Beeindruckender Fortschritt | Billiger Kaffee für Deutschland vertreibt arme Bauern in Uganda
Für die neue Plantage
eines der weltweit größten Kaffeehandelsunternehmen,
der Neumann Gruppe aus Hamburg, wurden im
ugandischen Mubende vor drei Jahren 2.000
Menschen von der Armee vertrieben. Die Opfer
bleiben bis heute ohne Entschädigung.
Immerhin hat sie ihr Weg mit Hilfe der internationalen
Menschenrechtsorganisation FIAN inzwischen
bis in die Hamburger Konzernzentrale und
in Berliner Ministerien geführt.
von Frank Braßel
»Meine Eltern haben schon hier in
Mubende gelebt. Wir hatten Vieh, Ziegen,
Hühner, Schweine und 35 Rinder,«
erinnert sich Anna Nandyose. »Es ging
uns nicht schlecht, alle meine Kinder konnten
zur Schule gehen. Seit dem 21. August 2001
haben wir alles verloren.« Die 19fache
Großmutter ist betroffen, wenn sie
über den Tag der Vertreibung berichtet.
»Am Morgen kamen viele Soldaten in
unser Dorf, sie waren bewaffnet, drangen
in unsere Häuser ein, meine Möbel
wurden auf die Straße geworfen, zertrampelt
oder gestohlen. Wir hatten Angst und flohen
in die Wälder, nachts hörten wir
Schüsse.« Seitdem lebt Anna Nandyose
am Rande der entstehenden Kaffeeplantage.
Einige Kühe hatte sie wiedergefunden,
sie starben aus Mangel an Futter. Ein Fleckchen
Land, das sie bebaut, gibt kaum ausreichend
Nahrungsmittel her. Die Regierung überlässt
sie ihrem Schicksal. Anna versorgt ihre
Enkel, überwiegend Waisen, da viele
ihrer Eltern in Kampala an AIDS gestorben
sind.
Der Fall Mubende, 144 Kilometer nordwestlich
von Ugandas Hauptstadt Kampala gelegen,
enthüllt beispielhaft die Dynamiken
des internationalen Kaffeemarktes und die
in die neoliberale Globalisierungsstrategie
eingefügte Wirtschaftspolitik der Regierung
Museveni. Uganda ist der siebtgrößte
Kaffeeexporteur der Welt und bezieht 60
Prozent seiner Exporterlöse aus Kaffee.
Der Kaffeepreis auf dem Weltmarkt ist extrem
niedrig, was mit zur problematischen Wirtschaftsentwicklung
Ugandas beigetragen hat, obwohl das Land
das Lieblingskind des Internationalen Währungsfonds
und Paradebeispiel für die Entschuldungsinitiative
HIPC ist.
Der Multi im Hintergrund
Die in Hamburg beheimatete Neumann Gruppe
ist mit 46 Niederlassungen in 26 Ländern
einer der größten Global Player
im Kaffeegeschäft. Das Familienunternehmen
ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt,
da es keine eigene Marke hat, sondern an
Aldi, Tchibo und andere weiterverkauft.
Die Neumann Gruppe bestreitet ein Drittel
der Kaffeeimporte nach Deutschland, oft
von eigenen Töchtern wie der Kaweri
Coffee Plantation Ltd. in Mubende.
Ausländer dürfen in Uganda kein
Land erwerben, nur pachten. Deshalb ließ
der ugandische Staat das für die Plantage
vorgesehene Areal räumen, allerdings
ohne die eigenen, geschweige denn internationale
Rechtsstandards zu beachten. Die Besitzverhältnisse
in der Heimat von Anna Nandyose waren sehr
unterschiedlich, teils umstritten und angesichts
der historischen Rechtsformen unübersichtlich.
Als die Regierung im Juni 2001 die Räumung
für Ende August verkünden ließ,
fühlten die Bauern sich davon nicht
bedroht, legt das Landgesetz von 1998 doch
fest, dass niemand ohne Entschädigung
enteignet werden darf. Selbst unrechtmäßige
Ansiedler dürfen nach 12 Jahren nicht
vertrieben werden. Anfang August verkündete
der Distriktverwalter, die Anwohner müssten
nun schon Mitte des Monats gehen. Die Eile
und Brutalität der Vertreibungsaktion
wird verständlich, wenn man weiß,
dass bereits am 24. August 2001 Ugandas
Präsident Yoweri Museveni und Firmenchef
Michael Neumann persönlich den Grundstein
der Kaweri Kaffeeplantage legten. Da hätten
sich protestierende AnwohnerInnen nicht
gut gemacht.
Besuch der Vertriebenen
Für die ugandische Regierung ist die
Neumann-Plantage ein Prestigeprojekt mit
Modellcharakter für ihren »Modernisierungsplan
für die Landwirtschaft« aus dem
Jahr 2000, mit dem sie eine wettbewerbsfähige,
exportorientierte Landwirtschaft anstrebt.
Peter Kayiira, dem Leiter der Schule in
Mubende, klingt das wie eine offene Drohung
für andere landwirtschaftliche Gemeinden
in den Ohren. »Dies war der erste
Fall einer so brutalen Zwangsräumung
in Uganda, weitere können folgen. Auch
deshalb müssen wir dagegen kämpfen,
dass dieser Fall einfach zu den Akten gelegt
wird,« sagte er bei seinem Deutschlandbesuch
im Mai 2004. FIAN hatte ihn und Anna Nandyose
eingeladen. Beide zeigten sich vor der Rückreise
sehr zufrieden. Sie sprachen mit Vertretern
des Auswärtigen Amtes und Bundestagsabgeordneten
von CDU und SPD. »Bis heute ist es
uns nicht gelungen, mit dem Abgeordneten
von Mubende auch nur ein Gespräch zu
führen«, so Kayiira. Das faktische
Einpaarteiensystem unter Museveni ist offenbar
längst nicht so bürgernah, wie
der seit 1986 regierende Präsident
vorgibt.
»Unsere Hauptkritik richtet sich
nicht gegen die Firma«, erläutert
Peter Kayiira. »Doch die Vertreibung
verstieß klar gegen das ugandische
Gesetz. Das muss auch Herrn Neumann mit
Scham erfüllen. Die Firma hat uns nun
zugesichert, bei der Regierung für
unsere Rechte vorstellig zu werden.«
Bislang versuchten deren Anwälte in
Uganda aber mit allen Mitteln, einen Prozess
der Selbstorganisation der Vertriebenen
gegen das Unternehmen zu verhindern. »Indem
wir uns der natürlichen und sozialen
Umwelt gegenüber verantwortlich verhalten,
wollen wir als Modell für andere Landwirtschaftsunternehmen
gesehen werden,« präsentiert
sich demgegenüber das internationale
Kaffeeunternehmen ganz modern. »An
jedem Ort unserer Aktivitäten sollen
wir als gute Geschäftsleute anerkannt
werden, die faire Arbeitsmöglichkeiten
anbieten und Respekt für das lokale
Recht und die lokale Kultur zeigen.«
Die ugandische Gewerkschaft hat sich inzwischen
über den mangelnden Zugang zur Plantage
beklagt, im März kam es dort zu einem
Streik. In Uganda gibt es nicht einmal einen
gesetzlichen Mindestlohn wie in den meisten
afrikanischen Staaten. Auffällig ist,
wie schwer sich das Hamburger Familienunternehmen
mit dem Dialog mit seinen Kritikern tut.
Erst als Anna Nandyose und Peter Kayiira
vor der Tür standen, wurde die Weigerung,
sie zu empfangen, zurückgezogen. Sie
haben den beiden Gästen, die von der
Selbstorganisation der Vertriebenen zu dieser
Reise delegiert worden waren, versprochen,
für einen Runden Tisch mit allen drei
beteiligten Gruppen Opfer, Regierung
und Unternehmen einzutreten. Auf
diesem Wege soll eine einvernehmliche Lösung
für die menschliche Katastrophe in
Mubende gefunden werden.
Die »Kaffeekrise« förderte
offenbar das Engagement Neumanns in Uganda,
wo die Ernte bislang fast ausschließlich
von Kleinbauern eingefahren wird. Der Kaffeepreis
ist seit 1970 kontinuierlich gefallen, für
die hochwertige Arabica-Sorte um jährlich
drei, für Robusta um fünf Prozent.
Die Kaffeeunternehmen mischen immer mehr
Robusta unter: So können immer neue
Sonderangebote die Verbraucher erfreuen
und die Kaffeemultis trotz oder wegen?
der »Krise« durchgehend
schwarze Zahlen schreiben. Die Kaweri Plantage
in Mubende produziert Robusta, vermutlich
preisgünstiger, zu einheitlicher Qualität
und zuverlässiger verfügbar als
die bisherigen kleinbäuerlichen Strukturen.
Privatwirtschaftlich ein naheliegender Schritt,
aus dem Blickwinkel der sozialen Menschenrechte
allerdings ein Skandal.
Entwicklung gegen Menschenrechte
Skandalös ist auch, dass deutsche
Ministerien einseitig die Neumann Gruppe
und die ugandische Regierung unterstützen.
»Der Lebensstandard im Einzugsbereich
der Farm hat sich nach unserer Kenntnis
stark verbessert,« schrieb das Auswärtige
Amt an FIAN. Staatssekretär Stather
vom BMZ äußerte sich ähnlich.
Der Streit um Land und Entschädigung
betreffe »einen innerugandischen Konflikt«
(AA), in den sich die Bundesregierung offenbar
nicht einmischen will. Stattdessen wird
die ugandische Regierung im neuen Länderpapier
(April 2004) des BMZ gelobt: »Besonders
positiv hervorzuheben sind die beeindruckenden
Fortschritte im Bereich der wirtschaftlichen
und sozialen Rechte.« Nicht ein einziges
konkretes Beispiel wird hierfür angeführt,
sondern nur hervorgehoben, dass »ein
noch nicht ausgeschöpftes Potenzial
in der Landwirtschaft [liege], in der durch
stärkere Kommerzialisierung Einkommenssteigerungen
erzielt und zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten
geschaffen werden können.« In
diese Analyse passt die Neumann-Plantage
ideal. Trotz der Zwangsvertreibungen erhielt
sie im übrigen auch einen Millionenkredit
der Afrikanischen Entwicklungsbank, die
zur Weltbankgruppe gehört.
Die Parteinahme für Neumann zeigt,
dass die Rechte auf Nahrung, Bildung und
Gesundheit für das Auswärtige
Amt offenbar ohne jede Bedeutung sind und
beim BMZ nur noch in den Kategorien von
neoliberalen Wirtschaftsreformen gedacht
wird. Dabei sind die negativen Auswirkungen
der Vertreibungen evident: Die Hilfsorganisation
ActionAid Uganda hat mindestens fünf
an Unterernährung verstorbene Kinder
gezählt. Die Schule blieb für
ein Jahr geschlossen und wurde danach in
sehr viel schlechterer Ausstattung neu eröffnet.
Eine Untersuchung der Makarere Universität
in Kampala verzeichnete eine starke Zunahme
von Durchfallerkrankungen, da die Vertriebenen
sich nun aus ungesicherten Wasserquellen
versorgen müssen. Medizinische Versorgung
ist kaum mehr existent. Die Zerstörung
gewachsener sozialer Strukturen und die
Traumatisierung der Zwangsvertriebenen sind
weitere Folgen. Der Firma Neumann waren
von Anfang an die Auswirkungen der staatlichen
Menschenrechtsverletzungen klar: Sie ließ
nach der Vertreibung über die katholische
Kirche Nahrungsmittel und Decken an die
Opfer verteilen.
Zusätzliche Brisanz erhält der
Konflikt durch das Bemühen der Gesellschaft
für technische Zusammenarbeit (gtz)
und des Deutschen Kaffeeverbandes (in dem
Neumann einflussreich ist), die Kaffeekrise
mit einem internationalen Verhaltenskodex
zur sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen
Nachhaltigkeit abzufedern. Neben den Kaffeehändlern
und Produzenten sind auch die Internationale
Landarbeitergewerkschaft (IUF) sowie Oxfam,
Greenpeace und FIAN an der Diskussion über
die mögliche Ausgestaltung und Umsetzung
eines solchen Kodex beteiligt. Ob hier ein
Konsens aller Beteiligter erzielt werden
kann, soll bis September 2004 entschieden
werden. Vorgesehen ist, dass »Zwangsvertreibung«
ein Ausschlusskriterium für die Beteiligung
am Kodex-Prozess ist. Mit etwas Mut ließe
sich daher am Fall Mubende in der Realität
erproben, ob die Umsetzung von Sozialstandards
und Menschenrechten mit der Ökonomie
der Kaffeeindustrie in Einklang gebracht
werden kann.
Frank Braßel ist
freier Autor und Mitarbeiter von FIAN. Ein
aktuelles Hintergrunddossier »Der
Fall Mubende« ist für 4 Euro
erhältlich bei FIAN e.V., Overwegstr.
31, 44625 Herne, Tel. 02323/490099, Fax: 02323/490018, info@fian.de