Das Gefängnis der Freiheit | In Ceuta zeigt sich das Elend der EU-Flüchtlingspolitik
Für hunderttausende Flüchtlinge ist Ceuta, die spanische Exklave
in Nordafrika, der Türspalt nach Europa. Der Weg über die Festungsgrenzen
dorthin ist für viele eine gefährliche Odyssee. Wer es schafft, landet
in einem Auffanglager. Hier warten die Menschen oft monatelang auf eine Entscheidung
über ihr Schicksal: Asyl, Aufenthaltsgenehmigung oder Abschiebung.
von Stephanie Zeiler
Basil ist auf der Flucht, seitdem die Rebellen vor acht Jahren seine Mutter
und seinen jüngeren Bruder ermordet haben. In der Sahara ist er nur knapp
dem Tod entkommen. Seine Narbe an der Stirn erinnert ihn täglich an die
Flaschen, die ihm zwei Männer über dem Kopf zerschlagen haben. Das
war an der Grenze zwischen Algerien und Marokko. "In meiner Heimat in Norduganda
herrscht Krieg. Dort zu leben ist noch viel gefährlicher als der Versuch,
nach Europa zu kommen", sagt Basil. Seine belegte Stimme, sein Blick und
seine hängenden Schultern erzählen von seinem Leid.
Basil hat kein Geld, keine Papiere, keine Arbeit. Aber er hat noch Hoffnung.
Seit einem Monat lebt er im Centro de Estancia Temporal de Imigrantes, kurz
C.E.T.I., dem offiziellen Auffanglager der 75.000-Einwohner-Stadt Ceuta, und
betet, dass seinem Asylantrag stattgegeben wird. "Wenn Gott es zulässt,
werde ich in Spanien bleiben. Ich muss arbeiten, um für meine Familie zu
sorgen", sagt er. Basil hat es mit seiner Flucht nach Ceuta bis in die
EU geschafft, ob er tatsächlich Europa erreicht, ist jedoch ungewiss. Gesetzlich
steht ihm in der EU zwar ein gerichtliches Anerkennungsverfahren zu. Bislang
geht das aber zu 95 Prozent negativ aus. Viele Flüchtlinge verschleiern
daher ihre Herkunft. Sie wissen, mit welchen Staaten Rückabnahme-Abkommen
geschlossen wurden. So werden NigerianerInnen zu GhanaerInnen und MarokkanerInnen
zu AlgerierInnen.
Seit der Inkraftsetzung des Schengener Abkommens 1995 versucht die EU massiv,
ihre Landgrenzen zu Afrika entlang der spanischen Exklaven Ceuta und Melilla
gegen MigrantInnen abzuriegeln. Rein darf nur, wer deutliche Folternarben oder
eine gute Ausbildung hat. Armutsflüchtlingen bleibt der Zutritt verwehrt.
Aber ihre Zahl nimmt stetig zu, denn das Lager wirkt wie ein Magnet. Die Todesschüsse
marokkanischer Grenzschützer Anfang Oktober zeigen deutlich, dass die Festungspolitik
der EU versagt. Die BürgerInnen Ceutas erleben das hautnah. Erstaunlicherweise
gehen sie jedoch gelassen mit den Flüchtlingen um. Ihre Abschiebung halten
viele für falsch. Die MigrantInnen prägen längst das Bild Ceutas,
einer Garnisonstadt und spanischem Steuerparadies mit gepflegten Parks und prächtigen
Herrenhäusern. Im Zentrum bewachen sie Autos oder helfen beim Verladen
von Einkäufen.
Warten, warten, warten
Es ist 11 Uhr, Basil geht zum Spanischunterricht. Je eine Stunde Sprach- und
Computerkurs, das sind die täglichen Aufgaben der C.E.T.I.-BewohnerInnen.
Der Rest des Tages ist Freizeit - oder besser Wartezeit. Denn ohne Job und Geld
haben sie kaum Spielräume. Wer auf dem kasernenartigen Gelände bleibt,
vertreibt sich die Zeit auf dem Fußballplatz, mit Kartenspiel oder Haushaltsarbeit.
Die Algerierinnen Nadja und Nacéra haben das ewige Warten satt, ebenso
das Schweigen über die schlechten Lebensbedingungen im Lager mit Grünanlage
und Meerblick. Frauen und Männer sind getrennt in Schlafsälen mit
je vier Doppelbetten untergebracht. Das C.E.T.I. hat eine Kapazität für
maximal 512 Personen, interniert sind aber oft viel mehr - manchmal Jahre lang.
"Acht Frauen wohnen in einem Raum, alle Religionen vermischt. Nur wer hier
lebt, weiß, was das heißt. Es ist ein Gefängnis der Freiheit",
sagt Nacéra, die nachts oft wach liegt und dann hört, wie die Sicherheitsbeamten
überprüfen, ob alle schlafen. Die Sicherheitskräfte sollen Ausschreitungen
verhindern und kontrollieren, wer das Gelände verlässt und betritt.
Die ständige Überwachung belastet Nadja: "Jeder hier bekommt
einen Ausweis mit Fingerabdruck. Selbst zum Essen müssen wir ihn vorzeigen."
Nadja ist gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer elfjährigen Tochter geflohen
und leidet im C.E.T.I. vor allem unter der räumlichen Trennung der Familie:
"Monatelang lassen sie dich hier warten. Sie geben einem Ehepaar nicht
mal die Möglichkeit, miteinander zu schlafen", sagt die junge Frau
in bitterem Tonfall. Mit gefälschten Pässen, gekleidet in Djalabas
- langen orientalischen Gewändern - ist die Familie nach Ceuta eingereist.
"Wir hatten Glück, dass wir so marokkanisch aussehen. Pro Person haben
wir nur 700 Euro bezahlt", erklärt Nadja, die froh ist, dass MarokkanerInnen
aus dem Grenzgebiet bislang mit einem gewöhnlichen Personalausweis einreisen
können. Je nach Aufwand verlangt ein Schleuser sonst bis zu 8.000 Euro
für seine Dienste.
Doch längst nicht alle, die zahlen, schaffen es bis ins Schengenland. Für
viele MigrantInnen endet die Odyssee in der Katastrophe. Sie verdursten in der
Wüste, werden unterwegs ausgeraubt und erschlagen. Oder sie ertrinken im
Meer. Der Landweg über Melilla und Ceuta gilt als der ungefährlichere.
Deshalb wählen ihn auch immer mehr Menschen aus Indien, Pakistan und Bangladesch.
Sie fliegen zunächst nach Afrika und lassen sich dann von Schleppern bis
zur Grenze bringen. Manchmal kommt fast die Hälfte der Flüchtlinge
im C.E.T.I. aus Asien. Frauen sind nur sehr selten unter ihnen.
"Die Tour ist zu hart. Wenn ich gewusst hätte, in welche Lebensgefahr
ich mich begebe, wäre ich nicht gegangen", sagt Jahangir. In Bangladesch
habe er für die Opposition gearbeitet und immer häufiger Morddrohungen
bekommen, deshalb habe er seine Heimat vor einem Jahr verlassen. Das Schlimmste
war für ihn die Wüste, die er mit 80 Flüchtlingen zu Fuß
durchquert hat. "Auf halbem Weg ist einer von uns in eine Schlucht gestürzt.
Die einzige Reaktion unseres Schleppers war: "Wenn ihm einer hilft, lasse
ich euch alle zurück", erzählt der 27-Jährige, der seit
sechs Monaten im C.E.T.I. festsitzt. Die Erinnerung lässt ihn nicht schlafen.
Jahangir ist einsam. Seit Monaten hat er nicht mehr mit seiner Frau und seinen
Eltern gesprochen. Er träumt davon, mit ihnen in Schweden zu leben. Doch
seine Angst vor einer Abschiebung wächst.
Verachtet, bestohlen, geschlagen
Alle C.E.T.I.-BewohnerInnen hoffen darauf, nach Europa zu kommen und zu arbeiten.
Anders als Jahangir wollen die meisten in Spanien bleiben. Wenn es in Ceuta
zu voll wird, werden sie in ein Auffanglager auf dem spanischen Festland gebracht.
Einmal dort angekommen, tauchen viele in die Illegalität und hoffen auf
ein erneutes Amnestiegesetz der spanischen Regierung. Von den Behörden
werden sie häufig toleriert, da billige Arbeitskräfte auf den andalusischen
Plantagen gebraucht werden, ebenso wie auf deutschen Großbaustellen oder
in französischen Küchen.
Ceuta ist ein Anachronismus aus Kolonialzeiten, der das Verhältnis von
Marokko und Spanien deutlich belastet. Heute ist es ein Militärstützpunkt,
der im Osten ans Mittelmeer grenzt und nach Marokko hin durch elektrischen Stacheldraht
abgesperrt ist. Ein drei Meter hoher Doppelzaun, ausgestattet mit Richtmikrofonen,
Bewegungsmeldern und Infrarotkameras, schließt an dem 8,2 Kilometer langen
Küstenstreifen einen Weg ein, der breit genug für einen Geländewagen
der Guardia Civil ist. Doch wirklich abschrecken lässt sich davon niemand.
Rund 4.000 Menschen versuchten seit Ende August 2005, die Zäune von Ceuta
und Melilla zu überwinden (2004 waren es laut Guardia Civil rund 50.000).
Sie kamen größtenteils aus Staaten des subsaharischen Afrika. Etwa
tausend Menschen ist die Einreise gelungen, zugleich kamen aber 14 ums Leben.
Es musste alles blitzschnell gehen: aus Ästen und Plastiktüten gezurrte
Leitern ansetzen, hinauf klettern, mit einer Drahtschere den Stacheldraht durchtrennen,
Leiter einziehen, auf der anderen Seite herablassen, dann hinunter klettern,
und am gegenüberliegenden Zaun das gleiche von vorn.
Basil hat drei Jahre gebraucht, über die Grenze zu kommen. Sechsmal hat
er versucht, bis an den Strand Ceutas zu schwimmen, und mehr als 50 Mal hat
er nachts probiert, den Grenzzaun zu überqueren. "Oft hat mich ein
marokkanischer Wachmann festgehalten. Dann schlagen sie dich zu mehreren",
sagt der 30-Jährige, der froh ist, dass die Jahre in den Wäldern Marokkos
hinter ihm liegen. Die Flüchtlinge, die dort leben, haben keine Unterkunft,
oft nicht einmal Zelte, keine Arbeit, keine regelmäßige Ernährung
und keine Gesundheitsversorgung. Von der marokkanischen Polizei werden sie verachtet,
bestohlen und geschlagen. Basil ist daher froh, im C.E.T.I. einen Schlafplatz
zu haben und Mahlzeiten zu bekommen. "Hier musst du nicht dauernd daran
denken, dass dich jemand ausrauben oder umbringen will."
Kassieren, abschieben, hetzen
Nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sind in den letzten
zehn Jahren allein zwischen Spanien und Marokko 6.300 MigrantInnen ums Leben
gekommen. Ihr Büro im nordmarokkanischen Tanger hat außerdem in den
letzten beiden Jahren 2.193 Verletzungen bei Flüchtlingen dokumentiert,
die von Gewaltanwendung herrühren. Marokko, das demnächst Teil der
europäischen Freihandelszone werden soll, klagt über die MigrantInnen,
braucht sie aber zugleich, um einerseits über Korruption Geld von ihnen
fürs Schleusen zu kassieren und andererseits EU-Zuschüsse zu erhalten.
Im so genannten Meda-Programm stünden für die Sicherung der Grenze
40 Millionen Euro bereit, heißt es aus der Brüsseler EU-Kommission.
Das Geld wird nun für Grenzkontrollen bis weit in den Süden Marokkos
eingesetzt. In Ceuta bedeutet das konkret: Die Armee überwacht jetzt gemeinsam
mit rund 700 Grenzschützern die Zäune.
Seit dem starken Anwachsen der Flüchtlingszahlen beruft sich die spanische
Regierung auf ein 1992 geschlossenes Abkommen mit Marokko, das die Abschiebung
von MigrantInnen erlaubt. Doch bislang verweigerte der Maghrebstaat die Aufnahme.
Da auch die Herkunftsländer die Flüchtlinge nicht wieder aufnehmen,
waren die richterlichen Ausweisverfügungen, die fast alle bekamen, bisher
nichts wert. Jetzt ist die Abschiebung auf Druck der EU plötzlich möglich.
Immer mehr MigrantInnen müssen auf ihrem Weg nach Norden in Marokko bleiben.
Sie verdienen ihr Geld mit einfachen Arbeiten oder müssen betteln. Die
Fremdenfeindlichkeit wächst, Mitte September hetzte ein Wochenblatt aus
Tanger gegen die "schwarze Heuschreckenplage".
Doch solange die EU kein liberales Asylrecht schafft und gefahrenfreie Zugänge
für Schutzsuchende öffnet, so lange wird es Menschen geben wie Basil,
die nach Europa wollen und dafür alles riskieren. "Die Grenze, das
Auffanglager - davor habe ich mich nicht gefürchtet. Ich sterbe lieber
hier, als in meiner Heimat ermordet zu werden", sagt Basil, blickt auf
seine Hände und dann zum Meer.
Stephanie
Zeiler war Redakteurin bei der Luxemburger Wochenzeitung woxx und arbeitet
derzeit als Freie Journalistin in Berlin.