Kontroverse: Aneignung das Ende der Bescheidenheit?
Fabrikbesetzungen in Argentinien,
illegale Musik-Downloads im Internet oder
Reclaim-the Streets-Partys im öffentlichen
Raum: Die Formen widerständiger (Wieder-)Aneignung
von gesellschaftlichem Reichtum sind vielfältig.
Gegen die neoliberalen Privatisierungsprozesse,
die Zahlungsschwache von der Teilhabe an
Allgemeingütern ausschließen,
richten sich mittlerweile zahlreiche Kampagnen
der Linken. So auch der diesjährige
Bundeskongress (BUKO) der Bundeskoordination
Internationalismus in Kassel, der vom 20.
bis 23. Mai unter dem Titel »Das Ende
der Bescheidenheit Aneignung«
zahlreiche Initiativen und Ansätze
aus aller Welt diskutieren will.
In unserer Kontroverse begründet Dario
Azzellini, warum er in »Aneignung«
ein geeignetes Konzept zur Wiedergewinnung
von Selbstbestimmung sieht. Stephan Günther
warnt davor, in Aneignungshandlungen ein
Rezept für Gesellschaftsveränderung
zu erblicken.
Soziale Umwälzung von unten!
von Dario Azzellini
Das Thema »Aneignung« ist angesagt:
Die Zeitschrift Arranca! der Berliner Gruppe
FelS macht zwei Schwerpunkthefte dazu, der
diesjährige BUKO hat »Aneignung«
zum zentralen Thema, der im vergangenen
Jahr entstandenen »Berlin umsonst«-Kampagne
folgen inzwischen zahlreiche weitere Umsonst-Kampagnen
in anderen Städten... Warum stößt
»Aneignung« auf so viel Zuspruch?
Wird darin die strategische Möglichkeit
gesehen, als Linke aus der Defensive herauszukommen
und wieder mehr Zustimmung zu ernten? Ja,
auch. Es geht darum, die langjährige
linksradikale »Strategie der Opposition«
(so Ernesto Laclau und Chantal Mouffe in
ihrem Buch »Hegemonie und radikale
Demokratie«), durch eine »Strategie
der Konstruktion einer neuen Ordnung«
zu ersetzen.
Angesichts der zunehmenden Enteignung und
Entfremdung entspricht »Aneignung«
einem Bedürfnis vieler Menschen, Lebensbereiche
möglichst unter die eigene Kontrolle
zu bringen mögen sie manchmal
noch so banal erscheinen, wie etwa das Recht,
sich auf öffentlichen Plätzen
und in Parks aufhalten zu dürfen. Zugleich
ist »Aneignung« die Antwort
auf traditionelle Konzepte gesellschaftlicher
Umwälzung, die als Veränderung
»von oben« konzipiert wurden.
So sind »Aneignungsbewegungen«
unterschiedlicher Art weltweit zu beobachten,
sei es in Venezuela oder in Chiapas, in
Argentinien oder Brasilien, Indien, Hamburg
oder Berlin.
Eine von entlassenen ArbeiterInnen besetzte
Fabrik macht doch noch keinen Kommunismus,
mag da ein Einwand lauten. Sicher, aber
ein theoretisch versierter Kapital-Lesezirkel
auch nicht. Die Realität ist eben nicht
so sauber wie Papier, und wer in die Praxis
will, wird nicht umhin kommen, sich die
Hände »schmutzig zu machen«.
Die Zeiten des »radikalen Bruchs«
sind vorbei (wenn sie angesichts der nicht
gerade ermutigenden Resultate überhaupt
jemals angebrochen waren). Die globale Militärmaschinerie
des Empire und der umfassende Zugriff des
Kapitals bis in die letzte Ecke des Globus
machen die Option der »Revolution«
als radikalen Bruch immer unwahrscheinlicher.
Doch je härter die Zeiten für
linke Umwälzungsbewegungen werden,
je umfassender der hegemoniale Machtanspruch
des kapitalistischen Systems sich gestaltet,
desto lauter denunzieren die Apologeten
der reinen Lehre jede politische Aktion
jenseits der Revolution (verstanden als
radikaler Bruch mit dem Bestehenden) als
Reformismus und Integration in das kapitalistische
System.
In der Tat hat der moderne Kapitalismus
eine enorme integrative Kraft (auch wenn
sich seine neoliberale Variante in den letzten
beiden Jahrzehnten zunehmend stärker
um Marginalisierung und Exklusion bemüht).
Das dürfte spätestens seit dem
kommunistischen Hegemonietheoretiker Gramsci
bekannt sein. Doch ebenso dürfte durch
ihn bekannt sein, dass die Zeiten des Sturms
auf das Winterpalais in einer komplexen
kapitalistischen Gesellschaft vorbei sind.
Es gilt eine linke Präsenz und eben
auch Hegemonie in den verschiedensten »Schützengräben
des Systems« auf- und auszubauen.
Dabei sind sowohl die »Schützengräben«
wie auch die Widersprüche heute vielfältiger
als noch von Gramsci beschrieben (siehe
hierfür die Erweiterung durch Chantal
Mouffe und Ernesto Laclau).
Wichtig sind dabei vor allem die Erfahrungen
von Aneignung in kollektiver Form. Damit
sollen konkrete Ansatzpunkte für soziale
Kämpfe gesucht werden, die Möglichkeiten
zur Verschiebung hegemonialer Diskurse enthalten
und gesellschaftliche Alternativen greif-
und denkbarer machen. Die Arranca!-Redaktion
hält dazu fest: »politisch-subversiv
werden diese Formen der Aneignung für
uns erst unter zwei Bedingungen: zum einen
durch den Übergang von der individuellen
zur kollektiven Aneignung und zum anderen
mit der diskursiven Integration in ein hegemoniebestrebtes
linksradikales Projekt«.
Die Erfahrungen von selbst organisierter
Produktion und den in einer globalisierten
Welt zugegebenermaßen kleinen
Spielräumen für den Aufbau einer
anderen Arbeitsweise sollten nicht unterschätzt
werden. Die dort (und nicht nur dort) gewonnenen
Erfahrungen sind grundlegend für die
Gestaltung einer neuen Gesellschaft. Zumal
in vielen Fällen diese Aneignungsprozesse
nur als erster Schritt in einem längeren
Kampf um gesellschaftliche Transformation
angesehen werden. So ist von venezolanischen
ArbeiterInnen aus besetzten Fabriken durchaus
zu vernehmen, es handele sich bei den von
ihnen vorgeschlagenen Modellen der Mitverwaltung
(die sich auch auf die Leitung der Unternehmen
beziehen) um ein Übergangsmodell, Ziel
sei letztlich die »vollständige
ArbeiterInnenkontrolle der Kernindustrien«.
Ein überzeugendes und vielversprechendes
Modell für eine radikale und sofortige
gesellschaftliche Umwälzung ist am
Horizont nicht zu erblicken. Daher besteht
der einzige gangbare Weg in der breit angelegten
Aneignung in allen Lebensbereichen. Wie
Mosaiksteine müssen diese verschiedensten
Bewegungen zusammengefügt werden zu
einem sicherlich nicht widerspruchsfreien
neuen gesellschaftlichen Projekt.
Damit wird hoffentlich vermieden werden
können, dass bestimmte Sektoren aus
dem Projekt ausgeschlossen bleiben. Zugleich
dürfte, da aus der Basis erwachsen,
das Projekt auf soliden Füßen
stehen. Für die Aneignung der Welt,
die uns sowieso gehört!
Dario Azzellini ist freier
Journalist und Arranca!-Redakteur.
Ein bisschen mehr Bescheidenheit!
von Stephan Günther
»Aneignung« schon der
Begriff zeigt, dass die mit ihm verbundene
Kampagne kaum mehr ist als der Versuch einer
Reaktivierung sozialistischer und sozialdemokratischer
Vorstellungen von Klassenkampf. »Aneignung«
spielt an auf die Ware, die es zu ergattern
gilt. Es geht letztlich um die alte Forderung
nach Umverteilung, die sich in der Verklärung
vom »kollektiven Klauen im Supermarkt«
oder der »gemeinsamen Nutzung von
Softwareprodukten« (BUKO-Aufruf) mehr
oder weniger verbalradikal Ausdruck verleiht.
Doch die Aneigner proklamieren, dass es
ihnen nicht nur um Teilhabe geht
hier ein paar gestohlene Brötchen,
dort eine illegal kopierte CD sondern
um ein politisches Projekt. Schließlich
ist die neue Aneignungsbewegung Teil der
globalisierungskritischen Bewegung: »Wer
über den bundesdeutschen Tellerrand
hinausblickt, stellt fest, dass sich in
anderen Ländern längst starke
Bewegungen formiert haben: Die Proteste
gegen den Krieg im Irak und die neoimperiale
Weltordnung, die studentischen Streiks,
die Demonstrationen und Aktionstage gegen
Sozialabbau verdeutlichen dies.« (Kasseler
BUKO-Vorbereitungsgruppe).
Die in solcherlei Analysen zum Ausdruck
kommende Suche nach einem starken »Wir«,
nach neuer kollektiver Identität, lässt
Differenzierungen weder bei den Akteuren
(Kriegsgegner, Studenten und Gewerkschafter
wollen offenbar alle irgendwie dasselbe)
noch bei deren Zielen zu: »Menschen
versuchen«, so der BUKO-Aufruf, »sich
das, was sie zum Leben brauchen, selbst
zu organisieren, ohne auf die Hilfe von
staatlichen Instanzen zu warten. Das reicht
von den Versuchen, eigenständige Netzwerke
zu entwickeln, um die soziale Reproduktion
zu sichern, bis zur Migration als Bewegung,
die sich auch durch die Festung Europa nicht
stoppen lässt; (...) von neuen Ansätzen,
sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen
und Arbeitszwang zur Wehr zu setzen, bis
zu Fabrikbesetzungen; vom Widerstand gegen
Segregation und zugeschriebene kulturelle
und Geschlechtsidentitäten zu hybriden
Selbstverortungen.«
Dieser Wunsch, das Leben kollektiv selbst
bestimmen zu können, ist so alt wie
die Agitprop-Songs von Ton Steine Scherben
(»Wir nehmen uns, was wir brauchen,
und zwar jetzt«) oder Pippi Langstrumpf
(»Wir machen uns die Welt, wiewiewiewie
sie uns gefällt«). Es ist ja
auch tatsächlich schöner, in einem
Projekt zu arbeiten, das die Gesetze des
Marktes nicht in den Vordergrund stellt,
als in einer Firma, die Effizienz zur Maxime
allen Handelns macht. Es ist angenehmer,
ohne Chef zu arbeiten, in Strukturen, die
Basisdemokratie zumindest anstreben. Und
es ist ermutigend zu sehen, dass es immer
mal wieder möglich ist, sich diese
Freiheiten einfach zu nehmen: Für die
ArbeiterInnen in Argentinien, wenn sie eine
Fabrik in Eigenregie übernehmen. Für
die Landlosen in Brasilien, wenn sie die
benötigten Felder besetzen. Oder für
die Kulturschaffenden auf dem Prenzlauer
Berg, die sich ein Haus nehmen, bis sie
geräumt werden oder es kaufen können.
Soweit, so nett. Im Ganzen aber bleibt
diese Art von Projektarbeit nicht viel mehr
als eine Ich-AG mit politischem Anspruch.
Denn die Fabrikbesetzer in Argentinien begeben
sich mit allem auf den Markt, was sie zu
bieten haben: Niedrige Löhne, billige
Produktionsbedingungen, absolute Flexibilität
mit mal Überstunden und mal Kurzarbeit.
Wie in jedem anderen Betrieb diktiert die
Nachfrage das Geschehen. Vor ähnlichen
Problemen stehen die Kleinbauern und Landlosen,
die ihre fehlende Konkurrenzfähigkeit
mit einem Mehr an Arbeit und einem Weniger
an Lohn ausgleichen müssen, fehlt ihnen
doch anders als den benachbarten Großgrundbesitzern
der Maschinenpark und vieles andere, das
die Landwirtschaft effizienter macht.
Ob Aneignung also durch Diebstahl oder
Selbstausbeutung, ob aus Revolutionsromantik
oder aus purer Not geschieht es geht
meist um die schlichte Teilhabe am Markt.
Diese sei auch den BUKO-AktivistInnen zugestanden,
die ein »Ende der Bescheidenheit«
fordern. In der politischen Bewertung von
»Aneignung« stünde ihnen
ein wenig mehr an Bescheidenheit allerdings
gut zu Gesicht.
Stephan Günther ist
Mitarbeiter im iz3w.