Die Terror-Querfront | Wie deutsche Antiimperialisten die Anhänger von Saddam Hussein unterstützen

von Ivo Bozic

In der linken Tageszeitung junge Welt (12.1.2004) erzählt ein irakischer Student eine rührende Geschichte vom Krieg: wie ihn die Saddam-Fedajin um Hilfe riefen, wie er 17 US-Panzer abschoss und über seine Trauer, als Saddam Hussein verhaftet wurde. Man kann den Glanz in den Augen förmlich sehen, sowohl beim Interviewten als auch beim Interviewer, dem stellvertretenden Chefredakteur der jungen Welt, Rüdiger Göbel. Er gibt die Stichworte für den Monolog seines Helden.

Die Saddam-Fedajin sind jene Elite-Soldaten, die für die Folterpraxis in Saddams Regime verantwortlich waren, und die heute als »Widerstandskämpfer« getöteten US-Soldaten die Köpfe abschneiden. Doch dazu steht kein kritisches Wort in der jungen Welt. Im Gegenteil: Seit Monaten lässt das Blatt den »irakischen Widerstand« hochleben und verklärt ihn als antiimperialistischen, nationalen Befreiungskampf. Göbel und seine Kollegen haben auch nichts daran auszusetzen, dass vor allem Saddam-Getreue und Islamisten den Terror organisieren. Wer das kritisiert, wird als Agent westlicher Geheimdienste diffamiert.

Die Freunde des irakischen »Widerstands« spucken nicht nur große Töne, sie sammeln sogar Geld für den Kampf gegen die Besatzer. Göbel hat ebenso wie der junge Welt-Kommentator Werner Pirker schon zehn Euro gespendet. Und zwar im Rahmen einer Kampagne, die vor allem von der Antiimperialistischen Koordination (AIK) in Wien ausgeht. Die Spenden will die AIK gemeinsam mit deutschen Unterstützern an die Irakische Patriotische Allianz (IPA) übergeben. Jene IPA ist aber alles andere als eine linke Gruppe und erst recht keine Friedensinitiative. Vor laufenden Fernsehkameras brüsten sich vermummte IPA-Kämpfer mit ihren Anschlägen und präsentieren stolz ihre Waffen. In Deutschland treten ihre leitenden Funktionäre sogar unvermummt auf. Zusammen mit Saddam Hussein gründeten sie vor Jahrzehnten die Baath-Partei. Zwischendurch fielen sie beim Diktator in Ungnade, doch spätestens seit 1992 haben sie wieder mit dem Folterregime kooperiert.

So wie Awni al-Kalemji. Gegenüber dem Fernsehmagazin Panorama erklärte der IPA-Sprecher: »Wenn man die Besatzer schlagen will, gibt es nur einen Weg: einen Guerilla-Krieg, bewaffneten Kampf.« Die Kooperation der IPA mit der Baath-Partei hat den Irakkrieg offenbar überlebt. Al-Kalemji: »Ob Schiiten, Kurden, Fedayin oder auch die Baath-Partei – wir arbeiten mit allen zusammen, die unsere Ziele teilen, Hand in Hand.« Bei ihrem Kampf handele es sich um einen »heiligen Krieg gegen die zionistisch-imperialistische Koalition«.

Der Vorsitzende der IPA, Jabbar al-Kubaysi, erläuterte: »Die Nichtbaathisten, die 35 Jahre vom politischen Leben ferngehalten wurden, waren zum Widerstand nicht bereit.« Und so erkläre sich, dass der »militante Widerstand (...) eng mit der Baath-Partei und ehemaligen irakischen Militärs verbunden« sei. Das scheint auch für al-Kubaysi selbst zuzutreffen. Aktivisten der Irakischen Kommunistischen Partei (IKP) kennen den IPA-Boss noch aus früheren Tagen und sagen, Al-Kubaysi habe sich nie von seinem alten Freund Saddam Hussein abgewandt. Er sei bereits 1963 Mitglied der Baath-Partei und am ersten Putsch Saddams beteiligt gewesen. Al-Kubaysi sei damals als Mitglied einer Miliz mitverantwortlich für Massaker gewesen, bei dem innerhalb einer Woche 17.000 Menschen ermordet wurden, darunter 5.000 Kommunisten.

Kein Wunder, dass irakische Kommunisten mit diesen »Widerstandskämpfern« nichts zu tun haben wollen. Auch die Arbeiterkommunistische Partei Iraks (AKPI), eine kleine kurdische Organisation, die anders als die IKP nicht im Regierungsrat sitzt, distanziert sich vom heutigen Terror: »Der Widerstand arabischer Nationalisten und des politischen Islam ist extrem reaktionär und menschenverachtend.« Deutsche Antiimperialisten stört das aber nicht. Joachim Guilliard, zusammen mit Göbel Autor von Irakbüchern und Sprecher des Antikriegsforums Heidelberg, erklärte gegenüber Panorama: »Ich würde es auch unterstützen, wenn die Patriotische Allianz mit Baathisten zusammenarbeitet.« Deshalb hat auch er zehn Euro gespendet.

Nach dem im Dezember ausgestrahlten Panorama-Beitrag brach in der Friedensbewegung eine Diskussion los. Jürgen Grässlin von der DFG-VK verurteilte die 10-Euro-Kampagne: »Wer das Abschießen von Soldaten gutheißt, ist weder Pazifist noch Humanist und stellt sich selbst außerhalb der Friedensbewegung.« Die Debatte um Pazifismus führt jedoch in die falsche Richtung. Der »Widerstand« im Irak ist nicht deshalb verurteilenswert, weil er militant ist. Zwar gibt es selbstverständlich keine Legitimation für Selbstmordattentate, bei denen Zivilisten umgebracht werden, oder für die Liquidierung angeblicher Kollaborateure und einfacher GIs. Doch eine Demo von Saddam-Freunden oder Islamisten wäre ebenfalls zu kritisieren. Denn es geht darum, wer im Irak für was Widerstand leistet.

Wer den Irak-Krieg als imperialistischen Krieg abgelehnt hat, dem darf es jetzt doch nicht darum gehen, das alte Folterregime wieder an die Macht bomben zu wollen. Wer den heutigen Terror unterstützt, ist ein Bellizist, der den von den USA begonnenen Krieg mit allen Mitteln fortsetzen will. Im Irak kämpft keine linke Guerilla gegen einen US-gestützten faschistoiden Diktator, wie wir es aus der Geschichte diverser lateinamerikanischer Länder kennen. Sondern hier kämpfen die Anhänger eines gestürzten faschistoiden, früher von den USA unterstützten Diktators für nichts als für ihre nationale Souveränität. Es verbieten sich daher auch alle Gleichsetzungen des irakischen »Widerstandes« mit der antifaschistischen Résistance gegen deutsche Nazi-Besatzer. Wer wie Pirker & Co so argumentiert, lügt Antifaschismus zu einem Kampf um nationale Selbstbestimmung um.

Genau um letzteres geht es auch heutigen Neonazis. Und so verwundert es nicht, dass dieselben Akteure, die wie die junge Welt und die AIK den baathistischen Terror schönreden, jetzt im Einklang mit der NPD (und Le Pen) auch zur Unterstützung der rechtsextremen serbischen Seselj-Partei aufrufen. »Rot-braune Bündnisse« sind für Pirker »nicht das Problem«. So führt die Kampagne für den irakischen »Widerstand« direkt in eine Querfront mit Neonazis, die ja schon immer Saddam-Fans waren. Wenn hier innerhalb der Linken nicht konsequent Grenzen gezogen werden, wird dieser aus primitivem Antiamerikanismus gespeiste Querfrontansatz weiter Karriere machen.


Ivo Bozic ist Mitherausgeber der Jungle World und Mitautor des Panorama-Beitrags, der die Unterstützung für den irakischen Widerstand kritisierte.