Publikationen

Buchbesprechung – Aus der Geschichte von Frauenreisen

Reiseberichte von Frauen in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs sind das Thema von Ulla Sieberts Grenzlinien – Selbstpräsentationen von Frauen in Reisetexten 1871-1914.
Die Autorin legt damit eine grundlegende Analyse der Frauenreiseproblematik vor. Nachdem in den 80er Jahren noch die Biografieforschung im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Frauenreisen stand, stellt Siebert nun unterschiedliche Wahrnehmungen von Frauen in den Vordergrund, die zur selben Zeit reisten. Im ersten Teil untersucht sie das Selbstbild von reisenden Frauen und betrachtet die dabei entstehenden »Grenzlinien« zu anderen Reisenden. Dabei wird detailliert und verständlich der Perspektivenwechsel innerhalb der feministischen Frauenreiseforschung beschrieben, der weg von einer alleinigen Konzentration auf die Wahrnehmung des Fremden oder auf Geschlechterbeziehungen hin zu einer Untersuchung der multiplen Beziehungen zwischen reisenden Frauen führt. Damit rückt der Gender-Ansatz aus dem Zentrum der Analyse. Dies steht in enger Verbindung mit einem diskursanalytischen Ansatz, der außer der Kategorie »gender« noch »race« und »class« einbezieht. Ihre genaue Betrachtung der sozialgeschichtlichen Hintergründe von Frauenreisen mündet in der Untersuchung von Reisemotiven und Reisezielen. Außerdem beleuchtet Siebert die Wichtigkeit von Netzwerken für reisende Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert, denn »insbesonders Frauen gleicher sozialer, deutscher oder europäischer Herkunft stellten Kontakt zueinander her« und nahmen eine scharfe Abgrenzung zum touristischen »Reisepöbel« vor. Sieberts akribische Aufzeichnung der für Frauenreisen relevanten Diskurse – von der Funktion von Pseudonymen und Widmungen über die Bedeutung von Zielgruppen bis hin zu geschlechtsspezifischer Raumwahrnehmung sowie der Haltung reisender Frauen zu Rassismus und Sklaverei – verleiht dem Buch Handbuchcharakter für alle, die sich mit Reisetexten beschäftigen.

Im zweiten Teil wendet Siebert diese theoretischen Erkenntisse exemplarisch auf zwei Reiseschriftstellerinnen der Kaiserzeit an. Eng am Text vergleicht sie die Selbstpräsentationen von Sophie Döhner (1844-1933) und Therese von Bayern (1850-1925), beide allein reisende Vertreterinnen des Bürgertums bzw. Adels. Hier ist der alleinige Vergleich Döhners und von Bayerns für die LeserInnen allerdings nicht ganz einsichtig – eine Spezialisierung im »großen Stil« auf mehrere kontrovers diskutierte Autorinnen der Epoche wäre nach dem weitblickenden und vielversprechenden Einleitungsteil angemessener gewesen. Im Schlussteil konzentriert sich Siebert noch einmal auf Selbstbilder. Dieser Ansatz sollte laut Siebert auch auf männliche Reisende derselben Epoche angewendet werden, um die komplexe Beziehung zwischen öffentlichen Repräsentationen und privaten Aufzeichnungen von Reisenden darzustellen. Sieberts Buch lässt letztendlich hoffen, dass die Reiseforschung neue Wege gehen kann und statt des Postulats vieler Forscherinnen – »entweder Biografieforschung oder Textanalyse« – eine vielschichtige und verbindende Analyse von kulturellen, sozialen und sprachlichen Zusammenhängen denkbar wird.

Rosaly Magg

 

Aktivitäten |Themen | Publikationen | Archiv | Links | Kontakt | Impressum