Make-up des Islam | Die Ausstellung "Urban Islam - Zwischen Handy und Koran" in Basel
Von
Stephan Günther
Grelle Farben, ein Musikmix aus HipHop und arabischen Klängen, multimediale
Präsentationen und immer wieder Videosequenzen. Die Ausstellung "Urban
Islam - Zwischen Handy und Koran" im Basler Museum der Kulturen zeigt den
"individuellen Lebensalltag junger Moslems", vielfältig, modern,
knallig-bunt. Eine Schau über junge Leute und zuallererst für junge
BesucherInnen.
Aber das ist nicht der einzige Grund dafür, dass die Ausstellung ausgesprochen
pädagogisch daherkommt. Schon im Eingangsbereich wird das deutlich: "6,5
Milliarden Menschen auf der Welt. 1,3 Milliarden Muslime. 1 Islam. 1,3 Milliarden
Weisen, den Islam zu leben. 6,5 Milliarden Meinungen zum Islam. Was meinst Du?!"
"Urban Islam" spricht die BesucherInnen häufig direkt an, möchte
sie konfrontieren, versteht sich als Angebot, den Islam "in seiner Vielfalt
begreifen" zu lernen. Der Weg dahin führt durch Istanbul, Marrakesch,
Paramaribo in Surinam, Dakar, die Hauptstadt des Senegal, sowie durch Basel,
Zürich und Genf. Jugendliche Muslime und junge Erwachsene aus diesen Städten
nehmen die Besucher an die Hand und zeigen ihnen ihr jeweiliges Leben im und
mit dem Islam.
Das Ziel ist deutlich: Die Ausstellung will Verständnis wecken, aufklären
nicht über das Fremde, sondern darüber, dass das vermeintlich Fremde
gar nicht so anders sei. Gezeigt werden Portraits durchweg moderner Muslime,
religiös, aber tolerant, der Tradition verpflichtet und doch - scheinbar
- frei in ihrem Handeln. Die Marokkanerin Hanane trägt Kopftuch und bewundert
westliche Popstars, Farina aus Surinam schminkt sich gerne ("Im Koran steht
nichts über Make-up") und wünscht sich eine religiöse Steuer,
und Alioune aus dem Senegal hört als Mitglied der islamischen Bruderschaft
der Muriden westliche Musik. Dieses Ansinnen hat den MacherInnen vom Tropenmuseum
in Amsterdam viel Applaus gebracht, zuletzt aber auch die eine oder andere kritische
Frage, wie die in der Süddeutschen Zeitung: "Darf man so einfach am
Terror vorbeikuratieren?"
Schönfärberei also? Verdecken die bunten Collagewände die islamistische
Gefahr? Sollen die Drohgebärden aus dem Iran mit Musikclips übertönt
werden? Zeigen die Kurzfilme und Zeitungsbilder eine heile Multikulti-Welt,
während anderswo SelbstmordattentäterInnen sich ins Paradies und andere
in den Tod bomben? Falsch ist der Vorwurf sicherlich nicht. Die Kritik zielt
darauf, was fehlt in "Urban Islam": Die Kehrseite der Medaille.
Die aber, so die Ausstellung, werde schon zur Genüge gezeigt in den Medien.
Das westliche Bild des Islam sei einseitig. Erklärtes Ziel der Ausstellung
sei es daher, "dem Islam ein menschliches Gesicht zu geben, ohne zu gewichten",
sagt Projektleiter Bernhard Gardi, Leiter der Afrika-Abteilung im Museum der
Kulturen. Der Kritik hält er entgegen: Hätte man den Terror thematisiert,
wäre "alles von ihm vereinnahmt" worden.
Es ist nicht nur dieses Defizit, das stutzig macht, dass eben die andere Seite
des Islam fehlt, die nicht so tolerant und neugierig ist wie die dargestellten
jugendlichen StädterInnen. Die Schau, die Klischees hinterfragen will,
baut selbst neue auf. Wenn sie etwa behauptet, in Marokko wähle "jeder
seinen eigenen islamischen Lebensstil" - und dabei Freiheit suggeriert,
wo diese allenfalls für die betuchte Oberschicht existiert. Die Ausstellung
zeichnet weich, wo Widersprüche an die Oberfläche zu gelangen drohen,
vermittelt ein allzu einfaches Bild von einer multikulturellen Welt. Am erdrückendsten
sind aber nicht die Klischees der Anderen, der fremden Welt des Islam, sondern
die des vermeintlich Eigenen. Die Stereotype von "der Moderne" und
"der westlichen Welt". Die westliche Moderne scheint sich im Gebrauch
von Handy, Make-up und Computer zu erschöpfen und kaum mehr hervorgebracht
zu haben als ein paar technische Entwicklungen. Die Fragen nach den Werten der
Aufklärung, nach individueller Freiheit, nach Presse- und Meinungsfreiheit,
nach Gleichberechtigung, nach Menschenrechten in den portraitierten Ländern
stellt die Ausstellung nicht oder nur in Ansätzen. Schade. Interessant
wäre gewesen zu erfahren, was drinsteht in der SMS und welches Gesicht
hinter dem Make-up steckt. "Urban Islam" aber kratzt lieber nicht
am bunten Lack der multikulturellen Ideale, sondern überpinselt in grellen
Farben die brüchigen Stellen.
Die Ausstellung "Urban Islam - Zwischen Handy und Koran" ist noch
bis zum 2. Juli 2006 im Museum der Kulturen, Augustinergasse 2, Basel (CH),
zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr.
Stephan Günther ist Mitarbeiter im iz3w.