Die Befreierinnen befreien sich selbst | Frauenpolitik in Venezuela zwischen Fortschritt und nationaler Mobilisierung
Der venezolanische Präsident
Hugo Chávez ist wegen seines Populismus
höchst umstritten. Doch eines muss
man ihm lassen: Unter seiner Ägide
finden bemerkenswerte soziale Reformen statt.
So stärkt die staatliche Frauenpolitik
beispielsweise die Rechte von (Haus-)Frauen
und ermöglicht unbürokratisch
Kredite an Kleinunternehmerinnen. Doch die
Förderung von Frauen dient auch problematischen
Zielen wie der Bevölkerungskontrolle.
von Stefanie Kron
»Frauen kann man nicht kommandieren.«
Minutenlang ertönt tosender Beifall
von den vollbesetzten Rängen des Nationaltheaters
»Tereza Careno« in Caracas.
Hugo Chávez hält inne, geht
einen Schritt vom Rednerpult zurück
und genießt die Wirkung des ersten
Satzes seiner Rede zur Eröffnung des
Weltfrauenforums zur Solidarität mit
Venezuela. Mehr als 1.500 Vertreterinnen
von venezolanischen und internationalen
Frauenorganisationen waren im September
2003 zum Auftakt des Kongresses angereist.
Gewidmet war er Manuela Saenz, die in Venezuela
unter dem Namen La Manuelita als Lebensgefährtin
des südamerikanischen Unabhängigkeitskämpfers
Simon Bolivar bekannt ist. »La Manuelita
griff vor Simon Bolivar zu den Waffen, um
den Kampf für die Unabhängigkeit
unseres Landes zu führen«, fährt
Chavez fort. »Sie ist die Befreierin
des Befreiers. Deswegen sagen wir in Venezuela
heute: Neben jedem großen Mann steht
eine große Frau!« Blumen fliegen
auf die Bühne, Transparente werden
hochgehalten, und die Jubelchöre aus
dem Publikum wollen auch während der
folgenden drei Stunden nicht enden. So lange
dauert die Ansprache des venezolanischen
Staatschefs, länger als die aller Rednerinnen
vor ihm zusammen.
Man mag im Auftritt des Präsidenten
als glamouröser Popstar der Klassenkampfrhetorik
die Instrumentalisierung von Frauen für
ein pro-chavistisches Spektakel der nationalen
Einheit sehen, das Assoziationen mit Kuba
weckt. Tatsächlich gehören die
venezolanische Frauenbewegung, die mehrheitlich
aus Intellektuellen der Mittelschicht besteht,
aber auch die in Basis- und Stadtteilgruppen
organisierten Frauen der marginalisierten
Bevölkerung der so genannten
clases populares zu den überzeugtesten
Chávez-Anhängerinnen. Das liegt
ohne Zweifel daran, wie der Präsident
die Frauen seiner bolivarischen Republik
anruft. Immer wieder verweist er auf die
besonderen Verdienste von Frauen am Herd,
in den Stadtteilen und auf der Straße
während der beiden großen Krisen
seiner Amtszeit: dem Putsch vom April 2002
und dem so genannten Streik der Unternehmer
beim Jahreswechsel 2002/03.
Revolutionäre Verfassung
Zu politischen Krisenzeiten hatten die
venezolanischen Frauen in den nationalistischen
und nationalrevolutionären Diskursen
schon immer ihren Platz als Rückgrat
der Nation. Doch Chávez ist bei der
venezolanischen Frauenbewegung und den Frauen
der clases populares auch aus einem anderen
Grund beliebt: Wegen der staatlichen Frauenpolitik.
Sie soll weit über Quotenregelungen
hinausgehen und mit dem Ziel der »internen,
nachhaltigen Entwicklung« in der angestrebten
Staatsform der »partizipativen Demokratie«
verankert werden. In den Augen vieler hat
Chavez dafür mit der neuen Verfassung
vom Dezember 1999 den Rahmen geschaffen.
Zur Umsetzung der staatlichen Frauenpolitik
wurden das »Nationale Fraueninstitut«
(INAMUJER) und die eng mit ihm kooperierende
»Nationale Bank für die Entwicklung
der Frau« (BANMUJER) gegründet.
Nach dem Wahlsieg von Chávez im
Dezember 1998 schlossen sich fast fünfzig,
höchst unterschiedliche Frauenorganisationen
zur Koordination der Frauen-NGOs zusammen,
darunter das Zentrum für Frauenforschung
der Zentraluniversität von Caracas,
die Einheit der schwarzen Frauen Venezuelas,
die Zirkel organisierter Frauen aus den
Armenvierteln (Barrios) und unabhängige
Gewerkschafterinnen. Die Koordination erarbeitete
einen Forderungskatalog und drängte
mit Erfolg darauf, an der verfassungsgebenden
Versammlung beteiligt zu werden. Maria León,
die Direktorin des INAM, sieht den größten
Erfolg der venezolanischen Frauenbewegung
darin, dass »hundert Prozent unserer
Forderungen in die neue Verfassung aufgenommen
wurden.« Auch die Gründung des
INAMUJER und der BANMUJER wurden in der
neuen Magna Charta festgelegt.
Deren Herzstück stellt für die
Frauenbewegung der Artikel 88 dar, in dem
der Staat die unbezahlte Hausarbeit als
»ökonomische Aktivität«
anerkennt, die »Mehrwert, gesellschaftlichen
Reichtum und sozialen Wohlstand« schaffe.
Mit dem Satz »Hausfrauen haben ein
Recht auf soziale Absicherung« schließt
der knapp gehaltene Absatz. Damit ist er
in gewisser Hinsicht revolutionär:
Er stellt nicht nur einen Frontalangriff
auf die geschlechtliche Arbeitsteilung der
traditionellen bürgerlichen Gesellschaft
dar, in der die Frauen und die ihnen zugeschriebenen
Tätigkeiten in der Familie, im Haushalt
und auf kommunitärer Ebene dem Bereich
des Privaten zugeordnet und damit unterbewertet
wurden, wenn sie nicht gar als quasi natürliche
Ressource galten. Der Artikel 88 entschleiert
auch neoliberale Diskurse, die die Einbindung
von Frauen in die klassischen Bereiche des
Öffentlichen propagieren, sprich in
den Arbeitsmarkt, in den Marktkreislauf
sowie in den Institutionen der politischen
Entscheidungsmacht. Die reproduktiven oder
fürsorgenden Tätigkeiten werden
dabei allerdings ausgeblendet, auch wenn
sie nach wie vor im Verantwortungsbereich
von Frauen liegen.
Institutionalisierter Pluralismus...
Maria León, die seit vierzig Jahren
der kommunistischen Partei Venezuelas angehört
und aus einem der Barrios kommt, die sich
an den Bergen rund um das Zentrum von Caracas
hochziehen, sieht im Artikel 88 die Grundlage
für ein fortschrittliches Sozialversicherungsgesetz:
»In der neuen Verfassung werden die
Hausfrauen nicht nur als Arbeiterinnen anerkannt,
sondern sie haben auch das Recht auf eine
Rente erhalten, ebenso wie die Fabrikarbeiterin
ein Recht auf eine Rente hat.« So
stehe im Zentrum der Arbeit des INAMUJER,
dass dieses Recht im derzeit diskutierten
Entwurf für ein neues Sozialversicherungsgesetz
umgesetzt wird.
INAMUJER, das im Jahre 2000 seine Arbeit
aufnahm, ist eine Regierungsinstanz und
verfügt über einen Etat von rund
1,5 Millionen Euro pro Jahr. Ziel sei, dass
alle Politiken und Programme der Regierung
einen Gender-Fokus enthalten, erklärt
Maria León. Die Arbeitsschwerpunkte
des Institutes entsprechen denen des so
genannten »Nationalen Planes für
soziale und ökonomische Entwicklung«.
Dieser soll eine Konkretisierung dessen
darstellen, was mit dem Begriff der »internen
nachhaltigen Entwicklung« in der Verfassung
als Staatsziel verankert ist. Vor allem
in den Bereichen Basisgesundheit, Alphabetisierung
und einer von Importen unabhängigen
Lebensmittelversorgung wird die Umsetzung
des Planes seit dem Frühjahr 2003 forciert.
Mit der Wiederbelebung der Landwirtschaft
sowie der Förderung von Produktionsgenossenschaften
und Kleinstunternehmen soll einer Schwachstelle
der Chávez-Regierung begegnet werden:
das Land importiert nach wie vor 70 Prozent
aller Lebensmittel, und die Importeure gehören
mehrheitlich der Opposition an. So ist die
aktuelle Projektoffensive vor allem als
Reaktion der Regierung auf die Versorgungskrise
zu sehen, die der anti-chavistische Unternehmerstreik
ausgelöst hatte, um die Regierung zu
destabilisieren. Dessen Folgen trugen vor
allem die Bewohner der Barrios.
Während das ad hoc Basisgesundheitsprogramm
Barrio Adentro und Misión Robinson,
ein Alphabetisierungskonzept im Schnellverfahren,
ohne Geschlechterfokus am INAMUJER vorbei
gestartet wurde, ist das Institut erfolgreich,
was die Schaffung von Einkommensmöglichkeiten
für Frauen sowie die Vereinheitlichung
der organisierten Frauen betrifft. Diese
Vereinheitlichung ist Programm und richtet
sich vor allem an die Frauen der clases
populares, der stärksten Basis von
Chavez. So sollen in jedem Stadtteil, in
jeder Gemeinde und in jedem Bundesstaat
Ableger des nationalen Fraueninstitutes
gegründet oder bereits bestehende lokale
und regionale Fraueneinrichtungen in INAMUJRERES
umgewandet werden. Über 10.000 so genannte
Treffpunkte für Frauen hat das Team
von Maria León landesweit bereits
aufgebaut. »Das sind Basisorganisationen,
in denen der Staat mit der zivilen Gesellschaft,
in diesem Fall mit den Frauen, zusammen
trifft«, erzählt León
und nennt eine Zahl von 100.000 Frauen als
Basis des Institutes. »Das INAMUJER
ist zu einem Instrument der Mehrheit der
Frauen in diesem Land geworden.«
... oder Chávistische Kontrollinstanz?
Was die Direktorin des INAMUJER als Demokratisierung
ihres Institutes bezeichnet, »um sicher
zu stellen, dass die Rechte der Frauen auch
auf lokaler Ebene umgesetzt werden«,
kann jedoch auch zum Instrument der Kontrolle
und Durchführung staatlicher bevölkerungspolitischer
Programme werden. Die Regierung hat beispielsweise
einen so genannten territorialen Bereich
ihrer Politik definiert, der »eine
ausgewogene Verteilung der Bevölkerung
über das gesamte venezolanische Territorium«
zum Ziel hat. Man will der unkontrollierten
»Übervölkerung« der
Städte begegnen und gleichzeitig die
landwirtschaftliche Produktion wieder ankurbeln,
die seit dem Ölboom in den 70er Jahren
weitgehend brach liegt. Das INAMUJER unterstützt
also im Grunde eine Umsiedlungskampagne,
indem sie über ihre lokalen Institute
und Treffpunkte Frauen versucht zu motivieren,
aus den Armenvierteln der Städte aufs
Land zu ziehen. Dafür gibt es als Anreize
eine besondere Rente für Kleinbäuerinnen
und Landarbeiterinnen sowie eine bevorzugte
Kleinkreditvergabe der nationalen Frauenbank
für produktive Projekte
von Frauen auf dem Land.
Die eng mit dem INAMUJER kooperierende
»Nationale Bank zur Entwicklung der
Frau« (BANMUJER) wurde im März
2001 von Chávez offiziell eröffnet.
Sie ist die erste halbstaatliche Einrichtung
dieser Art auf der Welt und Teil des neuen
weit verzweigten venezolanischen Kleinkreditwesens,
das sich vor allem an Frauen richtet, um
sie in den internen Marktkreislauf einzubinden.
BANMUJER wird von ihrer Präsidentin,
der Volkswirtschaftlerin Nora Castañeda,
als Hauptinstrument zur Bekämpfung
der Frauenarmut in Venezuela bezeichnet,
die bei etwa 60 Prozent liegt. Die Kleinkredite
zwischen 300 und 500 Euro pro Person richten
sich vor allem an Frauen in extremer Armut.
Gefördert werden seit Ende des Unternehmerstreikes
in Übereinstimmung mit den Regierungszielen
vor allem landwirtschaftliche und andere
produktive Projekte auf dem
Land. Bis Ende letzten Jahres genehmigte
BANMUJER 27.000 Kleinkredite für Kooperativen
und Kleinstunternehmen mit maximal neun
Mitarbeiterinnen. Es müssen keine Bürgschaften
hinterlegt werden, sondern die Kreditnehmerinnen
bürgen gegenseitig mit ihrem Wort.
15.000 Kleinkredite wurden bereits ausgezahlt
und etwa 10 Millionen Euro dafür bereitgestellt.
Nora Castañeda hält die Frauenbank
schon jetzt für einen großen
Erfolg. Nicht nur, weil die Rückzahlungsmoral
sehr gut sei, sondern vor allem, weil sie
die Schaffung von Selbstbeschäftigung
(autoempleo), das allgemeine Empowerment
der Frauen sowie eine soziale und solidarische
Ökonomie fördere. »Autoempleo
bedeutet, dass du dir mit einer kleinen
Gruppe selbst deine Arbeit schaffst, solidarisch
arbeitest, aber auch, dass du dich selbst
um deine Gesundheit und eine verantwortliche
Familienplanung kümmerst«, erklärt
Castañeda. »Deshalb bieten
wir nicht nur Kleinkredite, sondern auch
Workshops zur Projektentwicklung sowie zu
reproduktiver und mentaler Gesundheit an,
denn viele Frauen denken, sie hätten
kein Recht auf Erholung. Sie thematisieren
in der Familie nicht die Belastungen ihres
dreifachen Arbeitstages im Haus, in der
Gemeinde und in ihrem Projekt.« Damit
trage die Frauenbank zur Entwicklung der
eigenverantwortlich handelnden und partizipierenden
Bürgerinnen bei, wie es die Verfassung
vorsehe.
Zwar hat das Kleinkreditwesen in vielen
Ländern des Südens eine beispiellose
Karriere als Instrument neoliberaler Wirtschaftspolitik
und Armutsverwaltung durch die Frauen durchlaufen
(siehe Kasten). Dennoch kann man dessen
venezolanische Variante nicht umstandslos
als neoliberal bezeichnen. Denn zum einen
sind die Zinsen der BANMUJER mit zwölf
Prozent so niedrig, dass sie ohne staatliche
Subventionen nicht einmal die Kosten der
Bank decken können. Zum anderen folgt
die Frauenbank mit dem Konzept des autoempleo
und ihrer Kreditvergabepolitik dem in der
Verfassung festgelegten Paradigma der internen,
nachhaltigen Entwicklung. Der entscheidende
Unterschied zu Ländern, die ihre staatlichen
sozialen Sicherungssysteme abgebaut oder
nie aufgebaut hatten, besteht in der Anbindung
des Kleinkreditwesen an eine staatliche
Politik, die die unbezahlte Fürsorgearbeit
von Frauen als ökonomische Aktivität
und damit ihr Recht auf soziale Absicherung
anerkennt. Der mit dem Kleinkreditwesen
verbundene neoliberale Empowerment-Diskurs,
der sich zwar rühmt, Frauen eine »Chance«
als Unternehmerinnen zu geben, dabei aber
die Fürsorgearbeit von Frauen unsichtbar
macht, wird im Falle Venezuelas durchbrochen.
Von kommunistischen Prinzipien ist die
venezolanische Wirtschafts- und Sozialpolitik
jedoch weit entfernt. »Unsere Produkte
sollen wettbewerbsfähig sein, aber
die Produzenten solidarisch«, sagt
Nora Castaneda und fügt hinzu: »Wir
glauben an einen starken Staat und einen
starken Markt, der vom Staat reguliert wird.«
Die Vision der bolivarischen Republik Venezuela
ist deshalb kein Sozialismus nach kubanischem
Muster, wie es die venezolanische Opposition
gerne kolportiert. Chávez Wirtschaftspolitik
kommt vielmehr dem nahe, was der philippinische
Globalisierungskritiker Walden Bello in
seinem Buch »Deglobalization: Ideas
for a New World Economy« (2001) als
»Deglobalisierung« definiert.
Bello versteht darunter nicht den Rückzug
aus der Weltökonomie, sondern die Umorientierung
der Ökonomien von der Produktion für
den Export zu einer Produktion für
den lokalen Markt.
Bei der Umsetzung dieser Vision sind das
nationale Fraueninstitut und die Frauenbank
zugleich ideologische Dienstleisterinnen
und Ideologiekritikerinnen. Nora Castañeda
bringt das so auf den Punkt: »Wir
kommen aus der Frauenbewegung und haben
eine Gender-Vision. Das soll aber nicht
heißen, dass der Staat als ganzes
auch eine hat. Um diese Situation zu verändern,
arbeiten wir an der Konstruktion der neuen
und an der Dekonstruktion der alten Republik.
Das ist nicht nur ein ökonomischer,
sondern auch ein ideologischer Prozess.«
Stefanie Kron promoviert
über Migration, Geschlecht und Entwicklungspolitik
in Guatemala.