Film: Ausnahmezustand im Abseits | Der Film "Offside" über weibliche iranische Fußballfans

Von Ulrike Mattern

Die Fußballweltmeisterschaft ist (fast) vorbei, da kommt mit dem iranischen Film "Offside" (Abseits) ein Nachspiel zu diesem arg strapazierten Thema der letzten Monate in die Kinos, das man nicht verpassen sollte. Der Regisseur Jafar Panahi, sonst auf das kunstvolle triste Drama ("The Circle", 2000; "Crimson Gold", 2003) spezialisiert, erzählt vom Einfallsreichtum weiblicher iranischer Fußballfans, die das Spiel ihrer Mannschaft verfolgen wollen, was ihnen vor Ort im Stadion nicht gestattet ist.

Panahi stößt die ZuschauerInnen direkt ins pralle Leben. Ein Bus, voll mit grölenden und die Nationalfahne schwenkenden Fans, fährt zum Spiel Iran gegen Bahrain in Teheran. Es ist ein wichtiger Tag für die Fans, denn mit diesem Spiel entscheidet sich, ob sich ihre Nationalmannschaft für die WM 2006 in Deutschland qualifiziert. Einem der aufgekratzten Männer fällt im Bus ein Fan auf, der sich allein auf einer Bank ans Fenster drückt und immer wieder ängstlich umherschaut. Er macht seinen Freund auf diesen "seltsamen Vogel" aufmerksam. Der erklärt lapidar, dass es sich um ein Mädchen handle: "It's a girl, dummy". Dann zeigt er seinem Freund durch das Fenster eines vorbeifahrenden Busses zwei weitere als Jungen maskierte weibliche Fans und gibt ihm zu verstehen, dass er das Mädchen nicht weiter beachten dürfe, weil es sonst noch vor der Ankunft am Stadion auffliegen könne.

Für diesen Iraner scheint es das Normalste der Welt zu sein, dass ein weiblicher Fan das Fußballspiel im Stadion verfolgen will, obgleich den Frauen der Zugang seit der islamischen Revolution 1979 aus Gründen des Anstands (kurze Hosen der Spieler, zu viele fluchende Männer) untersagt ist. So viel Verständnis von männlicher Seite für Belange der Frauen erstaunt in einem Film des iranischen Regisseurs Panahi, dessen Werke bislang die Schattenseiten ihres Daseins erforschten. Von den Männern in seinen Filmen haben die Frauen nichts zu erwarten, weder gesellschaftliche Solidarität noch familiären Rückhalt. In "Der Kreis" etwa - Panahis dritter Produktion, die 2000 mit dem Goldenen Löwen in Venedig geehrt wurde - manifestiert sich gleich zu Beginn das Schicksal der iranischen Frauen in einer Schlüsselszene.

Noch während der Vorspann die Mitwirkenden des Films auflistet, hört man im Hintergrund - ohne Bild - die Schreie einer Frau. Ein Kind wird geboren, und es ist ein Mädchen - das teilt eine Frau einer anderen voller Freude mit ("It's a girl"). Doch für die Empfängerin der Nachricht, das wird durch deren entsetzte Reaktion deutlich, handelt es sich um eine Hiobsbotschaft, denn die Familie des Ehemannes hatte einen Stammhalter erwartet.

Im Fall von "Offside" sind es sechs junge Frauen, die sich exemplarisch dem Reglement des islamischen Staates mal ängstlich, mal mutig, mal gerissen entziehen und gemeinsam seine Grenzen ausloten. Am Stadion angekommen, läuft der weibliche Fan aus dem Bus zum Eingang, gut getarnt im Besucherstrom. Das Mädchen fürchtet das Sicherheitspersonal, das Leibesvisitationen durchführt. Einer anderen jungen Frau gelingt das Durchkommen, indem sie sich mit Sonnenbrille als Blinder tarnt. Die beiden Frauen werden sich später wieder treffen: im Abseits, auf dem höchsten Rang der Außenseite des Stadions, wo Soldaten mit einer provisorischen Absperrung die kleine Gruppe weiblicher Fans in Schach halten, die später zu ihrer Bestrafung der Sittenpolizei übergeben werden soll.

Der 1960 geborene Panahi, der 1995 mit dem Film "The White Balloon" debütierte und dafür die Goldene Kamera in Cannes erhielt, gilt als einer der renommiertesten iranischen Regisseure. Er arbeitete nach dem Studium als Assistent von Abbas Kiarostami ("Quer durch den Olivenhain"), der bei "The White Balloon" und "Crimson Gold" das Drehbuch schrieb. Panahi dreht seine Filme im zeitgenössischen Iran, in einem städtischen Milieu und mit dokumentarischem Stil. Seine ProtagonistInnen stehen auf tönernen Füßen im Leben, so wie der Pizzalieferant in "Crimson Gold" und die aus dem Gefängnis entlassenen Frauen in "The Circle". Die Figuren in Panahis Filmen sind versehrt und nur im begrenzten Rahmen handlungsfähig.

In Panahis Oeuvre fällt "Offside" mit seinem komödiantischen Zug aus dem Rahmen. Die sechs jungen Frauen, die im Verlauf des Matches von einer Hand voll unerfahrener Soldaten außer Sichtweite des Spieles, aber in Hörweite bewacht werden, verkörpern ganz unterschiedliche Charaktere: Eine gelangte in der Uniform eines Soldaten bis auf die Ehrentribüne, eine weitere gibt den renitenten Tomboy, der verbotenerweise in der Öffentlichkeit raucht, eine andere muss auf die Toilette und trickst ihren unerfahrenen Bewacher aus, bevor sie aus Mitgefühl für ihn zu ihrer Gruppe ins Abseits zurückkehrt. Zwei weitere, in der Kriegsbemalung der Fans mit den Farben der iranischen Flagge auf den Wangen, verzweifeln, als sie geschnappt werden, eine weint, wird aber von den anderen aufgemuntert. Alle entpuppen sich als begeisterte, kenntnisreiche Fußballfans, die von den Soldaten erst genervt, dann mit wachsendem Respekt betrachtet werden.

Die integrative Funktion des Fußballs wurde im Vorfeld der WM bis zum Erbrechen beschworen, hier wird sie für einen Moment tatsächlich zum geschlechtsübergreifenden Ausnahmezustand. Die politische Entwicklung im Iran hat diesen widerspenstigen Film zweifach eingeholt: Präsident Ahmadinedschad entschied im April, zwei Monate, nachdem "Offside" auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet worden war, dass Frauen der Besuch im Stadion erlaubt sei. Dagegen legten die Kleriker Widerspruch ein, so dass die iranischen Frauen jetzt erneut im Abseits stehen.

Ulrike Mattern ist freie Journalistin und lebt in Berlin. "Offside" (Iran 2006, 88 Min.) ist Ende Juni in den Kinos angelaufen.