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Kurz belichtet: Ausflug zum Aufstand

Nach dem Modell der Zapatours in Chiapas sprießen mittlerweile auch in Argentinien Angebote für »Besichtigungstouren des urbanen Widerstands« aus dem Boden. Die besetzte Textilfabrik Brukman wurde schon von mehr als 500 ausländischen Leuten besucht. Einige andere Streikposten (piquetes) bekommen fünf bis sechs »Gringo-Besuche« in der Woche. Dabei sind ein Großteil der BesucherInnen nicht etwa Touristen, die sowieso im Land umherreisen und sich auch dort einmal umschauen wollen. Die meisten kommen ausschließlich, um die Piqueteros zu besuchen. Sie sehen sich als AktivistInnen und haben häufig den Hintergedanken, eine wissenschaftliche Arbeit darüber zu schreiben oder einen Film zu drehen. Es gibt Leute, die nur Kurzzeitbesuche machen, und solche, die als dauerhafte Freiwillige in Versammlungen und Volksküchen anwesend sind. Und es gibt Besucher, die Selbstorganisierungs-Projekte durchführen wollen und sich in billigen Hotels einquartieren oder in den Häusern der Piqueteroviertel mitwohnen.

In den Asembleas (Versammlungen) sorgt das zum Teil für amüsierte Verwunderung: Da kommen die Fremden in eine Versammlung, in der gerade die konkreten Probleme eines Stadtviertels diskutiert werden, fotografieren wie wild, sprechen mit der Versammlung, steigen in ihren Mini-Bus und zerstreuen sich wieder in alle Himmelsrichtungen. Carlos, ein Mitglied der Asemblea del Cid Campeador (einer ehemaligen Bank, die nun besetzt ist) berichtet: »Eines Nachmittags kam ein Bus an, aus dem 40 Deutsche im Altersdurchschnitt von 60 Jahren ausstiegen. Sie kamen vom Weltsozialforum in Porto Alegre, hatten Bolivien, Peru und Chile bereist und studierten soziale Bewegungen. Sie kannten die Asemblea aus Indymedia und kamen unangekündigt. Sie bezeichneten die Asembleas als einzigartiges Phänomen, als mögliche Zukunft, spendeten bei einer Schulspeisung Säfte und Lebensmittel und sagten, dass sie es gut gefunden hätten, wenn noch viel mehr Banken in Asembleas transformiert worden wären.«

»Ich kam hierher, um die Explosion eines Modells zu sehen, das sich in den letzten Dekaden durchgesetzt hatte«, beschreibt eine Aktivistin ihre Reisemotivation. »Ich bin mit dem Kapitalismus nicht einverstanden, ich glaube, man kann von Argentinien viel lernen. Die Leute hier haben mehr Ahnung von wirklicher Demokratie, in der schlimmsten Krise waren die Leute am solidarischsten. Wenn ich mit meinen Artikeln dazu beitrage, dass jemand weiß, dass Buenos Aires nicht die Hauptstadt von Brasilien ist, ist das schon etwas. Ich kam mit einer Anti-Konsumhaltung, aber heute versuche ich mit der argentinischen Ökonomie zusammenzuarbeiten, z.B. in kleinen Läden einzukaufen anstelle von großen Supermärkten.«

Ezequiel von Cid Campeador beschreibt, dass ihm in Porto Alegre »von einem Südafrikaner ein überhöhtes Bild entgegengehalten« worden sei. Er habe sich gefühlt, als ob sie (die Asemblea) »eine Kolonne Che Guevaras« sei. Natürlich sei das auch reizvoll: »Wenn du etwas Gutes machst, dann kommen die Leute deshalb und wollen das anschauen. Cid Campeador gefällt das, aber es gibt auch Asembleas, denen das auf die Nerven geht.« Zwar werden Aktivisten umgekehrt auch nach Europa eingeladen, um dort Reden zu halten. Die Idee einiger Aktivisten, den Widerstand auszuweiten, einen globalen Piquete zu organisieren und die Flughäfen der wichtigsten europäischen Städte zu blockieren, wurde jedoch als unpraktikabel abgelehnt.

Javier Brailovsky und Romina Ruffato

(aus der argentinischen Tageszeitung pagina12, www.pagina12.com.ar. Übersetzung und Bearbeitung: Steffen Schülein)

 

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