Eine ungeliebte Selbsthilfegruppe | Editorial
Fürwahr, das arme Deutschland trägt an einer schweren Bürde.
Jahrzehntelang habe das Land in weltpolitischer Hinsicht "ein Glück
im stillen Winkel genossen", kommentiert die ZEIT dieser Tage die Debatte
um eine Reform der UNO. Nun aber sähen die Deutschen sich den Erwartungen
der Welt gegenüber, denen sie sich nicht entziehen könnten.
Noch-Außenminister Fischer stellte bereits im vergangenen Jahr mit gewohnt
selbstloser Attitüde fest: Wer einen so bedeutenden Beitrag zur Wahrung
des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit leiste wie Deutschland,
müsse auch die Verantwortung übernehmen, die mit einem ständigen
Sitz im UN-Sicherheitsrat verbunden sei. Mit nationalen Interessen habe dieses
Bemühen, "den Rat in seiner Zusammensetzung den Realitäten des
21. Jahrhunderts anzupassen", nichts zu tun. Vielmehr müssten die
Mitgliedsstaaten der UN nun "die Fantasie, den Willen und die Gestaltungskraft
aufbringen, die Organisation an die Weltlage anzupassen", sah Fischer schicksalsergeben
in seiner Rede vor der UN-Generalversammlung ein. Deutschland sei bereit, seinen
Beitrag zur Reform der UN zu leisten. Den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs
bedeutete das Auswärtige Amt, sie müssten Deutschlands Aufstieg in
den Rat als "natürlich" hinnehmen.
Um der Natur zu ihrem Recht zu verhelfen, hat Deutschland sich mit weiteren
Friedensfreunden zu einer "Selbsthilfegruppe" (so die deutsche UN-Delegation)
namens G4 zusammengeschlossen. Gemeinsam mit Brasilien, Indien und Japan bemüht
man sich zum gegenseitigen Vorteil um die Aufnahme in den Sicherheitsrat. Ein
solches Lobbying ist dringend nötig, stößt doch nicht nur Deutschland
bei dem Versuch, seinem altruistischen Humanismus endlich einen institutionellen
Niederschlag zu verleihen, auf einige Widerstände. China will den ewigen
Rivalen Japan nicht vertreten sehen. Mexiko und Pakistan sehen nicht ein, warum
sie ihren wenig geliebten Nachbarländern die Plätze überlassen
sollen. Italien, heißt es auf UNO-Parkett, greift sogar zu geheimdienstlichen
Mitteln, um den Aufstieg des einstigen Verbündeten Deutschland in die Staatenaristokratie
zu verhindern. Und die USA möchten Europa nicht überrepräsentiert
sehen, weil sonst die eigene Überrepräsentanz in Gefahr ist.
Dass jetzt aber auch die in der Afrikanischen Union zusammengeschlossenen Staaten
dem deutschen Willen, die Rolle einer internationalen heiligen Johanna spielen
zu dürfen, entgegenstehen, erbost die deutschen Diplomaten ganz besonders.
Die afrikanischen Staaten hatten sich doch tatsächlich erfrecht, auf eigene
Faust einen Vorschlag für die Erweiterung des Sicherheitsrates zu entwerfen.
Er sieht nicht nur vor, dass afrikanische Länder zwei ständige Sitze
im Sicherheitsrat erhalten, nachdem der Kontinent bislang vollständig davon
ausgeschlossen war. Die Afrikaner fordern darüber hinaus sogar ein Vetorecht
für die neuen Ratsmitglieder. Denn ohne dieses sei ein Sitz im formell
höchsten Entscheidungsgremium der Weltpolitik nicht viel wert.
Die von der internationalen Presse auch "Viererbande" genannte G4
sah dadurch die Durchsetzbarkeit des eigenen Vorschlags zur "Reform"
des Sicherheitsrates gefährdet. Um ihre Gegner zu besänftigen, hatte
die G4 unter deutscher Federführung großzügig angeboten, dass
alle neuen Ratsmitglieder für fünfzehn Jahre auf ihr Vetorecht verzichten.
Die afrikanischen Maximalforderungen standen dem nun im Wege. Die Frankfurter
Rundschau brachte die deutsche Position auf den Punkt: "Die Afrikaner,
sagt die Bundesregierung, können ihr Gewicht in den UN nur stärken,
wenn sie ihr eigenes Konzept zur Reform des Sicherheitsrats vergessen und das
der Deutschen und der drei anderen G-4-Staaten unterstützen. Das klingt
ein bisschen schofel, das klingt ein bisschen paternalistisch. Es ist aber schlicht
die nüchterne Wahrheit." Der regierungsnahen Presse gelingt damit
das rhetorische Kunststück, aus der Degradierung der AU zum Erfüllungsgehilfen
für den G4-Vorschlag einen Einsatz für afrikanische Interessen zu
machen: Sie wissen es nicht, aber es ist das Beste für sie. So setzt sich
Deutschland selbst da noch für die Interessen anderer Staaten ein, wo diese
von diesen Interessen nicht einmal wissen.
Wie dumm nur, dass die AU-Staaten mit ihren 53 Stimmen in der UN-Generalversammlung
eine ansehnliche Blockademacht darstellen. Sie könnten den G4-Vorschlag
ins Leere laufen lassen, wenn sie nur wollen. Verschiedene afrikanische UN-Botschafter
haben bereits dazu aufgerufen, gegen die G4 zu stimmen. Was tun? Deutschland
entschloss sich, mit gezücktem Geldbeutel Überredungsarbeit zu leisten.
Einige afrikanische Staaten wie etwa Nigeria hatten im Vorfeld der nun anstehenden
Verhandlungen zwischen AU und G4 erkennen lassen, dass sie bei einem angemessenen
Schmerzensgeld durchaus bereit seien, von ihren Forderungen abzurücken.
Der pakistanische UN-Botschafter Muni Akram sieht im deutschen Vorgehen eine
"unethische Kampagne". "Egoistische Mächte" führten
eine "Maskerade" auf, indem sie "als Fürsprecher der Armen
und Benachteiligten auftreten", beklagte Akram in ungewohnter Offenheit
vor der Generalversammlung. Und da er nicht der Einzige ist, der das so sieht,
sieht es ganz so aus, als ob Deutschland sein Glück weiterhin im stillen
Winkel suchen muss. Darüber freut sich
die redaktion