Ein Strauß aus Mohn und Tulpen | Die "Revolution" in Kirgistan verdient ihren Namen nicht
Mit der so genannten "Tulpenrevolution" wurde in Kirgistan eine
Regierung zu Fall gebracht, die mit massiven Wahlfälschungen ihre Macht
erhalten wollte. Im Gegensatz zu den anderen postsowjetischen Revolutionsländern
Georgien und der Ukraine stützte sich der Machtwechsel jedoch weder auf
eine breite Volksbewegung noch auf eine geeinigte Opposition. Steckt hinter
der "Tulpenrevolution" also nicht mehr als eine Neuverteilung der
Pfründe zwischen rivalisierenden Clans?
von Jenniver Sehring
Die jüngste "demokratische Welle" in den SU-Nachfolgestaaten
ist nach Georgien und der Ukraine nun auch in Kirgistan angekommen. Sie hat
damit gerade jenes zentralasiatische Land als erstes erfasst, das lange Zeit
als Vorzeigedemokratie der Region galt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion
war Kirgistan der einzige Staat in Zentralasien, dessen Präsident nicht
der alten Sowjetnomenklatur entstammte. Askar Akaev war ein Akademiker, der
das Land mit schnellen demokratischen und marktwirtschaftlichen Reformen zum
Liebling der internationalen Gebergemeinschaft machte und damit den Mangel an
natürlichen Ressourcen wie Erdöl oder Ergas ausglich, mit dem seine
Nachbarn Uzbekistan und Kazachstan Investoren und Entwicklungsagenturen anlocken
konnten.
Die demokratische Rhetorik hinderte Akaev jedoch nicht daran, sich selbst sowie
sein Netz aus Angehörigen und Gefolgsleuten zu bereichern. Die Führungskräfte
wurden weitgehend aus der Herkunftsregion des Präsidenten und seiner Frau
sowie ihrer Clans rekrutiert. Dabei darf "Clan" nicht als essentialistische
Kategorie für faktische Verwandtschaftsbeziehungen verstanden werden, sondern
vielmehr als Ausdruck für informelle Netzwerke regionalistischer Prägung.
Politik dient dann der Macht- und Ressourcenverteilung zwischen Eliten mit ihren
auf geographischen und ethnischen Attributen basierenden Patronage-Netzwerken.
Die beiden übergreifenden Regionalidentitäten in Kirgistan sind "Nord"
und "Süd", die in einem sehr gespannten Verhältnis zueinander
stehen. Die politische Elite stammt größtenteils aus dem Norden des
Landes, wie dies bereits in der Sowjetunion der Fall war, die trotz anders lautender
Rhetorik partikularistische Identitäten förderte.
Ab Mitte der 1990er Jahre schlug Akaev einen immer stärker autoritären
Kurs ein. Zahlreiche Gesetzes- und Verfassungsänderungen vergrößerten
die Macht des Präsidenten, verlängerten seine Amtszeit und drängten
das Parlament in eine Zuschauerrolle. Den Westen hinderte das nicht daran, weiterhin
viel Geld in
das kleine Land fließen zu lassen. Vor den Präsidentschaftswahlen
2000 wurde Akaevs Hauptrivale, sein früherer Vize-Premierminister Felix
Kulov, in einem allgemein als politisch motiviert eingeschätzten Verfahren
wegen Machtmissbrauchs und Korruption zu einer Gefängnisstrafe von sieben
Jahren verurteilt. Die Drangsalierungen erstreckten sich auch auf Kulovs Familie,
Verwandte und Bewohner seines Heimatdorfes. Der Fall gilt als Wendepunkt in
der Entwicklung der Demokratie in Kirgistan.
Ein weiteres einschneidendes Ereignis sind die Unruhen in Aksy im Süden
des Landes während des Jahres 2002. Damals wurde der Parlamentsabgeordnete
Azimbek Beknazarov von der Regierung angeklagt, nachdem er sich als Vorsitzender
des Parlamentsausschusses zu Rechtsreformen gegen Entscheidungen der Regierung
gestellt hatte. Nach zunächst friedlichen Kundgebungen kam es bei einer
Demonstration zu Ausschreitungen, bei denen sechs Demonstranten von der Polizei
getötet und über 60 verletzt wurden. Es waren die ersten blutigen
Auseinandersetzungen in Kirgistan seit der Unabhängigkeit 1991. Auch wenn
sich die Situation bald wieder beruhigte, sehen einige Beobachter darin den
Schlüssel für die diesjährigen Proteste.
Satt, aber unersättlich
Für Oktober 2005 waren die nächsten Präsidentschaftswahlen angesetzt,
zu denen Akaev laut Verfassung nicht mehr hätte antreten können. Angeblich
wollte er auch nicht mehr. Dennoch wollte er die bei den Parlamentswahlen am
26. Februar 2005 zu vergebenden Parlamentssitze mit seinen Anhängern besetzt
sehen. Regierungstreue Massenmedien verunglimpften im Vorfeld der Parlamentswahlen
die Opposition; Akaev selbst wurde nicht müde darauf hinzuweisen, dass
jegliche Opposition gegen ihn entweder von islamistischen Fundamentalisten organisiert
oder vom Ausland (vorzugsweise den USA oder NGOs) finanziert sei und dass er
über einen verlässlichen "Impfstoff" verfüge, um Ereignisse
wie in Georgien oder der Ukraine zu verhindern. Angestellte des öffentlichen
Dienstes ebenso wie Studenten wurden massiv unter Druck gesetzt, für die
Regierungskandidaten zu stimmen. Leiter von Wahlstationen wurden darüber
informiert, wer in ihrem Kreis zu gewinnen habe. Das bereits bewährte Mittel,
oppositionelle NGOs nicht zu verbieten, sondern durch GONGOs (Government-organized
NGOs) zu "klonen", um dann mit dem selben Namen regierungsfreundliche
Propaganda zu machen, kam genauso zum Einsatz wie Stimmenkauf.
Während Akaevs Tochter Bermet, sein Sohn Aidar und etliche weitere Verwandte
bereits ihren Wahlkampf führten, wurde zahlreichen Oppositionellen die
Registrierung zur Kandidatur verweigert. Am bekanntesten wurde der Fall der
Roza Otunbaeva von der Oppositionsbewegung Ata-Jurt, die zunächst zugelassen
wurde. Als Bermet Akaeva dann aber im selben Wahlkreis antrat, wurde ihre Registrierung
wieder rückgängig gemacht. In etlichen Regionen des Landes kam es
zu Massenprotesten von AnhängerInnen solcher Kandidaten. Sie blockierten
mehrere wichtige Überlandstraßen, darunter die Hauptroute nach China.
Kurz vor den Wahlen erschien in der Oppositionszeitung "MSN" ein Artikel,
der sowohl das Privatvermögen Akaevs und seiner Familie beschrieb als auch
deren Vernetzungen mit Wirtschaftsunternehmen auflistete. Dass die politische
Elite korrupt war, war dabei keinem Kirgisen neu; das Ausmaß allerdings
schon. Kirgistan gilt als der korrupteste Staat der ehemaligen Sowjetunion.
Eine logische Schlussfolgerung war daraus lange, eben keine neue Regierung zu
wählen: die alte sei schon "satt", während sich eine neue
Regierung neu bereichern müsse.
Die Parlamentswahlen entsprachen zwar - wenig überraschend - nicht den
OSZE-Standards. Trotz aller Manipulationen war es Akaev allerdings nicht gelungen,
ein eindeutiges Ergebnis für sein Lager zu erzielen: In 44 von 75 Wahlkreisen
gab es keinen Sieger (es gilt einfaches Mehrheitswahlrecht), so dass dort für
den 13. März Nachwahlen angesetzt werden mussten. Für das Oberhaupt
einer "gelenkten Demokratie", die eine relativ pluralistische Gesellschaft
mit autoritärer Führung verknüpfen möchte, war dies ein
Fiasko: offensichtlich war der Präsident zu schwach, um ausreichend zu
"lenken".
Insofern nimmt es nicht Wunder, dass die Proteste nach den Wahlen noch stärker
wurden. Schließlich wurden in den südlichen Städten Jalabad
und Osch Regierungsgebäude gestürmt und besetzt. Forderungen nach
Annullierung der Wahl und Rücktritt lokaler Regierungsbeamter wurden laut.
Diese Proteste schlugen sich allerdings nicht in Stimmengewinnen der Opposition
bei den Nachwahlen am 13. März nieder (die ebenfalls weder frei noch fair
waren). Statt dem erhofften Drittel hatte die Opposition nur etwa ein Zehntel
der Parlamentssitze erhalten. Auf mehreren großen Kongressen mit Tausenden
Delegierten aus allen Landesteilen wurden Forderungen nach Annullierung der
Wahl, Rücktritt Akaevs, Präsidentenwahlen im Juli und der Verlängerung
der Amtszeit des alten Parlaments bis zu Neuwahlen aufgestellt.
Epizentrum der Proteste waren die Regionen im Süden, wohingegen es in der
Hauptstadt Bischkek während der ganzen Zeit relativ ruhig blieb. Aufgrund
der politischen Dominanz des Nordens war im Süden schon lange vor den gegenwärtigen
Entwicklungen eine stärkere Stimmung gegen die Regierung verbreitet.
Der "Nord-Süd-Konflikt" zwischen den wirtschaftlich potenteren,
politisch einflussreichen, stark russifizierten Nord-Provinzen und dem ärmeren,
"traditionelleren", uzbekisch geprägten Süd-Provinzen prägt
das Land. Als Norden werden die Provinzen Chuy und Talas bezeichnet, aber auch
Naryn und Issyk-Kul (obwohl beide Provinzen nicht politisch dominieren und Naryn
sehr arm ist). Der Süden umfasst die Provinzen Jalal-Abad, Osch und Batken,
die sowohl wirtschaftlich als auch kulturell wesentlich enger mit den uzbekischen
Ferganatal verknüpft sind als mit der kirgisischen Hauptstadt.
Darüber hinaus hat sich der Süden Kirgistans in den letzten Jahren
zu einer wichtigen Transitroute für Drogen aus Afghanistan entwickelt.
Einige in das Drogengeschäft verwickelte Geschäftsleute sind seit
2000 im Parlament und konnten durch Klientelbeziehungen ihre Machtbasis ausbauen.
Andere sahen sich jedoch durch die Regierung in ihren Geschäften beeinträchtigt
und hatten Interesse an einer Destabilisierung der Region. Als die Regierungsgebäude
in Jalalabad und Osch gestürmt wurden, sollen 2.000 junge Männer aus
paramilitärischen Gruppen südkirgisischer "Drogenbarone"
beteiligt gewesen sein. Die finanziellen Mittel für Transport und Verpflegung
der Demonstranten kamen oft aus undurchsichtigen Quellen. Einer der "Hauptsponsoren"
war Bayaman Erkinbaev - Parlamentsabgeordneter, reichster Geschäftsmann
des Südens und angeblich auch König des Drogenhandels. Für Praäsident
Akaev ist die Sache deswegen klar: Die ganze Revolution ist ein Machwerk der
Drogenmafia im Süden (und natürlich des US-Botschafters).
Warum griff Akaev nicht stärker ein? Er selbst beteuerte immer wieder,
keine Gewalt anwenden zu wollen. Eine Lehre aus Aksy? Wahrscheinlicher ist die
Version, dass Akaev eine "Politik des kalkulierten Risikos" verfolgte:
die Opposition sollte sich bei den jetzigen unvorbereiteten Auseinandersetzungen
austoben, so dass danach in einer Verhaftungswelle alle wichtigen Figuren aus
dem Verkehr gezogen werden könnten und Akaev bei den Präsidentenwahlen
Ruhe hätte.
Ein Präsident wird verjagt
Nachdem im Süden in einigen Städten die Macht "beim Volk"
war, machten sich viele Leute von dort aus auf in die Hauptstadt Bischkek, campierten
auf besetzten Feldern am Stadtrand und demonstrierten gemeinsam mit Bischkeker
Oppositionellen und Studenten. Am Morgen des 24. März trafen sich die Protestierenden
zu einer weiteren Kundgebung auf dem zentralen Ala-Too Platz, an der ca. 10.000
Menschen teilnahmen. Die Veranstaltung verlief ruhig, bis die Demonstranten
am späten Nachmittag von Provokateuren angegriffen wurden. Die Demonstranten
starteten einen Gegenangriff, und dann wichen wohl sowohl die Provokateure als
auch die Polizei so schnell zurück, dass die Menge nicht nur wieder zum
Platz vorstieß, sondern gleich weiter Richtung Weißes Haus. Dort
leisteten die Sicherheitskräfte keinen Widerstand und das Gebäude
wurde eingenommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Akaev schon zur Flucht entschlossen
und das Land verlassen.
Entscheidend war - ähnlich wie in der Ukraine -, dass die Sicherheitskräfte
keine Gewalt anwendeten. Unklar ist, ob von Akaev der ausdrückliche Befehl
dazu kam, oder ob ihm schlicht die Gefolgschaft verweigert wurde. Offensichtlich
wurde jedoch, dass Akaev auch in den eigenen Reihen wenig Rückhalt hatte
und sich nicht auf starke Sicherheitskräfte stützen konnte. Diese
Schwäche überraschte selbst seine Gegner.
Das ausländische Medieninteresse richtete sich schnell ausschließlich
auf die folgenden nächtlichen Plünderungen. Da vor allem in der russischen
Medienwahrnehmung die BewohnerInnen des zentralasiatischen Hinterhofs nur als
illegale Arbeitsmigranten, Drogenschmuggler oder islamistische Fundamentalisten
auftauchen, konnte man sich wohl nicht vorstellen, dass es dort so etwas wie
ein demokratisches Bewusstsein gibt. Das Bild, dass arme, ungebildete Bauern
- aufgestachelt mit ein paar Dollars von Kriminellen - voller Neid westliche
Supermärkte in der Hauptstadt plündern, passte da schon besser. Betroffen
waren tatsächlich vor allem teure Kaufhäuser und Geschäfte, in
denen sich kaum ein Durchschnittsverdiener das Einkaufen leisten kann. Wer jedoch
genau an den Plünderungen beteiligt war, bleibt unklar: Je nach Standpunkt
waren es die Demonstranten selbst oder Trittbrettfahrer oder Akaevs Leute, die
dadurch die Opposition zu diskreditieren versuchten.
Nach der Flucht Akaevs und seiner Familie beanspruchten zunächst sowohl
das alte als auch das neugewählte Parlament, die legitime Legislative zu
sein. Nachdem das neue Parlament die Oppositionellen Omurbek Tekenbaev zum Sprecher
und Kurmanbek Bakiev zum Premier und Interimspräsidenten wählte, vergaß
die neue Führung schnell, dass sie gegen dessen unfaire Wahl, die ja der
Auslöser für die Proteste war, gewesen war und akzeptierte das neue
Parlament. Felix Kulov, noch am Tag des Machtwechsels aus dem Gefängnis
befreit, wurde zunächst zum Nationalen Sicherheitschef und dann zum Vize-Premierminister
ernannt, Roza Otunbaeva zur Außenministerin und Azimbek Beknazarov zum
Generalstaatsanwalt. Für den 10. Juli wurde die Neuwahl des Präsidenten
angesetzt.
Viele der "neuen" Gesichter sind allerdings alte Bekannte. Es sind
frühere Gefolgsleute Akaevs, die sich irgendwann mit ihm überworfen
haben oder in Ungnade gefallen sind. Die meisten wurden von Akaev aus eher persönlichen
als ideologischen Gründen entlassen und fingen erst danach an, sich gegen
ihn und seine autoritäre Politik zu stellen. Felix Kulov war Vizepremier
und Innenminister. Bakiev war Premierminister und trat nach blutigen Zusammenstößen
in Aksy zurück. Danach stand er an der Spitze der oppositionellen "People's
Movement of Kyrgyzstan". Roza Otunbaeva war schon unter Akaev Außenministerin
und später Botschafterin in Großbritannien und bei der UN. Ähnliches
gilt für weitere neue alte Regierungsmitglieder. Insofern kann man die
"Tulpenrevolution" kaum als Revolution bezeichnen: "Das reine
Austauschen von Regierungsbeamten ist keine Revolution, bis jetzt gibt es keine
revolutionären Veränderungen", so Kumar Bekbolotov vom Institute
for War and Peace Reporting (IWPR) in Bischkek.
Fenster der Möglichkeiten
Nach den Nachwahlen am 13. März haben diejenigen Oppositionellen, die einen
Sitz im neuen Parlament gewonnen hatten, ihre Anhänger aufgefordert, mit
den Protesten aufzuhören. Dies zeigt die Orientierung der Kandidaten, die
häufig nicht für eine Partei antreten, sondern als "Unabhängige".
Abgeordnete fühlen sich in der Regel ihrem regionalen Klientelnetzwerk
verpflichtet und nicht politischen Ideen und werden auch deswegen gewählt.
Detaillierte oder divergierende politische Programme der einzelnen Kandidaten
sucht man vergebens.
Die Opposition in Kirgistan bestand nicht aus einem überzeugten politischen
Bündnis, sondern war eher eine Zweckgemeinschaft von ehemaligen Vertrauten
Akaevs, unzufriedenen Geschäftsleuten, lokalen Patronen und einigen langjährigen
Oppositionellen, die außer einem Ende der Herrschaft des Akaev-Clans keine
gemeinsamen Ziele hatten. Die Basis bildete einerseits die verarmte Landbevölkerung,
andererseits westlich ori- entierte Studierende und - im Vergleich zu den Nachbarstaaten
und trotz der Schikanen der letzten Jahre immer noch starke - zivilgesellschaftliche
Gruppen. Ihr halbherziger Zusammenschluss ist nach Akaevs Abgang einem offenen
Machtkampf auf der Führungsebene gewichen, in dem jeder versucht, seine
Pfründe zu sichern. Vermehrte Berichte über eine undurchsichtige Rekrutierungspolitik
der neuen Regierung, die Besetzung von Posten mit Familienmitgliedern und Clanangehörigen,
über gekaufte Ämter und unzureichende Untersuchungen von Korruptionsfällen
bestätigen Befürchtungen, dass sich mit der neuen Regierung die Situation
eher verschlimmern könnte, da nun mehrere Clans bedient werden müssen.
Doch auch wenn die politische und wirtschaftliche Elite der Klientelpolitik
verhaftet bleibt, hat sich für die politische Kultur des Landes ein "window
of opportunity" aufgetan. Die Bevölkerung macht intensiven Gebrauch
von ihren Rechten auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Jeden Tag gibt es
Kundgebungen. Neue Studierendenvereinigungen und Jugendbewegungen werden gegründet.
Alle Schritte der Regierung werden von einer kritischen Öffentlichkeit
verfolgt und sie muss sich den an sie formulierten Forderungen stellen. Das
Fernsehen übt sich in politischen Talkshows. In Zeitungen berichten Belegschaften
über Vetternwirtschaft in ihrer Firma und Studierendenorganisationen veröffentlichen
genaue Zahlen, wie viel Dollar man an welcher Uni für sein Diplom bezahlen
muss. Die Gefahr eines ernsthaften Nord-Süd-Konflikts wurde offensichtlich
und zahlreiche Projekte widmen sich nun dieser Problematik.
Eines der Hauptthemen der Übergangsregierung war die Korruptionsbekämpfung.
Eine Untersuchungskommission hat mittlerweile über 140 Unternehmen ausfindig
gemacht, die direkt oder indirekt von Mitgliedern der Akaev-Familie kontrolliert
wurden. Korruption hat fast alle Bereiche der Gesellschaft durchdrungen und
kann als Institution (im Sinne einer allgemein akzeptierten Handlungsregel)
für die politische und ökonomische Kultur des Landes bezeichnet werden.
Die Gehälter im öffentlichen Dienst sind so gering, dass niemand davon
leben kann. Selbst ein Minister verdient gerade mal 50 Euro. Besonders an Schulen,
Universitäten und Krankenhäusern sind Bestechungsgelder daher die
Regel. Einer der ersten Schritte der neuen Regierung war deswegen die Erhöhung
der Gehälter im öffentlichen Dienst.
Wahl ohne Alternative
Mitte Mai verkündeten die beiden Hauptkonkurrenten bei der vorgezogenen
Präsidentenwahl nach mehrwöchigen Verhandlungen, dass sie ein Team
bilden werden. Felix Kulov (aus dem Norden) wollte nicht als Kandidat antreten
und im Gegenzug von Kurmanbek Bakiev (aus dem Süden) im Falle seines Wahlsieges
zum Premierminister ernannt werden. Es war ihre Reaktion auf die Befürchtung,
es komme zu regionalistischen Unruhen, wenn die Anhänger des unterlegenen
Kandidaten das Wahlergebnis nicht anerkennen. Auch wenn dies die Stabilität
des Landes gesichert haben mag, hat es nicht gerade die demokratische Konkurrenz
gestärkt. Nachdem Kulov und Bakiev ihr Tandemmodell bekannt gegeben hatten,
zogen zudem etliche andere Kandidaten ihre Kandidatur zurück. Von den fünf
Verbliebenen hatte keiner eine größere Partei oder politische Bewegung
hinter sich.
Zu Beginn des Wahlkampfs traten Bakiev und Kulov von ihren Regierungsposten
zurück, um ihren politischen Willen zu fairen Wahlen zu bekunden. Die Berichterstattung
in den staatlichen wie unabhängigen Medien räumte Bakiev trotzdem
wesentlich mehr Platz ein als den anderen Kandidaten und verlor kein negatives
Wort über ihn. Bakiev war zudem der einzige Kandidat mit den nötigen
finanziellen Mitteln, um einen landesweiten Wahlkampf zu führen. Insofern
bescherte ihm die Wahl auch ohne größere Manipulationen 89 % der
Stimmen. Das eigentlich überraschende an der Wahl Mitte Juli war die hohe
Wahlbeteiligung von fast 75 Prozent. Im Vorfeld wurde befürchtet, dass
aufgrund der Vorhersehbarkeit des Ergebnisses viele Wahlberechtigte den Urnen
fern bleiben würden. So kann der Urnengang weniger als Präsidentenwahl
betrachtet werden sondern vielmehr als Bestätigung der nach der Revolution
eingesetzten Führungsriege. Denn abgestimmt wurde nicht nur über Bakiev,
sondern auch über Kulov, Otunbaeva und die gesamte Regierung, und diese
hat nun Legitimität erhalten.
Das weitere Vertrauen der Bevölkerung in die neuen Machthaber hängt
nun davon ab, ob sie Korruption, kriminelle Verstrickungen und Armut wirklich
bekämpfen. Gleichzeitig jedoch müssen sie auch die wirtschaftlichen
und politischen Erwartungen der Finanziers der Revolution bedienen. Ein Spagat,
der kaum möglich ist.
Literatur:
Dukenbaev, Askat; Hansen, William: Understanding Politics in Kyrgyzstan. DEMSTAR
Research Report Nr. 16, September 2003. Abrufbar unter: www.demstar.dk/html/politics.htm
Mikosz, David: The Kyrgyz Revolution. Civil Society works only when it is real.
UNISCI Discussion Paper, May 2005. Abrufbar unter:
www.ucm.es/info/unisci/UNISCI-Review8.htm
Jenniver Sehring ist Politologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin
an der Universität Gießen.