Rezensionen zum Thema Afghanistan & Irak

Krieg der Bilder
Im Krieg der USA und ihrer Verbündeten gegen den Irak lieferten Presse- und Militärfotografen sowie Kameraleute mehr Bilder und Filmaufnahmen als in jedem anderen Krieg zuvor. Jerome Delayals, Fotograf von Associated Press, sieht in dem Irakkrieg einen "hyperdokumentierten Krieg". Die vermeintlich logische Schlussfolgerung: Dem Publikum wird nichts verschwiegen.
Der Historiker Gerhard Paul widerspricht dieser These in seinem Buch Der Bilderkrieg. Das Konzept des "embedded journalism" gaukele vor, "den Krieg abzubilden, ohne hierzu doch auch nur ansatzweise in der Lage zu sein. Das Publikum bekam allenfalls Momentaufnahmen isolierter militärischer Handlungen zu sehen, ohne diese in größere Zusammenhänge einordnen zu können." Diese Diskrepanz zwischen Bilderflut und Informationsmangel wurde auch schon im Rahmen des 2. Golfkriegs festgestellt und im Nachhinein heftig kritisiert.

Beim 3. Golfkrieg stellt Paul eine neue Qualität fest: "Hatten die vergangenen Kriege allenfalls vereinzelte ‚iconic images' produziert, so war der Irak-Krieg der erste wirkliche Bilderkrieg der Geschichte, der mit Hilfe von Bildern geplant, inszeniert und ausgefochten wurde und für die USA schließlich an der visuellen Front verloren ging." Die USA hätten die Botschaft der Befreiung, die sie mit dem Sturz Saddam Husseins verbanden, sowohl der irakischen Bevölkerung als auch der Weltöffentlichkeit nur über einen kurzen Zeitraum aufrechterhalten können. Die symbolischen Bilder von der Zerschlagung des Ba'th-Regimes - die Besetzung der riesigen Regierungspaläste, der Sturz der Saddam-Statuen, die getöteten Söhne des Diktators bis hin zu seiner Gefangennahme - seien schon bald abgelöst worden von Bildern, die die Grausamkeit des Krieges zeigten. So kommt der Autor zu folgendem Fazit: "Vor allem die Bilder des Krieges und besonders jene aus dem Gefängnis von Abu Ghraib waren eine Werbung für den islamistischen Terror, wie sie Osama Bin Laden nicht besser zu Stande gebracht hätte."

Eindrucksvoll zeichnet Paul die einzelnen Etappen des Bilderkrieges nach: Von der Verhüllung von Picassos Antikriegsbild "Guernica" vor der Rede des US-Außenministers Colin Powell am 27. Januar 2003 über die Propagandabilder im Vorfeld des Krieges bis hin zu den Bildern der Jagd auf Saddam Hussein ("Der Diktator im Erdloch") bis hin zur Eskalation mit den Videos von Hinrichtungen Gefangener durch islamistische Terroristen und die Folterszenen von Abu Ghraib.

Der Autor sieht mehrere Ursachen dafür, dass das Konzept der US-Militärs nicht aufging. Nach den Erfahrungen des 2. Golfkriegs waren die beteiligten Journalisten wie auch das Publikum sensibler. Außerdem war es eine Illusion, die schrecklichen Bilder verdeckt halten zu können. Vor allem aber hätten neue Medien - Internet, Handys und Digitalkameras - der "Symbiose von Journalismus, Terrorismus und Militärpropaganda" eine neue, zuvor nicht einkalkulierte Ebene hinzugefügt. Soldaten wie Terroristen konnten "per Internet unter Umgehung jedweder journalistischer Bearbeitung und Kommentierung ihre Gewaltbilder selbst ins Netz stellen und sich damit an die Weltöffentlichkeit wenden".

Gewagt wirkt Pauls massenpsychologische Analyse: Den USA sei es im Irakkrieg darum gegangen, "zeitweise verloren gegangene globale Bilderhoheit zurückzugewinnen und zugleich das Trauma des 11. September zu bewältigen. Da Al Quaida über kein eigenes Territorium verfügte und sich in Afghanistan nichts Adäquates zur Traumabewältigung gefunden hatte, was dem Glanz und der Größe Manhattans vergleichbar gewesen wäre, musste die Zerstörung oder zumindest die triumphale Besetzung der Paläste Saddam Husseins herhalten." Eine Einschätzung, die dem ansonsten fundiert recherchierten und seriös interpretierenden Buch einen spekulativen Beigeschmack verleiht.

Stephan Günther

Gerhard Paul: Der Bilderkrieg. Inszenierungen, Bilder und Perspektiven der "Operation Irakische Freiheit". Wallstein-Verlag, Göttingen 2005. 237 Seiten, gebunden, 24 Euro (D), 24,70 Euro (A), 43,- SFr.


Staat im Irak
Wen die in den Buchhandlungen ausliegenden Irak-Bücher nicht zufrieden stellen, der sollte es mal mit einem 2004 im Kleinverlag ça ira erschienenen Sammelband versuchen: Irak lautet sein schlichter Titel. Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte: ein historischer Abriss, ein aktuelles Kapitel über den "neuen Irak" sowie ein Teil, der Europas Verhältnis zum Irak gewidmet ist - dargestellt etwa anhand der "Friedensbewegung" oder der ökonomischen Beziehungen zwischen europäischen Firmen und dem Ba'th-Regime.

Insbesondere zwei Aspekte machen das Buch empfehlenswert: Einerseits berichten großteils irakische (Exil-)AutorInnen kompetent und kenntnisreich über ihr Land. Zudem werden bislang unterbelichtete Aspekte der neueren irakischen Geschichte - etwa die gewaltsame Vertreibung der irakischen Juden oder die aktuelle Frage einer möglichen Vergangenheitsaufarbeitung - behandelt. Eine umfangreiche Datensammlung sowie eine ausführliche Bibliographie runden den Band ab. Was in den Texten insgesamt zum Ausdruck kommt, ist die Anstrengung, den Ba'thismus als Ideologie zwischen arabischem Nationalismus und erstarkendem Islamismus zu analysieren. Damit soll der in den Mainstream-Medien oft verharmloste Staatsterror des Ba'th-Regimes mit publizistischen Mitteln für ein deutschsprachiges Publikum dokumentiert werden. Insofern sind die Texte auch als Zeitdokumente zu lesen.

Die HerausgeberInnen haben den Schwerpunkt daher auf den Staatsapparat gelegt - war er doch in der irakischen "Überwachungs-, Angst- und Repressionsgesellschaft" (Hussain Ali Bawa) allgegenwärtig. Allerdings hätte auch die Thematisierung des so genannten Privaten, beziehungsweise der Zugriffsstrategien des Regimes darauf, zum Verständnis einer Gesellschaft beitragen können, deren Alltagskultur dem Politisierungsdruck von oben ausgesetzt gewesen war. Auch im Kapitel zum Nachkriegsirak dominiert die politisch-institutionelle Zukunft des Landes. Keine Frage, dass dies in einem Land, in dem nach wie vor Angriffe auf Institutionen und deren Personal zum Alltag gehören, von vordringlicher Wichtigkeit ist. Jedoch wäre auch hier ein analytischer Seitenblick auf den Alltag (bzw. seine Verhinderung durch Terrorbanden), auf Medienlandschaft und Verlagswesen sowie auf die mögliche Rolle der Kunst und Kultur bei der Demokratisierung erhellend gewesen.

Jutta Sommerbauer

Mary Kreutzer, Thomas Schmidinger (Hg.): Irak
. Von der Republik der Angst zur bürgerlichen Demokratie? ça ira, Freiburg 2004. 417 Seiten, 19 Euro.