Von Erfolgen und Niederlagen | Editorial
Es muss wohl an der Jahreszeit liegen, dass religiöse Sinnsprüche
derzeit mit aller Macht in unser Bewusstsein dringen. So begegneten wir neulich
diesem hier: "Der taoistische Weise steht gleichgültig zu Erfolg oder
Niederlage. Er unterliegt nicht dem verzweifelten Glauben der Intellektuellen
an die befreiende Macht des Wissens. Er weiß instinktiv, dass Wissen einfach
eine weitere Form der Knechtschaft ist." Ach, wie beneidenswert einfach
hat es doch der taoistische Weise (der in Wirklichkeit ein weißer Namibier
ist). Wir hingegen quälen uns ständig. Zum Beispiel damit, wie die
diesjährigen Aktivitäten des iz3w zur Mehrung des Wissens zwecks Befreiung
von Knechtschaften aller Art einzuschätzen sind. Waren sie ein Erfolg,
trotz mancher Niederlage? Oder eher eine Niederlage, trotz mancher Erfolge?
Fangen wir mit den Erfolgen an. Anfang des Jahres stieß eine vom iz3w
in Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Kino organisierte Filmreihe zum Deutschen
Kolonialismus auf überwältigendes Interesse. Filmemacher und ReferentInnen
wie Martin Baer und Alexander Honold konnten sogar der Lokalpresse plausibel
machen, warum die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit und der
postkolonialen Gegenwart keineswegs nur ein Betätigungsfeld für Fachhistoriker
ist. Ein Ansatz, der auch die seit November laufende Vortragsreihe zu (Post-)Kolonialen
Reisebildern prägt. Vortragende wie Hito Steyerl, Marion von Osten oder
Mark Terkessidis fragen unter anderem danach, wie die bereits im kolonialen
Zeitalter entstandenen Bilder über die Fremde(n) heutige rassistische Verhältnisse
stimulieren. All das geschieht innerhalb des "studium generale" der
Uni Freiburg, und der SWR zeichnet mehrere Vorträge für seine "Teleakademie"
auf.
Als spannend erwies sich der Schritt unseres Projektes FernWeh - Forum Tourismus
& Kritik hin zum Filmemachen. Mittlerweile sind zwei Kurzfilme fertig gestellt,
die den üblichen touristischen Blick irritieren. Ein Dokumentarfilm ist
in Arbeit (siehe iz3w 289). Doch die Filme sind nicht die einzige Aktivität,
mit der sich FernWeh im Jahr 2005 weg vom geschriebenen Wort hin zum Visuellen
bewegt hat. Die unter anderem aus einem Fotowettbewerb hervorgegangene Ausstellung
"Beyond Paradise - Stationen des touristischen Blicks" konnte erstmalig
im Mai präsentiert werden - zuerst beim BUKO in Hamburg und im Freiburger
Völkerkunde-Museum, dann in Göttingen und derzeit in Zürich.
Ein Erfolgserlebnis besonderer Art bescherte uns die Stadt Freiburg. Dabei war
es von ihr gar nicht so angelegt, denn sie wollte ihren ohnehin bescheidenen
jährlichen Zuschuss streichen. Unsere daraufhin initiierte Unterschriftenprotestaktion
fand so viel Unterstützung, dass die Stadtverwaltung aufgrund eines Beschlusses
im Gemeinderat von ihrem Ansinnen zumindest vorläufig zurücktreten
musste (siehe iz3w 285).
Doch wo es um Geld geht, ist die Niederlage nicht weit. Gleich im Frühjahr
mussten wir einen Tiefschlag einstecken. Die Kulturstiftung des Bundes und die
Bundeszentrale für Politische Bildung lehnten unseren Antrag ab, den für
Anfang 2006 geplanten Kongress "Postdeutsche Kolonien - Postkoloniales
Deutschland" zu unterstützen. Zusammen mit Kooperationspartnern wie
dem Nordic Africa Institute in Schweden hatten wir Großes vor: Ein internationales
Symposium mit umfangreichem Rahmenprogramm sowie eine Buchveröffentlichung,
mit denen die Ansätze der postkolonialen Kritik und der Cultural Studies
auf den deutschen Kolonialismus bezogen werden sollten. Dutzende ReferentInnen
aus Europa, Afrika und Asien hatten bereits zugesagt, das Programm stand bis
hin zum Zeitplan, die Veranstaltungsorte waren reserviert - allein, das nötige
Geld war nicht zu bekommen.
Im Februar 2006 läuft die Förderung für unser FernWeh-Projekt
aus, weshalb wir gerne einen Folgeantrag stellen würden. Nur nimmt die
EU derzeit keine Anträge an, weshalb FernWeh im nächsten Jahr seine
Arbeit nur auf Sparflamme weiterführen kann. Sorgen bereitet auch die Aboentwicklung
der iz3w. Die Zeitschrift wird viel gelobt, sogar von denen, die aus Zeit- oder
Geldmangel kündigen müssen. Doch ist es allein das Saldo, das am Jahresende
zählt.
All diese Entwicklungen tragen dazu bei, dass die Aktivitäten des iz3w
sehr ernsthaft in Gefahr sind. Um gute Arbeit machen zu können, braucht
es halt nicht nur Ideen und Engagement, sondern auch ein Mindestmaß an
Finanzierung.
Liebe LeserInnen, Sie ahnen schon, was jetzt kommt: ein nicht nur jahreszeitlich
bedingter Aufruf zur Unterstützung des iz3w. Und tatsächlich, hier
ist er: Bitte schenken Sie dem beigelegten Überweisungsträger für
(steuerabzugsfähige) Spenden freundliche Beachtung. Oder verschenken Sie
ein Abo an Verwandte & Bekannte (siehe Flyer). Oder beschenken Sie sich
selbst mit einem Abo, falls noch nicht geschehen. Oder bestellen Sie eine unserer
sonstigen Publikationen (siehe Materialliste). Damit nicht der taoistische Weise
Recht behält, sondern der ungleich klügere Franz Liszt: "Glücklich,
wer mit den Verhältnissen zu brechen versteht, ehe sie ihn gebrochen haben!"
Ein gutes Jahr 2006 wünscht:
die redaktion