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Ökologie und Biologische Vielfalt

Wasser: Das kühle Nass ist unterwegs noch kostbarer als zu Hause

Auszug aus: Rote Karte für den Tourismus?
DANTE – Die Arbeitsgemeinschaft für Nachhaltige TourismusEntwicklung

(download der gesamten Broschüre "Rote Karte für den Tourismus" als pdf-file mit 3,5 MB)

»Wer mit dem Nilwasser spielt, erklärt uns den Krieg«, sagte seinerzeit der ägyptische Präsident Sadat. Dass das Wasser aus dem Nil auch innerhalb der Landesgrenzen abgezogen werden kann, daran hatte er damals wohl kaum gedacht. Die üppigen Luxusressorts am Roten Meer zwingen zum Bau immer neuer Wasserpipelines quer durch die Wüste direkt bis in die Swimmingpools. Dabei weist die Wasserversorgung für die ÄgypterInnen und ihre bewässerungsabhängige Landwirtschaft entlang des Nils erhebliche Defizite auf: Erschließung, Verteilung sowie Reinhaltung von Trinkwasser sind äußerst problematisch.

Seit geraumer Zeit zählt Wasser – eigentlich ein öffentliches Gut, das häufig kommunal verwaltet wird – zu den zentralen Streitpunkten der globalen Umwelt- und Entwicklungspolitik. Ein Menschenrecht auf Wasser, wie seitens vieler NGOs gefordert, gibt es bislang nicht. Dabei ist Wasser Leben, und ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser kann von Ernährungssicherheit nicht die Rede sein. Genau diese Situation trifft weltweit auf 1,2 Milliarden Menschen in über 50 Ländern zu. Bis 2025 werden schätzungsweise 5 Milliarden Menschen von Wasserstress betroffen sein; schon jetzt leben 2,5 Milliarden Menschen ohne sanitäre Einrichtungen. Häufig verschärft der Wasserbedarf des Tourismus die Knappheit. Mit der Privatisierung des Wassers, wie sie zur Zeit vielerorts vorangetrieben wird und auch für die Dienstleistungsabkommen (GATS) im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO-OMC) zur Diskussion steht, wird die Verteilung dieses lebenswichtigen Gutes privaten Interessen unterstellt und durch Marktpreise geregelt. Katastrophale Folgen für die betroffenen Menschen sind absehbar, gerade auch in touristischen Zielgebieten. So stellt bereits jetzt der Privatverkauf des Grundwassers aus ägyptischen Oasen an die seit jüngstem hier boomenden Hotels besonders für die Viehhirten, die mit weniger Brunnen auskommen müssen, ein ernsthaftes Problem dar.

Mancherorts ist Wasserknappheit eine Folge von Entwaldung oder Bodenerosion in Berggebieten. An der Beeinträchtigung dieser Wassereinzugsgebiete ist Tourismus nicht selten beteiligt – beispielsweise im Himalaya oder in den Alpen. Auf der Baleareninsel Mallorca muss in der Hochsaison das Wasser oft aufwendig vom Festland herangeschafft werden. In Goa sickert durch den Abbau von Sanddünen für den Bau von Hotelanlagen Salzwasser in die Böden des Hinterlandes und ins Grundwasser. In Tunesien fehlt laut Weltbank den Landwirten das Wasser, das aus dem Hinterland in die Küstenhotels gepumpt wird. Ihre Felder trockneten aus und mussten aufgegeben werden.

Grüne Golfplätze in Tunesien, Süßwasser-Swimmingpools und künstliche Gartenanlagen am Roten Meer sind Ausdruck eines verschwenderischen Verhaltens der Feriengäste. Der Wasserkonsum von 2.000 Litern am Tag pro Gast in einem tansanischen Hotel ist zwar die Ausnahme. Doch auch mit 400 bis 600 Litern liegt der weltweite Durchschnittsverbrauch der Hotelgäste weit über den 25 Litern, die beispielsweise von der einheimischen Bevölkerung genutzt werden. In den Ländern südlich der Sahara gelten 20 Liter pro Kopf als Durchschnittswert der ansässigen BewohnerInnen. Auch übersteigt der Wasserverbrauch der Feriengäste die rund 150 bis 200 Liter, die pro Kopf und Tag in den Industrieländern konsumiert werden. Die industrielle Produktion von Konsumgütern wie Dosenbier verbraucht zusätzlich 20 Liter Wasser für die Bierherstellung und 40 Liter für die Produktion der Dose. Völlig fragwürdig erscheinen die Sprinkleranlagen zur Begrünung, die mancherorts bis zu 50 Prozent des Hotelwassers für sich verbuchen. Die Rasenflächen eines 18-Loch Golfplatzes verbrauchen täglich über 2,3 Millionen Liter Wasser. Auf den Philippinen könnten mit dem Wasser, das auf einem Golfplatz versickert, 65 Hektar fruchtbares Ackerland bewässert, 15 000 EinwohnerInnen der Hauptstadt Manila oder 60.000 DorfbewohnerInnen versorgt werden.

Leergezapfte oder verschmutzte fossile Grundwasserreserven gefährden die Wasserversorgung insbesondere in Trockengebieten und auf Inseln.

Die Süßwasserreserven sind hier besonders knapp und die Wachstumsprognosen des Tourismus für die künftige Versorgung vielerorts schlichtweg untragbar. Manche Ferieninseln sind auf Regenwasser als einzige Süßwasserquelle angewiesen. Wird auf Koralleninseln etwa die Süßwasserlinse angezapft, so kann das fragile Ökosystem empfindlich gestört, das schützende Riff beschädigt werden und die Insel einbrechen. Wenn Inselbevölkerungen den Bau und Unterhalt energieintensiver Meerwasserentsalzungsanlagen finanzieren, um den ökologischen Folgekosten eines ruinösen Verbrauchs der Hotels und Golfplätze vorzubeugen, ist das Wasserproblem keineswegs im Sinne der Nachhaltigkeit gelöst.

Gerade der »Wassertourismus« zerstört häufig genau das, was die touristische Attraktion ausmacht: Durch ungeklärte Abwässer und chemisch reaktive Ausflüsse der Entsalzungsanlagen erkranken die Korallenriffe. Oder sie ersticken, wie im ägyptischen Hurghada, am importierten Feinsand der künstlich aufgeschütteten Strände. Vielfach ungeklärte Abwässer und Abfälle von kilometerlangen Hotelküsten und vom Kreuzfahrttourismus auf offener See schädigen die Küstenbiotope und belasten die Meere, Algenblüten gefährden den Fischreichtum. Der Wassersporttourismus sucht sich dann neue Plätze, während Insel- und KüstenbewohnerInnen Einbußen in der Fischerei hinnehmen müssen.

Der übermäßige Verbrauch von Süßwasser ist nicht ohne die Produktion von Abwasser zu haben – beide lösen eine Kette von Reaktionen aus, die insbesondere die einheimische Wirtschaft und Umwelt treffen und oft unlösbare Dimensionen annehmen. Auf den Rasenflächen der Golfplätze ausgebrachte Pestizide finden sich im Trinkwasser und in den Feldfrüchten der umliegenden Landwirtschaft wieder (siehe Kapitel 3). Das westafrikanische Sprichwort »Filthy water cannot be washed« (verschmutztes Wasser lässt sich nicht reinwaschen) trifft trotz moderner Abwassertechnologie die prekäre Lage: Die Selbstreinigungskraft der Grundwasserreserven liegt im Durchschnitt bei 1400 Jahren. Schon jetzt sind tödliche Krankheiten für weltweit zwei bis vier Millionen Menschen die Folge fehlenden Zugangs zu sauberem Wasser. Diesen fehlenden Zugang in »Wasserknappheit« umzutaufen, während gleichzeitig eine grenzenlose Verschwendung praktiziert wird, verwischt die Gründe für die Verwundbarkeit vieler Menschen und entlässt die Verursacher aus ihrer Verantwortung. Dabei stellen Wassersparmaßnahmen in der Tourismusindustrie mancherorts ein riesiges Potenzial dar, das – wie bei Energiespar- oder Abfallvermeidungsmaßnahmen – finanziell oftmals schon kurzfristig sehr interessant ist, aber noch viel zu wenig genutzt wird.

 

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