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Greenwash oder Alternative? – Bücher zum Thema Ökotourismus

Seit einigen Jahren ist Ökotourismus als Schlagwort der Tourismusindustrie ebenso beliebt wie als Zauberformel nachhaltiger Regionalentwicklungskonzepte. Soziale und ökologische Prinzipien scheinen sich widerspruchslos mit dem ständig wachsenden Angebot an organisierten Naturerlebnissen zu vertragen. Auch in der Literatur, die den ökotouristischen Boom zu reflektieren versucht, wird selten zwischen den werbewirksamen greenwash-Konzepten und gesellschaftskritischen Ansätzen für nachhaltigen Tourismus unterschieden.

»Ecotourism – alter Wein in neuen Schläuchen?«, fragt daher Zac Goldschmidt, einer von 24 Autoren des Buches Sustainability in Mountain Tourism. Sein Beitrag spießt die gängigen Irrtümer der Konzepte zur Entwicklung eines nachhaltigen Tourismus in Nepal, Indien, Bhutan und Pakistan auf. Die Forderung nach Partizipation, so Goldschmidt, darf nicht dazu missbraucht werden, den ‚Bereisten’ Entscheidungsgewalt über den Tourismus vorzugaukeln, während ihnen aufgrund extern verursachter wirtschaftlicher und sozialer Zwänge nur diese eine Option zur Auswahl bleibt. Ansonsten bewegt sich das Buch weitgehend im Rahmen der Logik der UN-Nachhaltigkeitsstrategie mit ihrem Ziel der erfolgreichen Integration des Himalaya in den globalen Tourismusmarkt. Zwar erfährt der Leser eine Fülle interessanter Details über die Problemlagen in der Region. Auch die zentrale Frage nach der Integration des Tourismus in die bestehende Landnutzung wird angesprochen. Doch gehen die Ansätze kaum über die üblichen Strategien eines partizipativ abgesegneten Managementansatzes und den Glauben an Tragfähigkeitsmodelle innerhalb unschädlicher ökologischer und sozialer Grenzen hinaus. Der entscheidende Schritt hin zu einer Verknüpfung von Selbstbestimmung mit der Wahl von Kriterien für Tragfähigkeitskonzepte wird nicht gemacht.

Durch eine Fülle von Einzelstudien versucht das Buch Ökotourismus – Reisen zwischen Ökonomie und Ökologie den Blick auf die Relevanz des Spezifischen in den bereisten Regionen zu lenken. Doch die »theoretischen Aspekte« im ersten Teil isolieren Detailfragen über den Tourismus vom politisch-ökonomischen Gerüst des weltweit verwobenen Tourismusmarktes, der bis ins Lokale wirkt. Somit kann die ansonsten informative Bewertung von Erfolgen und Misserfolgen bei dem Versuch, Naturschutz durch Tourismus zu verwirklichen, wenig überzeugen.

In eine ähnliche Richtung geht der zweite Band von Ecotourism – A Guide for Planners and Managers. Seine Fragestellung lautet: Kann der Schutz von Nationalparks mit Hilfe des »Ökotourismus« wirksam finanziert werden? Eignet sich der vielversprechende Entwurf eines kommunal verantwortlich geführten Ökotourismus? Das pragmatische Wie des Buches spiegelt das stetig zunehmende Interesse vieler Tourismusmanager und -ministerien wider, die mit dem Ökotourismus einen Nationalpark oder ein ganzes Land als vermarktbares Produkt im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig machen wollen. Zwar heben die Autoren die Komplexität der Situationen hervor, die keine Patentrezepte zuließen. Doch ein kritisch fragendes ‘Ob’, das die globalen ökonomischen Strukturen thematisiert, in denen ökotouristische Produkte verfangen sind, ist nicht Thema des Buches. Die Auflistung von Detailfragen ist dennoch ein wertvoller Hinweis auf die Vielfalt der Konflikte, etwa bei der Partizipation der Bevölkerung. Doch leider bleiben die Autoren hier die Frage schuldig, ob Ökotourismus als Konzept eines selbstbestimmten kommunalen Entwickungsmodells überhaupt tauglich ist oder ob dieses nicht vielmehr als legitimatorisches Instrument in den Dienst der Entwicklung ökotouristischer Nischenprodukte gestellt wird.

Anders Yörn Kreib und Angela Ulbrich, die in ihrem Buch Gratwanderung Ökotourismus eine Unterscheidung zwischen Ökopokus, dem grünen Nebel um Ökotourismus, und ernsthaften »Strategien gegen den touristischen Ausverkauf von Kultur und Natur« (so der Untertitel) vornehmen. Sie wagen es, die Unsinnigkeit der touristischen Neuerschließung von Naturräumen für die Einrichtung von Schutzgebieten zu verurteilen. Ebenso deutlich wird der Wunsch als Illusion benannt, das heutige Massenprodukt Reisen für Umwelt und Sozialstruktur verträglich zu gestalten, und es wird ein gesteuerter Rückgang der Touristenzahlen gefordert. Mit Fallbeispielen wird auf die Unwägbarkeiten bei der Umsetzung ökotouristischer Konzepte aufmerksam gemacht und dadurch der Mythos von der Planbarkeit eines grünen Tourismus mit der Realität konfrontiert. Um so befremdlicher wirkt ein Beitrag, der für persönliche Reise-Ökobilanzen plädiert: Die Idee, über den Handel mit Positivbilanzen, die man durch weitgehenden Reiseverzicht erwirbt, einen Ausgleich für die Ungerechtigkeiten zwischen Arm und Reich schaffen zu können, erscheint absurd und widerspricht der Denkweise des Buches. Denn darin wird »Reisen« als Haltung, als Situation und nicht als Konsum- oder Wegwerfartikel gesehen.

Auch Deborah McLaren zögert nicht in Rethinking Tourism and Ecotravel, widersprüchliche Folgen des Tourismus zu benennen: Reisen sei Grundlage für ein wachsendes Bewußtsein für die internationalen Probleme und zugleich Basis für gemeinsame politische Aktionen gegen die globalisierte Tourismusindustrie. Dabei spielten sich alle Reisen innerhalb sozio-ökonomischer Herrschaftsstrukturen ab und unterstützten damit auch ihre zerstörerischen Potentiale. Reisen könne zwar den gegenseitigen Respekt für Kultur und Natur fördern, der abhängig sei vom individuellen Erleben. Doch gleichzeitig drohe Betäubung durch die Informationsflut. Die Autorin fordert wissenschaftliche Analysen über die strukturellen Rahmenbedingungen des Tourismus, warnt aber zugleich vor den Unzulänglichkeiten des westlichen (Wissenschafts)Verständnisses, das die heutigen Formen des Reisens samt aller Rahmenbedingungen erst geschaffen hat. So will McLaren die Sichtweisen der lokalen Bevölkerung aus den bereisten Regionen, ihre Beurteilung sozialer Verhältnisse und ökologischer Parameter einbezogen wissen.

So manches Nachhaltigkeitspostulat wird von der Autorin durch Hintergrundanalysen als Fiktion enthüllt. In der Hoffnung, über persönliches Engagement und durch öffentlichen Druck die greenwash-Konzepte disqualifizieren zu können, zeigt das Buch Handlungsoptionen auf, ohne in die Sackgasse des Pragmatismus abzugleiten. McLaren schafft es, auf die individuelle Verantwortlichkeit im Tourismus zu setzen, ohne einer Verzichtsethik das Wort zu reden. Ihr geht es um emanzipiertes Denken und Handeln, das sich gegen die Mythen der globalisierten Tourismusindustrie wehrt.

Martina Backes (FernWeh – Forum Tourismus und Kritik im iz3w)

Patricia East, Kurt Luger, Karin Immann (Hrsg.): Sustainability in Mountain Tourism – Perspectives for the Himalayan Countries. Studien Verlag, Innsbruck-Wien 1998.
Ludwig Ellenberg, Marion Scholz, Birgit Breier (Hrsg.): Ökotourismus – Reisen zwischen Ökonomie und Ökologie. Spektrum Verlag Heidelberg 1997.
Kreg Lindberg, Megan E. Wood, David Engeldrum: Ecotourism – A Guide for Planners and Managers. Volume 2, The Ecotourism Society, North Bennington, Vermont, 1998.
Yörn Kreib und Angela Ulbrich (Hrsg.): Gratwanderung Ökotourismus, Ökozid 13, Focus Verlag, Giessen, 1997.
Deborah McLaren: Rethinking Tourism and Ecotravel. Kumarin Press, West Hartford, Connecticut, 1998.

 

 

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