Der Schlüssel zu den großen Alleen | Die Sozialistin Michelle Bachelet wird Präsidentin Chiles
von Juliane Schumacher
Seit Salvador Allende Stunden vor seinem Tod den Tag beschwor, an dem las grandes
alamedas wieder geöffnet sein würden für freie Menschen, mussten
die "großen Alleen" bei zahlreichen Gelegenheiten als Symbol
herhalten für den gelungenen Übergang Chiles zur Demokratie, für
die endgültige Überwindung der Diktatur. Und was könnte ein deutlicheres
Zeichen dafür sein als die Wahl der 54jährigen Michelle Bachelet,
Sozialistin und selbst Verfolgte unter Pinochet, zur Präsidentin Chiles?
"Sie feiern die Rache der Geschichte", schreibt die Zeitung La Nación
über die Freude auf den Straßen der Hauptstadt Santiago nach der
Bekanntgabe der Ergebnisse der Stichwahl am 15. Januar: Ihr, Michelle, haben
sie die Schlüssel in die Hand gegeben, die die Öffnung der alamedas
vollenden.
Doch handelt es sich tatsächlich um die Rückkehr zur politischen Normalität,
um den Friedensschluss mit der Vergangenheit? Was wird sich in der Politik Chiles,
Musterland der ökonomischen Öffnung gegenüber dem Welthandel,
ändern, wenn die Kandidatin des Mitte-Links-Bündnisses Concertación
am 11. März die Regierung übernimmt?
Sicherlich, allein aufgrund ihrer Person und ihrer Geschichte bedeutet ihre
Wahl einen Triumph. Und diesen kann auch nicht schmälern, dass die Concertación
seit Ende der Diktatur 1990 ununterbrochen regiert und sich dank der hohen Zustimmung
der Bevölkerung "auch diese Kandidatin leisten konnte", wie die
rechtsgerichtete Zeitung Mercurio spöttisch bemerkt. Sie ist nicht nur
Südamerikas erste Frau im Präsidentenamt, sondern auch Tochter eines
unter Pinochet zu Tode gefolterten Generals, die nach ihrer eigenen Verhaftung
jahrelang im Exil lebte. Dass ihr Erfolg vor allem für die chilenischen
Frauen einen Grund zur Hoffnung bietet, zeigt die triumphierende Freude, die
viele am Wahltag offen zeigten. "Der zweite Wahlgang gehört uns Frauen,
jeder Mann weiß das", verkündete die Sängerin Tatiana Marino
schon am Nachmittag siegessicher. Und anders als die deutsche Kanzlerin scheint
Bachelet ihre Vorreiterrolle zu genießen: "Wer hätte das vor
zwanzig, zehn oder fünf Jahren gedacht", jubelte sie, als sie vor
die Kameras trat, "dass Chile eine Frau zur Präsidentin wählt!"
Sie kündigte an, ihr Kabinett zu gleichen Teilen mit Frauen und Männern
zu besetzen, mehr Betreuungsplätze für allein erziehende und arbeitende
Mütter zu schaffen, einen "weiblicheren" Stil der Politik zu
wagen. Doch viel mehr als alle Reformen ist es wohl ihre Person selbst, die
von einem Wandel kündigt und zugleich mehr verspricht: Als allein erziehende
Agnostikerin und Sozialistin vereine sie alle Todsünden Chiles, hatte sie
im Wahlkampf gewitzelt. Nun wird sie für vier Jahre das Geschick des Landes
bestimmen.
Doch dass allein ihre Persönlichkeit auch einen politischen Wandel bedeutet,
lässt sich bezweifeln. "Kontinuität und Wandel", kündigt
Bachelet an, doch vieles deutet auf ein Festhalten an der Politik ihres Vorgängers
Ricardo Lagos hin: Zwar hat sie mehr soziale Gerechtigkeit versprochen, doch
die von der Concertación verfolgte liberale Richtung in der Wirtschaftspolitik
steht nicht zur Diskussion. Chile wird die engen Beziehungen zu den USA und
der EU, mit denen sie Freihandelsabkommen abgeschlossen hat, fortsetzen. Bachelet
hat angekündigt, sich weiter für die gesamtamerikanische Freihandelszone
ALCA einzusetzen, die ein großer Teil der Bevölkerung ablehnt. Chile
hat (wieder) eine linke Regierung - aber mit jenen linken Bewegungen, aus denen
die Präsidenten Hugo Chávez in Venezuela und Evo Morales in Bolivien
hervorgegangen sind, möchte Bachelet nicht in Verbindung gebracht werden.
Sie halte nichts von Stereotypen, weicht sie Fragen nach ihrer Beziehung zu
Bolivien und Venezuela aus. Links und rechts, gut und böse, das sei Rhetorik
des Kalten Krieges, in die man nicht zurückfallen dürfe. "Ich
bin eine sehr pluralistische Frau", betont sie. Diesen Anspruch hat sie
bereits unterstrichen, als sie nach der Wahl versprach, sie werde die "Präsidentin
aller Chilenen" sein.
Das ist mehr als eine rhetorische Floskel: Salvador Allende hatte nach seiner
Wahl genau dies bestritten und sich ausdrücklich als Präsident der
unterdrückten Klassen verstanden. In dieser bewussten Abgrenzung spiegelt
sich eine in der chilenischen Gesellschaft nach Pinochet tief verwurzelte Angst
wider - die Angst, die in der chilenischen Politik noch immer vor jeder Art
von eindeutiger Positionierung jenseits eines scheinbar neutralen (neoliberalen)
Pragmatismus herrscht, den die Concertación seit 16 Jahren praktiziert.
Mit den Parlamentswahlen im Dezember haben die Wähler ihrer Präsidentin
hervorragende Startbedingungen geschaffen. Zum ersten Mal besitzt das Bündnis
in Parlament und Senat die Mehrheit. Doch dies ist weniger einer breiten Zufriedenheit
mit der Regierungspolitik zu verdanken. Hinter den rekordverdächtigen Wirtschaftszahlen
wächst die Kluft zwischen Arm und Reich. Die Offenheit und das selbstbewusste
Auftreten nach Außen täuschen über die wachsende Zahl der Ausgeschlossenen,
Enttäuschten, Resignierten hinweg. Aber anders als in Bolivien oder Ekuador
schlägt sich dies nicht in Wut und Forderungen nach einer radikalen Änderung
der Politik nieder. 17 Jahre Diktatur und über drei Jahrzehnte neoliberale
Umstrukturierung haben zu einer Vereinzelung und einem Rückzug ins Private
geführt, die auch nach der Rückkehr zur formellen Demokratie die chilenische
Gesellschaft prägen (siehe auch S.40 in diesem Heft). Soziale Bewegungen,
wie sie über die letzten Jahre in fast allen lateinamerikanischen Ländern
an Bedeutung gewonnen haben, finden in Chile kaum Anknüpfungspunkte. Das
linke Bündnis Juntos podemos más erhielt im Dezember wenig mehr
als fünf Prozent der Stimmen.
Das Trauma ist noch längst nicht überwunden: Die scheinbare Alternativlosigkeit
einer Politik der kleinen Schritte, der Pragmatik und der Versöhnung, wie
sie das neoliberale Modell längst nicht mehr nur in Chile postuliert, wird
gerade dort durch die Vergangenheit verstärkt. Zu tief sitzt die Angst,
das noch immer fragil scheinende Gleichgewicht zu gefährden, das seit dem
Übergang zur Demokratie besteht. Das in der Diktatur eingeführte Wahlsystem
wird Bachelet wohl endgültig abschaffen. Doch das wirkliche Erbe Pinochets
ist tief in die wirtschaftliche und gesellschaftliche Struktur Chiles eingeschrieben.
Las grandes alemedas sind noch lange nicht offen.
Juliane Schumacher ist Mitarbeiterin der Lateinamerika-Nachrichten in
Berlin.