problematisierung der Masse und des all-inclusive Sektors sowie eines nur auf Erholung und Spaß zielenden Reisens ohne die Absicht der Kulturbegegnung, wird scharf und mit durchaus zutreffenden Argumenten angegriffen. Der UN wirft Butcher vor, viele der populären Mythen konservativer Naturschutzorganisationen bedient zu haben. Er verwehrt sich dagegen, dass der Erhalt traditioneller Kulturen nun als moralisches Gebot in einem Aufwasch mit dem Naturschutz auf die Agenda vorgerückt ist. So würden nun große Teile Afrikas im Namen der Weltgemeinschaft zu Naturschutzgebieten erklärt, in denen die Bevölkerung als Wildhüter, Führer und Köche für die sich erholenden Ökotouristen schuften dürften. Auf diese Weise würde im Namen nachhaltiger Entwicklung ein Hurra auf die Armut und ein Nein zum Fortschritt politisch durchgesetzt. Doch könne selbst "die menschenfreundlich gehaltene Rhetorik, mit der das Thema der "lokalen Gemeinschaften" und "Völker" in der Québec-Deklaration und in den Dokumenten der NGOs behandelt wird, … nicht darüber hinwegtäuschen, dass die örtlichen Bewohner und deren Hoffnung auf Fortschritt als ein Problem gesehen werden."

Butcher greift damit ein Thema auf, das einen blinden Fleck tourismuskritischer Initiativen und Nichtregierungsorganisationen trifft. Das Stichwort Kulturzerstörung gilt als Klassiker der Tourismuskritik seit den 60er Jahren. Nahezu ungebrochen verteidigen einige konservative Stimmen kulturelle Unterschiede weitgehend ungebrochen als erhaltenswertes höheres Gut gegen eine diffus imperialistische Zerrüttung, gegen Verwestlichung und Normierung oder schlicht gegen "Überfremdung". Tatsächlich ist es erklärtes Ziel der Québec-Deklaration, die anlässlich des Internationalen UN-Jahres des Ökotourismus 2002 verabschiedet wurde, "den Prozess der ethnischen Bewusstmachung zu stärken" und "die Fähigkeiten und Traditionen der Gemeinschaften wie zum Beispiel Kunsthandwerk und traditionelles Wohnen zu erhalten". Jüngst erst machten sich die Ecumenical Coalition und der Papst anlässlich des Welttourismustages für den Erhalt der kulturellen Vielfalt und Traditionen stark. Reichlich ignorant gegenüber hierarchischen Strukturen und der Tatsache, dass die als indigen und naturverbunden imaginierte Lebensweise der Einheimischen oft genug das Resultat von Unterdrückung und sozialer Ausgrenzung, von Marginalisierung und sozio-ökonomischen Zwängen ist, wird dem Tourismus von einigen VertreterInnen alternativer Tourismuskonzepte ein kulturerhaltendes Potenzial zugesprochen. Tatsächlich reproduzieren diese neuen Konzepte vielfach (post)koloniale Strukturen.

Doch klingt Butcher unangenehm zynisch, wenn er "Elend als (Urlaubs-)Ziel" synonym für "Ökotourismus" benutzt. Skepsis ruft hervor, wenn er einerseits die UN mit dem nicht falschen, doch sehr pauschalen Vorwurf konfrontiert, die Aufwertung von Ökotourismus als nachhaltige Entwicklung verschärfe die Armut in Entwicklungsländern, andererseits unkritisch das Potenzial des ganz normalen Tourismus als Arbeitgeber lobt. Er verkennt erstens, dass "Ökotourismus" weniger Realität als vielmehr rhetorisches Konzept ist, welches eine touristische Erschließung immer neuer Regionen legitimiert, ohne tatsächlich den Ansprüchen von Gemeindepartizipation und Empowerment zu genügen. Letztlich ist es der von Butcher befürwortete ganz normale Tourismus, der von der alternativen Rhetorik profitiert und immer neuen Reiseziele erschließt. Zweitens bringt er das Bedürfnis der Armen nach Einkommen und das Begehren der Urlauber nach Spaß auf den gleichen Nenner - moralisch unhaltbar seien jene Moralisten, die das eine oder andere ignorierten und kraft ihrer neuen Tourismusangebote straften. Herrschaftliche Verhältnisse innerhalb der touristischen Realität und der Beziehung zwischen Reisenden und DienstleisterInnen stehen ebenso wie die Realitäten hinter der Kulisse (die vielfach belegten sozio-ökonomischen und ökologischen Folgen des Tourismus) bei Butcher nicht zur Debatte. Drittens verschweigt oder ignoriert Butcher selbst, dass Armut nicht archaischer Urzustand sondern vielmehr auch das Ergebnis von moderner Entwicklung ist - und unterscheidet sich damit kaum von denjenigen, die er kritisiert.

Zuerst zeichnet Butcher ein Bild von schuldbewussten Travelern oder reumütigen Möchte-Gern-TouristInnen, für die sein Buch dann gerade noch zur rechten Zeit kommt. Zwar stimmt es, dass das einstige Anders-reisen-ist-besser-Reisen-Image der Backpacker kränkelt, nachdem die (meist teuren) Fair-Reise-Angebote sich häufen und die Urlaubserzählungen unter Freunden nicht mehr nur nach größtmöglicher low-budget Mentalität, sondern immer häufiger auch nach ihrer "Sozialverträglichkeit" beurteilt werden. Doch setzt Butler das so gezeichnete Bild von schuldgeplagten Reisenden bewusst ein, um sie zum Reisen zu motivieren. Und um - ganz nach dem Motto "der Kunde ist König" - mit seiner fraglichen Analyse primär an die Branche und die Gastländer zu appellieren.

Beide, so der Klappentext, seien dem "Einfluss des neuen moralischen Tourismus ausgesetzt". Butcher warnt, dass die Moralisten den positiven Effekten des ganz normalen Tourismus entgegen wirkten: "Mass tourism has done far more to increase access to diverse environments . . . than it has spoiled them for others" (S. 61). Seine Versuche, die eigene Position als aus einer sozialen Verantwortung erwachsene darzustellen, klingen jedoch bemüht und wenig überzeugend: "Refuse to buy a coral necklace and you may contribute to coral conservation, but the vendor may be a little poorer as a result" (S. 73). E redet von guilt ridden ÖkotouristInnen und wirft der Alternativreiseszene vor, für deren unangebrachte Schuldgefühle verantwortlich zu sein, um so seine eigene das Postulat der ökonomischen Freiheit gründende Moral zu kaschieren. Sein nur als Polemik lesbares Buch hat wenig analytische Tiefe - nachvollziehbare Gründe für das eher versteckte Plädoyer für den ganz normalen Tourismus liefert es jedenfalls nicht. Ärgerlich ist der Stil insbesondere deshalb, weil ein vorwurfsvoller Unterton mitschwingt und Butcher eben das, was er den neuen Tourismusformen vorwirft, von Seite zu Seite, von Kapitel zu Kapitel, selbst vollzieht - ein höchst unsympathisches, moralisches Unterfangen.

Martina Backes

 

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