Den Spieß umdrehen | Was sind Queer Politics und Queer Theory?
Seit einigen Jahren taucht
in Diskussionen über Geschlechterordnung
und Sexualität immer öfter der
aus den USA kommende Schimpfwort queer
(dt. sonderbar, seltsam) auf. Was ist damit
gemeint, und was beabsichtigen queer politics
und queer theory? Geht es allein um die
Belange von Lesben, Schwulen und Transsexuellen,
oder zielt der Begriff gerade auch auf die
sexuelle Identität des heterosexuellen
Mainstream?
von Volker Woltersdorff
alias Lore Logorrhöe
Die Entstehungsbedingungen von queer als
politischer Bewegung und theoretischem Denkansatz
liegen in den USA der späten Achtzigerjahre.
Der Hintergrund, aus dem sich das Queer
Movement ableitet, ist sehr vielfältig:
Die Schwulen-, Lesben-, und Frauenbewegung
hatten separatistische Politiken mit im
Einzelnen sehr unterschiedlicher Ausrichtung
verfolgt, die die Entstehung von homogenisierten
Ghettos unterstützte. Im kapitalistischen
Verwertungsprozess hatte sich die pink
economy zu einen eigenständigen Marktsegment
gemausert (vgl. Gluckman und Reed 1997).
Die fortschreitende Institutionalisierung
der Lesben-, Schwulen- und Frauenbewegung
leitete eine Hinwendung ihrer Funktionäre
zur Lobby-Politik ein, die auch ihr Stück
vom Kuchen haben wollte. Führende schwule
Aktivisten versuchten Schwule und Lesben
als ethnische Identität
zu verkaufen und damit in die US-amerikanische
Verteilungspolitik zu integrieren (Epstein
1987). Sie stellten Schwule als assimilationswillige
großstädtische Einkommenselite
dar, die sich nach Anerkennung durch den
Mainstream sehnt. Ein Ergebnis dieser Ausrichtung
war die Kommerzialisierung und Entpolitisierung
der CSD-Paraden. All dies förderte
eine homogenisierte Darstellung nicht-heterosexueller
Lebensformen, die stillschweigend ihre weißen,
mittelständischen und männlichen
Vertreter zur Norm machte. Die lesbisch-feministische
Szene formulierte einen sexuellen Verhaltenskodex,
der von vielen Frauen ebenfalls zunehmend
als beengend und normativ erlebt wurde.
Die davon ausgehenden Auseinandersetzungen,
die sich vor allem um Pornografie, Bisexualität,
Promiskuität, Penetration und Sadomasochismus
drehten, waren so heftig, dass sie als sex
wars bezeichnet wurden (Duggan und Hunter
1995). Diese Entwicklungen führten
dazu, dass sich viele Lesben und Schwule
nicht mehr in diesen Bewegungen repräsentiert
sahen.
Zeitgleich mobilisierte die Neue Rechte
gegen die bescheidenen Errungenschaft der
Bürgerrechtsbewegungen der Sechziger-
und Siebzigerjahre. Der Kampf gegen Abtreibung
und Homosexualität stand dabei ganz
oben auf der Agenda.
Ein weiterer zentraler Beweggrund für
die Entstehung von queer politics waren
die sozialen Folgen der Aids-Epidemie. Vor
allem zu Beginn wurden über Aids massiv
homophobe Vorurteile geschürt: Das
Gerede von Risikogruppen grenzte die Zahl
der Betroffenen auf die Randgruppen
der moral majority ein: Schwarze, Schwule,
Prostituierte und Junkies. Diese Gruppen
waren aus Sicht eben dieser moral majority
für ihre Krankheit auf Grund ihrer
riskanten Lebensweise selbst Schuld. Die
Verbindung von Homosexualität und Krankheit
wurde neu aufgewärmt. Obwohl weitaus
weniger durch HIV gefährdet, hatten
Lesben unter diesem wachsenden homophoben
Klima fast genauso zu leiden. Von der Reagan-Administration
wurden die Erkrankten und Infizierten völlig
allein gelassen, Aids als Problem ignoriert
und keine Gelder für Pflege und Forschung
bereitgestellt. Da es in den USA keine gesetzliche
Krankenversicherung gibt, konnten sich viele
die teuren Therapien nicht leisten, verloren
bald ihre Erwerbsfähigkeit und rutschten
unter die Armutsgrenze. Nicht-weiße
Menschen, die dort traditionell den ärmeren
Schichten angehören, waren davon besonders
betroffen.
Die Gruppe der von HIV Infizierten oder
besonders Gefährdeten wurde durch das
offizielle Selbstbild der lesbischen und
schwulen Communities nicht repräsentiert.
Plötzlich saßen sie alle im selben
Boot: reiche weiße Mittelstandsschwule,
lesbische Latzhosen-Feministinnen, Stricher,
Huren, Fixer und Fixerinnen, Arme, Nicht-Weiße
und Familienväter, die in Parks und
Klappen anonymen sexuellen Kontakten mit
anderen Männern nachgingen. Das Virus
machte keinen Unterschied, ob jemand out
and proud oder versteckt lebte, ob
jemand ein politisches Identitätsbewusstsein
besaß oder nicht.
Queer politics
Vor dem Hintergrund dieser verschiedenen
Krisen und Konflikte entwickelte sich eine
aggressive Politik der Wut. Queer politics
versuchten die randständigen Positionen
der offiziellen Identitätspolitik
ins Zentrum zu rücken. Queer entstand
also als eine neue Form der Bündnispolitik
von untereinander sehr unterschiedlichen
gesellschaftlichen Außenseitern und
Außenseiterinnen, die deshalb auch
als Regenbogenkoalition bezeichnet
und symbolisiert wurde. Dabei sollte aber
auch auf Marginalisierungen innerhalb der
eigenen Szenen hingewiesen werden. Schwule,
Lesben und Feministinnen of colour, wie
z. B. bell hooks oder Cherríe Moraga
und Gloria Anzaldúa, erhoben in diesem
Kontext ihre Stimmen (hooks 1992, Moraga
und Anzaldúa 1983). Die Bezeichnung
queer wurde gewählt, weil
dieses Schimpfwort im Englischen ziemlich
unpräzise alle diejenigen meint, die
nicht in die Wertvorstellungen der moral
majority passen. Die Selbstbezeichnung als
queer hatte, ähnlich wie
bei den Wörtern Schwuler,
Tunte, Lesbe, Krüppel,
Kanake, Irrer, einen
provokanten, kämpferischen Charakter.
Es verstörte das Publikum, wenn sich
die Diffamierten selbst so nannten, und
es nahm der Verletzung die Schärfe
und kehrte den Spieß um in die Richtung,
aus der er kam.
Da in den USA die heterosexuelle Kleinfamilie
als Keimzelle der Nation gilt, die deren
Reproduktion und Reinheit sichert, gab sich
eine aktivistische Neugründung 1990
den Namen Queer Nation als bewusste,
aber nicht unproblematische Provokation
dieses Nationenbegriffs. Queer Nation verbreitete
sich in kürzester Zeit in allen größeren
Städten der USA. Die Organisation bevorzugte
als Instrument der Politik schrilles Auftreten
und theatralische Performances, wie kiss
inns und die inns, an stark frequentierten
Orten, wie Verkehrsknotenpunkten, Fußgängerzonen
und Einkaufszentren. 1992 entstanden die
Lesbian Avengers (dt. Lesbische Rächerinnen),
die ähnlich öffentlichkeitswirksame
Auftritte machten. Zum Beispiel demonstrierten
sie vor Schulen gegen das Totschweigen von
Homosexualität im Lehrplan und fragten
die Schulkinder, was sie denn im Unterricht
über Lesben gelernt hätten. Bereits
1987 war Act up (Aids Coalition To
Unleash Power) gegründet worden,
das mit seinen spektakulären und medienwirksamen
Aktionen auf die Situation der Menschen
mit HIV und Aids aufmerksam machte: z. B.
stürmten Aktivisten und Aktivistinnen
den Nachrichtensender NTV oder besetzten
die New Yorker Börse, wo sie ein Transparent
entrollten, das die Verwertung des Schicksals
von HIV-Positiven durch die Pharmakonzerne
angriff. Um die Präventionsbotschaft
von safer sex sinnvoll zu vermitteln, mussten
die bisherigen Identitätsvorstellungen
infrage gestellt werden. Außerdem
war es dazu nötig, haarklein über
Sexualpraktiken zu sprechen, und das waren
oft Dinge, die der moral majority die Schamesröte
ins Gesicht trieben. Und schließlich
mussten nichteheliche soziale Bindungen
gegen eine Gesellschaft verteidigt werden,
die die Trauer und die Rechte der Angehörigen
nicht anerkannte.
Im Umfeld von queer politics, aber auch
in Abgrenzung davon sind im Verlauf der
Neunzigerjahre weitere Initiativen und Bewegungen
entstanden. Transsexuelle und transgender-Menschen
haben sich selbstständig in eigenen
Gruppen organisiert, wie z. B. Transsexual
Menace, unter anderem deshalb, weil für
sie das Etikett queer zu sehr von Schwulen
und Lesben und von der Privilegierung von
Belangen der Sexualität gegenüber
solchen des Geschlechts geprägt wird.
Intersexuelle Menschen (landläufig
Zwitter) haben das Intersex
Movement angestoßen (Kessler 1998).
Die politischen Stoßrichtungen dieser
verschiedenen queeren Kämpfe überkreuzen
sich an vielen Punkten, führen aber
auch zu sehr kontroversen Einschätzungen.
Obwohl der Queer-Aktivismus zwischenzeitlich
an Stärke verloren hat, gibt es auch
im neuen Jahrhundert zahlreiche Initiativen,
die fortleben oder neu entstanden sind.
Seit 1997 findet alljährlich an wechselnden,
meist besetzten Orten in den Metropolen
westlicher Länder die Queeruption statt,
zunächst in London, dann San Francisco
und New York, inzwischen auch in Berlin,
Amsterdam und im nächsten Jahr in Sidney.
Diese Veranstaltung versteht sich in erster
Linie als selbst bestimmter Freiraum, an
dem Utopien von Herrschaftslosigkeit und
geschlechtlicher wie sexueller Autonomie
jenseits hierarchischer und normativer Zwänge
erarbeitet und erprobt werden können.
Doch auch in Osteuropa haben sich vor dem
Hintergrund stark homophob, antifeministisch
und traditionalistisch geprägter Gesellschaften
Widerstandsformen gebildet, die sich positiv
auf queer beziehen. Im Nahen Osten gibt
es mit Black Laundry ebenfalls eine sich
als queer verstehende gemischte israelisch-palästinensische
Gruppe von FriedensaktivistInnen.
Parallel zu diesen politischen Entwicklungen,
teils als Reflex darauf, teils unabhängig
davon, entstand queer im universitären
Bereich der Gay and Lesbian Studies als
Sammelbegriff für einen neuen kritisch-theoretischen
Zugang zum Feld nicht-normgerechter Sexualitäten.
Theresa de Lauretis war die erste, die 1991
queer in diesem Sinne anlässlich einer
Schwerpunkt-Nummer der feministischen Zeitschrift
differences verwendete, die sich mit lesbischen
und schwulen Sexualitäten beschäftigte
(de Lauretis 1991).
Der poststrukturalistische Hintergrund von queer theory
Mindestens genauso wichtig wie queer politics
war für das Entstehen von queer theory
allerdings das poststrukturalistische Denken.
Der Poststrukturalismus versteht sich
grob gesagt als eine Kritik an der
Überheblichkeit des Subjekts der Aufklärung
und seinem Erkenntnisanspruch. Poststrukturalistische
Denker haben grundsätzliche Skepsis
gegenüber groß angelegten Theoriegebäuden
angemeldet, die behaupten, die Welt als
ganze beschreiben zu können. Sie ziehen
die Erkenntnisfähigkeit und den Fortschrittsoptimismus
des aufklärerischen Rationalismus
grundsätzlich in Zweifel. Im Zentrum
poststrukturalistischer Kritik steht die
Vorstellung vom autonomen, in sich ruhenden
Subjekt. Während die bürgerliche
Aufklärung im Subjekt den gefährlichsten
Gegner von subalterner Ideologiegläubigkeit
hatte sehen wollen, so interpretierte der
marxistische Philosoph Louis Althusser das
Subjekt gerade umgekehrt als das Produkt
der Unterwerfung unter eine Ideologie (Althusser
1977). Um diese kühne Behauptung zu
illustrieren, wählte er das Beispiel
eines Polizisten, der auf der Straße
ruft: He, Sie da! Der Passant
oder die Passantin, die sich daraufhin umdreht,
erkennt damit erst die Macht des Polizisten,
Leute anrufen und zum Stehen bringen zu
können, an und macht sich auch damit
erst zum Subjekt einer Staatsbürgerin.
Der Poststrukturalismus radikalisiert nun
diese Kritik am Subjekt. Aus seinen Angeln
heben wollen es seine Gegner, indem sie
ihm sein Herrschaftsinstrument unbrauchbar
machen, nämlich die Sprache. Der französische
Philosoph Jacques Derrida hat zu zeigen
versucht, dass Sprache ihrem Anspruch, die
Wirklichkeit eins zu eins abzubilden, nie
gerecht werden kann und notwendig auf Mehrdeutigkeit
von Bedeutungen angewiesen ist. Es sei das
Wesen der Sprache, begriffliche Grenzziehungen
beständig zu unterlaufen und Ordnung
zu verunreinigen. Den methodischen Nachweis
dieser systematischen Subversion von Herrschaft
durch begriffliche Ordnung nennt er Dekonstruktion.
Identität als Ordnungsprinzip wird
damit fragwürdig. Jeder Versuch, das
unveränderliche Wesen einer Identität
zu bestimmen, wird anrüchig, weil es
als ideologische Verkürzung der Wirklichkeit
erscheint. Diese theoretische Position nennt
man auch Anti-Essenzialismus.
Der Poststrukturalismus verzichtet damit
ausdrücklich auf einen letztgültigen
Wahrheitsanspruch und versucht außerdem
radikal, gedankliche Hierarchien abzubauen.
Zum Beispiel lässt sich die Hierarchie
einer eigentlichen, wahren, authentischen
Hetero-Sexualität und einer verirrten,
falschen, unnatürlichen Homo-Sexualität
vor diesem Hintergrund nicht mehr aufrechterhalten.
In letzter Konsequenz kann dann aber auch
keine sexuelle Identität für sich
in Anspruch nehmen, die richtige zu sein,
auch die nicht, die sich selbst für
die progressivste oder revolutionärste
hält.
Ganz ausdrücklich mit der Kritik herrschender
Vorstellungen über sexuelle Identität
hat sich aus dem Kreis des Poststrukturalismus
der französische Historiker und Philosoph
Michel Foucault in seiner dreibändigen
Geschichte der Sexualität
befasst (Foucault 1983-86). Er hebt darin
hervor, dass Sexualität keine persönliche
Eigenschaft, sondern eine gesellschaftliche
Größe ist, die durch Macht hervorgebracht
und nicht einfach von ihr unterdrückt
wird. Damit hat er den Befreiungsdiskurs
der sexuellen Revolution entzaubert und
der Sexualität jeden romantischen Restbestand
ausgetrieben. Denn er setzt alles daran,
die Hoffnung zu entkräften, dass mit
der Benennung bisher geleugneter und zum
Schweigen gebrachter lesbischer und schwuler
Identitäten und Sexualitäten der
Macht die Stirn geboten werden könnte.
Foucault versteht Macht nicht mehr nur repressiv,
sondern produktiv. Foucaults Machtverständnis
ist für die queer theory von zentraler
Bedeutung. Seiner Meinung nach kann man
nämlich nicht fein säuberlich
in mächtige Täter einerseits und
ohnmächtige Opfer andererseits trennen,
womöglich noch schön marxistisch
geordnet nach herrschender und beherrschter
Klasse. Macht ist für ihn überall,
und wir sind alle irgendwie in Macht eingebunden,
Täter und Opfer zugleich, wenn auch
in je sehr unterschiedlicher Zusammensetzung.
Foucaults Denken hat in den sexuellen Emanzipationsbewegungen
zu enormer Verunsicherung und Sinnkrisen
geführt. Es hat aber auch geholfen,
die Komplexität der Möglichkeiten
und Grenzen politischen Handelns im spätmodernen
Kapitalismus besser zu begreifen.
Queer theory: Das Wichtigste in Kürze
Seit Mitte der Achtzigerjahre haben sich
feministische Theoretikerinnen bemüht,
die Geschlechtsblindheit des Poststrukturalismus
zu beenden und die Kategorie Geschlecht
in postsrukturalistische Theoriebildung
einzuschreiben. In Anknüpfung an Foucaults
Entzauberung der sexuellen Befreiungsbewegungen
hat Judith Butler Anfang der Neunziger den
Feminismus entzaubert, indem sie die Kategorie
Frau als Subjekt des Feminismus
dekonstruiert hat. In ihrem Buch Gender
Trouble von 1990 (dt. Das Unbehagen
der Geschlechter), so einer Art Bibel
der queer theory, versuchte Butler nämlich
nachzuweisen, dass der Feminismus gegen
seine ausdrücklichen Ziele arbeiten
würde, wenn er am Subjekt Frau
als seiner unhinterfragten Grundlage festhalten
würde (Butler 1991). Dieser Provokation
schickte sie eine Analyse der Geschlechterordnung
voraus, mit der sie eine grundsätzliche
Verunsicherung bzw. Verflüssigung der
Kategorie Geschlecht bezweckt,
also eben: Gender Trouble.
Butler liefert dazu eine Theorie, mit der
sich Stabilisierungs- und Destabilisierungsprozesse
sexueller und geschlechtlicher Identitätsbildung
beschreiben und erklären lassen. Dazu
führt sie den Begriff der heterosexuellen
Matrix ein. Sie bezeichnet damit eine
soziale und kulturelle Anordnung, mit Foucault
gesprochen: ein diskursives Dispositiv,
das aus den drei Dimensionen von erstens
anatomischem Geschlechtskörper (sex),
zweitens sozialer Geschlechterrolle (gender)
und drittens erotischem Begehren (desire)
besteht. Diese drei Kategorien sind jeweils
wechselseitig aufeinander bezogen. Die heterosexuelle
Matrix zeichnet sich nun dadurch aus, dass
sie dieses Dreigestirn normativ einrichtet
sowie ihre Deckungsgleichheit erzwingt.
Sie teilt die Menschen in genau zwei und
nur zwei, deutlich voneinander zu unterscheidende
Geschlechter. Dadurch entsteht der anatomische
Geschlechtskörper nicht als etwas
rein Natürliches, sondern außerdem
als ein kulturelles Produkt, das eine bestimmte
Funktion in einem ideologischen System ausübt.
Dem Geschlechtskörper wird dann nach
dieser Logik nämlich eine ganz bestimmte
soziale Rolle und Identität und ein
heterosexuelles Begehren zugewiesen. Geschlecht
wird deshalb fast immer sexualisiert, und
zwar heterosexualisiert wahrgenommen. Diese
Organisationsform ist nicht nur die vorherrschende,
sondern nimmt für sich auch in Anspruch,
die naturgemäße zu sein. Heterosexualität
kann mit Hilfe des Begriffs der heterosexuellen
Matrix also als ein Herrschaftssystem dargestellt
werden, das Körper und ihr Verhältnis
zueinander normiert und diese aufgezwungene
Ordnung als natürlichen Grundzustand
legitimiert. Die Kategorie Frau
ist also immer eingebunden in die heterosexuelle
Matrix und trägt deshalb immer normative
Effekte im Gepäck mit sich herum. Sie
erscheint so betrachtet als machtdurchwirktes,
interessegeleitetes diskursives Konstrukt
und nicht als unhintergehbare biologische
Gegebenheit.
Die Abtrennung der drei Kategorien Sex/Gender/Begehren
ist nicht erst Butlers Leistung. Diese
konzeptuelle Differenzierung war bereits
in den Siebziger und Achtzigerjahren ein
bewusster Eingriff feministischer Theoriebildung
gewesen, mit dem die vermeintliche Einheitlichkeit
der Triade unterwandert werden sollte und
Biologie nicht mehr als unabwendbares soziales
Schicksal begriffen werden musste. Butlers
Neuerung bestand nun darin, dass sie ihre
Kritik nun außerdem auf die Kategorien
der Triade selbst richtet. Ihre Dekonstruktion
der heterosexuellen Matrix zielt darauf
ab, einen Blick auf den Geschlechteralltag
zu werfen, der Widersprüche, Brüche
und Alternativen zu dieser Matrix sichtbar
werden lässt. Sex/ Gender/ Begehren
erscheinen so nicht als selbstevidente und
essenzielle Gegebenheiten. Vielmehr begreift
sie Butler nun als performative Effekte.
Performative Effekte entstehen erst im Prozess
der Herstellung. Man könnte das auf
die Formel bringen: es gibt kein Geschlecht,
außer jemand tut es mit jemandem.
In der Soziologie ist deshalb das Schlagwort
des Doing Gender geprägt
worden. Geschlecht gilt hier nicht mehr
als eine Form des Seins, sondern des interaktiven
Handelns. Da Handeln sich erst in der Zeit
realisieren kann, ist es ständig im
Fluss. Die Kategorie Geschlecht
kann so als Produkt eines fortlaufenden
Konstruktionsprozesses betrachtet werden.
Zum Selbsterhalt ist die normative Konstruktion
von Geschlecht auf identische Wiederholungen
angewiesen. Eine solche Struktur ist automatisch
instabil. Sie produziert nämlich beständig
Unfälle und Abweichungen. Butler interessiert
sich nun gerade für die Brüche
bei der Reproduktion der heterosexuellen
Matrix und rückt sie damit von der
Peripherie ins Zentrum der Analyse von Geschlecht.
Die Analyse misslungener Realisierungen
der heterosexuellen Matrix erlaubt ihr einen
Einblick in die allgemeine Funktionsweise
der Geschlechter- und Sexualitätenordnung
und die Möglichkeiten, diese zu unterlaufen.
Butlers Beschreibung der Funktionsweise
von Geschlecht und Sexualität reagiert
auf alltägliche Erfahrungen und aktuelle
Entwicklungen in den westlichen Industriestaaten:
Bio- und Reproduktionstechnologien haben
eine Entkoppelung von Sexualität und
Fortpflanzung ermöglicht. Sexualität
ohne Zeugung und Zeugung ohne Sexualität
sind dadurch zum Normalfall geworden. Die
kosmetische und plastische Chirurgie erlauben
neue Veränderungen der Geschlechtskörper,
wie z. B. die Geschlechtsangleichung bei
Transsexuellen. Es ist dadurch einfacher
geworden, den Körper den eigenen bzw.
den gesellschaftlichen Erwartungen anzupassen.
Die Sexualmoral ist liberaler geworden.
Die Kommerzialisierung von Sexualität
hat nie da gewesene Ausmaße erreicht.
Verschiedene Emanzipationsbewegungen haben
Geschlechterhierarchien und -normen angegriffen
und Alternativen der geschlechtlichen und
sexuellen Lebensgestaltung erkämpft.
Migrationsbewegungen haben darüber
hinaus Fragen vielfältiger Überlagerungen
von Identitäten auf die Tagesordnung
gebracht.
Butler interpretiert nun Geschlecht als
eine Norm, ein gesellschaftliches Ideal,
dem alle versuchen nachzueifern, entweder
als Mann oder als Frau. Alle wollen authentisch
Mann oder Frau sein, und es gelingt ihnen
doch nie. Entweder es stimmt am Körper
etwas nicht oder das Verhalten passt nicht
in die erwarteten Rollenvorstellungen oder
die Wahl der geliebten Person entspricht
nicht der Norm. Immer steht etwas quer beziehungsweise
queer. Der Trick daran, dass solche unerfüllbaren
Normen überhaupt Beachtung finden und
nicht alle einfach auf sie pfeifen, ist
ihre disziplinierende Wirkung. Die normative
Geschlechterordnung ist ein Zwangsregime.
Wer der Norm mehr entspricht als andere,
genießt Privilegien. Das macht es
so erstrebenswert, in der Norm zu sein.
Wer ihr nicht entspricht, fühlt sich
schuldig oder mangelhaft und hat mit mehr
oder weniger massiven Sanktionen zu rechnen.
Es wird schon deutlich, dass eine solche
Betrachtungsweise Koalitionen möglich
macht, die quer zu den üblichen Identitätsgrenzen
verlaufen. Butlers erklärtes politisches
Ziel ist die Subversion der gültigen
Geschlechternormen. In Gender Trouble, aber
auch in ihren späteren Büchern
beschäftigt sie sich immer wieder mit
Strategien, die es möglich machen,
Risse in der Norm aufklaffen zu lassen,
und die damit die Autorität der Norm
angreifen (Butler 1991, Butler 1995, Butler
1998, Butler 2001a, Butler 2001b). Sie geht
dabei nicht von der Vorstellung aus, dass
man die Norm mit einem gezielten Schlag
zu Fall bringen könnte. Eine Perspektive
der Veränderung sieht sie nur in der
Arbeit an der Norm. Dabei macht sie sich
ihre theoretische Einsicht zu Nutze, dass
die Norm nicht einmal in die Welt gesetzt
wird und dann ein für allemal fortbesteht,
sondern fortwährend reproduziert werden
muss und dabei offen für Veränderungen
ist. Als ein Beispiel für die Veränderbarkeit
von Normen führt sie die Geschichte
des Begriffes queer an. Dadurch,
dass sich politische Aktivisten und Aktivistinnen
dieses Schimpfwort angeeignet haben, ist
seine diffamierende Bedeutung mit neuen
Bedeutungsinhalten konfrontiert worden.
Die Macht des Begriffes zu verletzen ist
angegriffen worden. Butler nennt das eine
performative Praxis der subversiven Umdeutung.
Das heißt, es geht um eine Neubestimmung
der kulturellen Muster von Geschlecht und
Sexualität, die mit der bestehenden
Ordnung bricht.
Ein berühmt gewordenes Beispiel ist
ihre Analyse der Geschlechterparodie bei
der Travestie. José Estéban
Muñoz und Judith Halberstam haben
diese Arbeit zum Beispiel für Latino-Tunten
und Drag Kings (weibliche Herrenimitatorinnen)
fortgesetzt (Halberstam 1998, Muñoz
1999). Butler und andere Queer-ForscherInnen
befassen sich aber auch mit transsexuellen
und intersexuellen Lebenswelten, wie die
Transgender-AktivistInnen Kate Bornstein,
Leslie Feinberg oder Sandy Stone (Bornstein
1994, Feinberg 1996, Stone 1991). Sie untersuchen
außerdem nicht-heteronormative sexuelle
Kulturen, Lebens- und Fürsorgegemeinschaften
und queer politics, wie der engagierte Soziologe
Michael Warner (Warner 1999) oder die/der
feministische SM-Aktivist/in Pat/Patrick
Califia (Califia 2002). Gerade in letzter
Zeit wächst die Forschung zur Uneindeutigkeit
von ethnischen Identitäten und zur
Verschränkung verschiedener sexueller,
geschlechtlicher, ethnischer, kultureller
und sozialer Identitäten (u. a. Cruz-Malavé
und Manalansan 2002).
Rezeption in Deutschland
Die Neunzigerjahre haben einen beeindruckenden
Boom der wissenschaftlichen Arbeiten und
Forschung zu queeren Themen erlebt. Besonders
die auffälligen Formen der Transgression
von Geschlechternormen, wie drag kings und
queens, butch/femme und transgender, standen
im Zentrum des Interesses. In den Kultur-
und Geschichtswissenschaften unternahmen
zahlreiche Studien eine Historisierung der
Geschlechterordnung und versuchten damit
die Veränderlichkeit von normativen
Geschlechterwelten unter Beweis zu stellen.
In der Bundesrepublik kristallisierte sich
die Auseinandersetzung um queer theory an
der Person und dem Werk von Judith Butler,
weil sie hier zu Lande einfach deren bekannteste
Vertreterin ist. Das deutschsprachige Erscheinen
von Gender Trouble entfachte in der Nummer
2 der Feministischen Studien von 1993 einen
Sturm der Entrüstung, der sich zu einem
feministischen Generationenkonflikt entwickelte.
Zur Debatte stand vor allem ihre Dekonstruktion
des feministischen Subjekts Frau
und des anatomischen Geschlechtskörpers.
Ihre Heterosexualitätskritik wurde
fast gar nicht rezipiert. Lesbische und
schwule Wissenschaftlerinnen haben sich
dagegen durchaus positiv auf queer theory
bezogen, um homosexuelle Identitäten
zu dekonstruieren und zu historisieren (Genschel
1996, Hark 1996, Heidel, Micheler und Tuider
2001, Kraß 2003, Rodríguez
1999). Ob queer theory einen festen institutionellen
Platz an bundesdeutschen Universitäten
bekommen wird, ist allerdings eher unwahrscheinlich.
An mehreren Unis gibt es Forschungsprogramme
für Geschlechterforschung. Sexualität
wird dabei nicht ausdrücklich erwähnt.
Nur in Hamburg ist 2003 auf eine studentische
Initiative hin für kurze Zeit eine
eigene, ungeliebte Professur zu queer theory
eingerichtet worden, die schon nach zwei
Semestern der Sparwut zum Opfer fiel.
Außerhalb des universitären
Rahmens war das Echo auf queer etwas verhaltener.
Das hängt sicherlich damit zusammen,
dass die politische Situation in der BRD
eine in weiten Teilen andere war als in
den USA. Die Schwulen- und Lesbenbewegung
blicken auf eine andere Geschichte zurück.
Das Sozialstaatssystem und eine moderne
Präventionspolitik dämpften die
Folgen der Aids-Krise ab. Das Wiedererstarken
nationalistischer Diskurse geschah in Deutschland
nicht so sehr über das Phantasma sexueller,
sondern vor allem völkischer und kultureller
Reinheit und führte so anstelle von
homophoben zu fremdenfeindlichen und rassistischen
Kampagnen. Deshalb hatten die im vereinigten
Deutschland unter dem Label queer gegründeten
Gruppen zunächst vor allem eine antifaschistische
und antirassistische Ausrichtung. Von einigen
wenigen Versuchen abgesehen, die ich gleich
noch nennen werde, hat sich in Deutschland
kaum eine eigenständige Queer-Bewegung
gebildet. Dieses Ungleichgewicht zwischen
einem großen Interesse für die
Theorie und einer vergleichsweise geringen
politischen Praxis hat dazu geführt,
dass queer hier mehr als in englischsprachigen
Ländern der schlechte Ruch des Akademischen,
Abgehobenen, Weltfremden anhaftet, das sich
nicht in die Praxis umsetzen lässt.
In den Neunzigerjahren haben sich in den
alten und neuen Bundesländern viele
Gruppen, Medien, Organisationen und Veranstaltungen
das Label queer zugelegt. Wenn queer als
Begriffsimport hierzulande verwendet wird,
meint er allerdings meistens nur dasselbe
wie schwullesbisch. Nur dass
queer vielleicht interessanter und moderner
klingt und nicht gleich verrät, was
sich Schmutziges dahinter verbirgt. Die
Schockwirkung, die queer für das Englische
besitzt, wird dann gerade nicht transportiert.
Ins Deutsche ließe sich queer vielleicht
am ehesten mit pervers übersetzen
(vgl. Engel 1996). Nur dass hier niemand
auf die Idee käme, von perverser
Theorie oder perverser Politik
zu sprechen. Schade vielleicht! Einen politisch-kritischen
Unterton besitzt der Begriff queer, wenn
er in der Subkultur auftaucht, nämlich
nur selten.
Anders als in den USA haben hiesige lesbische
und schwule Szenen ihre separatistische
Ausrichtung erst in den Neunzigerjahren
aufgegeben und sich auf lesbisch-schwule
Zusammenarbeit orientiert, als man in den
USA längst Erfahrungen damit gesammelt
hatte und an die Grenzen auch dieser Form
der Identitätspolitik gestoßen
war. Vielleicht bot sich für die BRD
dagegen der Begriff queer an, um diese neue
Form der Kooperation zu dokumentieren. Die
politische Agenda, die darunter verhandelt
wird, ist aber sehr oft eine auf Integration
und Assimilation zielende Lobby- und Bürgerrechtspolitik.
Außerdem sind diese Organisationen
erfahrungsgemäß sehr schwulendominiert,
wie beispielsweise der Lesben- und Schwulenverband
in Deutschland LSVD oder die AG Queer in
der PDS.
Inzwischen nimmt dagegen die Bereitschaft
für eine Wahrnehmung von queer zu,
die über den Nenner von lesbisch-schwul
hinausgeht. Das beweisen die Diskussionen
um eine Anerkennung von trans- und intersexuellen
Lebensweisen. So protestierte 1998 ein breites
Bündnis von Menschen, die auf unterschiedliche
Weise mit der herrschenden Geschlechter-
und Sexualitätenordnung auf Kriegsfuß
stehen, anlässlich eines kinderärztlichen
Kongresses in Berlin gegen den medizinischen
Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit und die
Genitalverstümmelungen intersexueller
Kinder. Diese Auseinandersetzungen sind
aber lange noch nicht zu Ende geführt.
Die Teilhabe transsexueller Frauen an Frauen-
und Lesbenräumen ist ein unausgestandenes
Reizthema, das immer wieder hochkocht, z.
B. auf der Lesbenwoche 1997 in Berlin. Gerade
in der lesbischen Szene, wo traditionell
eine hohe Sensibilität für eigene
Minderheiten besteht, ist aber die Aufmerksamkeit
für das Thema transgender gewachsen.
In der Schwulenszene werden dagegen Tunten
und transsexuelle Männer nach wie vor
marginalisiert.
In den Neunzigerjahren hat die zunehmende
Entpolitisierung und Kommerzialisierung
der CSD-Demonstrationen zu Gegenbewegungen
geführt, die queer-politisch inspiriert
sind. In Berlin, Köln und Hamburg,
außerdem in anderen westlichen Metropolen,
wie London, gab und gibt es auf den großen
Paraden alternative Blöcke, die eine
Repolitisierung einklagen und strategische
Alternativen zur dort propagierten lobbyistischen
und integrationistischen Agenda anbieten.
Daneben gibt es eigene Alternativveranstaltungen,
wie den Kreuzberger CSD in Berlin seit 1997,
die Freak Week in Oberhausen seit 2001,
die Queer Street Days in Hamburg 2002 oder
den Trans Street Day in Dresden 2004. Das
Demokonzept Pink Silver versucht darüber
hinaus u.a. auch queer-politische Aktionsformen
und Inhalte auf linke Demonstrationen zu
tragen und Möglichkeiten antipatriarchaler
Militanz zu erproben. Ähnliche Ansätze,
Queer Politics und anderen linke Kämpfe
produktiv zusammentreffen zu lassen, gab
es anlässlich der Cross-over-Konferenz
2002 in Bremen und dem sich daran anschließenden
Summer Camp oder der Buko-Tagung 2003.
Im weiteren Sinne von queer-politischer
Identitätskritik inspiriert ist beispielsweise
auch das Konzept der bundesweit agierenden
Gruppen von Kanak Attak.
Daneben sind die Diskussionsforen zu erwähnen,
die queer-politische Fragen auf Graswurzel-Ebene
weiterentwickeln, so das Internet-Magazin
etuxx.com, die Zeitschrift Gigi oder der
Queer Salon, der früher in Berlin existierte
und den es heute in Hamburg gibt. In das
queer-politische Spektrum gehören außerdem
die zahlreichen subkulturellen Initiativen,
die nach Freiräumen jenseits des Zwangs
zu Zweigeschlechtlichkeit suchen, wie die
vielen Drag-Partys, oder die Körpernormen
rund um Sexualität aufbrechen wollen,
wie die Berliner Erotik-Partys der Behindertengruppe
Sexabilities (in Anspielung auf engl. disabilities),
aber auch die verschiedenen Interessengruppen
von schwulen, lesbischen oder sexarbeitenden
MigrantInnen.
Perspektiven für die Politisierung von queer theory:
Abschließend möchte ich einige
Vorschläge machen, welche Chancen für
eine lebendige Praxis von queer theory und
queer politics bestehen könnten. Heute,
über zehn Jahre nach der Entstehung
von queer, hat sich manche Euphorie gelegt
und man kann bereits eine erste kritische
Bilanz seiner Effekte ziehen. Deshalb sollte
man sich zunächst fragen, ob queer
überhaupt noch ein politisches Potenzial
entfalten kann und wo Defizite und Sollbruchstellen
queerer Gesellschaftsanalyse liegen.
Eine häufig vorgetragene Kritik an
queer theory beläuft sich z. B. darauf,
dass sich queer zu sehr in der Nähe
von Kommerz und Spaßkultur bewegen
würde. Queer diene dann nur noch als
Distinktionsmerkmal für eine junge
konsumorientierte Generation von Schwulen
und Lesben, die mit dem moralischen Rigorismus
ihrer Vorläufergeneration nichts mehr
zu tun haben wollen. All das, zusammen mit
der absichtlichen Unschärfe des Begriffes
queer würde zur Beliebigkeit dieser
Kategorie beitragen. Außerdem würde
queer Sexualität überbetonen und
andere Achsen der Herrschaft vernachlässigen.
Dieser Vorwurf verbindet sich meistens mit
der Feststellung, dass queer eine kulturalistische
und damit idealistische Politik betreiben
würde. Es gehe nur um Fragen der kulturellen
Anerkennung und nicht um Fragen der Verteilung
von gesellschaftlichem Wohlstand. Schließlich
wurden queere Politikstrategien kritisch
ins Visier genommen: Angekreidet wurde eine
einseitige Bejahung von Öffentlichkeit
und outness. Zum einen würde queer
dadurch im Bannstrahl des Medienmarktes
stehen, zum anderen könne der Gang
in die Öffentlichkeit gerade für
illegalisierte Menschen sehr gefährlich
sein. Queer politics seien darüber
hinaus zu sehr auf den Einzelnen / die Einzelne
bezogen und damit nicht in der Lage, Kollektivität
zu denken und nachhaltig zu organisieren.
Queer theory würde die Illusion wecken,
die Geschlechterordnung ließe sich
durch individuelles Handeln verändern.
Die queere Theorie von der Performativität
des Geschlechts würde allzu oft so
verstanden, dass sich Geschlecht nach Belieben
frei wählen lässt. Sexuelle und
geschlechtliche Identität würden
auf diese Weise warenförmig verdinglicht.
Geschlecht sei aber vielmehr ein sehr stabile
Kategorie gesellschaftlicher Hierarchiebildung,
die sich nicht willentlich verändern
oder ablegen lässt. All diese Kritikpunkte
hauen in die gleiche Kerbe: sie überprüfen,
wo queer in ein affirmatives Verhältnis
zu neoliberalen Ideologien und Umstrukturierungsprozessen
gerät. Hier ist in der Tat Vorsicht
geboten.
Wenn man aber das kritische Potenzial von
queer ernst nimmt und für die Zukunft
lebendig halten möchte, müsste
das heißen, das Feld der Politik so
zu begreifen, dass Sexualität an allen
Stellen eingeschlossen ist: sozusagen eine
Art Sexuality Mainstreaming
(wenn auch der Begriff des Gender
Mainstreaming schon unerträglich
abgenutzt und realpolitisch diskreditiert
ist). Ich möchte zum Schluss einige
Arbeitsfelder hierfür aufmachen und
Fragen formulieren, an denen angesetzt werden
könnte (vgl. Genschel et al. 2001).
1. Eine Kritik an Heteronormativität:
Wissenschaftlich liegt das Potenzial von
Queer vor allem darin, zu zeigen, dass Heterosexualität
als Heteronormativität
elementaren Gesellschaftskonzepten zu Grunde
liegt. Heterosexualität wird demgemäß
als Grundbedingung und Urform aller sozialen
Beziehungen betrachtet. Es gehört zum
diskreten Charme heterosexueller Herrschaft,
dass sie Bereiche durchzieht, die auf den
ersten Blick nichts miteinander und schon
gar nichts mit Sexualität zu tun haben:
Privatheit und Öffentlichkeit, Nation
und Rasse, Wahrheit und Lüge,
Original und Kopie, Geheimnis und Evidenz,
Frau und Mann, Aktivität und Passivität,
Männlichkeit und Weiblichkeit, Mutter
und Kind, Spaß und Ernst. Heteronormativität
ist als gesellschaftlicher Zwang in den
Staat und seine Institutionen (Schule, Militär,
Ehe) eingelagert. Der von queer eingeleitete
Perspektivenwechsel müsste also fortgesetzt
werden: weg von der Fokussierung auf Minderheiten
hin zum Blick aufs Zentrum und zur Entprivilegierung
der normierten Heterosexualität. Nicht
nur lesbische und schwule Identitäten
gehören also dekonstruiert, sondern
ebenso auch heterosexuelle Identitäten.
Dabei geht es darum, Widersprüche und
Brüche in der Heterosexualität
zu benennen und zu verstärken. Doch
es bereitet oft noch Schwierigkeiten, Normalisierung
als Herrschaftsprinzip begreifbar zu machen.
2. Eine Kritik an einem biologistischen
Verständnis von Verwandtschaft und
am Ideal biologischer binärer Elternschaft.
Queer-theoretische Forscher und Forscherinnen,
wie Judith Bulter (Butler 2003), haben in
jüngster Zeit den Begriff der Verwandtschaft
einer queer-theoretischen Kritik unterzogen
und für seine Erweiterung angesichts
der Vielfalt gegenwärtig gelebter Fürsorgemodelle
plädiert (Bernstein und Reimann 2001,
Weeks, Heaphy und Donovan 2001). Die Neuverhandlung
und politische Regulierung des Familienbegriffes
wird aber, wie aktuelle politische Diskussionen
ahnen lassen, auch ein praktisches Politikfeld
von zunehmender Bedeutung werden, da die
Familie im Zuge des neoliberalen Sozialabbaus
wieder wichtiger wird. Alternative Lebensformen
werden vor allem dann von der Politik wahrgenommen
und anerkannt, wenn sich an sie vormals
staatliche Aufgaben abschieben lassen, wie
dies in Hinblick auf die so genannte HomoEhe
der Fall ist.
3. Eine Kritik an Zweigeschlechtlichkeit:
Das war zwar von Anfang an Bestandteil queerer
Kritik, der Fokus lag aber auf den spektakulären
Formen von Transgression und Subversion.
Kaum ein Interesse gab es bisher für
die weniger glamourösen Alltagspraxen.
Gerade dem Wunsch nach Kohärenz und
dem Einklagen von geschlechtlicher Authentizität
bei Transsexuellen wurde wenig Respekt entgegengebracht.
4. Eine Analyse des Verhältnisses
von Rassismus und Sexualität, die die
Verwobenheit von Sexualität mit anderen
Achsen gesellschaftlicher Hierarchiebildung
aufzeigt. Wie werden migrantische Communities
marginalisiert und als homogen konstruiert?
Welche Rolle spielt Sexualität bei
diesen Differenzierungsoperationen? Welche
Form von Sexualität wird auf die Figur
des Ausländers / der Ausländerin
projiziert und mit ihr aus der Mehrheitsgesellschaft
ausgeschlossen?
5. Und zuletzt: eine Analyse des Verhältnisses
von Kapitalismus und Sexualität, die
leider immer noch als eine Lücke in
den meisten queeren Untersuchungen klafft:
Wie wird Sexualität in kapitalistischen
Verhältnissen geprägt? Wie werden
sexuelle Bedürfnisse reguliert und
vermarktet? Welche Klassenpositionen sind
in den so geformten Ikonen des Begehrens
enthalten? Der Neoliberalismus erlaubt eine
Enttraditionalisierung und Flexibilisierung
der Geschlechter- und Sexualitätenordnung.
Zugleich verdinglicht und verwertet er aber
gerade diese Identitätsvielfalt. Er
erkennt sexuelles und geschlechtliches Abweichlertum
an, weil er es als produktive Ressource
ausbeuten kann. Der Abbau staatlicher Solidarsysteme
führt außerdem zu einer Reprivatisierung
von Reproduktionsarbeit und bürdet
die Reproduktion damit wieder den sozial
Schwachen Frauen, MigrantInnen, Softies
auf. Schließlich würde
zu einer solchen Analyse aber auch gehören,
die Klassenwidersprüche innerhalb der
lesbischen, schwulen und transgender Communities,
die sich mit der wachsenden Kommerzialisierung
der Szenen verstärken, zu erkennen
und zuzuspitzen.
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