Editorial | Früher war nicht alles besser
Manche LeserInnen mögen sich über den Sinn und Zweck der LeserInnenbefragung
gewundert haben, die der vorletzten iz3w-Ausgabe beilag. Denn oft lesen Redaktionen
am Ende doch nur das heraus, was sie schon lange gewusst zu haben glaubten.
So auch die iz3w-Redaktion: Auch wir ahnten schon lange, dass wir sehr treue
LeserInnen haben. Nun wurden die Vermutungen durch die rund hundert Zuschriften
bestätigt.
Es gibt sie tatsächlich noch, die LeserInnen der ersten Stunde (vor 36
Jahren!), die uns nicht nur aus Solidarität weiterhin abonnieren, sondern
regelmäßig und aufmerksam die in der iz3w laufenden Debatten verfolgen.
Und auch sonst ergab die Befragung: Wer einmal abonniert hat, bleibt der iz3w
oft über lange Jahre hinweg eng verbunden. Um diese tolle LeserInnen-Blatt-Bindung
zu erhalten und die iz3w weiterhin auf Dauer attraktiv zu gestalten, braucht
es ab und zu Rückmeldungen, die frischen Wind in die Redaktion bringen.
Das war es, was wir uns von der Befragung versprachen.
Diese Hoffnung wurde eingelöst: viele unserer Leserinnen (nicht zu vergessen
auch einige wenige Leser) forderten uns auf, mehr Frauen zu Wort kommen zu lassen.
Genderthemen sollten entweder in einzelnen Artikeln oder als Querschnittsthema
mehr Beachtung finden. Bislang sei es eher so: "Viel zu wenig von Frauen
und über Frauen". Eine Kritik, die wir uns verstärkt zu Herzen
nehmen wollen. Ein allererster Schritt in diese Richtung ist der Vorsatz, konsequenter
als bisher auf geschlechtersensible Schreibweisen zu achten.
Lob und Kritik lagen bei den Antworten oft nah beieinander: "Die iz3w ist
eine der wenigen verbliebenen Zeitschriften, die sich um einen erkennbaren theoretischen
Hintergrund bemüht. Das sollte aber die Verpflichtung einschließen,
verständlich zu schreiben - Theoriechinesisch schreckt ab". Die akademische
Sprache in der iz3w wurde auch von einigen anderen beklagt, ab und an auch das
"besserwisserische und moralisierende Linksdeutsch".
Favorisiert werden von den LeserInnen vor allem die Themen Globalisierung, soziale
Bewegungen, Rassismus und Migration sowie Neoliberalismus - allesamt schon lange
Schwerpunktthemen der iz3w. Gestärkt werden sollen die Felder Ökologie,
Technik- und Wissenschaftskritik - hier besteht sicherlich Potenzial. Nur zum
Nahostkonflikt will niemand (noch) mehr in der iz3w lesen.
Überraschend waren die Antworten auf die Frage, welche Rubriken wichtig
seien. An erster Stelle stehen Hintergrundanalysen, dicht gefolgt von den Themenschwerpunkten
und den Länderartikeln. Auf Platz vier und fünf kommen Kontroverse
und Kommentar. Die innerhalb der Redaktion viel diskutierte Rubrik "Editorial"
rangiert bei unseren LeserInnen erst auf Platz 11 (nur noch "kurz belichtet"
und "Szene/Tagungen" sind weniger beliebt). Vielleicht müssen
wir in Zukunft das Editorial von seinem hohen Ross stürzen. Doch an welcher
Stelle sollen wir dann aus dem Redaktionsalltag berichten oder unsere launigen
Kommentare zum Zeitgeschehen abgeben?
Natürlich gab es bei den Antworten und Kommentaren so einiges zum Schmunzeln:
"Ich kann bis heute nicht nachvollziehen, daß intelligente Menschen
freiwillig einem dekretierten Rechtschreibreformschwachsinn nachfolgen",
traf einer ins Schwarze. Denn da fielen uns die langen Diskussionen innerhalb
der Redaktion ein, wie konsequent wir nun "neu" schreiben sollen.
Andere Kommentare jedoch wie etwa "zeitweise seid ihr mir zu grün
und zu wenig innovativ links" konnten wir weniger nachvollziehen. Denn
wenn wir eins nicht sind, dann parteipolitisch orientiert - und schon gar nicht
grün.
Zwar wurde die iz3w insgesamt als zu textlastig und zu voll gestopft "mit
Bleiwüsten" bezeichnet. Im dicken Lob für die professionelle,
aufgeräumte und übersichtliche Gestaltung waren sich aber sehr viele
LeserInnen einig. Aussagen wie "das Layout macht mir bei jeder neuen Ausgabe
Freude!" gehen auf das Konto von Gerlinde Wick und Wolfgang Blüggel
von Büro Magenta. Sie setzen sich bei jeder Ausgabe dafür ein, dass
die inhaltsschweren Seiten ansprechend aussehen.
Im August ist es zehn Jahre her, dass die iz3w zum letzten Mal amateurhaft in
unserem Hinterhaus mit Schere und Klebestift am Leuchttisch produziert wurde.
Das war zwar durchaus spaßig und kommunikativ, oft aber auch stressig
und wenig befriedigend. Die Umstellung auf professionelles Layout am Bildschirm
und die überaus angenehme Zusammenarbeit mit Magenta sind daher Grund genug
für ein Jubiläums-Sommerfest.
die redaktion
P.S. In der nächsten iz3w-Ausgabe stellen wir die Ergebnisse der LeserInnenbefragung
mit Zahlen und Prozenten vor.