Backstage | Schwerpunkt-Editorial

Im letzten Jahr pries Kanzler Schröder aufgrund seiner Verärgerung über gewisse italienische Politiker den Urlaub auf Balkonien an. Doch nun hat sich ausgerechnet in Italien eine Steigerungsform etabliert: der Maulwurfsurlaub. Nach Angaben der Psychologenvereinigung Help me igeln sich jährlich mehr als drei Millionen Scheinurlauber in ihrer Wohnung ein. Damit sie unbemerkt bleiben, arrangieren sie alle möglichen Details: Die Zeitung wird gekündigt, die Blumen zum Gießen auf den Hof gestellt und das Handy abgeschaltet.

Der jährliche Urlaubstrip, so zeigen die Maulwurfreisenden, hat sich als Statussymbol in das kollektive Bewusstsein der Europäer eingeschrieben. (Fern) Reisen versprechen – neben Erholung, jeder Menge Differenz zum Alltag und vielem mehr – Ansehen und Anerkennung. Um hier mitzuhalten, fertigen raffinierte Maulwurfsurlauber Fotomontagen von sich selbst am Palmenstrand in Thailand, Tunesien oder auf den Malediven an. Die am Computer produzierten Urlaubsbelege zeigen: Die Bilder von der »Fremde« bleiben dieselben.

Nach wie vor ist der Glaube ungebrochen, Kultur und Natur in möglichst fremder und unzivilisierter Form garantierten das gelungene Urlaubsabenteuer. Trotz allem werden immer mehr (echte) Reisen in die das Paradies versprechende Ferne realisiert. Laut der Adventure in Travel - Expo in San Francisco hat allein der Abenteuersektor im letzten Jahr um 22 Prozent zugenommen – und das, während der globale Tourismus kräftig kriselt. Das Schulungsseminar »How to Sell Adventure & Exotic Travel« stellt dieser Tage neue Marketingstrategien vor, um das Bedürfnis der Kunden nach Exotik, Fremdheit und Grenzerfahrungen zu wecken – und optimal zu bedienen. Gerne wird dabei mit dem Blick hinter den Vorhang, also auf das wahre Leben geworben.

Der Tourismus wurde oftmals dafür kritisiert, ausbeuterische Dienstleistungsverhältnisse zu etablieren, ökologische Schäden zu verursachen und die Profite in die Herkunftsländer der reichen TouristInnen zu transferieren. Längst legen deshalb selbst dem neoliberalen Modell verpflichtete Entwicklungsagenturen wie die Weltbank Rezepte für Tourismusförderung in Ländern des Südens vor, die einige Probleme dieser Branche vermeiden sollen. Damit einher geht zum einen die Vereinnahmung der Tourismuskritik für die Tourismusförderung. Zum anderen münden die vorgeschlagenen Konzepte oft explizit in das Bestreben nach Inwertsetzung kultureller Differenz. Der Erhalt von »gewachsener«, »lokaler« und »traditioneller« Kultur wird mehr denn je als besonderer Wert des ‚fairen Tourismus’ gehandelt – eine Reihe entwicklungspolitischer NGOs und die großen Entwicklungsagenturen haben hier ihre gemeinsame rhetorische Basis gefunden.

Neben dem Fokus auf den Erhalt von Traditionen werden daher nun auch die kreativen Strategien der lokalen Bevölkerung touristisch verwertet. Wer »fair« reist, kauft statt bunter Perlenketten nun Kunst-Spielzeug aus Schrott – als kulturtypisches Souvenir afrikanischer Savannenbewohner. Dieser spezifische »touristische Blick«, der laut dem Tourismussoziologen John Urry die Konstruktion von Attraktionen an beliebigen Orten ermöglicht, ist freilich altbekannt. Neu ist allenfalls, dass er nun in wachsendem Maße beansprucht, hinter die Fassaden des üblichen Tourismus zu blicken, und dabei »Authentizität« verspricht.

Mit dem Themenblock »Backstage« stellt das iz3w -Projekt FernWeh – Forum Tourismus & Kritik verschiedene Facetten der beliebten Metapher vom »Blick hinter die Kulissen« vor. FernWeh fragt nach den Strukturen der Beziehungen auf den verschiedenen touristischen Vorder- und Hinterbühnen, benennt die flexiblen Bewältigungsstrategien und hohen Identitäts- und Mobilitätsanforderungen an die DienstleisterInnen. Plädiert wird dabei für ein Verständnis, das den auf Authentizität und kulturelle Differenzen fixierten Blick hinterfragt.

Anhand von Urlaubsfotografie wird der machtvolle Herstellungsprozess der sich immer wieder reproduzierenden Bilder über die Fremde(n) besonders deutlich. Das Ausblenden des Unerwünschten und die Schwierigkeit, das Making of Paradise, Identity and Culture fotografisch darzustellen, ist beim touristischen Fotografieren eklatant. Verschiedene Wege der Sichtbarmachung des Making of...Tourism und der Brechung des touristischen Blicks zeigen hingegen die prämierten Einsendungen eines Fotowettbewerbs auf, den FernWeh letztes Jahr ausschrieb. Sie bebildern die ersten zehn Seiten des Themenschwerpunktes.

Der Maulwurfsurlaub hilft bei der Korrektur des touristischen Blicks übrigens nicht weiter – denn bekanntlich sind Maulwürfe nahezu blind.

FernWeh – Forum Tourismus & Kritik im iz3w