Gesellschaftskritik in China | Editorial
Schon einmal galt China in Deutschland
als Vorbild. Mit Maobibeln bewaffnet, agitierten
tausende Studierende in den 70er Jahren
für den Sozialismus und die Kulturrevolution.
Heute, in Zeiten des Reformstaus
und der Agenda 2010, ist es die Reformpolitik
der chinesischen Nomenklatura, die manchen
fasziniert. Beispielsweise den Unternehmer
und Cheflobbyisten des Verbandes Deutscher
Maschinen- und Anlagenbau, Diether Klingelnberg,
der sie im Focus-Interview zu schätzen
wusste: »Selbst im kommunistischen
China haben wir inzwischen mehr unternehmerische
Freiheit als in Deutschland.«
Tatsächlich: Zu Beginn der Reformen
1978 gab es in China noch kein einziges
privates Unternehmen, 2001 waren es dank
einer groß angelegten Privatisierungspolitik
bereits rund zwei Millionen. Heute arbeiten
doppelt so viele Menschen im Privatsektor
wie im staatlichen und kollektiven Bereich.
China ist dank konsequenter Exportförderungspolitik
zum »Fließband der Welt«
geworden. Hier lassen große wie kleine
ausländische Konzerne Elektrogeräte
oder Kinderspielzeug zusammenbauen. Der
Grund für das große Interesse
ausländischer Kapitaleigner an chinesischen
Betrieben liegt in den Lohnkosten begründet,
die rund vierzigmal so niedrig sind wie
in den USA, fünfmal so niedrig wie
in Südkorea und sogar niedriger als
in Indien. Aus dem vorwiegend agrarisch
geprägten China ist ein Industriestaat
geworden, die Arbeiterklasse umfasst inzwischen
rund 350 Mio. Menschen. Doch allgemeiner
Wohlstand ist damit nicht verbunden, ganz
im Gegenteil: Viele ArbeiterInnen leben
ebenso wie die meisten KleinbäuerInnen
in bitterer Armut.
In eine Gesellschaft mit einstmals egalitärem,
sozialistischem Anspruch (der allerdings
mittels Zwang umgesetzt wurde) ist die aus
erzkapitalistischen Prinzipien resultierende
Ungleichheit eingezogen. Kommandowirtschaft,
Korruption, Willkür und Ausbeutung
vermengen sich zu einem bislang beispiellosen
staatssozialistisch-kapitalistischen Modell.
Das heutige China vereint damit »das
schlechteste aus beiden Ordnungen«,
stellt die Zeitschrift Wildcat treffend
fest. Doch das bleibt selbst im autoritären
Staate China nicht ohne Folgen: Seit Jahren
kommt es beispielsweise zu schweren Auseinandersetzungen
zwischen der Polizei und ArbeiterInnen,
die gegen die Privatisierung der Staatsbetriebe
und damit gegen ihren persönlichen
Ruin kämpfen. Entgegen einer in westlichen
Öffentlichkeiten weit verbreiteten
Ansicht wird in China aber auch kritisch
diskutiert. Und zwar nicht nur von antikommunistisch
gesinnten Dissidenten, die im Westen als
lebende Beweise für den Zwangscharakter
einer jeden kommunistischen Gesellschaftsordnung
instrumentalisiert werden, sofern man sie
überhaupt zur Kenntnis nimmt. Gerade
an staatlichen Universitäten und Forschungseinrichtungen
gibt es trotz aller Widrigkeiten eines repressiven
Staates durchaus Freiräume für
Gesellschaftskritik. Diese richtet sich
freilich nicht nur gegen die Entstellungen
der Gesellschaft durch den Parteikommunismus,
sondern gerade auch gegen den von ihm durchgesetzten
Neoliberalismus, gegen die realexistierende
Reformpolitik und gegen die von manchen
Oppositionellen geforderte Modernisierung
nach dem Vorbild der USA.
Ein herausragendes Beispiel für diese
erstaunlich offene Gesellschaftskritik ist
das 2003 in englischer Sprache erschienene
Buch »China Reflected«. Herausgegeben
wurde es zwar im liberalen Hong Kong durch
die NGO ARENA (Asian Regional Exchange for
New Alternatives, siehe Kasten auf S. 20).
Doch versammelt sind darin Beiträge
von kritischen chinesischen Intellektuellen,
die in der Regel als ProfessorInnen an Pekinger
Universitäten arbeiten. Gemeinsamer
Tenor der allermeisten Beiträge ist
Gesellschaftskritik am modernen China, etwa
zu den Themenbereichen Soziale Frage, Geschlechterverhältnisse,
Ökologie oder Entwicklungsdiskurs.
In unserem Themenschwerpunkt veröffentlichen
wir vier der insgesamt sechzehn Beiträge
aus »China Reflected« erstmals
in deutscher Sprache, wenn auch aus Platzgründen
in gekürzter Fassung. Sie ermöglichen
nicht nur einen Einblick in die Debatten
chinesischer Intellektueller, sie irritieren
auch so manche hiesige Gewohnheitssicht
auf das klischeebeladene »Reich der
Mitte«.
Unser ganz besonderer Dank gilt dem in
Hong Kong lebenden ARENA-Mitarbeiter Peter
Franke, der nicht nur den Kontakt zu den
AutorInnen und HerausgeberInnen von »China
Reflected« vermittelte, sondern auch
das Einführungsinterview führte,
die Übersetzungen durchsah und uns
einen Zuschuss für die Veröffentlichung
besorgte.
die redaktion