Themen

Ökologie und Biologische Vielfalt

Aufruf zum Dialog über eine gemeinsame Prioritätenliste

BIODIVERSITÄT UND TOURISMUS IN DER KONVENTION ZUM SCHUTZ DER BIOLOGISCHEN VIELFALT

vom Ad-Hoc Arbeitskreis Tourismus / Forum Umwelt & Entwicklung

Aufruf zum Dialog über eine gemeinsame Prioritätenliste für die 5. Konferenz zum „Übereinkommen über die Biologische Vielfalt„ 2000 in Nairobi

Die Konvention der Biologischen Vielfalt betrifft in der Mehrheit Siedlungsgebiete indigener Völker. Gleichzeitig handelt es sich um Landschaften, in die es immer mehr Touristen zieht und die daher zunehmend für die Reiseindustrie interessant werden. Auf der nächsten Vertragsstaatenkonferenz zum Übereinkommen über die Biologische Vielfalt im Jahr 2000 in Nairobi soll eine gemeinsame Position zu Biodiversität und nachhaltigem Tourismus formuliert werden, um einem unkontrollierten Ausbau des Tourismus Einhalt zu gebieten.

Die ad-hoc Arbeitsgruppe des Forums Umwelt & Entwicklung ist der Auffassung, dass in der Konvention die vorrangig davon betroffenen Menschen und Länder Berücksichtigung finden müssen. Deshalb hat die ad-hoc Arbeitsgruppe des Forums Umwelt & Entwicklung einen Aufruf zum Dialog gestartet mit dem Ziel, den Stimmen der Indigenen Völker größeres Gewicht auf der nächsten Vertragsstaatenkonferenz zu verschaffen.

Der folgende Vorschlag konzentriert sich auf die sozialen und kulturellen Aspekte, die in den bisherigen Debatten vernachlässigt wurden, während naturwissenschaftliche und ökologische Fragestellungen umfassend dargestellt sind (vgl. UNEP/CBD/COP/4/21 und SBSTTA Paper UNEP/CBD/SBSSTA/4/11).

TOURISMUS - BIODIVERSITÄT UND INDIGENE VÖLKER

Die Entwicklung Globaler Richtlinien zu Biodiversität und Tourismus im Rahmen der Konvention über die Biologische Vielfalt (CBD) hat vor allem die Tourismusentwicklung in sensiblen Ökosystemen und in Regionen von besonderer Bedeutung für die Biologische Vielfalt im Blickfeld (vgl. 7.E/CN.17/1999/L.6: Tourism and sustainable development). Viele dieser Regionen sind die Heimat indigener Völker. Gleichzeitig sind diese Regionen in immer stärkerem Maße Ziel der Touristen.

  • Häufig tragen die indigenen Völker, wirtschaftlich und politisch marginalisiert, einen unverhältnismäßig hohen Anteil der Kosten der Tourismusentwicklung.
  • Die Ausweisung von Schutzgebieten, die häufig gerade für den Ökotourismus nutzbar gemacht werden, beraubt vielfach die indigenen Gesellschaften um ihr angestammtes Land und ihre Ressourcen.
  • Die Touristen stammen in der Überzahl aus den rund sechs weltweit dominan-ten Konsumkulturen mit ihren jeweiligen Verhaltensweisen und Sprachen. Dies trägt in den besuchten indigenen Kulturen, die eine große Vielfalt an traditionellen Wirtschaftsweisen besitzen, woran die kulturlandschaftliche Vielfalt unwiderbringlich geknüpft ist, und die heute noch weltweit über mehrere hundert verschiedene Sprachen verfügen, stark zum Verschwinden der Wirtschaftsweisen und des lokalen Wissens sowie der an diesen Kontext unmittelbar gebundenen Sprachen bei. Gerät all dieses Wissen, die Wirtschaftsweisen und Sprachen dieser Kulturen in Vergessenheit, so wird das negative Auswirkungen auf die Biodiversität haben.

Daraus folgt:

  1. Schutz und Nutzung der biologischen Vielfalt wird in den Entwicklungsländern ohne die Einbeziehung der kulturellen und sozialen Belange der ansässigen Bevölkerung nicht in gerechter Weise realisierbar sein.
    Zahlreiche menschliche Aktivitäten gerade in den traditionellen Gesellschaften haben maßgeblich die (agrar-)biologische Vielfalt mit geprägt. Dem direkten Zusammenhang zwischen hoher Artenvielfalt und kultureller Vielfalt muß hinreichend Beachtung geschenkt werden.
  2. Anstelle traditionelle Nutzungsformen in Schutzgebieten zu untersagen und im Anschluß mehr oder weniger erfolgreiche Erwerbsquellen (wie Tourismus) aufzubauen, sollten traditionelle nachhaltige Nutzungsformen unangetastet bleiben. Möglicherweise können diese im Rahmen einer nachhaltigen Tourismusentwicklung zusätzlich nutzbar gemacht werden.
    In diesem Sinne ist im Rahmen der CBD eine Anerkennung der Besitzrechte der indigenen Gesellschaften auf ihre angestammten Territorien und der Nutzung und Verwaltung der natürlichen Ressourcen zu gewährleisten.
  3. Eingehende Konsultationen mit betroffenen Gemeinschaften sind der erste Schritt für einen umfassenden Einbezug der lokalen Bevölkerung / indigener Völker in Planung und Umsetzung von Tourismusprojekten.
    Es muß hierbei die Tatsache, dass die lokale Bevölkerung häufig keine homogene Gruppe ist und durchaus divergierende Interessen vorhanden sein können, berücksichtigt werden. Betroffene Gemeinschaften müssen in die Lage versetzt werden, entscheiden zu können, ob und in welcher Form Tourismusprojekte in ihrem Einzugsbereich realisiert werden.
  4. Wenn eine touristische Entwicklung oder Erschließung seitens der indigenen Gesellschaften gewünscht ist, dann sind Tourismuskonzepte zu entwickeln, die gleichzeitig zur Erhaltung der Biodiversität durch die indigene Bevölkerung und zur Bewahrung ihrer Sprachen beitragen.
    Nachhaltige Tourismusprojekte sollten auf den Entscheidungen basieren, die in der Dorfgemeinschaft getroffen werden, das traditionelle Wissen in Wert setzen und die kulturellen Werte bekräftigen.
  5. Die Menschenrechtskommission, die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) wie auch die Europäische Union haben wichtige Regelungen (Nr. 169 etc.) über die Rechte der Indigenen Völker aufgestellt, die in den Tourismusrichtlinien der CBD Eingang finden müssen.
  6. Indigene Völker sind bei der Entwick-lung von globalen Richtlinien über Biodiversität und nachhaltigem Tourismus aktiv zu beteiligen. Wird eine ad-hoc Arbeitsgruppe zur Erarbeitung globaler Richtlinien zu Biodiversität und Tourismus beschlossen, ist es unabdingbar, dass ihr auch Vertreter indigener Gruppen angehören (vgl. UNEP/CBD/ COP/4/Inf. 21, p. 2; §"3 sowie Annex to Decision IV/).
  7. Die Commission on Sustainable Development (CSD) der Vereinten Nationen verabschiedete auf ihrer 7. Sitzung im April 1999 ein 5-seitiges Arbeitsprogramm zu nachhaltigem Tourismus. Darin wendet sie sich deutlich gegen jede Form eines ausbeuterischen Tourismus, worunter gerade auch Sextourismus und Kinderarbeit fallen.

Die Achtung der Menschenrechte, die Abschaffung von Kinderprostitution sowie ausbeuterischer Kinderarbeit muß auch angemessenen Eingang in die Richtlinien zu Tourismus und Biodiversität im Rahmen der CBD finden.

KOOPERATIONEN IM RAHMEN DER INTERNATIONALEN UMWELT- UND ENTWICKLUNGSPOLITIK

  1. 2002, im UN-Jahr des "Ökotourismus", sollen die Fortschritte bei der nationalen und internationalen Umsetzung des Arbeitsprogrammes der CSD überprüft werden. Die CSD fordert u. a. die Regierungen auf, nationale Strategien für eine Tourismusentwicklung zu erarbeiten. Diese Strategien müssen auch für den Tourismusprozeß im Rahmen der Konvention über die Biologische Vielfalt (CBD) nutzbar gemacht werden.
  2. Nur wenn CBD und CSD ihre Arbeit zu "nachhaltigem Tourismus" aufeinander abstimmen, können Synergieeffekte effektiv genutzt werden, was gerade in vielen Ländern des Südens aufgrund geringer personeller und finanzieller Ressourcen dringend notwendig ist.
  3. CBD - wie auch CSD - müssen auf die führenden internationalen finanz- und handelspolitischen Gremien (Internationaler Währungsfond IWF, Weltbank, regionale Entwicklungsbanken, Welthandelsorganisation) einwirken und die Anliegen für den Erhalt der biologischen Vielfalt sowie eine gerechte Gewinnaufteilung aus der Nutzung der Biodiversität (hier: Tourismus) in ihren Entscheidungen (Strukturanpassungsprogrammen, Kreditvergabe, Freihandelsabkommen etc.) angemessen berücksichtigen.
  4. Insbesondere das Liberaliserungsprotokoll zum Tourismus innerhalb der Verhandlungen zum General Agreement on Trade and Services (GATS) ist diesbezüglich zu überprüfen und zu überwachen. Die Privatisierungs- und Deregulierungsbestrebungen unter GATS zielen darauf ab, Beschränkungen für Fremdinvestoren sowie Maßnahmen, die bislang den lokalen Dienstleistungssektor geschützt haben, aufzuheben.
    Gordon Bispham von Barbados äußerte anläßlich der 7. CSD-Konferenz die Befürchtung, dass GATS u. a. dazu beitragen wird, die in seiner Heimat bevorzugte Beschäftigung lokaler Arbeitskräfte im Tourismussektor zu torpedieren.
    Ebenso erleichtert GATS den bereits heute hohen Abzug von Devisen aus den lokalen Wirtschafts-kreisläufen. Im Rahmen der GATS-Vereinbarungen muß darauf hin gewirkt werden, dass die Entwicklungsländer ausreichend Möglichkeiten behalten, ihre Tourismusentwicklung insbesondere hinsichtlich ihrer Sozial- und Umweltverträglichkeit eigenverantwortlich derart zu gestalten, dass lokale Wirtschaftskreisläufe geschützt bzw. gestärkt werden. Es muß für die Schaffung gerechter, menschenwürdiger Arbeitsbedingungen für die (einheimischen) Beschäftigten im Tourismus Sorge getragen werden.
  5. Das CSD-Arbeitsprogramm lädt die Welttourismusorganisation ein, gesellschaftliche Gruppen an der Entwicklung, Umsetzung und Überwachung ihres "Global Code of Ethics for Tourism" zu beteiligen. Dieser Prozeß muß auch von der CBD angemessen zur Kenntnis genommen werden.
  6. Die CBD kommt nicht umhin, bei ihrer Arbeit zu nachhaltigem Tourismus angesichts gravierender Auswirkungen des Flugtourismus auch mit der Klimarahmenkonvention zu kooperieren.
  7. Die Partizipationsmöglichkeiten der vom Tourismus betroffenen Gruppen der Zivilgesellschaft (indigene Völker, Frauen, Kinder/Jugendliche, etc.) an den internationalen Verhandlungsprozessen zu nachhaltigem Tourismus (CSD; CBD) muß deutlich verbessert werden.
    Häufig verfügen Süd-NGOs als Vertreter dieser Gruppierungen nicht über finanzielle oder personelle Möglichkeiten, an den Verhandlungsprozessen aktiv teilzunehmen. Dies hat zur Folge, dass auch unter den NROs ein Nord-Süd Ungleichgewicht in Präsenz und Einflußnahme entsteht. Diesem Ungleichgewicht muß, so Nina Rao von Equations (New Delhi), durch verstärkte finanzielle Unterstützung, durch verbesserte Netzwerkstrukturen und Informationsfluß der Süd-NROs entgegengewirkt werden.

ÖKONOMISCHE ASPEKTE

  1. Die CSD-Konferenz hat die Einrichtung einer informellen ad-hoc Arbeitsgruppe beschlossen, die sich dem Thema Sickerraten widmet und untersuchen soll, wie sich der Nutzen aus dem Tourismus für indigene und lokale Gemein-schaften maximieren läßt.
    Durch eine Bevorzugung des inländischen Tourismus gegenüber dem internationalen Tourismus in den Entwicklungsländern können laut einer Studie des "United Nations Research Institute for Social Development (UNRISD)„ zahlreiche negative ökologische (Flugreisen), soziale / ökonomische (Devisenabflüsse) und kulturelle (kulturelle Überformung) Effekte des Ferntourismus reduziert werden.
  2. Es besteht im Rahmen der CBD Richtlinien die Möglichkeit auf eine Schwachstelle innerhalb des CSD-Arbeitsprogrammes, nämlich die Unterstützung für ausländische Investitionen bei der Tourismusentwicklung ohne umwelt- und entwicklungspolitische Bedingungen, aufmerksam zu machen und dieser z. B. durch die Begrenzung des Eigentums / ausländischer Beteiligungen an touristischen Einrichtungen entgegenzuwirken. Die touristische Entwicklung muß in lokale / regionale Wirtschaftsaktivitäten integriert werden.
  3. Auch seitens der CBD sollte der von der CSD angeregte "review" der Selbstverpflichtungen der Tourismusbranche ("Ecolabelling" und Best Practice) und eine Festlegung von Standards unterstützt werden.
  4. Es muß Sorge dafür getragen werden, dass durch die Tourismusentwicklung und der damit einhergehenden Einreiseerleichterungen gerade auch in vielen Ländern des Südens nicht gleichzeitig der „Biopiraterie„ Tür und Tor geöffnet wird. Es ist zu befürchten, dass Schmuggler und Wilderer seltene Tier- und Pflanzenarten in den Ländern des Südens stehlen, bzw. sich traditionelles Wissen der indigenen Gesellschaften und lokalen Gemeinschaften aneignen und dieses als wertvolle Ware in den Ländern des Nordens verkaufen. Dem sind seitens der CBD entsprechende Mittel entgegenzusetzen.

Weitere Informationen sind erhältlich bei:

Ad-hoc Arbeitsgruppe "Tourismus" des Forums Umwelt & Entwicklung
Koordination: Ökologischer Tourismus in Europa (Ö.T.E.) e. V.
Am Michaelshof 8-10, D-53177 Bonn
Tel: +49-(0)228-359008
Fax: +49-(0)228-359096
E-mail: oete-bonn@t-online.de
Website: www.oneworldweb.de/forum

Ad-Hoc Arbeitskreis Tourismus / Forum Umwelt & Entwicklung 21/12/99

 
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