Themen

Ökologie und Biologische Vielfalt

Klima / Verkehr / Energie: Raus aus dem Stau, weg vom Jetlag, hin zur sanften Mobilität für alle!

Auszug aus: Rote Karte für den Tourismus?
DANTE – Die Arbeitsgemeinschaft für Nachhaltige TourismusEntwicklung

(download der gesamten Broschüre "Rote Karte für den Tourismus" als pdf-file mit 3,5 MB)

Der Urlaub beginnt und endet immer häufiger im Stau. In der Schweiz sind 60 Prozent der gefahrenen Kilometer dem Freizeitverkehr zuzuschreiben; rund zwei Drittel davon werden mit dem Privatauto zurückgelegt. Die Kohlendioxidemissionen aus dem Verkehr in Österreich sind seit Rio sogar um 30 Prozent gestiegen. Das bedeutet nicht nur Stress und Unfälle anstelle von Erholung und Entspannung sondern auch maßloser Ressourcenverbrauch und Abgase statt frischer Luft.

Auch ist fast jede Reise in den fernen Süden – und sei es zur Öko-Lodge – auf das Flugzeug angewiesen. Die Welttourismusorganisation (WTO-OMT) prognostiziert, dass der Ferntourismus noch erheblich schneller zunimmt als regionale Reisen. Voraussichtlich werden 2005 elf Millionen Deutsche in die Ferne reisen, schon jetzt entfallen 38 Prozent aller deutschen Urlaubsreisen auf das Flugzeug. In Frankfurt starten und landen in zehn Minuten so viele Flieger, wie in einem Land der Dritten Welt an einem Tag. Obwohl Schätzungen des Worldwatch Institute zufolge 43 Prozent der internationalen Reisen per Flugzeug und 42 Prozent auf der Straße getätigt werden, wird Tourismus kaum als integraler Bestandteil des Verkehrsproblems wahrgenommen.

Insbesondere der weltweite Flugverkehr steht für ein Ausmaß an Treibhausgasemission, das die derzeitigen Emissionen der Industriestaaten bis 2012 voraussichtlich um mehrere Prozent erhöhen wird. Gegenwärtig entfallen 75 Prozent des weltweiten Flugaufkommens auf den Personentransport, gut die Hälfte der weltweit 130 Millionen Tonnen Flugtreibstoff für zivile Zwecke verbraucht der Tourismus. Doch nur knapp sechs Prozent der Weltbevölkerung genießt überhaupt das Privileg zu fliegen. Ein Flug kann, je nach Entfernung, Flughöhe, Flugzeugtyp und Auslastung, bis zu hundert mal klimaschädlicher sein als eine Reise mit der Bahn. Wissenschaftler schätzen, dass die Abgase aus dem Luftverkehr – die in großer Höhe um ein vielfaches klimaschädlicher sind als in Bodennähe –, derzeit mindestens dreimal so viel zum Treibhauseffekt beitragen, wie die Emissionen aus dem bodennahen Verkehr. Bereits Ende der neunziger Jahre bewirkte die Bedeckung mit Kondensstreifen in Mitteleuropa vermutlich eine Erwärmung, die mindestens so hoch ist wie der Effekt der Kohlendioxidemissionen.

Der internationale Flugverkehr fällt nicht unter das Klimaschutzprotokoll. Damit werden »Verschmutzungsrechte« aus dem Flugverkehr gratis – also ohne Anrechnung auf die im Kyoto-Protokoll vereinbarten nationalen Emissionskontingente – vornehmlich von den Ländern des Nordens in Anspruch genommen. Um die Limitierung des Ausstoßes an Treibhausgasen aus dem Flugverkehr soll sich laut Kyoto-Protokoll die UN-Sonderorganisation International Civil Aviation Organisation (ICAO) kümmern. Und die spricht sich sowohl gegen eine Besteuerung des noch immer weltweit steuerbefreiten Flugtreibstoffes Kerosin wie auch gegen Standards bezüglich der Kohlendioxidemissionen aus. Bisherige ICAO Standards berücksichtigen nur die Emissionen beim Start und bei der Landung. Für die übrige Zeit der Reise gibt es keine Regelungen.

Da sich der Flugverkehr in einer sehr sensiblen Schicht der Atmosphäre bewegt, besteht dringender Handlungsbedarf. Allerdings kann auch ein Aufpreis aufs Ticket, von dem zum Beispiel Baumpflanzungen finanziert werden, die verursachten Schäden nicht wieder gut machen. Die 28.000 Quadratkilometer, die derzeit jährlich als Ausgleich allein für das weltweit ausgestoßene Flugverkehr-Kohlendioxid bepflanzt werden müssten (das entspricht der Fläche Haitis), können die vielschichtigen Klimaschäden keinesfalls kompensieren. Eine effizientere Nutzung der Energie durch technische Innovationen ist nur dann wirksam, wenn sie durch die Wachstumsraten des Flugverkehrs nicht wieder aufgewogen werden.

Eine Stunde Flug verursacht, auf den einzelnen Fluggast umgerechnet, mehr Emissionen, als ein Mensch in Bangladesch durch alle Aktivitäten in einem Jahr erzeugt. Die Folgen der Klimaveränderung müssen aber maßgeblich die Menschen im Süden sowie in den fragilen Berg- und Küstenregionen tragen. Die Staaten der Karibik betonten im Juni 2001 auf ihrem regionalen Vorbereitungstreffen zum Weltgipfel in Johannesburg, dass sich die Bevölkerung kleinerer Inselstaaten durch den Anstieg des Meeresspiegels und einer Zunahme von Flutwellen und Wetterkatastrophen bedroht sieht. Diese haben in den neunziger Jahren laut des Internationalen zwischenstaatlichen Gremiums für Klimaveränderung (ICCP) bereits Schäden von 40 Milliarden Mark verursacht. Im Indischen Ozean sind aufgrund der Erderwärmung von 0,3 Grad Celsius seit 1980 stellenweise bis zu 70 Prozent der Korallen ausgebleicht, und die Fischerei erleidet teilweise große Einbußen. Wenn Strände erst einmal weggespült werden, ist die touristische Nutzung selbst gefährdet und damit auch das Einkommen durch den Tourismus. Doch warum in die Ferne schweifen: Auch in europäischen Berggebieten drohen Erdrutsche und Gletscherschmelzen; fehlende Schneesicherheit beeinträchtigt längst den Winter(sport)tourismus.

Der weltweite Tourismus ist zudem von einem enormen Gütertransfer und Frachttransport begleitet, um touristische Ansprüche auch am entlegensten Zipfel der Landkarte zu bedienen. Produktion und Transport von Baumaterial und Luxusgütern verbrauchen natürliche Ressourcen, Wasser, Energie und saubere Luft, die in den Klimabilanzen des Tourismus in aller Regel unberücksichtigt bleiben. Der Energieverbrauch touristischer Komplexe für Klimaanlagen oder beheizte Swimmingpools ist erheblich. Hinzu kommen gesundheitsschädlicher Lärm und örtliche Landschafts- und Kulturzerstörung durch den Bau von Landepisten, Straßen und Hafenanlagen. Die hohen staatlichen Subventionen und Steuererleichterungen für Flugverkehr und Straßenbau, die meist über Steuergelder finanziert werden, fördern das Verkehrsaufkommen. Dieses mehrfache Abwälzen der Kosten einer umweltbelastenden Verkehrsinfrastruktur auf die Allgemeinheit zum immer häufigeren, schnelleren und maßloseren Konsum touristischer Angebote durch eine privilegierte Minderheit unterläuft das Ziel sozialer Gerechtigkeit.

Es braucht eine Trendwende im Verkehr hin zu einer für alle erschwinglichen sanften Mobilität und einem regionalen Versorgungskreislauf mit lokalen Produkten und Energieträgern, gerade auch im Tourismus. Bei der Verkehrsplanung muss der Tourismus gebührend berücksichtigt werden, so wie bei der Planung von Ferienlandschaften und Urlaubsgebieten der touristisch bedingte Verkehr einzubeziehen ist. Dazu sind besonders die politischen Entscheidungsträger auf allen Ebenen und in der internationalen Zusammenarbeit gefordert.

 

Aktivitäten |Themen | Publikationen | Archiv | Links | Kontakt | Impressum