Kulturkampf im Glaubenskrieg | Editorial
Zum Schluss ging alles sehr schnell: Nachdem
das Kölner Verwaltungsgericht grünes
Licht für die Abschiebung von Metin
Kaplan gegeben hatte, wurde der frühere
Anführer der inzwischen verbotenen
Organisation »Kalifatstaat«
noch am selben Tag in einem Internet-Café
festgenommen und unverzüglich in die
Türkei geflogen. Dort wurde er einem
Gericht für Terrorismus und organisierte
Kriminalität vorgeführt.
Nun muss man einem Hassprediger wie Kaplan
keine Träne hinterher weinen. Dennoch
hinterlässt die Aktion nicht nur wegen
des reibungslosen Funktionierens der Abschiebungsmaschinerie
einen sehr bitteren Beigeschmack. Denn sie
fällt just in eine Debatte um »kulturelle
Identität« und »europäische
Kultur«, die entbrannt ist, als die
Kommission der Europäischen Union wenige
Tage vor der Abschiebung Kaplans vorgeschlagen
hatte, Beitrittsverhandlungen mit der Türkei
aufzunehmen. Empört waren vor allem
konservative Glaubenskrieger, die eine europäische
Grenze unbedingt vor der Türkei ziehen
möchten.
Michael Glos, Landesgruppenchef der CSU,
machte sogleich den Vorschlag, eine Unterschriftenaktion
gegen den EU-Beitritt zu organisieren
nach dem Vorbild der Kampagne gegen die
doppelte Staatsbürgerschaft (»wo
kann man hier gegen Ausländer unterschreiben?«).
Glos Begründung: die Türkei
passe »nicht in unseren Kulturkreis.«
Es ist das letzte Argument, das den Gegnern
einer Ausweitung der Union noch geblieben
ist. Denn militärische, strategische
und ökonomische Gründe für
die Einbindung der Türkei in die EU
gibt es zuhauf, bietet sie doch direkten
Anschluss an die Golfstaaten und damit an
die wichtigsten Ölquellen. Und Menschenrechte
werden zwar nach wie vor verletzt in der
Türkei, doch seit die rot-grüne
Bundesregierung wieder Panzer an den NATO-Partner
liefern lassen möchte, bleibt die Kritik
daran allein den Menschenrechtsorganisationen
überlassen.
Im Rheinischen Merkur, der Zeitung für
»Christ und Welt«, und vielen
anderen deutschen Zeitungen wird daher ersatzweise
abgewogen, inwiefern sich Türken von
»Europa« unterscheiden, ob die
säkuläre »kemalistische
Ordnung« stärkeren Einfluss hat
als der Islam und ob der Beitritt die christliche
Kultur gefährdet. Die selbsternannten
Kulturwächter wittern Gefahren für
die »europäische Identität«,
beschwören die Islamisierung Europas
und sehen die Taliban schon in den Bayrischen
Wald vordringen.
Es gibt zwar eine ganze Reihe guter Gründe
für einen Beitritt der Türkei
und vor allem für das Recht von Türkinnen
und Türken auf freie Wahl ihres Wohnortes
und Arbeitsplatzes. Leider bleibt es aber
auch im protürkischen Lager nicht bei
politischen Argumenten. Manche meinen im
Gegenteil, der Abwehr mit ähnlich kulturalistischen
Argumenten begegnen zu müssen. »Die
antiken Wurzeln der europäischen Identität
liegen im Grunde in dem Gebiet der heutigen
Türkei«, behauptet etwa der türkische
Botschafter Osman Korutürk, denn: »Die
Existenz der Türken in Europa geht
700 Jahre in die Vergangenheit zurück.
In dieser Zeit haben sie ihre vielfältigen
Beziehungen zu anderen europäischen
Nationen aufgebaut und intensiviert
. So gesehen, ist der kulturelle Unterschied
zum Beispiel zwischen der Türkei und
Deutschland nicht viel größer
als der Unterschied zwischen Schweden und
Spanien oder zwischen Griechenland und England.«Doch
wer die »türkische Kultur«
zu einem Märchen aus 1001er Nacht und
den Islam zur friedensstiftenden Religion
(v)erklärt, hat mit Aufklärung
ebenfalls nicht viel im Sinn. Das alles
hat mit einem aufrichtigen »Dialog
mit der islamischen Welt« und mit
Toleranz herzlich wenig zu tun. Internationale
Solidarität kann ohne Kritik nicht
auskommen, und sie muss manchmal sogar auf
politische Distanz zu MigrantInnen gehen
wie das etwa in den 60er Jahren bei
den Anhängern des Schah oder in den
80er Jahren bei den faschistischen »Grauen
Wölfen« der Fall war. Wer heute
linke oder auch nur liberale Stimmen in
der Türkei, im Nahen Osten oder andernorts
unterstützen will, darf über staatliche
Repression, islamistischen Terror und Antisemitismus
nicht schweigen.
Genau das tun allerdings jene, die unheimliche
Allianzen zwischen islamistischen und globalisierungskritischen
USA-Gegnern schmieden (siehe S. 6) oder
den Al-Quds-Tag in Berlin tolerieren, an
dem die iranische islamische Revolution
gefeiert wird (siehe S. 4). Auch die Organisatoren
der Frankfurter Buchmesse drückten
beide Augen zu, um die antisemitische Hetze
zu übersehen, die manche arabische
Aussteller zur Schau stellten (siehe S.
40), und erwiesen damit dem Anliegen einer
Verständigung mit der Arabischen Welt
einen Bärendienst.
So notwendig die Auseinandersetzung mit
reaktionären Ideolog(i)en gleich welcher
Herkunft ist, so denkbar ungeeignet sind
dafür Mittel wie Abschiebungen und
Kulturkampf. Also zurück mit Metin
Kaplan nach Deutschland! Denn hier hat er
sein Wirken entfaltet, hier leben seine
Anhänger und hier gehört der »Kalif
von Köln« politisch bekämpft.
die redaktion