Publikationen

Ready for Tourism?

Wiederaufbau und soziale Konflikte
nach der Tsunami-Katastrophe in Südthailand


 

Broschüre: 55 Seiten
Preis: 3,00 EUR zzgl. Porto
Erscheinungstermin: Juni 2005

Herausgegeben in der Reihe Focus Asien
zusammen mit dem Asienhaus Essen


Einleitung


Bereits wenige Tage nach dem verheerenden Tsunami - im Fernsehen liefen noch die Bilder von den Aufräumarbeiten - verkündete die Welttourismusorganisation: "Come Back to The Indian Ocean". Ihr Motto steht stellvertretend für die Reaktion verschiedener Tourismusgremien. "Anstatt Geld in die Spendenbüchsen zu werfen und zu Hause zu bleiben, würde es mehr helfen, das Geld mitzubringen und hier als normaler Tourist auszugeben", rät der Tourismusverband von Phuket Anfang Januar. Die thailändische Tourismusbehörde (TAT) sprach gar von einem "zweiten Tsunami", einer Wirtschaftskrise, unter der Thailand infolge ausbleibender Touristenankünfte leiden könnte. Kritiker der Wiederaufbaupläne benutzen den gleichen Begriff. Allerdings befürchten sie, dass sich die soziale Krise erst aufgrund von Privatisierung und Vertreibung, Ausgrenzung und Illegalisierung im Zuge der touristischen Erschließung nach dem Tsunami verschärft.

Nachdem das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) bereits im Januar Entwarnung gegeben hatte und in sieben Punkten die Risikosicherheit des touristischen Sektors begründete, gab die Welttourismusorganisation (WTO) Anfang März anlässlich der Internationalen Tourismusmesse Berlin auch für Thailand Entwarnung. Das Vertrauen in eine schnelle Erholung des Tourismus in den betroffenen Gebieten sei hoch, für die kommende Wintersaison rechne man bereits wieder mit ansteigenden Besucherzahlen. Tourismus wird als Devisenbringer zitiert, der den Wiederaufbau finanzieren und die einheimischen Wirtschaften ankurbeln könne.

Nachdem die touristische Entwicklung der 60er und 70er Jahre offensichtlich nicht die Einkommenseffekte für die lokale Bevölkerung zeitigte, die man sich von diesem Sektor versprochen hatte, übten die Entwicklungsagenturen viele Jahre Zurückhaltung in Sachen Tourismusförderung. Seit einigen Jahren wird Tourismus erneut als Instrument zur Armutsbekämpfung propagiert, während die Kritik an den sozialen und ökologischen Auswirkungen nahezu verstummt ist. Diesem neuerlichen Boom möchten wir auf den Grund gehen. Was sind die Motive, welche Interessen werden dabei vertreten, was haben die neuen Konzepte, über die nun nach dem Tsunami vermehrt die Rede ist, mit Armutsbekämpfung überhaupt zu tun? Wo werden armutserzeugende Strukturen gestärkt oder beseitigt, wo geht es um Umverteilung und wer profitiert davon? Welche Ursachen der sozialen Katastrophe infolge des Tsunami wurden verschwiegen, an denen auch der Tourismus mitbeteiligt ist?

Die Broschüre möchte aufzeigen, welche sozialen Disparitäten durch Tourismus geschaffen wurden, welche durch sein Ausbleiben und die neuerliche Tourismusförderung noch verschärft werden. Um diesen Fragen nachzugehen, möchten wir zunächst die (touristische) Situation an der Küste Thailands in der Zeit vor dem Tsunami in Erinnerung rufen.

Auch die Wiederaufbaupläne setzen an ganz unterschiedlichen Interessen an. Betrachtet man die Situation der prekär Beschäftigten, die Konflikte zwischen dem formellen und informellen Sektor oder zwischen den lokalen Gemeindeinteressen und den sich an einem globalen Markt und gesamtvolkswirtschaftlichen Bilanzen orientierten Akteuren, so entpuppt sich Tourismus in nahezu jedem Fall als Motor sozialer Polarisierung. Uns ist es ein Anliegen, gerade diejenigen Schicksale und Akteure zu benennen, die in der Euphorie des touristischen Wiederaufbaus aus der Wahrnehmung Thailands leicht herausfallen - oder deren Lebensrealitäten romantisiert, verachtet oder ignoriert werden: die SexarbeiterInnen, Flüchtlinge und MigrantInnen aus den Nachbarstaaten, prekär Beschäftigte, StrandverkäuferInnen und Hotelangestellte, Fischergemeinden und touristisch noch unerschlossene ländliche Gebiete.

Kurz nach der Katastrophe verschaffte die Erkenntnis, dass die Auswirkungen des Tsunami durch Tourismus und andere industrielle Entwicklungen erheblich verschlimmert worden waren, den Rufen nach einer Umkehr in der Tourismuspolitik Gehör. In der Tat fehlt die Ausrichtung am Nachhaltigkeitsparadigma in kaum einem Statement, von lokalen Umweltorganisationen über die Pläne der Regierung bis hin zu den Strategiepapieren der Welttourismusorganisation (WTO-OMT) oder der UNEP. Auch in Thailand selbst existiert diese Sichtweise, die insbesondere von Umweltorganisationen eingefordert wird.
Mittlerweile ist der Wiederaufbau der Tourismusinfrastruktur relativ weit fortgeschritten. Alternative Tourismuskonzepte oder auch wirtschaftliche Alternativen zum Tourismus - wie etwa die subsistenzorientierte Küstenfischerei - werden in der Regel in den Wiederaufbauplänen gar nicht in Betracht gezogen oder von den Entwicklungen überrollt. Es scheint, als würden Tourismusindustrie und internationale Hotelketten die Gunst der Stunde nutzen, um endlich langersehnte Umstrukturierungsmaßnahmen durchsetzen zu können. Touristische Investitionen, Vertreibungen von Strand- und StraßenhändlerInnen sowie Umsiedlungen von ganzen Dörfern stehen nicht mehr unter dem Verdacht der reinen Profitgier, sondern werden als moralisch gebotene Hilfe oder als Schritt zum nachhaltigen Tourismus gepriesen. Dass der Wiederaufbau eher von oben diktiert als von unten gestaltet wird, zeigt sich an den lokalen Protesten seitens einzelner Akteure gegen die Tourismuspläne.

Mit großzügig finanzierten Werbekampagnen wird versucht, das Urlaubsland Thailand auf dem internationalen Reisemarkt neu zu positionieren. Erstaunlich an dieser Marketingstrategie ist, dass dem Argument der "Reise als Spende" oder des "Urlaubs als Wiederaufbauhilfe" kaum widersprochen wird. Die Abhängigkeiten von den touristischen Entsendeländern und die vom Tourismus mitzuverantwortenden sozialen Disparitäten werden nicht zum Ausgangspunkt einer Diskussion über eine offensichtlich gescheiterte Wirtschaftpolitik. Stattdessen setzt die Tourismusdebatte all jene Irrtümer bezüglich ihres entwicklungspolitischen Potenzials erneut in die Welt, die auch vor dem Tsunami schon Gültigkeit besaßen. Nicht etwa die Vermeidung wirtschaftlicher Krisen, sondern die Erschließung neuer Märkte und verschärfte Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten der Tourismusverbände und Behörden in das öffentliche Leben jenseits des organisierten Geschäfts sind das Resultat.

FernWeh Mai 2005

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