Deutscher Kolonialismus und Vergangenheitspolitik II | Editorial
Im ersten Teil unseres Themenschwerpunktes (in iz3w 275) wurde mehrfach die These vertreten, dass der vergangenheitspolitische Umgang mit dem Deutschen Kolonialismus von Unwissen und Gedächtnisschwund bestimmt sei. Dem soll hier nicht widersprochen, sondern nur darauf hingewiesen werden, dass es noch schlimmer geht. Obwohl man es kaum für möglich hält, gibt es selbst im Jahr 2004 noch Kolonialnostalgiker, denen an der Verklärung des seinerzeitigen deutschen Großmachtstrebens gelegen ist.
Ein herausragendes Beispiel für diese unbelehrbare Minderheit sind die Betreiber der Internetseite www.deutsche-schutzgebiete.de. Auf der Startseite der mit zahlreichen zeitgenössischen Bild- und Textdokumenten ausgestatteten Website prangt zwar noch ein konsensfähiger Sinnspruch: »Unsere Vergangenheit ist immer auch Teil der Gegenwart«. Doch bereits das nächste Zitat lässt erahnen, in welche Richtung die anonymen Herausgeber der Website argumentieren: »Wir sollten es uns überlegen, ob wir frühere Generationen nach Kriterien beurteilen dürfen, um deren Verwirklichung wir heute noch kämpfen.« In diesem Sinne geht es ihnen darum, Verständnis für die Akteure der deutschen Kolonialherrschaft zu wecken, gleich ob es sich dabei um deutsche Siedler, Missionare, Soldaten oder Kommandeure handelte.
So wird beispielsweise Paul von Lettow-Vorbeck, Befehlshaber in Deutsch Ostafrika, gelobt: »Im 1. Weltkrieg befehligte er eine relativ kleine Einheit in Deutsch-Ostafrika und zeichnete sich dabei als genialer Guerillaführer aus. Er hoffte, den Krieg in Europa durch das Binden einer unverhältnismäßig großen Anzahl alliierter Truppen in seinem Bereich zu beeinflussen.« Zu welchem Preis dies gelang, nämlich dem Tod vieler Afrikaner, davon steht freilich kein Wort auf der sich seriös gebenden Website.
Ohnehin stellt die Website die Deutschen als die eigentlichen Opfer dar. Zu den Ursachen des Kolonialkrieges in Südwestafrika etwa heißt es in grotesker Verdrehung der historischen Zusammenhänge: »Die Häuptlinge der Hereros hatten im Norden der Kolonie große Landflächen an deutsche Siedler verkauft, die Hereros nutzten diese aber weiter als Weideland für ihre Viehherden. Dies und weitere wirtschaftliche Probleme führten zu massiven Spannungen. Es kam zu Plünderungen deutscher Siedlungen und teilweise brutalen Morden an rund 150 deutschen Siedlern, darunter auch 5 Frauen.« Da wundert es kaum noch, wenn das Ende der Kolonialherrschaft mit diesen Worten bedauert wird: »Die meisten deutschen Siedler, mit Ausnahme der im heutigen Namibia, wurden entschädigungslos enteignet und vertrieben.« Die Nutzer der Website wissen derlei Vertriebenenpflege durchaus zu schätzen. Im Gästebuch schreibt einer von ihnen: »Es ist schon beeindruckend, wie groß Deutschland damals war, und gleichzeitig erschütternd, was daraus geworden ist! Es gibt wohl keine Hoffnung, dass wir die alte Größe oder einen Teil davon zurückerhalten werden!«
Eine solche Klientel will wohl auch die konservativ-katholische Verlagsgruppe Weltbild bedienen. Sie brachte im vergangenen Jahr unter dem Titel Die deutschen Kolonien in Wort und Bild einen Nachdruck des 1926 erschienenen deutschen Kolonialbuches heraus. Der 500 Seiten starke Band versammelt Originaltexte von wichtigen Protagonisten des Deutschen Kolonialismus. Das hat zwar den Vorteil, dass man sich auf diese Weise selbst ein Bild davon machen kann, wie sehr sie und ihre späteren Apologeten von Rassismus, Rechtfertigungen, Relativierungen und Revisionismus durchdrungen waren. Doch dass der Verlag den Texten von Peters, Lettow-Vorbeck und anderen Tätern nicht einmal ein Vorwort voran gestellt hat, geschweige denn eine historisch einordnende Einleitung oder gar Distanzierung, ist einigermaßen skandalös. Ebenso wie die Tatsache, dass u.a. die Wohltat´sche Buchhandlung das (Mach-)Werk vertreibt. Doch das hier gezeichnete Bild wäre unvollständig, wenn nicht auch auf die vorhandenen antikolonialen Kräfte innerhalb der deutschen Öffentlichkeit hingewiesen würde. Beispielsweise auf die OrganisatorInnen der Anticolonial Africa Conference in Berlin. Sie wollen im November 2004 den 120. Jahrestag der Berliner Kolonialkonferenz dazu nutzen, an den antikolonialen Widerstand in Vergangenheit und Gegenwart zu erinnern. Im Aufruf heißt es dazu unter anderem: »Die kolonialen Strukturen wirken auch in die weißen Gesellschaften zurück. Sie reproduzieren und konstruieren ,neues’ koloniales Bewusstsein, Rassismus, Herrenmenschentum, Kriegslogiken, Frauenunterdrückung, technischen Machbarkeitswahn. Wir wollen diese Gewaltverhältnisse bekämpfen.« (www.africa-anticolonial.org)
Anknüpfend an den ersten Teil unseres Themenschwerpunktes präsentieren wir in diesem Heft eine ganze Reihe weiterer Beispiele dafür, wie vergangene Gewaltverhältnisse in der Gegenwart fortleben. Dabei nehmen wir nicht nur die Spuren in den Blick, die der Deutsche Kolonialismus in Kamerun und Tanzania hinterlassen hat. Auch die Formen hiesiger Vergangenheitspolitik möchten wir zur Diskussion stellen, seien es die feministischen Debatten um den Deutschen Kolonialismus, den ethnologischen Blick auf ihn oder die diversen Kolonialdenkmäler. In den kommenden iz3w-Ausgaben werden wir uns dann in mehreren Einzelbeiträgen mit den kulturellen Hinterlassenschaften des Deutschen Kolonialismus beschäftigen.
die redaktion