Türsteher am Transit | Mexiko schottet sich gen Süden ab, um die Migration in die USA zu stoppen
Grenzen sind nicht mehr
nur markierte Linien mit Zäunen und
Schranken, sondern komplexe Systeme. Die
Ostgrenze der Europäischen Union wird
durch Kooperationsverträge mit Transitländern
wie Polen, der Ukraine oder der Türkei
mehrstufig gegen MigrantInnen und Flüchtlinge
gesichert. Ein ähnliches Konzept verfolgen
die USA an ihren Südgrenzen, die migrationspolitisch
gesehen bis Guatemala reichen.
von Philipp Burtzlaff, Inga Rahmsdorf und Kathrin Zeiske
Fast 700 Kilometer Grenze trennen Mexiko
von Guatemala. Kein Stacheldraht, keine
Mauer und keine Wachposten markieren ihre
Linie. Sichtbar wird die südliche Grenze
Mexikos nur für MigrantInnen aus Zentral-
und Südamerika, die ohne Papiere auf
dem Weg al norte in die USA
sind. Seit das Instituto Nacional de Migración
(die mexikanische Migrationsbehörde)
im Juli 2001 den Plan Sur erließ,
hat die Überwachung und Kontrolle von
MigrantInnen in Mexiko stark zugenommen.
Die Migrationsbewegungen in der Region
zwischen Mexikos Landenge, dem Isthmus von
Tehuantepec, und der Südgrenze sind
einfacher zu kontrollieren als an der 3300
Kilometer langen US-mexikanischen Grenze.
Im Interesse der USA sollen die MigrantInnen
daher gestoppt werden, bevor sie an die
mexikanische Nordgrenze gelangen. Neben
der Regulierung der Einwanderung geht es
den USA verstärkt nach dem 11.
September 2001 um die innere Sicherheit.
Dazu gehört eine strenge Selektion
bei der Einreise von »Fremden«
und eine verstärkte Abschottungspolitik,
die in der Militarisierung der Grenze zwischen
den USA und Mexiko, aber eben auch in der
Ausweitung des durch die USA überwachten
Grenzgebiets nach Süden ihren Ausdruck
findet. Die Kooperationsbereitschaft Mexikos
ist dabei garantiert, allein schon wegen
der wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit
von den USA.
Die Migrationspolitik der USA ist widersprüchlich
und politisch umstritten, denn die Wirtschaft
der USA ist in hohem Maße abhängig
von den billigen Arbeitskräften zentral-
und südamerikanischer MigrantInnen.
Sie sind in Landwirtschaft, Industrie und
im Dienstleistungsbereich tätig. Aufgrund
ihres illegalisierten Status sind sie gezwungen,
ungeschützte und unterbezahlte Arbeitsverhältnisse
einzugehen. Dennoch: In den USA verdienen
sie selbst als BilliglohnarbeiterInnen in
einer Arbeitsstunde mehr als in ihren Herkunftsländern
Honduras, Guatemala, El Salvador oder Nicaragua
an einem Tag. Gelingt ihnen die Einreise
in die USA, schicken viele regelmäßig
Geld an ihre Familien. Sie hoffen, nach
ihrer Rückkehr mit dem angesparten
Geld eine neue Lebensgrundlage in ihrer
Heimat aufbauen zu können. Die meisten
der MigrantInnen sind Männer. Allerdings
steigt die Migration von Frauen und Minderjährigen
seit einigen Jahren stark an. Viele Kinder
machen sich allein auf den Weg zu ihren
Eltern oder Verwandten in die USA.
Sichere Rückführung
Die MigrantInnen nutzen Mexiko zwar auf
ihrer Reise nur als Transitland, aber das
gesamte mexikanische Staatsgebiet erweist
sich als das gefährlichste Hindernis
auf dem Weg al norte. Seit Januar 2002 führt
Mexiko mit finanzieller Hilfe der USA das
Programm La Repatriación Segura (»Sichere
Rückführung in die Heimatländer«)
durch. Es sieht vor, MigrantInnen, die ohne
Papiere im mexikanischen Staatsgebiet aufgegriffen
werden, zurück an die Grenzen ihrer
Heimatländer zu bringen. An allen wichtigen
Verkehrsstraßen in Mexiko befinden
sich Kontrollen, die vom Instituto Nacional
de Migración durchgeführt und
von Militär und Polizei unterstützt
werden. Im Jahr 2002 wurden mehr als hunderttausend
MigrantInnen im Rahmen dieses Programms
aufgegriffen und abgeschoben. Im Zuge der
verstärkten Abschiebepolitik sind im
Durchschnitt etwa acht bis neun Versuche
und immer längere Zeiten nötig,
um es tatsächlich bis in die USA zu
schaffen.
Für die MigrantInnen gibt es nur begrenzte
Möglichkeiten, die Kontrollen der Migrationsbehörden
und eine Abschiebung zu umgehen. Lediglich
durch hohe Bestechungsgelder können
sie eine Ausweisung verhindern. Viele verkaufen
ihren Besitz, nehmen hohe Schulden auf oder
leihen sich Geld von Verwandten, die bereits
in den USA arbeiten. Dennoch fehlt den meisten
die finanzielle Grundlage, um einen Schleuser,
den coyote oder pollero, zu bezahlen. Dieser
organisiert gegen hohe Summen die Bestechungen
und den Transport der Reisenden. Für
eine Passage von Guatemala bis in die USA
fordert ein coyote zwischen 2000 und 5000
Dollar. Häufig bieten die Schleuser
jedoch keine Garantie, verschwinden auf
der Reise oder sorgen dafür, dass die
MigrantInnen in die Hände des Instituto
Nacional de Migración geraten.
Vielen bleibt nur die Reise auf dem Güterzug.
Es ist die billigste, aber auch die gefährlichste
Art Richtung Norden zu fahren. Zwei bis
dreimal in der Woche passiert der Güterzug
die Nordgrenze Guatemalas. Entlang der Gleise
warten ca. 300 bis 500 Personen, die auf
die Waggons aufspringen und sich auf den
Dächern festklammern. Er wird el Tren
de los muertos (Todeszug) genannt, denn
wöchentlich sind Berichte in den lokalen
Tageszeitungen zu finden, die von Unfällen
berichten. MigrantInnen rutschen beim Aufspringen
ab oder fallen während der Fahrt von
den Waggondächern und geraten unter
die Räder. Viele dieser Unfälle
enden tödlich.
Eine weitere Gefahr droht den MigrantInnen
in Mexiko durch kriminelle Banden der Maras
Salvatruchas, bewaffnete Banden, die von
ehemaligen Mitgliedern zentralamerikanischer
Todesschwadronen gegründet wurden und
bekannt sind für ihre Brutalität.
Sie nutzen die Wehrlosigkeit der Flüchtlinge
aus. So springen sie etwa in Gruppen auf
den Güterzug und ziehen von vorne nach
hinten über die Dächer der Waggons,
um die Reisenden auszurauben und Frauen
zu vergewaltigen. Wer sich ihnen widersetzt
oder kein Geld bei sich trägt, wird
vom fahrenden Zug gestoßen oder erschossen.
Polizei und Regierung ignorieren diese Vorfälle
weitgehend. Im Gegenteil: In der öffentlichen
Meinung entsteht so ein enger Zusammenhang
zwischen Migration und Kriminalität,
der gerne als Rechtfertigungsgrund für
eine strenge und repressive Migrationspolitik
herangezogen wird.
Die Regierung des Auswanderungslands Mexiko
etwa ein Zehntel der Bevölkerung
lebt und arbeitet in den USA weist
den Vorwurf der Menschenrechtsverletzungen
an der eigenen Südgrenze zurück.
Sie rechtfertigt sich mit der staatlichen
Organisation Beta Sur, die zum Schutz von
MigrantInnen gegründet wurde. Deren
Einsatzgebiet erstreckt sich über das
gesamte mexikanische Grenzgebiet und sie
untersteht der nationalen Migrationsbehörde.
Berichte von MigrantInnen und Fälle
von sexuellen Übergriffen auf junge
Migrantinnen wie im Oktober 2002, als eine
18jährige Honduranerin von Beamten
der Beta Sur gefangen gehalten und vergewaltigt
wurde, stellen die Glaubwürdigkeit
jedoch in Frage.
Kleiner Grenzverkehr
Anders als die TransmigrantInnen genießen
guatemaltekische ArbeitsmigrantInnen in
Mexiko eine relative Sicherheit. Ihre Einwanderung
ist vom mexikanischen Staat geduldet und
wird sogar gefördert, um die wirtschaftliche
Stabilität in der Region zu gewährleisten.
Ein besonderer Aufenthaltsstatus ermöglicht
GuatemaltekInnen wie MexikanerInnen, sich
72 Stunden frei im Grenzgebiet des anderen
Landes aufzuhalten. Guatemaltekische Mädchen
und Frauen nutzen diese so genannten pases
locales, um nach Chiapas einzureisen und
dort einige Jahre als Hausangestellte zu
arbeiten. Aufgrund des äußerst
niedrigen Lohnniveaus leisten sich die meisten
Ober- und Mittelschicht-Familien der mexikanischen
Grenzregion eine guatemaltekische Hausangestellte.
Die Mädchen leben häufig isoliert
und die Einhaltung ihrer Arbeitsrechte ist
abhängig vom guten Willen ihrer ArbeitgeberInnen.
Auch wenn die Hausangestellten keine direkten
staatlichen Repressionen zu fürchten
haben, wird ihnen von ihren ArbeitgeberInnen
oft mit Abschiebung gedroht, um ihnen nicht
einmal den minimalen Lohn auszahlen zu müssen.
Die Landwirtschaft der mexikanischen Grenzregion
beruht auf der Erntehilfe guatemaltekischer
ArbeiterInnen, die saisonal auf die Kaffee-
und Obstplantagen kommen. Der mexikanische
Bundesstaat Chiapas vergibt dafür ca.
50.000 bis 75.000mal im Jahr eine temporäre
Arbeitserlaubnis. Die Kaffeeernte dauert
von Oktober bis Januar. Häufig kommen
ganze Familien für diese Zeit des Jahres
auf die mexikanischen Fincas. Alle, auch
Kinder, arbeiten wochen- oder monatelang
auf den Steilhängen der Plantagen.
Die Lebensbedingungen sind miserabel, mehrere
Familien schlafen in einem kleinen Raum,
oft sind für dreihundert Leute nicht
einmal sanitäre Anlagen vorhanden,
ganz zu schweigen von einer medizinischen
Versorgung. Den ArbeiterInnen wird alle
zwei oder vier Wochen der Lohn ausgezahlt.
In dieser Zeit werden ihnen aber auch Unterkunft,
Verpflegung und Ausgaben angeschrieben,
so dass beim Auszahlungstermin kaum noch
etwas von ihrem Lohn übrig bleibt.
Manche verlassen die Plantagen sogar mit
Schulden.
In der mexikanischen Öffentlichkeit
ist immer wieder der Vorwurf zu hören,
dass die GuatemaltekInnen den einheimischen
Arbeitskräften die Arbeit wegnähmen.
Deshalb seien immer mehr MexikanerInnen
gezwungen, in die USA zu migrieren. Hier
muss allerdings deutlich unterschieden werden
zwischen den beiden Migrationsformen. Während
eine Reise in die USA von der Hoffnung erfüllt
ist, dort Geld zu sparen und an die Familien
zu schicken, dient der Lohn auf den Fincas
nur zum Überleben. Der sinkende Kaffeepreis
auf dem Weltmarkt und die Konkurrenz durch
billigeren Kaffee aus Ostasien führen
dazu, dass bereits ein großer Teil
der guatemaltekischen Kaffee-Fincas brach
liegt.
Dennoch: Mexiko ist eine Art Transitraum
geworden, reich genug, um manche (Arbeits-)MigrantInnen
aus den ärmeren mittelamerikanischen
Staaten anzuziehen, aber selbst so arm,
dass die meisten MigrantInnen und auch MexikanerInnen
weiter in die USA reisen wollen. In diesem
Zusammenhang bekommt die Kategorie »Schwellenland«
eine ganz neue Bedeutung das Land
zwischen innen und außen, an der Schwelle
zu den USA und gleichzeitig zum Süden.
Und dem mexikanischen Staat kommt die Rolle
des Türstehers zu.
Philipp Burtzlaff, Inga
Rahmsdorf und Kathrin Zeiske nahmen 2002
im Rahmen des ASA Programmes an einem Projekt
zum Thema »Außengrenzen von
Wirtschaftsblöcken« teil. Während
ihres dreimonatigen Aufenthaltes an der
Südgrenze Mexikos untersuchten die
StudentInnen die Situation von MigrantInnen.