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Themen
Geschlechterverhältnisse im Tourismus
"Ich reise, um zu leben"
Frauenreiseliteratur der 90er Jahre zwischen Flucht und Abenteuer
von Rosaly Magg
Seit einigen Jahren sind die Buchläden voll von 'abenteuerlichen' Reisebeschreibungen 'mutiger' und 'außergewöhnlicher' Frauen, die allein in entlegenste Gebiete 'vordringen' konnten und somit eine 'bedeutende Bastion männlicher Alleinherrschaft' eroberten. Moderne Frauenreiseberichte wie der Bestseller 'Die weiße Massai' von Corinne Hofmann beschwören die Besonderheiten des 'weiblichen Aufbruchs' in die Fremde. Allein die Tatsache, dass Frauen reisen, wird hierbei als emanzipatorisch bewertet. Welche anderen Potentiale und Problematiken darin verborgen sind, wird meist übersehen oder geleugnet.
Reisen heißt Differenz herstellen. Die Fremde dient dabei der Abgrenzung vom Eigenen und wird zum Ort, an dem das reisende Subjekt über sich selbst und seine Welt nachdenken kann. So besteht Reisen aus einem Zusammenspiel daraus, wie das Ich sich selbst und andere, also die Fremde wahrnimmt. Die Kriterien für die verschiedenen Wahrnehmungen können sich überlappen und widersprechen. Die Konstruktionen der Fremde und des Selbst bedingen sich in diesem Prozess gegenseitig. Fremdheit ist Ausdruck dieses Beziehungsverhältnisses. Fremde ist in der reisenden Wahrnehmung Diskontinuität, das Nicht-Eigene. Es kann nur zusammen mit dem Selbst gedacht und durch Abgrenzung (Ein- und Ausgrenzung) definiert werden. Reisen ist eine Form des Kulturkontaktes, bei dem die individuelle Persönlichkeit der Reisenden eine gewichtige Rolle übernimmt. Das Selbst ist im Kontext der Reise vor allem durch die Faktoren Geschlecht, kulturelle Identität, soziale Herkunft und Einstellungen bestimmt und muss in der Fremde einen Umgang mit kultureller Differenz finden. Wie dieser gestaltet wird, hängt von der Interaktion von Fremd- und Selbstwahrnehmung ab.1
Reiseliteratur kann nicht als bloßes Ergebnis einer Reise gehandhabt werden, sondern muss im Licht aktueller Diskurse gesehen werden. Es gibt auch innerhalb der Reise kein herrschaftsfreies Vakuum. Die Produktion von Diskursen hängt nach Foucault mit Institutionen der Macht2 zusammen, Orte, an denen bestimmt wird, auf welche Art worüber gesprochen, geschrieben oder gedacht wird oder eben nicht. Diese Diskurse bestimmen auch die jeweilig bestehenden Weiblichkeitsmuster. Die Ursachen für unterschiedliche Wahrnehmungsstrategien reisender Frauen liegen in eben diesen Definitionen von Macht und Weiblichkeit. Sowohl Fremde als auch Weiblichkeit werden seit Jahrhunderten mit Urzustand, Wildheit und Naturhaftigkeit in Verbindung gebracht.3 Indem die Reisenden kulturell bestimmten Weiblichkeitszuschreibungen genügen sollen, rücken sie in die Nähe der bereisten Fremde. Die Fremde selbst wird aus eurozentrischer Sicht sexualisiert, sie wird zu einem Frauenkörper, der entdeckt und erobert werden ‘muss’. Reisende Frauen betreten nun das 'jungfräuliche Land' der Fremde, das Ziel der Entdeckung ist. Gleichzeitig sind die Frauen selbst das unentdeckte Mysterium männlicher Gedankenwelten. Somit wird reisenden Frauen ein neuer Platz im sexualisierten Bild von Frauen zugewiesen. Ihre Reiseberichte zeichnen sich dadurch aus, dass die Beziehung zu den dominanten Diskursen variiert, denn die reisenden Frauen sind Teil des 'weiblichen' Diskurses, nehmen jedoch gleichermaßen an Fremdheitsdiskursen teil. Sie grenzen sich damit zusätzlich (als Unterdrückte im Heimatland) gegenüber dem Fremden durch mehr oder weniger extreme (Vor-)Urteile ab oder meinen sich – als selbst Unterdrückte – mit dem 'Anderen', den ebenfalls Unterdrückten, identifizieren zu können.4 Diese Verschmelzungsversuche sind meist zum Scheitern verurteilt.
Der Blick auf aktuelle Frauenreiseliteratur und auf die Besonderheiten 'weiblichen' Schreibens zeigt, dass der Umgang mit der Fremde und der eigenen Kultur und Identität fast durchgängig im Vordergrund steht. Die Fremde als Projektionsfolie wird von reisenden Frauen unterschiedlich genutzt, die Sichtweise auf andere Kulturen wechselt oft zwischen Idealisierung und Zivilisationskritik. In aktuellen Frauenreiseberichten lassen sich die unterschiedlichsten Umgangsweisen mit fremden Kulturen finden, die alle einen ganz persönlichen Zugang zur jeweils bereisten Fremde erahnen lassen. In der Analyse von sechs ausgewählten Frauenreiseberichten möchte ich diese unterschiedlichen Herangehensweisen verdeutlichen. Wurde bislang in der Frauenreiseliteraturforschung zumeist die befreiende und emanzipatorische Grundhaltung in Frauenreiseberichten betont, so möchte ich diese Beurteilung in Frage stellen oder zumindest relativieren.
Ein ganz persönlicher Zugang
Reiseschriftstellerinnen wie Bettina Selby 'Timbuktu! Eine Frau in Schwarzafrika allein mit dem Fahrrad unterwegs'5 oder Lieve Joris 'Mali Blues'6 nehmen zum einen einen verklärenden Blick auf die fremde Kultur ein, indem sie deren Werte und Traditionen in den Vordergrund stellen, zum anderen aber projizieren sie in ihr Bild von der Fremde unreflektierte Rassismen. Ihr Fremdbild ist von 'weiblichen' Sehnsüchten und eurozentrischen Stereotypen geprägt, die aus dem Selbstverständnis als reisende Vertreterin der westlichen Welt gespeist werden.
Bettina Selby ist laut Klappentext 'mit dem roten Fahrrad zu uralten Kulturen' unterwegs und meistert alle sich ihr stellenden Gefahren bravourös, da es 'das oberste Gebot eines Reisenden ist, alle Gefahren zu überleben, wenn er seine Geschichte erzählen will'. Einerseits schwärmt sie für die Traditionen schwarzafrikanischer Ethnien, andererseits bezeichnet sie alles, was nicht in dieses Schema passt, wie am Straßenrand stehende Bettler, als hinderlichen 'Afrika-Faktor'. Selby ist auf der Suche nach 'echtem' Kontakt zu den Nomadenvölkern, aber dieser lässt sich kaum finden, da sie mit der Nomadenkultur Freiheit, Wildheit und Urzustand verbindet. 'Eine gewisse Eigenart schien sie zu umgeben, ganz ähnlich wie das Rotwild in den Bergen – etwas Freies und Wildes – aber im wesentlichen Unbedrohliches.' Oft stehen in Reiseberichten Wunschbilder anstelle von realistischer Begegnung. Sobald die Realität diesen Bildern widerspricht, wird sie abgelehnt oder verworfen. Blanker Rassismus steht demzufolge eng neben exotistischen Projektionen, die den Urzustand der Fremde glorifizieren.
Lieve Joris geht auf ähnliche Weise wie Bettina Selby auf die sie faszinierende Seite Afrikas ein. Im ersten Teil ihrer 'afrikanischen Notizen' ist sie um eine intensive Auseinandersetzung mit den gegensätzlichen Wertvorstellungen von Senegalesen und Franzosen bemüht, doch im zweiten Teil ihres im Tagebuchstil geschriebenen Berichtes stellt sie sich die scheinbar unabdingbare Frage, ob sie doch 'vielleicht nur auf der Suche nach dem edlen Wilden' sei. In 'Mali Blues' schildert Joris das Zusammenleben mit dem bekannten Sänger Kar, über den sie eine Art Biographie schreiben will. Schreibend greift sie in sein Leben ein, denn durch diese 'Jagd nach Geschichten' sieht sie sich in der Lage, eine ganz persönliche Bindung zum bereisten Land herzustellen. Durch die spezielle Bindung an das Schicksal Kars hat sie 'das Gefühl, im Mittelpunkt der Welt zu sein', obwohl sie 'hier so weit vom Weltgeschehen entfernt' ist. Joris Schreiben kreist letztendlich nur um sich selbst, denn sie selbst ist das Zentrum der Wahrnehmung, unabhängig von der von ihr beschriebenen Kultur. Die von ihr wahrgenommene Nähe entpuppt sich als Vereinnahmung des 'Fremden', als Aneignung von dessen Geschichten für das Selbst. Bettina Selby und Lieve Joris versuchen auf unterschiedliche Art und Weise, körperliche und imaginäre Grenzen zu überwinden, um die Authentizität ihrer Reisen zu untermauern. Selby begibt sich dabei neben ihren Radtouren durch weite Wüstenabschnitte auf extreme Kanutrips in bisher nicht von EuropäerInnen befahrenen Gewässern. Joris ist während ihres gesamten Afrika-Aufenthaltes auf der besagten 'Jagd nach Geschichten' menschlicher Leidenswege. Bei der Durchquerung von Räumen sind sowohl Selby als auch Joris auf ihre eigene Körpererfahrung zurückgeworfen, sie kommen an ihre Grenzen oder überschreiten diese durch körperliche Selbstüberwindung. Reisende Frauen überschreiten zusätzliche Körper- und Geschlechtergrenzen, die auf die Besonderheit weiblicher Erfahrungswelten zurückzuführen sind, wie in den folgenden Beispielen deutlich wird. Moderne Frauenreiseberichte orientieren sich an einer 'neuen' Form des Reisens. Im Vordergrund steht dabei kein neokolonialistischer Kulturexport, sondern die Überschreitung von Grenzen auf der Reise. Vor allem über den Körper kann ein neuer Zugang zu fremden Kulturen gesucht werden. Auf Grund ihres Geschlechts bewegen sich Frauen auf Reisen immer im doppelten Diskurs. Frauen sind als Reisende Subjekt und gleichzeitig Objekt, indem sie als Projektionsfläche für Zuschreibungen und Geschlechterstereotype in der eigenen und in der fremden Kultur dienen.
Geschichten von mutigen Frauen
Der Faktor Geschlecht markiert besonders bei Corinne Hofmanns Bestseller 'Die weiße Massai'7 die Ausgestaltung der Fremderfahrung. Hofmann reist nach Afrika und heiratet einen 'schönen Massai, ihren Krieger'. Ihre romantisierte und kitschige Sichtweise der fremden Kultur wird auf das Geschlechterverhältnis übertragen. Hier wird die Exotik des Reisens mit der Erotik des Reisens verbunden – und somit eine Nähe zur Fremde erreicht, nach der sich Reisende sehnen. Das Verschmelzen mit der Fremde soll durch eine romantische Beziehung vollzogen werden. Dabei überschneiden sich jedoch die Machtverhältnisse: als weiße Frau nimmt Hofmann eine privilegierte Stellung gegenüber den Massai ein. Gleichzeitig ist sie nach ihrer Heirat die 'Unterlegene' im Geschlechterverhältnis. Reisende wie Hofmann können weder die kolonialistischen Weiblichkeitsbilder umkehren noch stellen sie rassistische Konstruktionen der Fremde in Frage. Durch ihre romantische Sehnsucht nach dem 'edlen Wilden' reproduzieren sie diese ständig neu.
Marlo Morgans 'Traumfänger'8 repräsentiert eine völlig neue Stilrichtung innerhalb der Reiseliteratur. Es handelt sich hierbei um einen 'fantastischen' Reisebericht, der Märchen und Mythen der Aborigines zum Gegenstand eines auf Tatsachen beruhenden Romans nimmt. Morgans Ökotourismus-Botschaft ist mit ihrem eigenen esoterischen Weltbild eng verbunden. Selbsterkenntnis und Erkenntnis der Strukturen westlicher Industrienationen finden durch eine körperlich extreme Fremderfahrung im australischen Outback statt. Wieder verspricht der Klappentext eine 'Geschichte einer mutigen Frau, die mit den Aborigines wanderte und die wundervollen Geheimnisse und die Weisheiten eines sehr alten Stammes erfuhr'. Das festgeschriebene Ziel dieser Wanderung ist die Befreiung vom Sein und die Belehrung der 'westlichen Welt', die Zerstörung der Erde aufzuhalten. 'Die Weisheit dieses Volkes erstaunte mich immer wieder aufs Neue. Wenn doch nur sie es wären, die die Welt regierten, wie anders würden die Menschen miteinander umgehen.' Auch hier scheint das 'edler-Wilder-Syndrom' einer sich als Ökologie-Botin auserwählt fühlenden Reisenden ganz deutlich durch. Morgan will eine Botschaft vermitteln und sie lässt die LeserInnen von dieser Botschaft kosten, bis sie daran ersticken. Letztendlich flüchtet sich Morgan in eine ganz persönliche Traumwelt, deren Grenzen innerhalb der eigenen Erfahrungen und Geschichte liegen.
Im Traumland verschwunden
Selbstverwirklichung und Abenteuersehnsucht, Entdeckung und Grenzüberschreitung sind Paradigmen der Fremderfahrung. Sara Wheelers9 Antarktisreise steht beispielsweise für eine dieser ultimativen Herausforderungen, denen reisende Frauen sich stellen. In 'Terra incognita' schreibt sie über den einzigen nicht von 'Einheimischen' bevölkerten Raum der Erde. Diese 'Fremde pur' ist für Wheeler reines Abenteuer ohne den 'Störfaktor' Mensch. Als Frau in dieser Eiswüste unterwegs zu sein, ist ein ganz besonderes Privileg. 'Ich betrat angestammtes männliches Territorium – es kam mir vor wie ein Männerclub, wie eine Fortsetzung der Internatsschule und der Armee'. Die Einsamkeit der Antarktis bringt Wheeler zum Nachdenken über die Gründe ihrer Reisesehnsüchte. Sie stellt sich die Frage, ob sie nun auf der Flucht vor etwas oder auf der Suche nach etwas sei. 'Reisen bedeutete entweder Entdeckung, ein Überschreiten von Grenzen aller Art oder aber es war ein bequemes Hintertürchen, durch das man in ein Traumland verschwinden konnte.' Reisen gehören zum 'lifestyle' moderner Frauen, denn sie verhelfen zu einem von patriarchalen Machtdiskursen befreiten Selbstbild. Der freie Zugang zur Mobilität ist für die reisenden Frauen des 20.Jahrhunderts eine vollkommen neue Erfahrung. Selbst eine Reise in die Antarktis wird denkbar. Selby kann die 'letzte große Reise antreten, die dem Menschen noch bleibt, denn heute ist die Welt geschrumpft, und ich war in der Lage, bis an ihre entlegenste Stelle zu gelangen'. Damit knüpft Selby schließlich nahtlos an die Eroberungsmetaphern männlicher 'Entdecker' an. Frauen erfinden sich neu in ihrer Rolle als schreibende Touristinnen, können Abenteuer bestehen und der Welt davon erzählen. Sowohl Wheeler als auch Morgan sind davon überzeugt, eine Botschaft zu vermitteln – sei es die von der Flucht in den letzten unbewohnten Fleck dieser Erde oder die Botschaft einer vom Untergang bedrohten Welt. Diese Eindrücke schreibend zu verarbeiten, ist der Gattung Reiseliteratur eigen. Sobald Frauen jedoch ihre Selbst- und Fremderfahrungen beschreiben, strukturiert der Faktor Geschlecht und die daraus resultierenden Sonderformen der Wahrnehmung die Reiseberichte. Die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit manifestiert sich in den Reisen aller AutorInnen. So erkennt Wheeler beispielsweise, dass 'die Freiheit mir wichtiger war als ein Partner oder Kinder, und unterwegs war ich frei'; und Morgan wurde von 'ihrem' Stamm als Botin erwählt, um der Welt mitzuteilen, dass die Aborigines diese Erde verlassen, bevor diese untergeht. Eine Reflexion der Herrschaftsverhältnisse, innerhalb derer diese Reisen stattfinden, fehlt diesen Berichten gänzlich. Die flüchtige Wahrnehmung des Fremden auf der Reise ist der Stoff, aus dem Reiseliteratur geformt ist. Es ist schwer, eine Abgrenzung zwischen Reiseliteratur und Reisetagebuch vorzunehmen. Lieve Joris afrikanische Notizen stellen eine solche Zwischengattung dar. Sie stellt ihre eigenen Wahrnehmungsmuster vor und hat gleichzeitig den Anspruch, Menschen und ihre Geschichten zu beschreiben. So werden Touristinnen zu Autorinnen und nehmen dabei eine Abgrenzung ihrer Reisen von touristischen Reisen vor. Auch wenn Joris Mali verlassen wird, ist sie 'froh, keine Touristin zu sein, sondern zu den Menschen zu gehören, die drinnen im Hof beieinander sitzen.' Am Realitätsgehalt dieser Illusion zweifelt auch selbst Selby nicht, wenn sie sich von außen in die 'Rolle der Fremden gedrängt fühlt, die draußen steht und hereinschaut'. Ihr Selbstbild ist eben ein vollkommen anderes: Da sie sich für die Ursprünge und Traditionen der afrikanischen Kultur interessiert, fühlt sie sich nicht als Fremde. Reisende kommen an irgendeinem Punkt ihrer Reise zu der Erkenntnis, nicht mehr fremd sein zu wollen, es aber dennoch zu bleiben. Daraus können zweierlei Konsequenzen gezogen werden: Entweder die Reisenden kehren dahin zurück, woher sie gekommen sind oder sie bleiben und akzeptieren dieses Gefühl der letztendlichen Fremdheit.
Die Jagd nach Superlativen
Die Autorinnen von heutigen Reiseberichten versuchen mit unterschiedlichen Mitteln, die Grenzen zwischen der eigenen und der fremden Kultur zu überwinden. Sie beschreiben ihre ganz persönlichen Fremderfahrungen mit Hilfe neuer Reiseformen und Begegnungsweisen. Sie befinden sich auf der Jagd nach Superlativen. In Sara Wheelers Antaktisbericht ist die vermeintliche Attraktion die unbewohnte Weite, die menschenleere Fremde. Während bei Bettina Selby und Lieve Joris vor allem der Umgang mit fremden Kulturen im Vordergrund steht, dreht sich das Denken und Schreiben bei Corinne Hofmann, Lucy Irvine und Marlo Morgan um die Erfahrung des 'weiblichen Ichs' in einer fremden und zugleich traumhaft anmutenden Wirklichkeit. Die Grenzziehung zwischen Eigenem und Fremdem wird bei allen diesen Reiseberichten von der geschlechtsspezifischen Wahrnehmung überlagert. In der Auseinandersetzung mit der Fremde wechseln dabei die Perspektiven der Autorinnen auf ihr Selbst. Um aber die Unterscheidung von Fremdem und Eigenem beizubehalten, müssen die Reisenden herrschende Weiblichkeitsmuster und die persönliche Identifikation mit ihrem Geschlecht ständig in den Wahrnehmungsprozess miteinbeziehen. Die von Frauen entworfenen Fremdheitsbilder sind nicht weniger rassistisch oder unreflektiert und auf sich selbst bezogen als die der männlichen Reisenden, denn ihr Ursprung liegt in denselben kolonialen Herrschaftsdiskursen. Sie unterscheiden sich jedoch grundlegend durch die geschlechtsspezifische Wahrnehmung von Körper und Raum.
Anmerkungen:
1 Julia Kristeva: Fremde sind wir uns selbst, Frankfurt 1990; Robert Miles: Rassismus. Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs, Hamburg 1991
2 Michel Foucault: Die Ordnung der Diskurse, Frankfurt 1991
3 Sigrid Weigel: Topographien der Geschlechter. Kulturgeschichtliche Studien zur Literatur, Reinbek 1990
4 Sara Mills: Discourses of difference. An analysis of women´s travel writing and colonialism, New York 1991
5 Bettina Selby: Timbuktu! Eine Frau in Schwarzafrika allein mit dem Fahrrad unterwegs, München 1994
6 Lieve Joris: Mali Blues, München 1998
7 Corinne Hofmann: Die weiße Massai, München 1998
8 Marlo Morgan: Traumfänger. Die Reise einer Frau in die Welt der Aborigines, München 1995
9 Sara Wheeler: Terra incognita. Reisen in die Antarktis, München 1999
Rosaly Magg, Germanistin und Ethnologin,
ist Mitherausgeberin des Fotobandes
'Tanz zwischen den Winden'.
Rosaly Magg
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