Einsame Heimatlosigkeit | Neue Tendenzen in der südkoreanischen Literaturszene
Auf der Frankfurter Buchmesse sind vom 19.-23.10. über 60 südkoreanische
AutorInnen zu Gast. Nordkorea hat seine Teilnahme hingegen ohne Begründung
abgesagt, obwohl es gerade im kulturellen Bereich während der letzten Jahre
zu einer sanften Annäherung der beiden Koreas kam. Eine neue Generation
von SchriftstellerInnen versucht, traditionelle Sichtweisen zu überwinden.
von Rosaly Magg
Koreanisches Kino hat in den letzten Jahren in Europa einen wahren Boom erlebt.
Vor allem Shooting-Star Kim Ki-Duk1 hat sich mit seiner Mischung aus poetischer
Stilisierung der Melancholie und der Darstellung von Gewalt in ihrer existentiellsten
Form eine immer größer werdende Fangemeinde gesichert. Ganz anders
verhält es sich mit der koreanischen Literatur. Obgleich der südkoreanische
Buchmarkt mit 50.000 Neuerscheinungen im Jahr einer der expandierendsten in
Asien ist, mangelt es in Deutschland an Übersetzungen 2.
Wer die wenigen vorliegenden Übersetzungen aus dem Koreanischen liest,
ist immer wieder befremdet. Manche scheinen nicht ausreichend durch koreanische
MuttersprachlerInnen lektoriert, beispielsweise einige Produktionen kleinerer
Verlage wie der Edition Peperkorn, oder irritieren durch Wiederholungen desselben
Inhaltes in ähnlichen Worten. Bei den Wiederholungen handelt es sich jedoch
um ein bewusst eingesetztes Stilmittel koreanischer Prosa. Schriftsteller Lee
Sung-U erklärt beispielsweise, er benutze diese rhetorische Figur gerne
zur "Betonung und stufenweisen Vertiefung". Verlage wie Pendragon3
lösen das Dilemma im Umgang mit Wiederholungen, indem sie im Nachwort darauf
hinweisen, dass das Weltbild der AutorInnen durch sie deutlicher würde
und sie deshalb zum Teil beibehalten werden.
Der boomende südkoreanische Buchmarkt spiegelt sich in der Architektur
der Retortenstadt Paju Bookcity in der Peripherie Seouls, die seit einigen Jahren
im Aufbau ist. Hier ziehen Verlage und Druckereien ein, im weltgrößten
Bücherlager wird schon gearbeitet und ab 2006 sollen hier bis zu 30.000
Arbeitsplätze in der Buchbranche entstehen. Der schnelle Bau solcher Prestigeobjekte
ist in Südkorea keine Seltenheit. Jedoch gerade von älteren AutorInnen
wird der mit dem schnellen Wachstum einhergehende Verlust traditioneller Werte
beklagt. Der Werteverfall in einer von stetiger Modernisierung träumenden
Gesellschaft, die Teilung des Landes sowie die Aufarbeitung der Grausamkeiten
des Krieges sind ihre Themen.
Ewig Verdammte
Jo Jong-Raes ist einer dieser Schriftsteller, der sich traditionellen Themen
widmet. 1943 geboren, erlebte er die Nachkriegszeit als Kind und Jugendlicher.
Sein Kurzroman Land der Verbannung erzählt vom Schicksal der Armut, von
Entwurzelung, Heimatlosigkeit und Machtlosigkeit gegenüber den Herrschenden
im geteilten Korea der 1950er und 60er Jahre. Die Hauptfigur Manseok Cheon ist
ein "Dahergelaufener, ohne Stammbaum, ohne Heimat" - ein Verlierer.
Früher war er Vorsitzender des kommunalen Volkskomitees. Von seiner Frau
betrogen, bringt er sie und ihren Liebhaber um und flieht aus seinem Dorf, führt
ein sinnloses Leben als Knecht. "In seiner Heimat gibt es keine Spuren
mehr von ihm". Todkrank will er im Alter jedoch dorthin zurückkehren,
doch er stirbt vorher und bleibt somit auch im Tod auf ewig ein Verbannter.
Jo entwirft diesen düsteren Roman vor dem Hintergrund der leidvollen Geschichte
Koreas. Als Japan 1910 Korea besetzte, etablierte es ein repressives System.
Erst die Kapitulation Japans im August 1945 beendete die Schreckensherrschaft.
Danach fiel der Norden unter russisches, der Süden unter amerikanisches
Protektorat. Viele hofften auf ein Ende der Fremdherrschaft und die Verbesserung
der sozialen Verhältnisse, aber die traditionellen Strukturen, die auf
Grundbesitz und Lehnsherrschaft beruhten, blieben im Süden weiterhin bestehen.
Die Ausweglosigkeit der armen Bevölkerungsschichten spiegelt sich in der
Figur Manseok wider.
Auch in seinem darauffolgenden Roman Das Spiel mit dem Feuer hat sich Jo Jong-Rae
den Themen Schuld und Entwurzelung gewidmet. Oberflächlich betrachtet ist
es ein mehrere Generationen umfassender Thriller, doch dieser wird auf gelungene
Weise durch weitere Ebenen ergänzt, die auf das nationale Trauma Koreas
Bezug nehmen: die Verantwortung für Grausamkeiten, die im Rahmen des Koreakrieges
und der Teilung des Landes begangen wurden. Seine Protagonisten sind voller
jugendlichem Eifer und Wut auf die Verhältnisse. Die Generation der Väter
setzt sich für den Status Quo ein, für eine natürlich gegebene
Unterordnung in die Knechtschaft. Jo beschreibt einen Kreislauf des Unrechts,
in dem sich schließlich der Nachkomme der Opfer aus vergangenen Tagen
an einem ehemaligen Täter rächt.
Literarischer Nord-Süd-Dialog
Die Gegensätze der beiden Koreas wurzeln in der geteilten Geschichte und
sind ein Leitthema koreanischer Literatur. Denn auf der koreanischen Halbinsel
stehen sich seit fast 60 Jahren
zwei Systemalternativen gegenüber, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Als vergleichsweise junge bürgerliche Demokratie stellt Südkorea seit
Überwindung der Finanz- und Wirtschaftskrise Ende der 1990er Jahre die
zwölftgrößte Weltwirtschaftsmacht dar. Nordkorea macht vor allem
durch sein Atomprogramm und eine militante Betteldiplomatie von sich reden.
Den USA gilt das militärisch starke Nordkorea seit Januar 2002 neben Syrien,
Irak und Iran als Teil der "Achse des Bösen". (vgl. iz3w 269)
Obwohl sich der Austausch in den vergangenen Jahren deutlich intensiviert hat,
ist die Wiedervereinigung beider Koreas Zukunftsmusik. So war es mehr als überraschend,
als Ende Juni bekannt gegeben wurde, dass ein pankoreanisches SchriftstellerInnentreffen
- das erste seit der faktischen Teilung des Landes 1945 - nach einer zuvor erteilten
Absage aus Pyongyang nun doch stattfinden sollte. 200 TeilnehmerInnen, darunter
prominente SchriftstellerInnen aus Südkora wie Ko Un oder Eun Heekyung,
diskutierten über die Möglichkeiten eines literarischen Dialogs.
Der Romancier Hwang Soy-Yong musste die Folgen der Teilung wie kaum ein anderer
südkoreanischer Autor am eigenen Leib erfahren. Als er 1972 Die Geschichte
des Herrn Han (ein menschenfreundlicher Arzt, der aus dem Norden flüchtet,
um aus Idealismus im Süden zu arbeiten und dort schließlich dennoch
zu scheitern) publizierte, war das Buch wegen seiner kritischen Sicht auf die
politischen Verhältnisse in beiden Teilen des Landes ein literarisches
Ereignis. 1989 nahm Hwang eine Einladung des nordkoreanischen Schriftstellerverbandes
an und wurde 1993 wegen dieser und späteren Reisen nach Nordkorea zu sieben
Jahren Haft verurteilt - hatte er doch gegen das Gesetz zur "nationalen
Sicherheit" verstoßen. Die Wende kam für ihn 1998. Hwang wurde
im Rahmen einer Amnestie für politische Gefangene vom neu gewählten
Präsidenten Südkoreas, Kim Dae-Jung, nicht nur freigelassen, sondern
sogar offiziell als südkoreanischer Kulturvertreter nach Nordkorea geschickt.
Vor allem die gesellschaftlichen Umbrüche seit der Zeit der Diktatur in
Südkorea (1961-1984), die Reformen der 1980er und 90er Jahre und insbesondere
auch die immer wichtigere Rolle der Jugendlichen stehen im Fokus einer jüngeren
SchriftstellerInnengeneration. Aufbruchstimmung bestimmt mittlerweile die Literaturszene
des Landes, das einst als "Land der Morgenstille" galt.
Der Star der modernen südkoreanischen Literaturszene, Eun Heekyung, steht
für den Paradigmenwechsel der koreanischen Literatur in den 1990er Jahren,
den Übergang von "großen Erzählungen" zu "kleinen
Geschichten" des Alltags. Doch gerade im Kleinen entwickelt sie ganz große
Themen: Ihre Kritik am Militarismus in Verbindung mit einer Kritik an traditionellen
Familienstrukturen und einer Analyse der Geschlechterverhältnisse. Ihre
Protagonistin, die altkluge Jinhi, entdeckt im Laufe des Entwicklungsromans
Ein Geschenk des Vogels ihre Sexualität und die zwiespältige Identität
eines heranwachsenden Mädchens in Südkorea, das sich an den tradierten
Rollenmodellen aufreibt. "Das Schicksal einer Frau ist das Schicksal eines
leeren Gefäßes in den Händen der Männer". Und: "Wenn
mich jemand ansieht, teile ich mich in zwei Ichs. Das eine Ich bleibt einfach
in meinem Körper verborgen, und das Andere, das von meinem wirklichen Ich
abgetrennt ist, tritt nach außen und spielt meine Rolle." In ihrer
Welt sind die Männer Gewalttäter und Nichtsnutze, der Vater ist abwesend,
der Nachbar geil, die anderen Männer Schläger und Hochstapler. Eun
stellt die Hindernisse, die ein Mädchen überwinden muss, um sich aus
der klassischen Frauenrolle zu befreien, ins Zentrum ihres Romans.
Kim Jooyong legt mit Der Stachelrochen ebenfalls einen Entwicklungsroman aus
der Perspektive eines Heranwachsenden vor. Auch hier ist der Vater abwesend,
doch seine Rückkehr hängt wie ein Damoklesschwert über dem ganzen
Roman. Die poetische Beschreibung des kleinen Jungen Seyong und seiner Traumwelt
aus Schneebergen und Himmelspforten ist eine der großen Stärken des
Romans. Seitdem der Vater die Familie für eine andere Frau verlassen hat,
leben Mutter und Sohn zurückgezogen in einer symbiotischen Beziehung. "In
den Augen meiner Mutter war die Außenwelt eigentlich immer nur wie eine
schmutzige Herberge am Meer gewesen". Ganz langsam löst sich Seyong
aus der mütterlichen Umklammerung. Kim beschreibt eindrucksvoll den ganz
normalen Weg des Erwachsenwerdens, auf dem die Abwesenheit des Vaters in Seyongs
Erinnerung "nur eine wüste Brandruine" hinterlassen hat.
Auf der Suche nach Wahrheit
Ein weiterer jüngerer Autor ist Lee Sung-U. 1959 geboren, erlebte er lange
Zeit die Militärdiktatur Park Chung-Hees. Obwohl er sich in seinen Werken
vor allem den Problemen der Gegenwart zuwendet, spielen politische Konflikte
nur eine geringe Rolle. Vielmehr reflektiert er seine Distanz zur Politik in
zwei Schriftstellerfiguren. In der Erzählung Vermutungen über das
Labyrinth im gleichnamigen Sammelband stellt er einen Romanschreiber ins Zentrum,
der ein Buch eines unbekannten Schriftstellers übersetzen will. Die Grenzen
zwischen dem auktorialen Erzähler und dem unbekannten Schriftsteller werden
fließend. Lee interessieren vor allem die menschlichen Abgründe -
Wahnsinn, Tod, Einsamkeit. Seine Geschichten haben Ähnlichkeit mit Kafkas
beklemmend-absurden Erzählungen, in denen sich Fiktion, Historie und Realität
überlagern. "Die Tatsache ist hart und fest, aber Wahrheit weich und
flexibel". So werden seine Geschichten zu Labyrinthen, in denen sich die
LeserInnen verirren können.
Egal, ob sich die SchriftstellerInnen der abwesenden Vätergeneration, der
Machtlosigkeit einer unterdrückten Landbevölkerung, den Schrecken
des Krieges oder der Distanz zur aktuellen Politik Südkoreas widmen, allen
gemeinsam ist die Suche nach "Wahrheit" in den gesellschaftlichen
und historischen Zusammenhängen. "Der Leser entdeckt die Wahrheit
des Romans. In dieser Wahrheit greifen historische Erfindung und erdichtete
Geschichte ineinander." (Lee Sung-U) Und darin ähneln sie wiederum
den poetischen und dennoch gewaltvollen Filmbildern von Regisseur Kim Ki-Duk.
Es ist an der Zeit, dass neben der Film- auch die Literaturszene Koreas mehr
Beachtung findet.
Rosaly Magg ist Mitarbeiterin im iz3w
Anmerkungen:
1) Filme von Kim Ki-Duk: The Isle (2000), Frühling, Sommer, Herbst, Winter...
und Frühling (2003), Samaria (2004), Bin-Jip (2004)
2) Das Gastland fördert im Rahmen der Buchmesse unter dem Motto "Enter
Korea" Übersetzungen, Konzerte und Ausstellungen mit einem Budget
von zehn Millionen Euro. Zum Messe-Schwerpunkt wurde zudem ein zwei Millionen
Euro teures Programm aufgelegt, um hundert Bücher in sechs Fremdsprachen
zu übersetzen.
3) Der Bielefelder Pendragon Verlag profitiert am meisten vom durch die Frankfurter
Buchmesse ausgelösten Korea-Boom. Seit 1997 übersetzt er nicht nur
Werke aus dem Koreanischen, sondern setzt auch auf intensiven literarischen
Austausch. Mit über 30 Titeln moderner koreanischer Literatur ist er führend
in Deutschland.
Besprochene Literatur:
Eun Heekyung: Ein Geschenk des Vogels. Roman 1995, Pendragon (Dt. 2005),
320 S., 18,50 Euro
Hwang Sok-Yong: Die Geschichte des Herrn Han. Roman 1972, dtv (Dt. 2005),
140 S., 12 Euro
Jo Jong-Rae: Land der Verbannung. Roman 1981, Edition Peperkorn (Dt.
2004), 96 S., 13 Euro
Ders.: Das Spiel mit dem Feuer. Roman 1982, Edition Peperkorn (Dt. 2005),
384 S., 19 Euro
Kim Jooyoung: Der Stachelrochen. Roman 1998, Edition Peperkorn (Dt. 2001),
206 S., 18 Euro
Lee Sung-U: Vermutungen über das Labyrinth. Erzählungen 2002,
Pendragon (Dt. 2005), 158 S., 15,40 Euro