Umstrittene Wahrheiten | Das israelisch-palästinensische Filmprojekt »Route 181«

Der Dokumentarfilm »Route 181« ist die erste Co-Produktion eines israelischen und eines palästinensischen Regisseurs. Eyal Sivan und Michel Khleifi zeichnen darin eine Reise entlang der Grenze der UN-Resolution 181 nach, die Palästina 1947 in einen jüdischen und einen arabischen Staat teilen sollte. Der Film löste in Frankreich heftige Diskussionen aus.

von Anne Heilmann


Wenn einer eine Reise macht, hat er bekanntlich was zu erzählen. So auch der palästinensische Regisseur Michel Khleifi und sein israelischer Kollege Eyal Sivan. Gemeinsam fuhren sie im Sommer 2002 durch ihr Geburtsland Israel, das beide noch vor der ersten Intifada verlassen hatten. Seitdem leben sie in Belgien und Frankreich. Die Gespräche mit den Menschen, denen sie im Laufe ihrer Reise begegneten, sind der Stoff ihres viereinhalbstündigen Dokumentarfilms.

Für Sivan und Khleifi steht einem Friedensprozess in erster Linie die Nichtanerkennung der Folgen der Errichtung des israelischen Staates für die palästinensische Bevölkerung im Wege: »Israelisch-palästinensische und arabisch-jüdische Aussöhnung sind ohne einen Prozess von Wahrheitskommissionen nicht möglich.« Daher wollen sie mit ihrem Film den nationalen israelischen Mythos von der friedlichen Staatsgründung und der Besiedelung unbewohnten Gebietes entschleiern. In postmoderner Tradition lehnen Sivan und Khleifi dabei eine objektive Wahrheit zugunsten unterschiedlicher ‚Erzählungen’ ab. Deshalb machen sie sich auf die Suche nach Erinnerungen, die ihrer Meinung nach nur im Gespräch mit denen zu finden sind, die sonst ungehört blieben.

Bewusste Entpolitisierung

Sie fragen nach Erinnerungen an zerstörte arabische Dörfer und die Zeit der israelischen Staatsgründung, nach den aktuellen Lebensbedingungen und nach der Rolle, die ihre Interviewpartner im Rahmen der zionistischen Ansiedlung gespielt haben. Das Ergebnis dieser privaten »Wahrheitskommission« ist jedoch eine eindimensionale Dokumentation über Besatzung, ungleiche soziale und ökonomische Lebensrealitäten sowie die Willkür der israelischen Armee an den Checkpoints. Sie zeichnet das Bild eines Konfliktes, der allein durch die Logik der Okkupation strukturiert ist. Dieses Bild wird zusätzlich mit Szenen untermalt, die der Skandalisierung dienen sollen: die Fabrik, die den Stacheldraht produziert, der aus humanitären Gründen von den meisten Armeen der Welt nicht benutzt wird, aber in Israel einen steigenden Absatz erfährt; die Cafeteria, deren Wände über und über mit Militärbildchen geschmückt sind; der Soldat in Ramallah, der von seinen Lieblingsphilosophen schwärmt und dem Sivan und Khleifi Arendts »Banalität des Bösen« vorhalten.

Die Eindimensionalität von Route 181 liegt nicht so sehr in der Auswahl der Gesprächspartner begründet, sondern ist vielmehr Resultat einer immergleichen Fragenabfolge, die zuweilen in einen moralisierenden und überheblichen Tonfall verfällt, der keineswegs zufällig erscheint. Vielmehr wirkt er wie das Mittel einer bewusst betriebenen Entpolitisierung des Konfliktes, indem die Regisseure ihn auf moralische und bisweilen auch metaphysische Kategorien reduzieren. Ihre Forderung nach der Zweistaatenlösung bekräftigen sie beispielsweise wiederholt mit dem ‘Salomonischen Gleichnis’: Zwei Mütter, die wahre und die Stiefmutter, liegen im Streit um ihr Kind. Die Stiefmutter schlägt vor, das Kind zu zerteilen, was natürlich seinen Tot bedeutete, die wahre Mutter aber verzichtet lieber, um es am Leben zu erhalten. Salomon, als Richter hinzugezogen, erkannte, so heißt es, die wahre Mutter an ihrer Bereitschaft zum Verzicht und sprach daraufhin das Kind ihr zu.

Den Befürwortern einer Zweistaatenlösung halten die Regisseure das Gleichnis in Form einer Suggestivfrage vor. Die einzig mögliche Antwort ist die, die das Kind als ganzes am Leben erhält – also lieber verzichtet, als es zu zerteilen. Die möglichen Folgen eines binationalen Staates werden nicht erwogen, und wer etwas über Selbstmordterror und Antisemitismus erfahren möchte, bleibt auf andere Filme verwiesen. Indem Sivan und Khleifi die palästinensische Erzählung zur allein objektiven erheben, schütten sie das postmoderne Kind mit dem Bade aus.

Gefährliche Analogien

In Frankreich hat Route 181 eine heftige Debatte ausgelöst. Nachdem schon die Erstausstrahlung auf Arte im November 2003 harsche Publikumsreaktionen provozierte, verschärfte sich die Auseinandersetzung, als sich im Februar 2004 ein Dutzend Intellektuelle, darunter der Philosoph Bernard Henry-Lévy und der Schriftsteller Philippe Sollers, in einem Protestschreiben an den Präsidenten des Centre Pompidou und die Veranstalter des Festivals »Cinéma du réel« beunruhigt darüber zeigten, dass der Film in das Programm des Festivals aufgenommen wurde. Er transportiere sehr anfechtbare und umstrittene historische »Wahrheiten« und habe ein »Vorgehen, das die politische Debatte über den israelisch-palästinensischen Konflikt vergiftet«.

Die Kritik bezog sich vor allem auf die Anlehnungen von Route 181 an den Film Shoah von Claude Lanzmann, eine neunstündige Dokumentation über die Judenvernichtung während des Nationalsozialismus, die aus Interviews mit den Überlebenden der Vernichtungslager und ihren deutschen Henkern besteht. Eine der zentralsten und zugleich schrecklichsten Interviewsituationen in Shoah ist das Gespräch mit Abraham Bomba in seinem Friseursalon in Israel. Er musste den Häftlingen in Auschwitz, unter denen sich auch seine eigene Familie befand, die Haare scheren, bevor sie in die Gaskammern getrieben wurden.

Die Szenenanordnung in Route 181 ist auffallend ähnlich. Hier berichtet ein palästinensischer Friseur, während er Michel Khleifi die Haare schneidet, von einem Massaker an Palästinensern in Lod während des Unabhängigkeitskriegs von 1948. Er berichtet von Vergewaltigungen, von einem »Ghetto« genannten Ortsteil, in dem die palästinensische Bevölkerung versammelt wurde, und davon, wie die israelischen Soldaten von ihm verlangten, die Leichen zu verbrennen. Die Szene endet mit einer Einstellung der Eisenbahnschienen in Lod und greift damit ein Motiv auf, dass nicht nur in Shoah für die Deportationen der europäischen Jüdinnen und Juden in die Konzentrationslager steht. »Das Plagiat ganzer Sequenzen aus Shoah von Claude Lanzmann illustriert eine perverse und systematische Praxis, deren Logik die einer Umkehr der Opfer in Henker ist«, schreiben die Kritiker des Films in ihrem Protestbrief.

In einem Interview, das Le Monde mit den Regisseuren führte (11.3.2004), rechtfertigt Eyal Sivan die Analogie: »Der Friseur von Lod, dessen Zeugenaussage sich auf eine historische Wahrheit bezieht, die kürzlich vom israelischen Historiker Benny Morris bestätigt wurde, steht für das palästinensische Trauma, so wie Abraham Bomba (in Shoah) das Trauma der europäischen Juden verkörpert. Mit diesen beiden Traumata müssen wir leben, ohne sie zu verleugnen oder sie in Konkurrenz zueinander zu bringen. Für den zionistischen Dichter Avot Yeshurun ‘sind die Shoah der europäischen Juden und die Shoah der Araber von Eretz Israel (Palästina) eine einzige Shoah. Die des jüdischen Volkes’. Unsere Vergangenheit, die der Israelis und der Palästinenser, ist tief verankert in diesen beiden Katastrophen.« Gleichzeitig betont Sivan, er wolle die palästinensische Nakba und den jüdischen Holocaust keinesfalls vergleichen; während der Holocaust auf die Vernichtung des gesamten Judentums zielte, sollte die Nakba eine »ethnische Säuberung« vollziehen, gibt der Regisseur gegenüber der israelischen Zeitung Haaretz zu bedenken.

Route 181 steht im Kontext einer innerisraelischen Diskussion, die vor allem von den ‘Neuen Historikern’ und den ‘Postzionisten’ eingefordert wurde, und die sich in der Konzeption des Films wieder finden lässt. Andererseits grenzt sich Sivan mit seiner Selbstbezeichnung als ‘Antizionist’ ganz deutlich von ihnen ab. Darüber hinaus ist das, was sich innerhalb der israelischen Gesellschaft als progressiver Versuch der Integration der Leiden der palästinensischen Bevölkerung in die ‘nationale Erzählung’ mit dem Ziel des friedlichen Zusammenlebens in einem gemeinsamen Staat ausnehmen könnte, innerhalb der palästinensischen schon deshalb fragwürdig, weil Antisemitismus und die tägliche Angst der Mehrheit der israelischen Bevölkerung vor dem nächsten Anschlag in dem Film schlicht nicht vorkommen.

Innerhalb der europäischen Gesellschaft ist eine so einseitige Darstellung wie in Route 181 schon allein deshalb abzulehnen, weil sich die antisemitische Grundstimmung in den letzten Jahren verschärft hat und Israel mehrheitlich als größte Bedrohung für den Weltfrieden angesehen wird. Die Spezifik der europäischen Israelfeindschaft liegt dabei darin, sich antirassistisch und im Sinne der Menschenrechte handelnd zu gerieren.

Zensur oder Kritik?

In diesem Rahmen bewegt sich auch die weitere Entwicklung der Debatte um den Film. Als sich die Verantwortlichen des Festivals »Cinéma du réel« mit dem Protestschreiben von Henry-Lévy und anderen konfrontiert sahen, sagten sie eine der zwei geplanten Filmvorführungen ab. Ihre Entscheidung begründeten sie damit, angesichts des durch den Film ausgelösten Unbehagens auf die »Gefahren jeglichen einseitigen Gesichtspunktes« hinweisen zu wollen. Die Reaktion auf die Absage ließ nicht lange auf sich warten: Eine weitere Petition, die den Verfassern der ersten sowie den Veranstaltern des Festivals »unausgesprochene Zensur« vorwirft, fand über 600 Unterzeichner, darunter Jean-Luc Godard, Etienne Balibar, Elfriede Jelinek, Pierre Vidal-Naquet und Jaques Lyotard. In ihrem Schreiben heißt es, es sei lächerlich, Route 181 als antisemitisch oder judeophob zu bezeichnen; der Film sei Teil einer intellektuellen Diskussion, in der jeder das Recht besäße, Kritik zu üben.

Bereits vor dem deutschen Kinostart im Mai 2004 gab es auch hierzulande vereinzelte Rezeptionen von Route 181, die ein Vorgeschmack auf noch folgende sein könnten. So beschloss das Freiburger Filmfestival (FIFF), die Dokumentation kurzfristig ins Programm aufzunehmen, um sich unter Berufung auf die künstlerische Freiheit »gegen jegliche Form von Zensur« zu wenden. Auf die in Frankreich geübte Kritik wurde dabei mit keinem Wort hingewiesen. Und als Route 181 Ende März in Berlin bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Reihe »Culture Watch« vom Goethe Institut und der Akademie der Künste gezeigt wurde, hieß es in der Veranstaltungsankündigung, man wolle sich mit einer »Kultur der Gewalt« beschäftigen, die die »Zukunft der Weltgemeinschaft gefährdet«.


Anne Heilmann studiert Neuere Deutsche Literatur und Gender Studies in Berlin und beschäftigt sich mit der Rezeption des Holocaust in der deutschen Literatur nach 1945.