Themen

Tourismus und Entwicklungszusammenarbeit

Nachhinkende Entwicklung

Mit dem Leitfaden der GTZ "Tourismus in der Technischen Zusammenarbeit" (1/99) hat die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) die Tourismusförderung wiederentdeckt. Nun ist der Tourismus und mit ihm seine Industrie bereits einer der weltweit wichtigsten Wirtschaftssektoren. Warum also jetzt Entwicklungshilfegelder für eine Branche, die ohnehin blüht und gedeiht?

Massive Kritik an den sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Tourismus auf die Entwicklungsländer hatte in den 70er und 80er Jahren die Tourismusförderung als Strategie der Entwicklungspolitik in Verruf gebracht. Zuvor hatten sich Experten insbesondere positive Effekte für die wirtschaftliche Entwicklung einer touristischen Zielregion versprochen. Arbeitsplätze, Devisen und Modernisierung würden durch den Tourismus ins Land gebracht. Auch der sogenannten Völkerverständigung könne das Reisen in die Ferne auf die Sprünge helfen. Ökologische Aspekte waren kaum in Betracht gezogen worden. Es herrschte das Bild vom Tourismus als "weiße Industrie ohne Schornsteine". Beispiele für die verheerenden ökologischen Auswirkungen vieler Tourismusformen gibt es jedoch genug.

Inzwischen wird dem Tourismus auch von vielen seiner ehemaligen KritikerInnen wieder eine positivere Rolle zugesprochen. Er könne zu mehr Nachhaltigkeit beitragen, heißt es etwa in der AGENDA 21. Neben der ungebrochenen Hoffnung, das Wachstum der Branche könne zur wirtschaftlichen Entwicklung der Zielregionen beitragen, wird nunmehr gerade der Naturschutz als Argument für Tourismusentwicklung vorgebracht. "Tourismus – vorzugsweise Ökotourismus – ist längst zum unverzichtbaren Faktor im weltweiten Naturschutz geworden und leistet in diesem Zusammenhang unstreitig täglich neue Schrittmacherdienste" schreibt Jürgen Wolters in einem von der GTZ 1998 herausgegebenen Band. Dort ist die Formel vom "Tourismus als Instrument für eine nachhaltige Entwicklung" nachzulesen.

In der EZ wird bisher hauptsächlich der Ökotourismus diskutiert und als eine Form des "verantwortungsbewußten Reisens in naturnahe Gebiete" propagiert, die "negative Umweltauswirkungen und sozio-kulturelle Veränderungen zu minimieren sucht, zur Finanzierung von Schutzgebieten beiträgt und Einkommensmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung schafft". Insbesondere die Finanzierung des sonst scheinbar unbezahlbaren Naturschutzes wird von den BefürworterInnen hervorgehoben. Ökotourismus biete (der lokalen Bevölkerung) einen ökonomischen Anreiz zum Erhalt von Naturräumen und Biodiversität. Zudem trete er oft an die Stelle anderer, die Umwelt sehr viel stärker belastenden Landnutzungsweisen, so z.B. landwirtschaftlicher Export-Monokulturen oder irreparabler Brandrodung. Denn gerade beim Naturtourismus handele es sich um eine der wenigen nicht-konsumptiven Wirtschaftsaktivitäten, die zu einer nachhaltigen Inwertsetzung von Naturgebieten beitragen könnten.

Die Autoren geben zu, daß die durch den Flugverkehr verursachten ökologischen Schäden in diesem Konzept nicht berücksichtigt sind. Doch obwohl nicht zuletzt deshalb der Ferntourismus grundsätzlich nicht nachhaltig ist und in seiner Summenbilanz unter sozialen wie ökologischen Gesichtspunkten mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt (Wolters 1998), hat dies für die Brauchbarkeit des Ökotourismus in der EZ offenbar keine Folgen. Eine umfassende Lösung sei nicht in Sicht, also müsse mit den existierenden Problemen pragmatisch statt grundsatzkritisch umgegangen werden.

Offen bleibt bei dieser Strategie, wer "Natur" nach welchen Maßstäben "in Wert setzt". Werden die Kosten und Subventionen der für TouristInnen benötigten Infrastruktur eingerechnet? Wie werden (traditionelle) Landnutzungsarten gewertet, die nicht direkt monetär zu bestimmen sind? Was geschieht mit der kulturellen bzw. religiösen Bedeutung von Stätten oder Gegenden, wenn diese auf dem Weltmarkt handelbar sind? Degradiert nicht die touristische "Inwertsetzung von Natur und Kultur" Menschen als Träger bestimmter "Kulturen" zu Waren? Der Ökotourismus jedenfalls kündigt da keine Wende an und auch er schützt die Menschen nicht vor ökonomischer Ausbeutung.

Nun sind Antworten auf so grundsätzliche Fragen von den Institutionen der EZ nicht zu erwarten. Doch auch der Großteil tourismuskritischer NGOs ist dermaßen im Nachhaltigkeitsdiskurs vertieft, daß kaum Zeit bleibt, Alternativen zur Tourismusentwicklung in der Dritten Welt anzudenken. Geprägt von der Einsicht, das man doch niemandem das Reisen verbieten könne, überwiegt auch hier das pragmatische Bemühen um Schadensbegrenzung. Dabei hinkt das Ökoprinzip der touristischen Gesamtentwicklung weit hinterher.

Tina Goethe
Mitarbeiterin von FernWeh
Forum Tourismus & Kritik - iz3w -

Tina Goethe 20/12/99

 
Aktivitäten |Themen | Publikationen | Archiv | Links | Kontakt | Impressum