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PublikationenLiteraturVoyage - Jahrbuch für Reise- und Tourismusforschung.1997: Warum Reisen? 1998: Das Bild der Fremde - Reise und Imagination. Dumont, Köln, DM 39,90.Die "eine Theorie des Reisens" gibt es bislang nicht. Unbestritten ist, daß auch nach über 20 Jahren Kritik am Ferntourismus das Reisen immer beliebiger wird. Der neuerliche Glaube - oder das ökonomische Interesse - an einer planbar nachhaltigen Zukunftsfähigkeit des Tourismus spiegelt sich in einem wachsenden Angebot an sozialvertäglichen Konzepten und ökotouristisch gelifteten Reiseangeboten wider. Ergänzt wird diese Tendenz durch das Bedürfnis soziologischer Wissenschaft, die "theoretisch unbedarfte Reisemotivforschung auf ein brauchbares Fundament zu stellen". Voyage, das Jahrbuch für Reise- und Tourismusforschung, analysiert in zwei Bänden mit einer Auswahl an Essays und wissenschaftlichen Beiträgen den "Drang in die Ferne". Voyage 1998 mit dem Titel "Das Bild der Fremde, Reise und Imagination" fragt, wie Wunschbilder und Traumziele entstehen und wie diese "kollektiven Mythen" das Reiseverhalten beeinflussen. Landschaftsräume und Zeitreisen werden dekonstruiert, Fremde und Exotismus begegnen heimatlicher Vertrautheit oder der romantischen Vorstellung von unberührter Natur. Voyage 1997 mit dem Schwerpunkt "Warum reisen?" erweitert die seinerzeit von Goethe aufgeworfene Frage: Warum in die Ferne schweifen wenn das Schöne liegt so nah? Eine Aufsatzsammlung beschäftigt sich mit kollektiven Wünschen und individuellen Bildern, die das moderne Reisen prägen. Da werden Reiseentscheidungen als Investitionsverhalten in ein kulturelles und soziales Kapital interpretiert. Auch die von den primären Reisemotiven verdeckten, nicht notwendigerweise bewußten Funktionen des Reisens holen einige Autoren aus der Tiefe der emotionalen Befindlichkeiten hervor. Was den meisten Beiträgen fehlt, ist eine kritische Distanz zu ihrem Untersuchungsgegenstand. Im Schatten der Faszination des Reisens als ein - uns alle betreffendes - soziales und psychologisches Phänomen werden die durch den Tourismus verursachten, sozialen und ökologischen Probleme ausgeblendet. Hinweise auf die potentielle Gefahr einer Verwendung der sozial-psychologischen Analysen für eine Ausschlachtung emotionaler Bedürfnisse in neuen Angebotspaletten sucht der Leser in den fröhlich-wissenschaftlich dargestellten Voyage-Beiträgen vergeblich. Sicher, lange Zeit blieb der kritische Blick auf das Reisen auf Umweltkatastrophen oder Menschenrechtsverletzungen beschränkt. Einige Beiträge in Voyage gehen den mühsam und unbequemen Weg, die Denkrichtung aufzubrechen und die Ursachen für den Tourismus in der eigenen Gesellschaft zu thematisieren. Doch die schwierige Gratwanderung zwischen Selbstbezogenheit, Rechtfertigung und sozialkritischer Hinterfragung westlichen Reiseverhaltens gelingt nur selten. Ohne Frage, viele Voyage-Beiträge fesseln, kann doch kaum jemand behaupten, das Thema betreffe ihn nicht. Doch wenn die Thesen über die "Flucht" und die "Fluchtmotive" als treibende Kraft der Reisewut in bedenkliche Nähe zu politischen Fluchtgründen rücken, oder anthropologische Grundkonstanten den genetischen Zwang zur Mobilität erklären, dann wird eine Kritik an der soziologischen Erklärungssuche zur Pflicht. In den Voyage Beiträgen erweckt die Art der Reisemotivforschung den überwiegenden Eindruck einer "fröhlichen Wissenschaft" und hält dem wenig entgegen. Martina Backes |
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