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ThemenTourismuskritik und TourismustheorieVom Machbaren zum WünschenswertenInitiativen für einen besseren Tourismus von Martina Backes Eine Vielzahl von Initiativen arbeiten für einen nachhaltigen Tourismus. Wichtig ist es, dabei die oft kontraproduktiven globalen Rahmenbedingungen nicht aus den Augen zu verlieren Seit der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger die nunmehr über 40 jährige Kritiktradition am Tourismus einleitete, sind viele Einsichten gewonnen worden. Insbesondere ist die ausweglose Devise Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet (Enzensberger) mittlerweile einem Konzept gewichen, das auf eine Trips-for-a-better-world-Mentalität setzt. Dahinter steht die Idee, den Touristen das Gefühl zu vermitteln, durch ihre Reise "aktiv als Mitschöpfer des gastlichen 21. Jahrhunderts aufzutreten" (BUND/Misereor in: Zukunftsfähiges Deutschland, 1996). Offensichtlich erfuhr die Rolle des Touristen eine Umbewertung: Von der frühen tourismuskritischen Sicht zu unbegrenzt manipulierfähigen Objekten der Tourismusindustrie und zum bloßen Abklatsch gesellschaftlicher Zwänge reduziert (Bertram), stilisieren umwelt- und entwicklungspolitisch engagierte Kreise die Touristen nun gerne zur Kraft, die das Reisegeschehen grundlegend umgestalten könnten (Jost Krippendorf 1987). Wie kam es dazu und wie sind die Ansätze für einen besseren Tourismus zu bewerten? Animiert von Jost Krippendorfs Beitrag
Die Landschaftsfresser
und mit der Frage von Robert Jungk
Wie viele Touristen pro Hektar
Strand (1980) gewann das aus
der Ökologie stammende Konzept
begrenzter Tragfähigkeit auch
im Tourismus Anerkennung. Die Forderung,
über eine Besteuerung von Kerosin
den Flugverkehr zu verteuern, Pläne
zur "Besucherlenkung" in
Naturgebieten oder umweltpolitische
Auflagen wie Kläranlagen für
Tourismusvorhaben sind erste Ergebnisse
dieser Debatte. Im Laufe der Jahre sind eine ganze Reihe von Ansätzen und Ideen ausprobiert worden, die sich an alle beteiligten Akteure richten und die nachteiligen Auswirkungen des Tourismus von zwei Seiten in die Zange nehmen: auf der rahmensetzenden tourismuspolitischen Bühne ebenso wie über die individuellen Handlungsspielräume der Reisenden, aber auch der Anbieter. Die tourismuspolitischen Vorgaben, die für Umweltentlastung und soziale Gerechtigkeit oder Arbeitsschutz stehen, kommen dabei nur schleppend voran oder zeitigen aufgrund ihres unverbindlichen Charakters nicht die erwünschte Wirkung. Zumindest arbeiten die auf Liberalisierung und Marktöffnung ausgerichteten Verpflichtungen, die im Tourismussektor von der Welthandelsorganisation vorgegeben werden, ständig gegen eine Ausgestaltung des Tourismus, wie sie beispielsweise von der Kommission für nachhaltige Entwicklung oder auch in dem Beschluss über Tourismus und Biodiversität vereinbart wurde. Gegenüber einer höchst widersprüchlichen und damit bislang weithin wirkungslosen Gestaltung des strukturellen Rahmens über die Politik können praktische Ansätze, die ökologische oder soziale oder entwicklungspolitische Ziele im Tourismus nachhaltig realisieren wollen, auf eine erfindungsreiche und breite Palette blicken. Die bekanntesten Instrumente sind Labels und Gütesiegel, Wettbewerbe und Tourismus-Preise, Ökosteuer und Qualitätsmanagement, verbesserte Ausbildung, Selbstverpflichtungen und Ethikkodizes. Auch von vorsorgenden Prüfungen der Umwelt- und Sozialverträglichkeit ist viel die Rede, Bewusstseinsbildung und Informationsarbeit hofft auf Verhaltensänderung durch Einsicht, integrierende Regionalplanung berücksichtigt den verflochtenen Charakter des Tourismussektors mit Verkehr, Beschäftigung, Naturschutz und Landschaftspflege, Energie- und Landwirtschaft. Ein Statement für oder gegen die Sinnhaftigkeit oder Wirkungsmacht einzelner Instrumente würde kaum einer Überprüfung standhalten. Schließlich ist die erstaunliche Vielfalt an Initiativen ja gerade Resultat der Vielfalt an Problemen, die der Tourismus verursacht. Zudem spiegeln sich in der existierenden Palette von Ansätzen auch Interessengegensätze oder unterschiedliche Prioritäten wieder, denn nicht jedes Instrument kann Naturerhalt, Gerechtigkeit und lokale Einkommensmöglichkeiten gleichermaßen garantieren. Ein Instrumentenmisch mag Synergien freisetzen, kann aber ebenso lähmende Folgen haben. Welche konkreten Instrumente aus den vier Bereichen Vorsorge, kooperative Strategien, (finanzielle) Anreize, regulative Eingriffe und Informationsarbeit jeweils kombinierbar und angemessen sind, lässt sich kaum generalisieren und erfordert viele Blicke sowohl auf lokale wie globale Rahmenbedingungen eines jeden touristischen Projektes. So empfiehlt das Öko-Insitut nach einer Analyse der touristischen Aktivitäten und einer Stoffstromanalyse sechs komplexe Handlungsansätze für umweltpolitische Ziele (Last Minute für den Umweltschutz. Perspektiven für die Zukunft des Reisens, Freiburg 2001). Eine Analyse der Aspekte Umweltgerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit setzt hingegen ganz andere Prioritäten. Ein bislang kaum realisierter Aspekt ist die vorinformierte und aktive Teilnahme und Mitsprache aller Akteure, auch der einheimischen Bevölkerung, am touristischen Planungs- und Umsetzungsprozess als eigentlich unverzichtbares Element nachhaltiger Entwicklung. Während die frühen Kritiker die individuellen Handlungsspielräume der Reisenden unterschätzten, verkennt die anders-reisen-ist-besser-reisen Philosophie, dass die beschworene Macht der Konsumentinnen durchaus Grenzen hat. Auch der gute Wille vieler kleiner Anbieter, die mit viel Mühe ökologisch verträgliche und sozialverantworliche Kriterien berücksichtigen, hält oft der wirtschaftlichen Realität nicht stand. Wenn zunehmend offene Märkte das Konkurrenzgerangel unter den Anbietern verschärfen, gestalten und bestimmen diejenigen den Tourismus, die über Sozialdumping und Ressourcenverschleiß Vorteile erwirtschaften. Das populäre Motto der Tourismusunternehmen "nicht den Ast absägen, auf dem man sitzt" ist nur so viel wert, wie eine gesellschaftspolitische Rahmung dieses Motto stützt. Doch leider stehen dem professionellen Engagement vieler gemeindebasierten Initiativen und dem neuerlichen Versuch, faire Absprachen für faires Reisen zu entwickeln, wenig verbindliche gesetzliche Regeln gegenüber, die diese Mühen honorieren. Sicher ist das Motto, sich aufs Machbare zu konzentrieren und mit guten Beispielen (best practice) voranzugehen, verlockend und zeugt von einem ungeheuren Engagement. Doch sollte bei aller Initiative und allem guten Willen das Wünschenswerte nicht auf Kosten des Machbaren aus dem Blick geraten - auch deshalb ist eine Kritik an der aktuellen strukturpolitischen Rahmung des Tourismus für die lokalen Initiativen und pragmatischen Ansätze letztlich nicht verzichtbar. Martina Backes |
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