Debatte: Im Käfig des Gärtners | Zum Staatsbegriff in der globalisierungskritischen Bewegung
Die globalisierungskritische
gilt als ausgesprochen heterogene Bewegung,
die lediglich die Ablehnung des Neoliberalismus
eint. Aus der Kritik am grenzenlosen Kapitalismus
aber entsteht eine nostalgische Verklärung
des Staates und das bei so unterschiedlichen
Autoren wie Zygmunt Bauman, Pierre Bourdieu,
Noam Chomsky und Subcomandante Marcos.
von Jens Kastner
Eine merkwürdige Trauer macht sich
breit in den Reihen der globalisierungskritischen
Linken: der bedauernde Abgesang auf einen
ehemaligen Todfeind, den Nationalstaat.
Während er auf der einen Seite bereits
für tot erklärt wird, den Angriffen
des Marktes erlegen, werden andererseits
Appelle für seinen Erhalt und zu seiner
Unterstützung lanciert. Auch wenn es
wenigen um die Wiederbelebung des klassisch
keynesianischen Wohlfahrts- oder Sozialstaats
geht und sie noch weniger gar das Nationale
dem Globalen konzeptionell gegenüber
stellen, der Nationalstaat gilt für
viele doch als ein letzter Schutz gegen
die marktradikalen Angriffe auf einstige
Errungenschaften aus sozialen Kämpfen.
Die Schriften von vier Autoren, die als
Teil der globalisierungskritischen Bewegung
agieren oder als Sprecher und Bezugsgrößen
einzelner ihrer Teile fungieren, werden
im Folgenden dargestellt: Zygmunt Bauman,
Pierre Bourdieu, Noam Chomsky und Subcomandante
Marcos. Auf unterschiedliche Art und Weise
beklagen alle das Absterben oder den Zerfall
des Staates. Bei allen jedoch findet sich
zugleich eine Ambivalenz gegenüber
dem Nationalstaat, die sie in der Theorie
vor simplifizierenden Kurzschlüssen
bewahrt und politisch für nicht-staatliche
Perspektiven anschlussfähig macht.
Solche Perspektiven anzustreben, ist vor
allem das Geschäft Sozialer Bewegungen
und dabei insbesondere solcher, die nach
wie vor (auch) den Staat als Adressaten
ihrer Politik ausmachen.
Der Rede vom Absterben des Staates soll
schließlich zeitdiagnostisch entgegengehalten
werden: Der Staat verschwindet nicht, er
verändert sich nur! Die Kritik soll
dabei nicht, wie Subcomandante Marcos zurecht
einigen Intellektuellen vorwirft1 , als eine
vom akademischen Feld über Soziale
Bewegungen ausgesprochen, sondern aus ihnen
heraus und mit ihnen entwickelt werden.
Ordnung im Dschungel
Der britisch-polnische Soziologe Zygmunt
Bauman gehört zu den exponiertesten
KritikerInnen der durch die neoliberale
Globalisierung ausgelösten Ungleichheit.
Bekannt geworden durch seine Studie zum
Holocaust (»Dialektik der Ordnung«),
hat Bauman sich in den letzten Jahren mit
kritischen Zeitdiagnosen hervorgetan. Seine
Analysen sind streitbar und widersprüchlich,
in vielen Punkten jedoch mittlerweile Allgemeinplätze,
auf denen auch GlobalisierungskritikerInnen
sich tummeln. 2
Bauman sieht das »Prinzip nationalstaatlicher
Souveränität« bedroht von
den globalen ökonomischen Mächten.
Er spricht vom neoliberalen Markt als einem
»Dschungel«, als einem Ort,
an dem menschliches Leben unmöglich
werde, weil alles erlaubt sei und niemand
Verantwortung übernehme. Den Staat
hingegen hat Bauman als Gärtner bezeichnet,
immer darum bemüht, Ordnung in seinem
Territorium zu schaffen, sein gesellschaftliches
Feld zu bestellen, das Gute zu züchten
und das Schlechte als Unkraut zu kategorisieren
und auszusortieren. Der Staat habe, im Gegensatz
zu anderen Institutionen der Moderne und
gemäß Max Webers Definition des
Gewaltmonopols, das »Monopol auf die
Ziele« der gärtnerischen Tätigkeit.
Für sein oberstes Ziel, der Herstellung
von Ordnung, standen dem modernen Staat
als Mittel seine drei Stützen oder
Säulen zur Verfügung: Militär,
Ökonomie und Kultur.
Obwohl Bauman die Gärtner-Metapher
in kritischer Absicht einführt, um
gegen die ausgrenzende und letztlich vernichtende
Obsession der Ordnung Stellung zu beziehen,
lässt sie sich nun gut gegen die drohende
Wildnis des Markt-Dschungels wenden
was Bauman dann auch tut, indem er den Nationalstaat
normativ anderen Vergemeinschaftungsformen
vorzieht. Ordnung und Übersicht seien
verloren gegangen, denn mittlerweile hätten
sich alle drei staatlichen Säulen tendenziell
verselbstständigt, d.h. privatisiert.
Allerdings weist Bauman darauf hin, dass
der Staat als politischer Souverän
zwar geprägt sei von deutlichen und
dauerhaften Schwächeanfällen,
dennoch erfülle er für den Markt
die nützliche Rolle eines lokalen »Distriktpolizisten«.
Schwache Staaten gründen sich laut
Bauman statt auf ihre ehemaligen Säulen
jetzt auf »Stammesgefühle«.
Die neuen Gemeinschaften bekämpften
sich gegenseitig, grenzten Fremde noch mehr
aus als der Staat und hätten vor allem
der ökonomischen Globalisierung nichts
entgegenzusetzen, sondern profitierten zum
Teil noch von ihr. Den Nationalstaat selbst
beschreibt er wegen seiner ethnischen Konzeption
als »das einzig erfolgreiche Beispiel
einer Gemeinschaft in der Moderne«.
Als ein merkwürdiger Kompromiss aus
seiner fundamentalen Nationalstaatskritik
und der eindeutigen Ablehnung der Neostämme
ließe sich dann Baumans politischer
Anspruch interpretieren, jeder Anstrengung
gegen die beschleunigte Globalisierung müsse
»die Aussicht einer globalen
Gemeinschaft als verbindlicher Horizont
dienen«.
Schutzwall und Blickschutz
Als engagierter Soziologe hat Pierre Bourdieu
sich in den 90er Jahren bis zu seinem Tod
im Januar 2002 gegen die neoliberale Globalisierung
stark gemacht. Nach seiner Ermutigung der
Streikenden im großen Arbeitskampf
des öffentlichen Dienstes in Frankreich
1995 hatte er verschiedene Initiativen ergriffen,
um den intellektuellen Widerstand gegen
den Neoliberalismus zu transnationalisieren.
Neben der Gründung der Zeitschrift
Liber und des Netzwerkes raison dagir
trat er für eine europäische Sozialbewegung
gegen Privatisierungen und Sozialabbau ein.
Bourdieu selbst reflektiert das Paradox,
in das er sich als kritischer Intellektueller
im Kampf gegen den Neoliberalismus begibt:
Er sieht sich »dazu gezwungen (...),
Dinge zu verteidigen, die man eigentlich
verändern möchte, etwa den Nationalstaat«
3
. Bourdieus theoretisches Staatsverständnis
geht von drei Konzentrationen aus: Die der
Mittel physischer Gewaltsamkeit und die
der ökonomischer Macht beide
historisch bedingt in der Hand des Staates.
Beide gehen Hand in Hand, da Geld für
Krieg und Polizei und Polizei wiederum für
die Sicherung staatlicher Geldschöpfung
gebraucht wird. Die dritte Konzentration,
die den Staat ausmacht, ist die von kulturellem
Kapital, die ihm eine gewisse Unabhängigkeit
von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Mächten garantiert.
In seinen politischen Texten, so in Gegenfeuer,
beschreibt Bourdieu den Prozess einer Rückbildung
des Staates. Dieser Rückzug des Staates
wird in Gegenfeuer 2 am Beispiel der USA
ausgeführt: »Der Staat hat sich
aus allen wirtschaftlichen Bereichen zurückgezogen,
ihm gehörende Unternehmen verkauft,
öffentliche Güter wie Gesundheit,
Wohnen, Sicherheit, Erziehung und Kultur
Bücher, Filme, Fernsehen und
Radio in Handelsgüter und deren
Nutzer in Kunden verwandelt, die öffentlichen
Dienste an den privaten Sektor verpfändet
und auf seine Macht verzichtet, die Ungleichheit
zurückzudrängen (die sich nun
maßlos verschärft)«.
In seiner Einschätzung der Rolle,
die der Staat selber dabei gespielt hat,
schwankt Bourdieu. Einerseits klagt er ihn
wegen seiner »Untätigkeit«
in sozialen Belangen an. Die Aktivität
des Staates besteht demnach vor allem darin,
das eigene Nichtstun zu verschleiern. Andererseits
gibt er ihm sogar eine Mitschuld. Auch und
gerade die sozialdemokratisch regierten
Staaten waren es laut Bourdieu, die mit
Sozialabbau dem Neoliberalismus zum Sieg
verholfen haben. Dennoch hält Bourdieu
im Angesicht der neoliberalen Politiken
am Staat als mögliche Schutzmacht für
die emanzipatorischen Errungenschaften fest.
Zum Teil liest es sich dabei sogar so, als
hielte er nicht die sozialen Kämpfe
um und gegen, sondern den Nationalstaat
selbst für den Urheber dieser Errungenschaften.
Der schützende Käfig
Der US-amerikanische Linguist Noam Chomsky
gilt als einer der wirkungsmächtigsten
Kritiker der Außenpolitik der USA
seit dem Vietnam-Krieg. Er hat in einer
Fülle von Artikeln, Aufsätzen
und Büchern 4
den Neoliberalismus angegriffen und u.a.
wegen der planerischen und autoritären
Politik, die unter diesem Namen praktiziert
wird, treffend als »Sozialismus für
Reiche« bezeichnet. Chomsky gilt als
einer der »Stars und Gurus«
(Leggewie) der Antiglobalisierungsbewegung.
Ähnlich wie Bourdieu passt Chomsky
seine theoretische Staatskritik taktisch
den aktuellen politischen Gegebenheiten
an. Er gilt als Vertreter klassisch anarchistischer
Positionen. Aber schon 1976 hatte er darauf
hingewiesen, dass die Monopolisierung privater
Macht in der anarchistischen Theorie zu
wenig Beachtung gefunden hätte. Unter
neoliberalen Bedingungen, die u.a. die Privatisierung
der vormals öffentlichen Räume
bedeutet, setzt selbst der Anarchist Chomsky
sich für den Schutz des Staates ein:
Gegenwärtig sei es notwendig, »die
öffentliche Arena zu schützen,
und das ist heute eben die staatliche Macht«,
da hier zumindest noch theoretisch die Beteiligung
der Menschen vorgesehen sei. Diesen Raum
aufzugeben hieße, ihn den »privatwirtschaftlichen
Tyranneien« zu überlassen, die
überhaupt keine Rechenschaft mehr schuldig
seien.
Im Gegensatz zu Bourdieu tendiert Chomsky
aber nicht dazu, den Staat deshalb zu idealisieren.
Die Einführung des Sozialstaates, so
Chomsky, geschah »um demokratischen
Entwicklungen das Wasser abzugraben«.
Trotz dieser auf Klassen- und soziale Kämpfe
verweisenden Einschätzung tendiert
Chomsky in Anlehnung an den klassischen
Anarchismus im Gefolge Bakunins dazu, den
Staat zu ontologisieren und nicht als soziales
Verhältnis zu begreifen. 5 Er bezeichnet
ihn nach wie vor als Käfig, der als
solcher zwar Schutz biete vor dem ihn umkreisenden
Raubtier Neoliberalismus und deshalb bewahrt
und im Sinne individueller und kollektiver
Bewegungsfreiheit vergrößert
werden müsse. Letztlich bleibe der
Kampf um die Bewegungsfreiheit im Käfig
aber das »Vorspiel zu seiner Beseitigung«.
Der utopische Horizont Chomskys ist einerseits
die Dezentralisierung der Macht im Sinne
einer gerechteren Verteilung von Machtressourcen.
Andererseits hält er nach wie vor die
»demokratische Kontrolle im Bereich
der Produktion« für den Kern
jedes emanzipatorischen Projekts.
Nationalstaat als Hologramm
Schon in seinem 1997 in Le Monde Diplomatique
veröffentlichten Text »Der vierte
Weltkrieg hat schon begonnen« hatte
der Sprecher der Zapatistischen Befreiungsarmee
(EZLN), Subcomandante Marcos 6 , die Zerstörung
des Nationalstaates durch den Neoliberalismus
beklagt. Mit dem Beginn ihres Aufstands
am Tag des Inkrafttretens des Nordamerikanischen
Freihandelsabkommens (NAFTA) hatte die EZLN
neben der Armut und der rassistischen Ausgrenzung
symbolträchtig auch den Neoliberalismus
zum Feind der Indígenas und aller
Marginalisierten erklärt.
Sechs Jahre nach seinem viel zitierten
Text bezeichnet der Guerillasprecher aus
den Bergen des mexikanischen Südostens
in seiner politischen Bestandsaufnahme »Die
Welt: Sieben Gedanken im Mai 2003«
die Grenzen des Nationalstaates als eines
der Hindernisse für die globalen Eliten,
die »Gesellschaft der Macht«
genannt, ihre Ziele durchzusetzen. Der Nationalstaat
sei dabei einem Weltkrieg ausgesetzt, dem
vierten eben, dem er »ohne wirtschaftliche,
politische, militärische und ideologische
Ressourcen, und, wie die neuesten Kriege
und Freihandelsabkommen demonstriert haben,
auch ohne legalen Schutz« ausgesetzt
sei. Die »Gesellschaft der Macht«
habe die wichtigsten Funktionen übernommen,
die zuvor dem Nationalstaat eigen waren,
ohne freilich die in ihm manifestierten
sozialen Errungenschaften zu bewahren. Die
post- und transnationalen Eliten kontrollieren
laut Marcos »finanzielle Körperschaften
(und daher ganze Länder), die Medien,
Industrie- und Handelskonzerne, Ausbildungszentren,
Armeen und öffentliche und private
Polizeiabteilungen«. Der Nationalstaat
hingegen sei zu einer Art Hologramm geworden,
der einzig »im Fernsehen, im Radio,
in einigen Tageszeitungen und Zeitschriften
und im Kino« existiere.
Während Marcos 1997 noch schrieb,
die Zapatistische Bewegung verfechte »die
Verteidigung des Nationalstaates angesichts
der Globalisierung«, hält er
inzwischen allerdings die Reorganisation
der nationalstaatlichen Fragmente für
»nutzlos« und bezeichnet die
Hinwendung zur traditionellen Politik als
Verbündete im Kampf des Widerstandes
als »eine nette Übung in Nostalgie«.
Wie in den Augen des Guerilla-Sprechers
eine zeitgemäße anti-neoliberale
Politik auszusehen hat, lässt sich
im Gegensatz zu den anderen Autoren
bei Marcos auch an nicht-textproduzierenden
Praktiken ablesen. Von den diversen zivilgesellschaftlichen
Initiativen der Zapatistas bis hin zur Neuformierung
der Strukturen in den autonomen Gemeinden
im August 2003 ist der Kampf eher auf demokratische
Dauermobilisierung denn auf Inklusion in
bestehende Institutionen ausgerichtet.
Weder tot noch neutral
Während Bauman, Bourdieu und Chomsky
sich darin einig sind, dass es die sich
im Staat wiederfindenden Errungenschaften
zu bewahren und zu schützen gilt, scheint
Subcomandante Marcos mittlerweile von diesem
Schutzgedanken abgekommen. Bauman ist bezüglich
anti-staatlicher Perspektiven eher skeptisch,
eine solche findet sich vor allem bei Marcos
und Chomsky. Bourdieu hingegen stützt
sich zu weiten Teilen noch auf (klassisch)
sozialdemokratische Politikmuster. Dies
macht sich vor allem in der Tendenz Bourdieus
bemerkbar, den Staat selbst als Produzenten
der sozialen Errungenschaften wahrzunehmen,
die eigentlich sozialen Kämpfen entspringen
und sich bestenfalls in ihm manifestieren.
Dennoch besteht auch Bourdieu in seinen
späten politischen Schriften darauf,
dass es für eine grundlegende Veränderung
nicht in erster Linie eines Staates zur
Durchsetzung bestimmter Politiken oder einer
traditionellen Gewerkschaft bedarf. Die
soziale Bewegung müsse sich zwar sowohl
auf die Gewerkschaften, als auch »auf
den Staat stützen«, allerdings
sie beide dabei auch verändern. Bourdieu
spricht sich hier im übrigen
wie Chomsky für einen »kämpferischen
Syndikalismus« aus. Er plädiert
für eine internationalistische, antiautoritäre,
europäische Gewerkschaftsbewegung,
zu deren Entfaltung es weniger organisatorischen
Aufwandes als viel mehr eines »Sinneswandels«
bezüglich der Politikform bedürfe.
Die Sozialgeschichte lehre, »dass
es keine Sozialpolitik ohne eine soziale
Bewegung zu deren Durchsetzung gibt«.
Die vorgestellten globalisierungskritischen
Ansätze enthalten alle wichtige Momente
zur Analyse der gegenwärtigen Staaten,
greifen aber in unterschiedlicher Weise
an verschiedenen Stellen zu kurz. Um zu
praktischen Konsequenzen gelangen zu können,
sind fünf Punkte zu konstatieren: Zunächst
ist, vor allem gegen Bauman und Marcos zeitdiagnostisch
festzustellen, dass der Nationalstaat keineswegs
tot ist und auch bei andauernder Globalisierung
nicht sterben wird. Nicht in seinem Niedergang,
sondern in seinen veränderten Funktionen
ist er zu begreifen. Zweitens ist zu betonen,
dass es nicht den Staat zu verteidigen gilt,
sondern bestimmte, politisch erkämpfte
Errungenschaften. Diese spielen wiederum
oft auf dem Terrain des Staates, weil der
Staat drittens wie etwa Landauer
und Poulantzas geschildert haben
kein Subjekt, sondern ein soziales Verhältnis
ist.
Ein aktivierender Gestalter
Als solches ist der Staat aber nicht neutral
im Sinne eines benutzbaren Instruments.
In ihn eingeschrieben sind letztlich immer
schon Klassenverhältnisse und die politische
Herrschaft 7
. Mit einem solchen Verständnis des
Staates können viertens Staat und Kapital
als durchaus in Einklang stehend beschrieben
werden was Bauman und Bourdieu kaum
tun , ohne dabei in vulgärmarxistische
Verflachungen zu verfallen. Und fünftens
ist der Staat als soziales Verhältnis
und damit als ein vermachteter Raum beschrieben.
Dieser ist dynamisch, d.h. auch historisch
veränderbar, dehnt sich aus oder verformt
sich. Die gegenwärtig zu analysierenden
Verformungen wären wohl in etwa die:
Während der Staat sich einerseits aus
bestimmten institutionellen Bereichen zurückzieht,
weitet er sich andererseits aus in Gebiete,
die im Anschluss an Foucault Subjektivierungsweisen
genannt werden können: Wie Subjekte
geführt werden und wie sie sich (auf)führen.
Um diese Prozesse zu beobachten, ist die
Entgegensetzung von Nationalstaat und Globalisierung
also alles andere als hilfreich. Zum einen
ist also mit der materialistischen Staatskritik
von Poulantzas bis Joachim Hirsch festzuhalten,
dass die Staaten die Garanten der bestehenden
gesellschaftlichen Ordnung und des sozialen
Zusammenhalts bleiben. Joachim Hirsch 8 macht
angesichts der Transnationalisierungsprozesse
des Staates deutlich, dass der Staat nach
wie vor Zentrum der Regulation von Klassenbeziehungen
ist und die allgemeinen Produktionsbedingungen
bereitstellt (Infrastruktur, Forschung,
Technologie). Die Verlagerung von Diskussions-
und Entscheidungsprozessen auf internationale
Ebenen sowie die Verknappung der zu verteilenden
Ressourcen schaffen zwar ein Legitimationsdefizit.
Aber dennoch ist der Staat als aktiv(ierend)er
Gestalter und nicht als passives Opfer dieser
Prozesse zu betrachten.
Zum anderen ist aber neben diesen Aspekten
auch der kulturellen Bedeutung des Staates
Rechnung zu tragen. Hierfür ließe
sich an Bourdieu anknüpfen, und zwar
zugleich an seine Kulturtheorie als auch
an seine Ideen zu Sozialen Bewegungen. Denn
soziale Bewegungen haben in der Regel nicht
nur bestimmte Politikinhalte vertreten und
für deren Institutionalisierung gekämpft.
Auch die Form der Politik im bürgerlichen
Staat wurde und wird in Frage gestellt.
Soziale Bewegungen setzen unter anderem
dort an, wo Marcos den Staat nur noch als
Hologramm wahrnimmt und Bourdieu ihn als
Monopolisten bezeichnet: an den symbolischen
Formen. Sich auf der Ebene von kulturellen
Formen zu bewegen, heißt unter anderem,
die Präsenz des Staates auf dem Gebiet
der Kultur verstanden im Sinne von
Ritualen, Symbolen und Praktiken
ernst zu nehmen. Wenn vor allem dort, wie
Bourdieu gezeigt hat, Denk-, Verhaltens-
und Wahrnehmungsmuster geprägt werden,
ist dies ein zumindest lohnender Ansatzpunkt.
Zwar gilt Kultur als das Terrain und Feld
von Praxen, das am wenigsten plan- und steuerbar
ist, dennoch oder gerade deshalb aber wird
sie zum bevorzugten Aktionsraum des Staates.
Die Produktion kultureller, hier vor allem
nationaler Identität findet genau in
dem von Marcos als Hologramm bezeichneten
Raum statt: Mögen sie auch nicht direkt
spürbar sein wie der Polizeiknüppel,
so werden die dort gemachten Erfahrungen
doch mitgenommen, verinnerlicht und weitergetragen.
Die wesentlichen einheitlichen Klassifikationen,
von der Sprache bis zur Industrie-Norm,
werden auch unter neoliberalen Bedingungen
vom Staat vorgenommen und/oder garantiert.
Anmerkungen:
1 »Eine
Theorie im Rahmen einer sozialen oder politischen
Bewegung hervorzubringen ist nicht das gleiche
wie in einem akademischen Umfeld. Und ich
sage akademisches Umfeld nicht
im Sinne von Sterilität oder (nicht-existente)
wissenschaftliche Objektivität,
sondern nur um darauf hinzuweisen, dass
die Reflexion, das intellektuelle Schaffen
außerhalb einer Bewegung
stattfindet. Und außerhalb
bedeutet nicht, dass es keine Sympathien
oder Antipathien gibt, sondern
dass das intellektuelle Schaffen nicht innerhalb
der Bewegung stattfindet, sondern darüber«
(Subcomandante Marcos 2003: Die Welt: Sieben
Gedanken im Mai 2003, in: www.gruppe-basta.de,
17.08.2003).
2 Bauman, Zygmunt 2003: Flüchtige Moderne,
Frankfurt a.M.; 1997: Flaneure, Spieler
und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen,
Hamburg; 1996: Glokalisierung oder was für
die einen Globalisierung, ist für die
anderen Lokalisierung; in: Das Argument
217; 1994: Dialektik der Ordnung. Die Moderne
und der Holocaust, Hamburg.
3 Bourdieu, Pierre 2001: Gegenfeuer 2. Für
eine europäische soziale Bewegung,
Konstanz; 1998a: Praktische Vernunft. Zur
Theorie des Handelns, Frankfurt a.M.; 1998b:
Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des
Widerstands gegen die neoliberale Invasion,
Konstanz.
4 Chomsky, Noam 1999: Die heutige Relevanz
des Anarchosyndikalismus, in: ders.: Sprache
und Politik, Berlin/ Bodenheim bei Mainz;
2000a: Profit over People. Neoliberalismus
und globale Weltordnung, Hamburg/ Wien;
2000b: Der Kampf um größere Bewegungsfreiheit
im Käfig. Gespräch mit David Barsamian,
in: ders.: Die politische Ökonomie
der Menschenrechte, Grafenau.
5 Ein ontologisierendes oder ahistorisches
Staatsverständnis wiederum ist nicht
unbedingt ein Merkmal des klassischen Anarchismus.
Bereits beim Anarchisten Gustav Landauer
(1870-1919) findet sich ein Verständnis
von Staat als sozialem Verhältnis.
Auch die Nation begreift Landauer nicht
als Absolutes, sondern als »eine vielfältige
Relation«. (Landauer, Gustav 1989:
Auch die Vergangenheit ist Zukunft. Essays
zum Anarchismus, Frankfurt a.M.)
6 Subcomandante Marcos 2003: Die Welt: Sieben
Gedanken im Mai 2003, in: www.gruppe-basta.de;
1997: Der vierte Weltkrieg hat schon begonnen;
in: Le Monde Diplomatique, 14.August; 1994:
Marcos zur Moderne; in: Topitas
(Hg.): ¡Ya Basta! Der Aufstand der
Zapatistas, Hamburg.
7 vgl. Poulantzas, Nicos 2002: Staatstheorie.
Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer
Etatismus, Hamburg.
8 Hirsch, Joachim 2001: Die Internationalisierung
des Staates. Anmerkungen zu einigen aktuellen
Fragen der Staatstheorie, in: ders., Jessop
und Poulantzas (Hg.): Die Zukunft des Staates,
Hamburg.
Jens Kastner lebt als Lehrbeauftragter
und Journalist in Münster. Zum Thema
erschienen von ihm u.a.: Politik und Postmoderne.
Libertäre Aspekte in der Soziologie
Zygmunt Baumans, Münster 2000, sowie:
Fleischgewordene Höllenmaschine. Staatlicher
Rassismus als neoliberale Politik, in: Bittlingmayer
u.a. (Hg.): Theorie als Kampf? Zur politischen
Soziologie Pierre Bourdieus, Opladen 2002.