Queer international | Schwerpunkt-Editorial
Als Präsident Robert Mugabe die Zimbabwean
International Book Fair 1995 mit einer Rede
eröffnete, in der er Lesben und Schwule
attackierte, löste dies nicht nur bei
der Gruppe GALZ (Gays and Lesbians in Zimbabwe),
sondern auch bei internationalen Menschenrechtsorganisationen
Proteststürme aus. Mugabe hatte Homosexualität
als »un-afrikanisch« bezeichnet.
Lesben und Schwule gelten bis heute in Zimbabwe
als die »Anderen«, die heterosexuelle
Normen unterwandern. Sie werden mit dem
dekadenten »Westen« und der
Auflösung traditioneller Werte assoziiert.
Mugabes staatlich verordnete Homophobie
öffnete der Diskriminierung von Schwulen
und Lesben Tür und Tor.
Homophobie ist freilich kein afrikanisches
Spezifikum, sondern weltweit in mehr oder
minder großem Ausmaß alltäglich.
Etwa in Osteuropa: Im polnischen Krakau
wurden im Mai 2004 bei homophoben Ausschreitungen
mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer des
Christopher-Street-Day-Demonstrationszuges
und zahlreiche Polizisten zum Teil schwer
verletzt. In Warschau wurde die CSD-Parade
vom Bürgermeister mit der Begründung
verboten, von ihr gehe eine Gefahr für
die öffentliche Moral aus.
Ähnliches spielte sich in Serbien
ab: Nach gewalttätigen Angriffen auf
eine Demonstration von Schwulen und Lesben
vor drei Jahren sollte in diesem Juli die
Belgrad Pride Tour 2004 stattfinden. Obwohl
die VeranstalterInnen eine breit angelegte,
internationale Kampagne lancierten und Menschenrechtsorganisationen
aus vielen europäischen Ländern
für den Schutz der GayPride gewinnen
konnten, (vgl. iz3w 277), wurde die Tour
kurzfristig abgesagt. Die homophobe, nationalistische
und rassistische Grundstimmung in Serbien
wurde als zu übermächtig und Hilfe
von Seiten der Polizei als zu gering empfunden.
Die Liste von Repressionen gegen Schwule
und Lesben in den unterschiedlichen Ländern
ist lang. Dennoch möchten wir in unserem
Themenschwerpunkt nicht vorrangig die von
lesbisch-schwul-queeren Bewegungen erfahrene
Diskriminierung darstellen. Vielmehr sollen
die (Anti-)Identitätsentwürfe
und Alltagspraxen, die jenseits von (Zwangs-)Heterosexualität
existieren oder entstehen, in den Vordergrund
treten.
Der Begriff queer (laut Englisch-Wörterbuch
»pervers, sonderbar, fragwürdig,
Falschgeld«) galt zunächst als
Schimpfwort gegen alle, die den Normen geschlechtlicher
und sexueller Anpassung nicht entsprachen:
Lesben, Schwule, Transgender, Intersexuelle...
Die Gemeinten eigneten sich den Begriff
daraufhin offensiv an, und so entstand zunächst
in den USA die queere Bewegung. Für
die Vorreiterin der queer theory, Judith
Butler, widerspricht das Konzept »queer«
allen Geschlechteridentitäten. Der
Begriff bezeichnet, was in der Gegenwart
niemals vollständig in Besitz ist,
sondern immer neu durchkreuzt (queered)
wird. Die queer community befindet sich
somit in einem ständigen, selbstauferlegten
Prozess der (Identitäts-)Kritik und
der Neuorientierung (siehe S.15).
Schon kurz nach Entstehen der queeren Bewegung
übten bisexuelle Frauen Kritik an der
lesbischen Szene, weil sie sich aufgrund
ihrer sexuellen Orientierung von dieser
diskriminiert fühlten. In den 90er
Jahren bemängelten verstärkt transsexuelle
Frauen und Intersexuelle die Ausschlussmechanismen
der Frauen- und Lesbenbewegung aufgrund
derer rein biologischer Definition der Kategorie
»Frau«. Ihre Kritik: Durch die
Konstruktion einer möglichst homogenen
Gruppe würden Unterschiede innerhalb
dieser Gruppe unsichtbar gemacht (siehe
S.31). Dies geschehe in der Regel auf Kosten
Unterprivilegierter innerhalb der jeweiligen
Gruppe. Die schwarze feministische Autorin
bell hooks wies darauf hin, dass die Zweiteilung
in Männer und Frauen als Täter
und Opfer an der Lebenssituation schwarzer
Frauen vorbeigehe, dass diese die Auswirkungen
von Rassismus mit schwarzen Männern
gemeinsam erleben. All dies verweist darauf,
dass die geschlechterpolitische Selbstdefinition
als »queer« noch lange kein
Garant für die Auflösung von identitätspolitischen
Fesseln ist. Die bonbonbunte Welt der CSD-Paraden
und der Pink Silver-Blöcke auf globalisierungskritischen
Demonstrationen kann nicht vergessen machen,
dass rassistische und sozioökonomische
Ausschlüsse auch in der queeren Bewegung
noch nicht vollends aufgehoben sind (siehe
S. 20 und S. 24). Ebenso wenig besteht Anlass
zur exotistischen Verherrlichung von »queeren«
Lebensmodellen in außereuropäischen
Gesellschaften. Seien es Hjiras in Indien
oder Travestis in Brasilien (siehe S. 27):
Auch wenn diese vermeintlichen RepräsentantInnen
eines »Dritten Geschlechts«
die Heteronormativität westlicher BetrachterInnen
irritieren, so reproduzieren viele solcher
queerer Identitäten übliche Geschlechtermodelle
eher, als dass sie diese unterlaufen.
Bei ihrem Versuch, hegemoniale Vorstellungen
von Geschlecht und Sexualität zu durchkreuzen,
gerät queere Anti-Identitätspolitik
in Gefahr, selbst identitär zu werden.
Doch auch wenn unser Themenschwerpunkt diese
Art der Identitätsbildung wiederholt
kritisiert, besteht kein Zweifel daran,
dass die theoretische wie praktische Dekonstruktion
der (Zwangs-)Heteronormativität weitaus
vordringlicher ist.
die redaktion