Soziale Bewegungen in Indien | Editorial zum Themenschwerpunkt
Es ist kein Klischee, es stimmt wirklich: Indien ist ein Land der Extreme, und
zwar nicht nur in geographischer Hinsicht. Kaum irgendwo auf der Welt treffen
Reichtum und Armut, Modernität und Traditionalität oder Urbanität
und Ländlichkeit so scharf aufeinander wie in diesem von sozialen und politischen
Gegensätzen zerrissenen Bundesstaat. Die in Indien weit verbreitete Wertschätzung
basisdemokratischer Entscheidungsfindung trifft in manchen Landesteilen auf
semifeudale Strukturen, die es Landlords noch immer ermöglichen, sich Leibeigene
zu halten. Der von Gandhi popularisierten Tradition der Gewaltfreiheit steht
brutale Gewalt auf allen Seiten gegenüber, beim Staatsapparat ebenso wie
bei der naxalitischen Guerillagruppe People's War Group oder beim Mob auf der
Straße, der aus religiösem Hass nicht davor zurückschreckt,
die Nachbarfamilien zu ermorden.
So groß wie die Bandbreite der gesellschaftlichen Problemlagen ist aber
auch die Vielfalt der sozialen Bewegungen und des NGO-Sektors. Welches Land
der Erde kann von sich behaupten, dass in ihm mehrere hundert soziale Massenbewegungen
und hunderttausende NGOs aktiv sind? Anders als es der orientalistische Mythos
von der Schicksalsergebenheit der Menschen in Indien behauptet, wird gegen als
ungerecht empfundene Zustände heftig und bisweilen militant opponiert.
Ob Kleinfischer gegen die Überfischung der Küstengewässer durch
ausländische Fangflotten protestieren, ob KleinbäuerInnen gegen genmanipuliertes
Saatgut demonstrieren oder ob Dalits und Adivasis ihre Rechte einklagen - meist
sind sie gut organisiert und handlungsfähig.
Die relative Stärke sozialer Bewegungen in Indien geht darauf zurück,
dass die Bedingungen dort günstiger sind als in vielen anderen asiatischen
Ländern. Das politische System ist bei aller immer wieder ausbrechenden
Tendenz zum Autoritären vergleichsweise liberal, die Organisationsfreiheit
ist weitgehend gewahrt. Die Presselandschaft ist vielfältig, und selbst
in bürgerlichen Tageszeitungen und Magazinen haben Gesellschaftskritik
und kontroverse Debatten ihren Platz.
Die eher aktivistisch orientierten sozialen Bewegungen werden zudem von einer
großen Intellektuellenszene unterstützt. Deren Output an Veröffentlichungen
ist gewaltig, die philosophischen Orientierungen reichen von dogmatischem Marxismus-Leninismus
über linksliberalen Kommunitarismus bis hin zu dekonstruktivistischen,
postmodernen Ansätzen. Doch bei aller Verankerung in globalen Diskursen
hat sich sowohl bei Intellektuellen wie bei sozialen Bewegungen eine spezifisch
indische Debattenkultur ausgeprägt. Ihre Hauptthemen sind das Selbstverständnis
der indischen Nation und die Gewalt zwischen den verschiedenen Religionsgruppen,
aber auch die Stellung Indiens in Weltwirtschaft und -politik.
Progressive soziale Bewegungen haben allerdings auch immer wieder große
Rückschläge zu verzeichnen. Durch den Vormarsch der Hindunationalisten
bis an die Regierungsmacht wurden Gesellschaftskritik und organisierter Widerstand
ab Anfang der 1990er Jahre zeitweise massiv in die Defensive gedrängt.
In Zeiten blutiger kommunalistischer Auseinandersetzungen zwischen Hindufanatikern
und Muslimen mit Tausenden Toten interessierten Umweltskandale, Korruption oder
anhaltende Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen die indische
Öffentlichkeit nur am Rande. Insbesondere die Armutsproblematik geriet
jedoch nie ganz in Vergessenheit, und ihre Vernachlässigung durch die hindunationalistische
BJP gilt als Hauptgrund für ihr Scheitern bei der letzten Parlamentswahl
im Jahr 2004.
Zu den vielen Widersprüchlichkeiten Indiens gehört die Stellung der
Frauen, die stärker variiert als in vielen anderen Gesellschaften: Zwar
sind patriarchale Strukturen stark ausgeprägt, und obwohl Frauen die meiste
Arbeit leisten, tragen sie überproportional die Bürde der Armut. Zugleich
aber ist Indien einer der wenigen großen Staaten weltweit, in dem mit
Indira Gandhi eine Frau bis an die Spitze der Regierungsmacht gelangte. Auch
auf anderen politischen Ebenen beweisen Frauen immer wieder großes Durchsetzungsvermögen.
Es ist daher kein Zufall, dass die indischen sozialen Bewegungen mit Vandana
Shiva und Arundhati Roy zwei Frauen vorzuweisen haben, die zu weltweit bekannten
Leitfiguren der Globalisierungskritik avancierten. Aus Indien kamen neben Frankreich
und den USA schon frühzeitig intellektuelle und organisatorische Impulse
für eine transnationale Bewegung gegen die Macht der Konzerne und neoliberales
Einheitsdenken. Dies war mit ein Grund dafür, warum das Weltsozialforum
- das Gipfeltreffen der Globalisierungskritik - 2004 in Mumbai stattfand und
damit erstmals außerhalb des brasilianischen Ursprungsortes Porto Alegre.
Die Austragung in Mumbai ist durchaus als Ausdruck der Stärke sozialer
Bewegungen in Indien und des von ihnen geschaffenen politischen Klimas zu begreifen.
In einem Land wie China ist das WSF jedenfalls bis auf weiteres nicht vorstellbar.
Doch auch viele Ideologisierungen der Globalisierungskritik wurden in Indien
schon früher als anderswo sichtbar. Ob Staatsfixierung, Linksnationalismus,
Protektionismus, Feindbild USA oder kulturkonservative Verklärung der angeblich
besseren früheren Zeiten - auch in dieser Hinsicht können indische
soziale Bewegungen als Vorreiter für globale Entwicklungen gelten. All
das ist Grund genug, sich einige von ihnen etwas genauer anzusehen.
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