Kooperation in der Konkurrenz | Editorial

Eine politisch, ökonomisch oder kulturell einheitliche "Dritte Welt" gibt es nicht, darüber herrscht weitgehend Einigkeit. Zu groß sind die Unterschiede beim jeweiligen Entwicklungsstand, zu gegensätzlich die Interessenslagen von Ölimporteuren und -exporteuren oder Agrarimport- und -exportländern. Auch in politischer und ideologischer Hinsicht bestehen zwischen Diktaturen und demokratischen Regierungen große Differenzen. Dennoch: Auf unterschiedlichsten Ebenen sind in jüngster Zeit Ansätze verstärkter Süd-Süd-Kooperation zu beobachten. Oft sind es Versuche, sich in UN-Bündnissen oder Wirtschaftsgemeinschaften zusammen zu schließen und im Nord-Süd-Konflikt gemeinsam zu positionieren.

Auf politischer wie wirtschaftlicher Ebene vertiefen sich regionale Bündnisse, die Zahl der Interessengruppen und Handelskooperationen nimmt sprunghaft zu. Dafür stehen die Gründung der Afrikanischen Union, die Erweiterung von MERCOSUR und ASEAN, die G20, der Afrikanisch-Asiatische Gipfel, die Gründung der Union Südamerikanischer Staaten, die Südasiatische Freihandelszone mit dem Fernziel eines südasiatischen Parlamentes oder die ständig wachsende Zahl chinesischer Handels- und Investitionsabkommen rund um die Welt, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Die zunehmende Vernetzung jenseits klassischer Nord-Süd-Linien wird auch sichtbar, wenn Kontraktarbeiter aus Nordkorea und Bangladesch nach Namibia gehen und Namibier wiederum im Rahmen eines weltweiten Entwicklungshilfeprogramms in Indien in Verwaltung und Landwirtschaft ausgebildet werden. Afrikanische Studierende werden mittels Stipendien an chinesischen Hochschulen gefördert; und Venezuela will dem hoch verschuldeten Argentinien helfen, indem es für 500 Millionen US-Dollar dessen Staatsanleihen kauft.
In der Süd-Süd-Kooperation stehen jedoch nicht anders als im Norden die wirtschaftlichen Bündnisse im Zentrum des gegenseitigen Interesses. Ihr Ziel kann sein, die einzelnen Volkswirtschaften durch die Schaffung größerer Märkte zu stärken, die Staatsausgaben durch gemeinsame, an Bedürfnisse südlicher Länder angepasste Forschung zu senken oder durch Liberalisierung der Zoll- und Steuerregelungen den Handel zu forcieren. "Angesichts des wachsenden Unwillens westlicher Länder, Hilfe zu leisten und gleichberechtigte Wirtschaftsbeziehungen zu etablieren", meldete Suvendrini Kakuchi von der NGO-Agentur Inter Press Service anlässlich des letzten Afrika-Gipfels in Tokio, "setzen zahlreiche Regierungen des schwarzen Kontinents jetzt ihre Hoffnungen auf eine Zunahme der Wirtschaftsallianzen im asiatischen Raum und eine Ausweitung der afrikanisch-asiatischen Zusammenarbeit".

Einerseits erinnern solche Meldungen daran, dass die Welt nicht nur durch die Nord-Süd-Brille zu sehen oder Live8-mäßig zu hören ist. Doch andererseits unterscheiden sich viele dieser Süd-Süd-Kooperationen und Bündnisse kaum von den Strukturen und Hierarchien, die auch in den Nord-Süd-Beziehungen zu finden sind. Anders als vor dreißig Jahren, als Intellektuelle und Politiker aus dem Süden noch über die "Neue Weltwirtschaftsordnung" diskutierten und so etwas wie eine Dritte-Welt-Identität entstand, geht es heute kaum mehr um Dritte Wege, um alternative Entwicklungs- oder gar Wirtschaftsmodelle. In der Regel wird ganz pragmatisch die Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit in der bestehenden Ordnung verfolgt. So treffen heute auf dem südlichen Weltmarkt frühere Maoisten (China, siehe Seite 25) und Sozialisten (Brasilien, siehe Seite 26, oder Südafrika, siehe Seite 28) auf Nationalisten und Diktatoren (Mugabe in Zimbabwe), um Süd-Süd-Kooperationen miteinander zu vereinbaren.

Kaum jemand hätte noch vor zehn oder zwanzig Jahren vorausgesagt, dass chinesische oder indische multinationale Konzerne prominente europäische oder US-Firmen aufkaufen würden. Und wer hätte es für möglich gehalten, dass sich über Jahrzehnte zerstrittene Staaten in relativ kurzer Zeit in Bündnissen organisieren könnten? Die regionalen und kontinentalen Zusammenschlüsse in Lateinamerika, Afrika und Asien haben jedenfalls eine Stärkung der "Dritten Welt" in UNO, WTO und anderen internationalen Organisationen zur Folge. So führt die Summe der konkreten politischen und ökonomischen Umorientierungen offenbar zu einer zwar nicht ganz neuen, aber dennoch veränderten Weltwirtschaftsordnung.

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